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FISH - München

22.11.2015 | 14:26

21.11.2015, Backstage

Das Ende der Kindheit.

Hinweis: Leider gibt es keine Fotos dieses Konzertes, da die Akkreditierung des Fotopasses leider nicht geklappt hat und uns deswegen kein solcher zur Verfügung stand. Die Bilder stammen von einem früheren Konzert.

Es würde das letzte Mal sein. Das letzte Mal "Misplaced Childhood" in Gänze. Verständlicherweise, da Derek William Dick, besser bekannt als FISH, mittlerweile mehr als doppelt soviele Solo-Studioalben veröffentlicht hat wie in seiner Zeit bei MARILLION. Dass er darauf immer noch stolz ist, freut die Fans, die das Meisterwerk dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung noch einmal mit der Originalstimme erleben dürfen.

Tatsächlich ist es ausgesprochen voll beim Backstage. Klar, parallel spielen auch noch CROBOT und die BLACK STAR RIDERS. Aber die größte Halle gehört heute Abend FISH, der sich mit LAZULI eine hierzulande doch nur eingeweihten Prog-Kreisen bekannte Band aus Frankreich eingeladen hat. Pünktlich um 20.00 Uhr legen die Fünf aus unserem Nachbarland los – und wie! Sofort wird gerockt, und Dominique Leonetti an Mikrophon und Gitarre reißt das Publikum mit. Ich hatte das Ganze etwas ruhiger erwartet, aber werde umgehend eines Besseren belehrt. Heute agieren die Franzosen genauso kraftvoll wie virtuos. Dabei sind alle Musiker eine einzelne Erwähnung wert. Neben Dominique, dem Zentralgestirn der Band, sitzt sein Bruder Claude mit einem seltsamen Instrument auf der linken Bühnenseite. Selbiges ist ein von ihm selbst erfundenes und Leode benanntes Saiteninstrument, das es ihm erlaubt, trotz seiner Verletzung aufgrund eines Motorradunfalls, der dazu führte, dass er seinen linken Arm nicht mehr benutzen kann, weiterhin zu musizieren. Er entlockt dem Gerät seltsame Klänge, die sich aber schön in den Gesamtsound LAZULIs einfügen. Hinter Claude steht der Keyboarder Romain Thorel, der im Laufe des Sets auch ein Waldhorn auspackt. Die andere Bühnenseite bilden Drummer und Percussion-Künstler Vincent Barnavol und der Gitarrist Gédéric Byar. Was dieser aus seinen Saiten hervorzaubert, ist unglaublich. Ob mit Gefühl oder Schraubendreher, er sorgt bis nach hinten für offene Münder, wenn er sich wieder sein Instrument für ein Solo vornimmt oder einfach zwischendurch mal die Saiten glühen lässt. Wow. LAZULI hat sich mit dieser Dreiviertelstunde, die mir einer spektakulären gemeinsamen Performance aller Fünf am Vibraphon endet, in die Herzen vieler Zuschauer gespielt, mich eingeschlossen.

FISH kann es sich natürlich leisten, solch brillante Vorbands auf Tour mitzunehmen. Das Publikum ist seines, zumal auf dieser "Farewell To Childhood"-Tour. Sobald FISH alte MARILLION-Sachen ankündigt, ist es gleich doppelt so voll. Das ist einerseits verständlich, andererseits sind seine Solosachen kaum schwächer und seine Konzerte, in denen er nur ein, zwei alte MARILLION-Lieder zum Besten gibt, ebenfalls immer ein Erlebnis. Der Beweis dafür folgt sofort. FISH und seine Band legen mit 'Pipeline' los. Eine interessante und unerwartete Wahl, zumal es sich um eine beinahe zehnminütige Version handelt, die zwischendurch einem Jam ähnelt, was ich von dem Schotten sonst nicht allzu häufig gesehen und gehört habe. Ich war gespannt, wie er nach seiner Operation an den Stimmbändern, die im Anschluss an die unterbrochene letzte Tour stattgefunden hatte, bei Stimme sein würde. Natürlich ist es schwierig, so etwas nach einem Abend zu beurteilen, da ich nicht weiß, ob FISH wirklich fit ist heute, aber ich bin der Meinung, dass er fast wieder an die alten Tage herankommt. Allerdings nur fast. So eine Krankheit hinterlässt natürlich Spuren, und jünger wird er auch nicht.

'Feast Of Consequences' folgt als einziges Lied vom aktuellen gleichnamigen Album am heutigen Abend, und dann  'Family Business'. Für letzteres erhält er großen Applaus, es scheint, das Publikum ist mehr als nur oberflächlich mit seinem Schaffen vertraut. Alle Lieder werden durch Projektionen auf die Rückwand unterstützt und die Lieder werden durch die Band immer wieder leicht verändert und vor allem: verlängert. Es folgt noch das lange 'The Perception of Johnny Punter' und plötzlich sind bereits fast vierzig Minuten vergangen! Nur vor dem letztgenannten Lied legt FISH eine seiner Erzählpausen ein und schlägt natürlich die Brücke zu Paris, bleibt aber allgemein. Immerhin ist ja das Lied selbst schon ein Statement und handelt von den Vorgängen Anfang bis Mitte der Neunziger in Bosnien.

Dann ist es Zeit. Zum letzten Mal, wie FISH betont, spielt er auf dieser Tour das Erfolgsalbum "Misplaced Childhood" komplett. Sicher, später vielleicht noch den einen oder anderen Song, aber niemals wieder ganz. So ist der Jubel groß, als 'Pseudo Silk Kimono' den Reigen eröffnet. Gänsehaut pur, die Energie des Publikums, die Aufregung und Anspannung der Erwartung entladen sich in unbändiger Freude. Die großen Hits zum Anfang, 'Kayleigh' und 'Lavender', dann das emotionale Highlight 'Heart Of Lothian'. Im zweiten Teil gibt es den kleinen Durchhänger 'Blind Curve', der schon auf dem Album zu lange und zu ruhig den Drive aus dem Epos nimmt, aber dann gibt es mit 'Childhood's End' und 'White Feather' das erwartete große Finale. Neben mir, um mich herum, überall laut mitsingende Fans, ein absolut eindringlicher Moment in einem sehr befriedigenden Konzert. FISH ist gut, die anfänglichen kleinen Schwierigkeiten, die ich meine, gehört zu haben, sind entweder weg, fallen nicht ins Gewicht oder aber ich bin zu entzückt, um sie zu hören. Aber viel mehr fehlt mir natürlich wieder der Sound der Gitarre Steve Rotherys, die den Klang der Band genauso geprägt hat wie FISHs Stimme. Auch wenn alle Musiker gut sind, Robin Boult ist einfach nicht Steve Rothery.

Nach den fast 50 Minuten des Werkes verabschiedet sich die Band. Ein guter Moment, denn nach dem Höhepunkt brauchen alle eine kleine Pause, um herunterzukommen. Aber nicht zu sehr, und nach zwei, drei Minuten erscheinen die Musiker wieder und geben einen noch älteren Song zum Besten, 'Market Square Heroes'. Partystimmung und vielstimmiges Grölen, die alten Lieder verfehlen ihre Wirkung nicht. Aber damit ist noch nicht Schluss, noch einmal kehrt FISH mit seinen Mannen zurück. 'The Company', natürlich. Mit seiner Weißweinflasche winkend und zwinkernd ruft er die Uhrzeit als "wine o'clock" aus und spielt seinen "Drinking Song". Danach ist aber endgültig Schluss. Kann es sein, dass es tatsächlich fast zwei Stunden waren?

FISH hat auf ganzer Linie überzeugt. Die MARILLION-Fans mit dem dritten Album seiner Ex-Band, aber auch die FISH-Liebhaber durch ein außergewöhnliches Anfangsdrittel mit drei Songs, die es auf der letzten Tour nicht in die Setlist geschafft hatten. Er hat eine Rückkehr für 2017 angekündigt, möglicherweise dann zum letzten Mal, da er schon vor einer Weile sein geplantes Karriereende ankündigte. Eines steht fest: Das werde ich mir nicht entgehen lassen!

Setliste: Pipeline, Feast of Consequences, Family Business, The Perception of Johnny Punter, Pseudo Silk Kimono, Kayleigh, Lavender, Bitter Suite, Heart of Lothian, Waterhole (Expresso Bongo), Lords of the Backstage, Blind Curve, Childhood's End?, White Feather, Market Square Heroes, The Company


Redakteur:
Frank Jaeger

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