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FEAR FACTORY / CHIMAIRA - Köln

30.08.2004 | 03:14

01.07.2004, Live Music Hall

Die Position des Masterminds in einer Band ist immer mit Schwierigkeiten verbunden. Vor allem wenn sich der Rest der Band einbildet, ohne den Mastermind nicht zu können. So brach der Weggang des kleinen Egozentrikers Dino Cazares seiner Vorzeige Industrial-Elektro-Thrash-Death-Irgendwas-Band FEAR FACTORY vorerst das Genick.
Knapp ein Jahr nach dem Split bemerkten die verbliebenen Fabrikarbeiter bei einer Mini-Reunion Tour mit STATIC-X und KORN in Australien dass man auch gut ohne Cazares konnte, und löste sich nachher einfach nicht mehr in Wohlgefallen auf, sondern begann sogleich damit die alte Plattenfirma abzuschießen und ein neues Album zusammenzuschrauben. Mit "Archetype" bewiesen Burton C. Bell und Raymond Herrera, dass man mit den Neulingen Christian Olde Wolbers und Byron Strout den Pegel vergangener Hochglanzarbeiten halten, und gleichzeitig neue Kapitel in den musikalischen Möglichkeiten der Angstfabrik aufschlagen konnte.

Dass die "Archetype" live genauso knallt wie von Platte wollten die Jungs, die sich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr in der alten Welt sehen ließen, jetzt auch mit einem halben Wanderzirkus beweisen. EKTOMORF, SHADOWS FALL und CHIMAIRA schlossen sich der Metalinstitution an, um eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland zu legen. Das Billing zeigte die Richtung an: sehr hoffnungsvolle, sehr junge und sehr laute Bands würden dafür sorgen dass das Blut des Publikums zum Mainact auch wohltemperiert und in Wallung war.

Die Terminwahl für das Konzert in Köln war recht unglücklich, ging doch einen Tag später das With Full Force Festival an den Start, auf dem man sich nebst der kompletten Entourage der FEAR FACTORY noch einen ganzen Haufen anderer erstklassiger Bands antun konnte.
Dementsprechend mittelmäßig besucht war die LiveMusicHall, vor deren Toren sich die vornehmlich Schwarzgekleidete Anhängerschaft versammelte. Nachdem man endlich reingelassen wurde (der Einlass verzögerte sich enorm da immer wieder Menschen mit Zentnerweise Nieten am Körper entschärft werden mussten) begann um halb acht dann auch die erste Band.

Nach draußen wummerte nur ein verzerrter Soundbrei, der sich bei näherem Hinhören als das Intro zu EKTOMORF's 'I Know Them' entpuppte. Etwas verwundert beeilte man sich dann in die Konzerthalle zu kommen, in der man feststellen durfte dass das meißte Volk noch draußen die frische Luft genoss. Zum ersten Mal überhaupt durfte man während eines Konzerts den Betonboden der LMH bewundern, ein Publikumsmagnet waren die Ungarn in Westdeutschland noch nicht. Die paar Gestalten die sich dennoch für die osteuropäische "Nachwuchsband" (mit bisher 5 Alben) interessierten durften sich über ein eindrucksvolles Mischmasch aus Thrashgranaten erster Güte und extrem lustigem MTV-Englisch freuen. Mit einem klaren Sound, der jedoch dem Druck der Musik längst nicht gerecht wurde, und etwas monoton durch die Boxen wummerte, bewies die Band um das Farkas-Geschwisterpaar warum die Band in den südöstlichen Gefielden unseres Landes schon eine echte Institution bei allen Thrashliebhabern ist. Stoisch auf der Bühne stehend zockten die 4 ihre Setlist unermüdlich durch den Äther, sich nach jedem Song brav beim Publikum bedankend. Zu den Brechern 'You Leech', 'Destroy' und 'A.E.A.' gesellte sich noch das gesungene 'Sunto Del Mundo', welches beim Publikum entweder gar keine Reaktionen hervorrief oder nur Höflichkeitsapplaus erntete. Nach dem letzten Song 'Fire" verzog sich die Band auch gleich nach knapp 20 Minuten Spielzeit von der Bühne.

SHADOWS FALL versammelten sich nach kurzer Umbauphase als nächstes auf der Bühne, um nur wenig mehr Leute vor die Bühne zu locken. Nach dem Dynamo Open Air diesen Jahres sah ich die Amerikaner schon zum zweiten Mal, nur zu Hören bekam ich sie an diesem Tag zum ersten Mal.
Der Auftritt der Amis gestaltete sich recht eintönig, was daran liegen kann dass Bassist, Gitarrist #1 und Gitarrist #2 irgendwie identisch aussahen. So geriet die halbe Stunde mehr oder weniger zu einem Gruppenmattenschütteln, was mit der Mega-Dread-Matte des Sängers Brian Fair die Krone aufgesetzt wurde. Musikalisch tadellos aber auch unspekatulär wurde das Set aus 6 arbeitswütigen Jahren abgezockt, was vom Publikum regungslos aufgenommen wurde, und größtenteils nur mäßigen Applaus erntete. Der Sound war technisch einwandfrei, nur verstand es die Band nicht die Leute auf seine Seite zu ziehen, obwohl das dargebotene Material Grund genug dafür war, SHADOWS FALL zu den Hoffnungsvollsten Bands der MetalCore Bewegung zu zählen. Sich vollkommen unter Wert verkaufend verzog die Band sich nach einer halben Stunde wieder von der Bühne, und wurde beim Abgang nur von einer Hand voll Fans bejubelt.

Nachdem man die ersten beiden Bands in nicht einmal einer Stunde abgefertigt hatte, standen jetzt die Amerikaner von CHIMAIRA auf dem Plan, die sich auf der letzten Roadrunner Roadrage Tour als pure Abrissbirnen erwiesen, und die damaligen Mainacts SPINESHANK und ILL NINO locker mit der Rückhand von der Bühne pusteten. Die Jungs haben es einfach perfekt raus die Energie von Thrashmetal in Abwechslungsreiche MetalCore Mucke zu packen, und dabei den Sound technisch so aufzufrickeln dass ein bemerkenswerter Bastard geboren ist, der sich schwer einordnen lässt und von der Plattenfirma euphorisch als "New Wave Of American Heavy Metal" gefeiert wird. Kein Wunder, mit CHIMAIRA hat sich das Label eine Band angelacht deren Popularität hierzulande stetig steigt, und kein Ende des Aufstiegs in Sicht ist.
Dass sich die Jungs um Marc Hunter das viele Lob auch verdient haben wurde auch an diesem Abend wieder mal bewiesen. Mit dem bewährten Brecher 'Powertrip' als Opener kreierte die Band dann auch sofort die Grundlage für den ersten Moshpit des Abends. Wie gewohnt hatte die Band von Anfang an das Publikum in der Hand und dirigierte mit Songs wie "Cleansation" und "Down Again" quer durch die Halle, und auch wurde "Metal Moses" wieder herausgeholt um die Masse, in zwei Hälften geteilt, wieder in den größten Moshpit zu verwandeln den die LMH je gesehen hatte. Eine mitreißende und kraftvolle Darbietung der Soundgranaten aus Cleveland, die beinahe ununterbrochen über die Bühne tobten und dem noch recht lahmen Publikum vormachten wie man richtig mosht. 40 Minuten voll Energie wurden hier serviert, von der ersten Sekunde bis zur letzten durchgehend eine mehr als nur überzeugende Performance, und ein würdiger Opener für die FEAR FACTORY.

Nach gut einer halben Stunde, in der die durch CHIMAIRA aufgeheizte Luft sich gegen jede Abkühlungsversuche von Außen stemmte, betraten dann auch die wiedervereinigten FEAR FACTORY kurz angebunden die Bühne um sofort mit 'Slave Labor' ins Set einzusteigen. Von der ersten Sekunde an fiel auf dass der Sound extrem Drum und Bass betont war, so bebte der Boden eigentlich undurchlässig und machte die Macht der FEAR FACTORY noch in einer anderen Dimension klar. Als direkt danach 'Cyberwaste' gezockt wurde war das Programm kaum zu verkennen: keine großen Worte verlieren, Publikum wegpusten und fertig.
Das verfolgte die Band dann auch unablässig, war mit Songs wie 'Demanufacture', 'Shock' und 'Edgecrusher' genug Gelegenheit gegeben sich für die vergangenen zwei Jahre in Ungewissheit ob der Zukunft der Band abzureagieren. Das wollte auch eine sehr hartnäckige Person klarstellen. Die immer wieder "FEAR FACTORY are back!!" zur Bühne brüllte, von C. Bell aber notorisch ignoriert wurde. Nicht locker lassend machte sich das Männchen auf nach vorne direkt vor die Bühne, um den Sänger aus ein Meter Entfernung seine Freude über das Comeback der Band entgegen zu schreien, ohne auch nur ein Wimpernzucken beim Frontmann der Truppe auszulösen. So durfte man sich in extrem kurzen Songpausen (Motto: Atmen könnt ihr nachher noch!) immer wieder das Geschrei des Männchens antun. Die Freude der Fans war kaum zu übersehen, so nahm das Publikum jeden einzelnen erdbebengleichen Ton begierig in sich auf, um bei jeder sich bietender Möglichkeit dem Sänger seine Arbeit abzunehmen und die Texte durch die Mauern über Köln herauszuschreien.
Nach einer Weile wurde jedoch klar, dass die Band die euphorische Stimmung ihrer Fans nicht ganz teilte. So hatte Frontmann Bell die ganze Zeit über einen extrem angepissten Gesichtsaufdruck aufgesetzt, und machte mal schnell klar dass es für sie interessanter wäre Tiger Woods beim Golfen zuzuschauen als hier zu spielen. Tat der Stimmung aber keinen Abbruch, was wohl wieder mal daran lag dass die Deutschen generell Probleme haben die Beleidigungen ihrer Bands zu verstehen (hat SLAYER in Holland schon den Hals gerettet, von SLIPKNOT ganz zu schweigen). Die Setlist die weitergehend abgezockt wurde ließ nichts zu wünschen übrig, von 'Act Of God' über den Titeltrack des aktuellen Albums "Archetype" zu Rhythmusgranaten wie 'Dog Day Sunrise' und 'Scumgrief' zum Pflichtprogramm 'Pisschrist' und "Replica". Der schlechten Laune von Sänger und Band taten auch begeisterte "FEAR FACTORY!!!!!"-Sprechchöre keinen Abbruch, und so versuchte Bell beleidigt die Menge zu beschwichtigen um irgend etwas kundzutun, kam gegen soviel Wiedersehensfreude aber nicht an und resignierte beleidigt mit einem krachenden 'Martyr', nach dem sich die Band dann auch von der Bühne verzog. Von der johlenden Menge wieder auf die Bühne geholt präsentierte die Band noch ein kurzes 'Human Shields', um den Sänger dann alleine auf der Bühne zu lassen, damit dieser mit einem mitreißenden 'Timelessness' die Menge zum schweigen bringen konnte, und das Ende des Konzertabends einläutete.

Die Performance der Band war beeindruckend, nicht nur wegen des unglaublichen Drucks im Sound, der selbst beharrlichste Bewegungsverweigerer ein stetes Kopfnicken aufzwang, der Sound der Band war klar, Burton C. Bell gab seine schizophrene Stimme zum Besten, mit den Mark und Bein erschütternd gebrüllten Blastparts der Lieder und dem mitreissenden Gesang. So kurz angebunden wie die Band die Bühne stürmte ging auch der Gig weiter, Song nach Song wurden ins Publikum geprügelt und verwandelten die Luft in einen Sirup aus Schweiss und Nebel.
Der Auftritt der FEAR FACTORY ließ wirklich keine Fragen offen, knapp 80 Minuten lang wurde den jungen Vorgängerbands und dem Publikum gezeigt was "das Publikum plattmachen" in Reinkultur bedeutet.

Schwein für alle Kölner Besucher: der Rest der Tour wurde tags darauf aus bisher unbekannten Gründen abgesagt.

Setlist FEAR FACTORY:
Slave Labor
Cyberwaste
Demanufacture
Zero Signal
Shock
Edgecrusher
Scumgrief
Dog Day Sunrise
Act Of God
Arise Above Oppression
Pisschrist
Archetype
Resurrection
School
Martyr
Replica

Zugabe:
Human Shields
Timeless

Redakteur:
Michael Kulueke

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