EXTRABREIT - Memmingen

25.11.2019 | 20:40

22.11.2019, Kaminwerk

Ist das jetzt Deutschrock? Punk? Hardrock? Metal? Ja. Alles zusammen.

Dass ich eine Ader für die härtere Seite der Musik habe, fand ich Anfang der Achtziger heraus. Eines der Alben, die mich damals faszinierten, war das in einem Anfall anarchischen Größenwahnsinns "Ihre größten Erfolge" genannte Debütalbum der Hagener Band EXTRABREIT. Starke Texte und die beeindruckende Gitarrenarbeit von Stefan Kleinkrieg machten das Album eigentlich zu einem absoluten Hammer für die aufstrebende Metalszene und konnte vielem, was da gerade über den Kanal unter dem NWoBHM-Banner zu uns schipperte, locker das Wasser reichen. Und mehr, 'Sturzflug' blies einen erheblichen Teil davon grad wieder an die Klippe von Dover, wo er kläglich zerschellte!

Genug der Vorrede, die Breiten sind mal wieder unterwegs und diesmal nicht nur auf Festivals, sondern mit einer echten Headlinershow. Also nichts wie hin nach Memmingen, wo die Fünf einen ihrer ersten Auftritte spielen auf ihrer Weihnachts-Blitztournee, die sie bis zum Jahresende einmal quer durch die alten Bundesländer führen wird. Ohne viel Schnickschnack und auch ohne Vorband beginnt das Konzert pünktlich um 20:00 Uhr vor einem durchaus gefüllten, aber nicht vollen Kaminwerk. Ich tue mich wirklich schwer, die Anzahl an Zuschauern zu schätzen, aber ich versuche es trotzdem. 200 vielleicht? Das lässt durchaus Platz, auch weiter vorne, wobei auch das gesetzte Durchschnittsalter eine gewisse Gelassenheit für eine allgemein rücksichtsvolle Atmosphäre schafft.

Aber EXTRABREIT ist hier, um zu rocken! Das namensgebende 'Extrabreit' eröffnet den Gig durchaus brachial und wird mit 'Her mit den Abenteuern' und 'Geisterbahn' mit zwei Liedern des dritten Albums "Die Rückkehr der phantastischen 5" zum Warmmachen fortgesetzt. Die Band besteht aus drei "Alten", die bereits in den Anfangsjahren mit von der Partie waren, auch wenn nur Gitarrist Stefan Klein, gespitznamt Stefan Kleinkrieg, die Band mitgründete. Sänger Kai Schlasse alias Kai Havaii und Schlagzeuger Rolf Möller werden durch Bubi Hönig an der Gitarre verstärkt und haben einen auffällig jüngeren Bassisten namens Lars Larsson als Iserlohn dabei, der seit der Neugründung der mal für vier Jahre aufgelösten Band vor 17 Jahren bereits dabei ist. Aber 300 Jahre Lebenserfahrung hin oder her, Musik hält jung und auch wenn die Band sich anfangs noch ein wenig zurückhält, geht später vor allem die Gitarrenfraktion sehr aus sich heraus und Bubi Hönig lässt in der zweiten Halbzeit den Metaller raushängen und hat ganz offensichtlich mächtig Spaß!

Die Breiten haben auch nach den ersten Erfolgen einige Alben veröffentlicht und kommen jetzt auf immerhin zwölf Studioalben, von denen einige ziemlich unbeachtet blieben. Okay, ich finde "Europa" und "Sex After Three Years In A Submarine" auch eher schwach, aber dass man heute wieder auf der Höhe ist, beweist das neue Lied 'War das schon alles' (wer das Lied noch nicht kennt, kann unten schauen, ich habe das Video eingebunden), das von einigen mitgesungen wird. Auch in der tiefsten schwäbischen Provinz haben die Hagener durchaus Fans! Aber dass natürlich die frühen Lieder größeren Applaus erfahren, ist der Fluch des Erfolgs, mit dem sich EXTRABREIT aber augenscheinlich abgefunden hat. Trotzdem ist das hier keine Oldieparty, sondern unbekanntere Lieder werden in einem spannenden Mittelteil integriert, in dem sogar Gitarrist Stefan ein Lied aus seiner Solophase spielt. Schön! Auch wenn er durchaus der zweitbeste Leadsänger der Band ist und die Diskokugel ein surreal antiquiertes Ambiente erzeugt.

Mein Highlight des Abends kommt dann in Form von 'Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt', auf das ich gar nicht zu hoffen gewagt hatte. Was für ein großartiges, heftiges, tolles Beispiel für deutschsprachigen Heavy Metal! Das lief in den Achtzigern bei mir beinahe täglich. Über Jahre! Kai Havaii schafft es tatsächlich, eine weniger perfekte als vielmehr mitreißende Rock-Show zu liefern, die im Verlauf des Sets immer besser wird. Ein großer Troubadour ist er sicher nicht, aber ein überzeugender Entertainer schon, der den Hitreigen immer wieder mit Kleinoden wie '110' oder 'Ruhm' aufwertet. Natürlich ist der Gassenhauer 'Flieger, grüß mir die Sonne' der Stimmungshöhepunkt im regulären Set, den EXTRABREIT geschickt mit einem ausgedehnten Instrumentalteil ausdehnt. Die wissen einfach, was sie tun müssen, Erfahrung zahlt sich aus.

Das ist jetzt die Zeit, in der es unheimlich Spaß macht, Gitarrist Hönig zuzuschauen, der seine Bühnenseite mächtig rockt und Sänger Kai durchaus die Schau stiehlt. Dann sind fast neunzig Minuten vorbei und die Band geht von der Bühne zum "Zugabe-Ritual", wobei kurz vom Band das Outro erklingt und Stefan Klein den Soundmann lachend darauf hinweist, dass er zu früh dran ist. Naja, dass sie ohne 'Hurra, hurra, sie Schule brennt' nicht gehen werden, ist klar, und so wird die Stimmung direkt zu Beginn des Encore-Blocks wieder in die Höhe getrieben und mit Hilfe von 'Annemarie' hochgehalten. Zum Schluss gibt es noch 'Junge, wir können so heiß sein', musikalisch von Lou Reed, was ich als ungewöhnliche Wahl betrachte. Ich hätte mir noch 'Sturzflug' gewünscht. Und 'Alptraumstadt'. Und 'Es tickt'. Und 'Glück und Geld', 'Tanzen', Joachim muss härter werden', 'Wir leben im Westen', 'Russisch Roulette', 'Die endlose See', '12 Sekunden'... Ich glaube, da gibt es nur eins: Wiederkommen!

EXTRABREIT wird zu Unrecht häufig auf die Hits reduziert, aber die Hagener haben noch viel mehr zu bieten und viele ihrer Texte sind auch heute noch aktuell. Dazu eine mitreißende Show, die zwischen Hardrock und Metal pendelt, dargeboten von Musikern, die nicht den Eindruck machen, als müssten sie etwas beweisen. So entpuppt sich der Abend als über 100 Minuten beste Rockunterhaltung. Im kommenden März werden die Breiten wieder in den Süden kommen, nach München. Muss ich mir gleich mal im Kalender anstreichen!

Wie versprochen hier das aktuelle Video: 'War das schon alles?'

Redakteur:
Frank Jaeger

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