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Endstille - Frankfurt am Main

24.10.2008 | 10:34

12.10.2008, Nachtleben

Kippen trotz Rauchverbot, ein rotzender Sänger und ein mit Patronengürteln behangener Gitarrist - ENDSTILLE zermalmen das Frankfurter Nachtleben.

Das Frankfurter Billing des Gigs der führenden Black-Metal-Combo in Deutschland liest sich auf dem Papier in etwa so: zwei Rumpeltruppen contra eine filigrane Schwarzmetall-Kapelle. Dass das schwarz gekleidete und mit Nietenarmbändern verzierte Publikum im Frankfurter Szene-Café namens "Nachtleben" dabei voll auf seine Kosten kommt, zeigt der folgende Bericht. Abgelichtet mit vollem Einsatz des werten Kollegen Nature Of Music .

Der gemütliche, überschaubare Keller des Cafés an der Konstablerwache ist nicht schlecht gefüllt, als die Hessen DEADWOOD die kleine Bühne betreten. Ohne jegliche Lichteffekte und mit einem ordentlichen Rumpelsound, also ideal passend zum Headliner. Sänger und Gitarrist Flo aka Grom verzichtet als Einziger auf Corpsepaint, flankiert von seinen beiden glatzköpfigen Saitenkollegen. Dahinter verschanzt sich Schlagzeuger und Multitalent Chris (sonst Bassist bei VELOZET oder auch mal bei den Punks AZRAEL) und ist allein schon wegen seiner Kriegsbemalung – einer Mischung aus "The Crow" und dem Joker – der Blickfang des Gigs. Und hat die Ehre, die mit einem HSV-Sticker verzierte Schießbude von ENDSTILLE-Blasttier Mayhemic Destructor bearbeiten zu dürfen. Nicht ohne Bedingungen: "Wenn mir einer von den Vorbands was fetzt, bekommen sie's in den Arsch geschoben", meint der Kieler Schlagzeuger zwischen Tür und Angel mit einem hämischen Grinsen. Doch weiter im Takt: Während Kraftpaket Flo aufgrund einer heftigen Erkältung bei den Ansagen etwas kürzer treten muss, feuert Chris das noch etwas müde Publikum unentwegt an. Obwohl mancher Zuschauer es nicht gerade gut mit der jungen Truppe meint. So raunzt ein Altrocker in der ersten Reihe gleich nach dem Opener 'The Hellish Gate' den Basser ob seiner Verspieler an und protzt mit seiner eigenen Gitarrenerfahrung, als ihn eine Zuschauerin zurechtweisen will. Der Mann am Fünfsaiter nimmt's gelassen mit einem Schulterzucken hin, und letztlich absolviert der Odenwald-Vierer – angesichts des ersten Auftritts in dieser Besetzung – einen recht ordentlichen Gig. "War Black Metal" bezeichnet's der Nebenmann, und diese Bezeichnung kann man auch getrost so stehen lassen. Nach einer gefühlten halben Stunde und bezeichnenden Songs wie 'Leid und Krieg' oder 'Death In Eternity' ist der Spaß dann aber auch schnell wieder vorbei.

Die Bühne verdunkelt sich, um dann das erste (und einzige Mal des Abends) mal in blaues, mal in grünes Licht getränkt zu werden. LYFTHRASYR wollen sich allein schon optisch von den anderen beiden Bands absetzen: Komplett in Lack und Leder gehüllt, erinnert Sänger und Basser Aggreash an eine Mischung aus Dani Filth und SAMEL-Sänger Vorph. Auch musikalisch passt manches auf diese Schiene: melodischer Black Metal, dazu tief bellender Gesang und Geflüster auf ruhige Zwischenparts, aber auch verdammt viel an BELPHEGOR erinnerndes Gefrickel und Blastbeats, die von Strobolicht untermalt werden. Da ist auch der Rockopa in der ersten Reihe sprachlos. Aggreash steht im halben Spagat auf der Bühne und schmiegt sich an den Mikroständer, den Blick psychopathisch ins Publikum gerichtet. "Wir müssen heute auf unseren Keyboarder verzichten", raunt der Basser, "aber die ENDSTILLE-Fans werden uns das sicherlich verzeihen". Also kommt die versprenkelt eingesetzte Tastenuntermalung vom Band, während der sich der Frontmann und sein Saitenkollege auf ihren Instrumenten die Finger verknoten. So langsam wird's Aggreash aber wohl doch etwas zu heiß in seinem Lederkostüm: Der Schweiß rinnt den emporgestreckten Hals runter, und auch der verzweifelt nach einer weiteren Wasserflasche suchende Schlagzeuger scheint sich wie in einer Sauna zu fühlen. Einmal muss er aber noch Gas geben, ehe sich die Karlsruher unter anständigem Applaus von der Bühne verabschieden.

Die Bühnenbeleuchtung wird in Sachen Farbe wieder auf ein Minimum begrenzt, das Backdrop kommt zum Vorschein, und mit ENDSTILLE betritt der Headliner des Abends die Bühne. Eins fällt sogleich ins Auge: War das Kieler Abrisskommando bisher in Sachen Corpsepaint zweigeteilt, so hat Gitarrist Lars Wachtfels inzwischen die Seiten gewechselt. Der rothaarige Langbart (der interessanterweise den saudischen Fußballer Mohammad Al-Jahni auf seine Gitarre geklebt hat) trägt erstmals Kriegsbemalung und unterstreicht sein neues Image zudem mit gleich zwei umgehängten Patronengurten. So verbleibt Schlagzeuger Mayhemic Destructor nunmehr als einziger Schminkverweigerer, gibt dafür hinter seinem schon leicht angekratzten Schlagzeug jedoch umso mehr Gas. Die Augen richten sich aber – wie immer – auf Sänger Iblis: Er gibt mal wieder alles, kreischt mit morbider Mimik seine antireligiösen Texte in die Welt hinaus, spukt quer über die Bühne und punktet zudem erneut mit seinen Ansagen. "Hallo Dortmund!", grunzt er ins kleine Rund, um nach einigen Pfiffen "Hallo Frankfurt?" hinterherzuschieben. Ein "Hallo Offenbach!" hätte wohl mehr provoziert, aber solche regionalen Spezifitäten kennt der gemeine Norddeutsche zugegebenermaßen nicht. Sei's drum.

ENDSTILLE liefern einen souveränen Gig sowohl mit neuem Material à la 'Endstilles Reich', 'Der Ketzer' und 'Vorwärts (Sturmangriff II)' als auch Klassikern wie 'Ripping Angelflesh', 'Monotonus III' sowie dem natürlich lautstark mitgegrölten 'Frühlingserwachen' inklusive des "The german radio has just announced that Hitler is dead"-Intros. ENDSTILLE wollen eben provozieren, und das zeigen sie auch zu Beginn der Zugabe: Mit Kippen im Mundwinkel unterstreichen die vier deutlich, dass ihnen das Rauchverbot am Allerwertesten vorbeigeht. Wobei hier eigentlich auch der Paragraph greifen kann, nachdem Rauchen als Kunst in Clubs erlaubt ist. Wie auch immer: ENDSTILLE lassen auch Band-Hymnen wie 'Bastard' und 'Navigator' nicht aus und hinterlassen bei der kleinen, aber feinen Fanschar einen bleibenden Eindruck – als Deutschlands True-Black-Metal-Band Nummer eins. Nur dass sich Frontmann Iblis hinterher als nicht ganz so amüsiert über unseren Summer-Breeze-Film zeigt, weil die ENDSTILLE-Interviews viel zu lieb rüberkamen, zaubert auch ein kleines Stirnrunzeln auf die Stirn des Betrachters und Filmemachers. ;-) Und Notiz am Rande: Der besagte Althippie aus der ersten Reihe war beim Headliner plötzlich nicht mehr zu sehen – wurde ihm dann wohl doch zu hart.

Redakteur:
Carsten Praeg

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