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Elements Of Rock - Uster (CH)

05.05.2010 | 20:18

23.04.2010, Stadthofsaal

Das Elements-Of-Rock-Festival in der Schweiz mausert sich zur Szenegröße, und X-SINNER legten ein geniales Europadebüt hin.

Dass da in Island so ein publicitygeiler Vulkan ausgebrochen ist und mal eben für mittelschweres Chaos in Europa gesorgt hat, haben ja inzwischen alle mitgekriegt. Daher war auch niemand verwundert, dass tatsächlich eine Band, in diesem Fall die finnischen HB, nicht zum mittlerweile siebten Elements Of Rock antreten konnte, weil ihr Flug abgesagt wurde. Schade eigentlich, ich hatte mich schon gefreut, die fromme Antwort auf NIGHTWISH mal live sehen können. Von Konserve klingen die Mannen um Frontfrau Johanna ziemlich professionell. Aber gut, so ist das nun mal.

Des einen Leid, des anderen Freud. Somit hatten SLIPPERY WAY aus der Schweizer Nachbarschaft ihre sehr kurzfristige Chance. Um 21.00 Uhr des Vorabends, wie mir deren Drummer mitteilte, kam die Anfrage, ob man nicht spontan ein Festival mit circa 400 Leuten eröffnen wolle, welches unter den Fans schon seit längerem Kultstatus genießt.

Die Power-Metal-Truppe legte die Messlatte in spielerischer Hinsicht gleich mal ziemlich hoch. Sehr tight gingen die drei Jungs zu Werke. Allerdings hat sich irgendwie nix eingebrannt, da die Kompositionen zwar nicht schlecht, aber auch nichts Außergewöhnliches sind. Somit hat das Publikum eher verhalten reagiert, der Funke wollte nicht so recht überspringen. Immerhin ging auch niemand raus, was bei einem Spontangig einer eher unbekannten Band auch was heißen will.

Als Nächstes wurde die Messlatte wieder deutlich verschoben, allerdings seitlich. Will heißen: BACK POCKET PROPHET aus dem großen Britannien waren deutlich härter, aber auch deutlich weniger tight. Mit ihrem doch schon sehr angegrauten Old School Thrash, den ich eher vor fünfzehn bis zwanzig Jahren live erwartet hätte, trafen sie aber offenbar präziser den Nerv des Publikums. Die Haare begannen zu kreisen, und eine Gruppe von "Zollstock-Luftgitarristen" gab einige ihrer Darbietungen zum Besten. Sehr amüsant.

Allgemein schien es dem Publikum ziemlich wurscht zu sein, dass das Quartett um Frontshouter Dan Random sich immer wieder Patzer erlaubte und dass der Sound eigentlich nur gematscht hat. Es hilft einer Band eben ungemein, wenn ein Sänger über massig Charisma verfügt, da kann man das eine oder andere Manko geschickt kaschieren.

Aber keine Panik, die Tightness ging an diesem Abend nicht gänzlich verloren; sie wurde von den Italo-Prog-Metallern von TIMESWORD zurückgeholt. Die mit viel Keyboard gewürzte Musik, die mich spontan an DREAM THEATER erinnerte, klang nach viel Erfahrung der Musiker, obwohl diese erst seit 2005 zusammenspielen. Ich konnte leider nicht viel mehr als einen Song hören, da ich mich in die Backstagekatakomben unterhalb der circa neun mal sechs Meter großen Bühne begeben musste. Als Schlagzeuger der anschließenden Band sollte ich nicht unaufgewärmt meinen Sitzplatz einnehmen.

So. Jetzt ging's dabei. Auch nach fünfzehn Jahren (Mist, ich bin alt) als Schlagzeuger bei SACRIFICIUM habe ich noch Lampenfieber. Nicht so sehr wie damals, aber doch deutlich spürbar. Nach kurzem Linecheck lief auch schon unser Intro. Ich kann diese Melodie aus "Die rechte und die linke Hand des Teufels" schon auswendig, aber beim Publikum scheint's immer noch zu fruchten. Jetzt wurde es ernst. Setlist lag bereit, In-Ear-Monitoring eingestöpselt, und nach dem Ausklingen der letzten Töne des Intros ging's auch gleich los mit dem ersten Death-Metal-Keil namens 'Towards The Edge Of Degeneration'.

Das Publikum schien auf uns gewartet zu haben, jedenfalls fanden die ersten ein bis zwei Reihen im Publikum (mehr sieht man als Schlagzeuger halt nicht) deutlichen Gefallen an unserer Musik. Erste Erleichterung. Ich entdeckte neben meiner Schießbude die LED-Scheinwerfer und bin noch mehr erleichtert, da ich an diesem Abend wohl nicht gegrillt werde. Irgendwie fühlte sich die Bassdrum ganz anders an als meine im Proberaum, war mir schon beim Soundcheck aufgefallen: Meine Pedale fallen weiter rein, bevor sie aufs Fell treffen. Das konnte ja was werden, vor allem wenn ich nachher bei unserem neuesten Lied 'To Forgive And To Suffer' bei 144 bpm Blastbeats zum Besten geben darf. Hatte jetzt schon Schiss. Aber, oh Wunder, es klappte besser als erwartet, und mein Angstsong haute auch erstaunlich gut hin für 'ne Livepremiere. Adrenalinüberschuss machte es möglich.

Premiere feierte auch unser neuer Gitarrist Matthias, der Ulrike nach knapp mehr als acht Jahren abgelöst hat und damit die Männerquote in unserer Kapelle wieder auf hundert Prozent hievt. Er ist lustigerweise der Zwillingsbruder unseres Bassers, der nun auch schon seit über einem Jahr die tieferen Frequenzen bedient.

Die tobende Menge feierte uns, sie schienen also nix davon mitzubekommen, dass aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund der Monitorsound ganz und gar nicht dem vom Soundcheck entsprach. Gefeiert wurde auch noch einmal Uli, die von uns ein T-Shirt mit dem Aufdruck "I played 8 years in SACRIFICIUM and all I got was this lousy t-shirt" und ein "Pick of destiny" (für die musikalische Zukunft) bekam. Uli, wir danken dir für die tolle Zeit, wir vermissen dich jetzt schon.

Weiter ging's bis zum bitteren Ende, was mit lautstarken "Zugabe!"-Rufen eingeleitet wurde. Aufgrund offenbar ungetrübten Interesses spielten wir auch heute wieder den Coversong 'White Throne', den wir mittlerweile wahrscheinlich öfter gespielt haben als VENGEANCE RISING selbst. Sei's drum, ich hatte mir jetzt erst mal ein Bier verdient. Endlich. Prost!

Nachdem wir jungen Hüpfer (hust, hust) nun die Bühne verlassen hatten, kamen "echte" alte Hasen. MADMAX aus deutschen Landen haben, auch wenn ich ihren Namen vor wenigen Jahren zum ersten Mal gehört habe, schon 1985 Platten veröffentlicht, wie eine Ansage von Leadsänger Michael Voss uns verriet. Dementsprechend war auch die Musik eher im klassischen Hardrock bis Metal angesiedelt. Die Erfahrung konnte man ihnen auch förmlich ansehen. Souverän spielten sie einen Song nach dem anderen aus ihrem schier unerschöpflich scheinenden Repertoire ohne die geringsten Anzeichen von Unsicherheit. Klar, wer in den USA vor 30.000 Leuten spielt und schon Größen wie DEEP PURPLE durch Europa begleiten durfte, für den ist so ein Elements Of Rock eher 'ne öffentliche Probe. Vielleicht deswegen oder weil das Publikum eher auf härteres Gemetzel stand, war vor der Bühne aber auch kein größerer Andrang wie bei den vorherigen Combos.

So. Da es schon vor der ersten Band aufgrund von technischen Problemen mit der Lichtanlage eine Verzögerung von circa dreißig Minuten gab, durften die Rausschmeißer nun endlich um etwa 3.00 Uhr ihre Songs zum Besten geben.

Die junge Truppe namens KRIEGERREICH aus dem Fränkischen bei Nürnberg wurde zwar von vielen Fans und Teilnehmern des Elements Of Rock speziell gewünscht, hatte aber hier ihre Premiere auf einer großen Bühne. Gelungen, wie ich finde.

Auch wenn ihre Mischung aus Black und Death Metal noch unerfahren klingt, so hört man doch deutliches Potential heraus. Immer wieder gelang es ihnen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und dazu zu bringen, die Matten kreisen zu lassen, die bei der vorherigen Band höchstwahrscheinlich grad Siesta hatten. Die Euphorie lag allerdings mit Sicherheit auch an dem sehr sympathischen Kreischer Markus, der einfach guttut in der sonst so trostlosen und zwanghaft truen Schwarzmetallszene. Black Metal mit charismatischen Musikern könnte Schule machen, und bis dahin sind die fünf Krieger ihren Kinderschuhen entwachsen. Weiter so, Jungs!
[Mario Henning]

Redakteur:
Georg Weihrauch

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