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Full Force - Gräfenhainichen

18.07.2022 | 22:18

24.06.2022, Ferropolis

Vor malerischer Ferropolis-Kulisse bewegt sich das einstige Kultfestival in der "Stadt aus Eisen" einen deutlichen Schritt weg von urigem Metall.

Der Samstag ist bei uns fett markiert, denn heute spielen die meisten Bands nach unserem Geschmack. Also nichts wie raus aus dem viel zu heißen Zelt, obwohl heute mit angeblich 28° Celsius der vermeintlich "kälteste" Tag des Wochenendes ansteht. Die Sonne aber brennt bereits ordentlich vom Himmel, während im benachbarten [Fair]opolis – einem eigenen Areal mit Workshops – das Programm losgeht. Dort wird schwarzes Yoga angeboten und Krachmucker Ernie schwadroniert auf dem Podium darüber, "warum moderner Metal scheiße ist". Ein provokativer Titel in passender Umgebung. Für uns heißt es allerdings rein in den aufgeheizten Shuttlebus, doch unser erstes Ziel ist bei dem Wetter nicht die annehmliche Seebühne, sondern die Mainstage mitten zwischen aufgeheiztem Beton und Riesenbaggern.

Dort eröffnet die Coburg-Wien-Berlin-Connection OCEANS, die irgendwo zwischen düsterem Post Metal und Metalcore einzuordnen ist. Beim "Ragnarök Festival" im Frühjahr wurden die Newcomer ziemlich abgefeiert, heute hat sich zunächst nur eine kleine Fanschar vor der Bühne eingefunden. Doch die ersten Reihen füllen sich langsam, als im Intro die ersten Klänge des Hits 'Icarus' angedeutet werden. Bis zum Song selbst soll es aber noch etwas dauern, zunächst werden Stücke wie 'Scars' geboten, wobei zwischendurch gar etwas geblastet wird. Da lässt die erste Wall of Death nicht lange auf sich warten. "Wir haben Schatten hier", preist Sänger und Gitarrist Timo Schwämmlein augenzwinkernd den Auftritt seiner Band an. "Wir sehen euch dort hinten nicht!" Basser Thomas Winkelmann lässt derweil seine langen Rastas fliegen. "Wer kennt unser erstes Album?", fragt Timo und schiebt schmunzelnd hinterher: "Okay, elf bis drölf." Bis zu 'Icarus' dauert es dann auch nicht mehr lange, doch uns zieht es weiter zur Medusa-Seebühne.
[Carsten Praeg]

Denn dort gibt es eine Rarität auf dem diesjährigen Full Force zu bestaunen: Death Metal. GATECREEPER aus den Vereinigten Staaten prügelt sich mal stampfend, mal schleppend durch eine feinste Auswahl an Oldschool-Gebolze. Die Todesblei-Mischung wird dabei von Doom- und Sludge-Einflüssen angereichert, was eine rundum feine Sache ist. Einfach schön, sage ich während des Gigs mehrfach, aber das erscheint für den Todesblei dann doch irgendwie etwas unpassend. Einfach brutalgeil, passt wohl besser. So ist auch die Zwischenfrage "are you horny?" vom Sänger wohl durchaus ernst gemeint. Da die Jungs aus der Region der trockenen, staubigen Sonora-Wüste in Arizona kommen, erklärt das wohl auch, warum man trotz hochsommerlicher Hitze komplett in langen Klamotten auf der Bühne steht. Zu diesem heißen Gesamtpacket passt dann auch die Songauswahl, die von 'From The Ashes' bis zu 'Flame Thrower' reicht. Zusammenfassendes Fazit: Das war ein verdammt guter Oldschool-Death-Metal-Auftakt, der Lust auf den restlichen, vielversprechenden Festivalsamstag macht.

War ich bereits von der winterfesten Kleidung von GATECREEPER überrascht, muss ich nun an meinem Verstand oder dem der Norweger KVELERTAK ernsthaft zweifeln. Bei über 30° Celsius und strahlendem Sonnenschein trägt der Drummer ein Flanellhemd und Sänger Ivar Nikolaisen betritt die Hauptbühne mit einer Lederjacke. Im Set dominiert das aktuelle Album "Splid", das bei mir bisher nicht so recht zünden wollte. Nun frage ich mich: Warum eigentlich? Die treibende und unverwechselbare Mischung aus Melodie und Aggressivität der drei Gitarristen ist überwältigend. Ausflüge in die Anfangsphase der Band sind heute rar, aber mit 'Blodtørst' hat es zumindest ein echter Klassiker ins Set geschafft. KVELERTAK überzeugt aber nicht nur aufgrund der fantastischen Musik, sondern auch, weil die energiegeladene Liveperformance auch heute wieder eine Überraschung bereithält. Gitarrist und Backgroundsänger Maciek spielt ein perfektes Solo beim Crowdsurfen. So wird wieder mal die besondere Fannähe der Band deutlich, die auch heute hochachtungsvoll und mit frenetischen Reaktionen gefeiert wird. Man beschließt diesen wieder mal überragenden Auftritt mit der Bandhymne 'Kvelertak', zu der es dann noch einen besonderen Leckerbissen gibt. Nach 45 Minuten hat sich das Shirt der Frontsau Nikolaisen so mit Schweiß vollgesogen, dass er es auswringt, dabei rund einen Bierbecher voll Schweiß im Mund aufnimmt und zur Verabschiedung ins Publikum spuckt. Lecker!
[Oibert Ginnersen]

Auf der Medusa-Seebühne weht dann zum einzigen Mal an diesem Wochenende ein Hauch von Black Metal durchs sandige Rund, auch wenn die Griechen ROTTING CHRIST mit experimentelleren Alben schon längst die Grenzen des Genres weit ausgedehnt haben. Der Satanismus als Grundthema ist aber geblieben, als der Vierer mit '666' bzw. 'Χ Ξ Σ' losstampft. Immer wieder feuert die Truppe ihre Fans an und Bandkopf Sakis hat seine ganz eigene Art, das Publikum zu den mystischeren Parts gestikulierend in den Bann zu ziehen. "You have a good time?", fragt der Bartträger nach und schiebt 'Fire, God And Fear' hinterher. Neben den Tolis-Brüdern an Mikro und Schlagzeug hat die Besetzung in den vergangenen Jahren etwas rotiert, neben Basser Kostas steht inzwischen Kostis Foukarakis an der zweiten Gitarre. Auf einen Typ Marke Vikings-Rollo wie in den vorigen Jahren verzichten die Griechen inzwischen. "Alright german metal soldiers, get ready for some fights!", wünscht sich Sakis einen Circle Pit zum THOU ART LORD-Cover 'Societas Satanas', das heute schon recht früh auf der Setlist steht. Gitarrenduelle, Crowdsurfer und auch manch akrobatische Bangverrenkung im Publikum zu den experimentelleren Parts. Zu einem letzten Intro dreht sich die gesamte Saitenfraktion mit dem Rücken zum Publikum und reckt die Teufelshörnchen in die Luft. Dann springen die Bandmitglieder selbst im Rhythmus von 'Grandis Spiritus Diavolos' über die Bühne und man sieht allen Vieren an ihrem breiten Grinsen an, dass sie jederzeit Spaß an ihrem Gig haben.
[Carsten Praeg]

Vor ein paar Jahren bin ich zufällig auf die Cover-Versionen bekannter Popsongs des Norwegers Leo Moracchioli gestoßen und war extrem begeistert. Es sind teilweise wahre Kunstwerke, die der Multiinstrumentalist mit viel Liebe zum Detail (siehe selbstproduzierte Videos) in ein ansprechendes Metalgewand gepackt hat. Bei inzwischen weit über 250 Songs stellt sich nachvollziehbarerweise irgendwann eine gewisse Langeweile ein, aber für eine knappe Stunde bei bestem Wetter verspricht FROG LEAP eine phänomenale Party. Zu den Klängen von 'Ghostbusters' erreiche ich die Mad-Max-Stage. Rechtzeitig zu einem echten Highlight bin ich dann auch direkt vor der Bühne angekommen. Eine solche Version von 'Africa' ist meiner Meinung nach echt große Kunst, was maßgeblich an Backgroundsängerin Hannah Boulton liegt. Alle Jungs und Mädels, die Leo um sich geschart hat, sind zwar keine Szenegrößen, aber herausragende Musiker. Was beispielsweise deutlich wird, als man mitten im Set mal kurz die Instrumente wechselt und der Schlagzeuger Gitarre und Gesang zu dem Titeltrack 'Pokemon' übernimmt. Es stimmt mich etwas nachdenklich, dass die Projekte der einzelnen Bandmitglieder keine große Aufmerksamkeit erhalten und ein paar Coverversionen dann problemlos mehrere tausend Menschen vor der Bühne zum Ausrasten bringen. Es bleibt aber keine Zeit für viele Gedanken, denn sowohl 'Breath' als auch 'Eye Of The Tiger' laden zum Ausrasten ein. Die inzwischen auf deutschen Festivals recht etablierte kollektive Rudereinlage des Publikums quittiert Frontman Leo eher mit Stirnrunzeln, ist aber dennoch belustigt (scheinbar im hohen Norden noch unbekannt). Nun gibt es zu ADELEs 'Hello' eine kollektive Kuschelaufforderung, der mein Kollege leider nicht so recht nachkommen will. Schade. Ich vertröste mich mit dem abschließenden Gejodel zu einer Metalversion von 'Zombie' und sehe überall lachende, fröhliche Festivalbesucher. Bei einem solchen Resultat muss man von einem rundum gelungenen Auftritt sprechen.

25 Jahre SOILWORK klingt für mich schwer fassbar. Schließlich erinnere ich mich immer noch gut daran, als die Herren aus Helsingborg ihre ersten, damals kaum beachteten Veröffentlichungen herausbrachten. Man beginnt mit dem gleichnamigen Titelsong vom aktuellen zwölften Album "Övergivenheten" und präsentiert sich spielfreudig und sichtlich dankbar über die zahlreichen Besucher vor der Seebühne. Die Variabilität der Songs von SOILWORK ist von jeher eine große Stärke und das sorgt auch heute für ein fulminantes Set, bei dem als nächstes das groovige 'Stabbing The Drama' dargeboten wird. Weiter geht's mit verträumtem, atmosphärischen Melodic Death Metal aus Schweden à la 'Nous Sommes La Guerre'. Das funktioniert bei Dunkelheit natürlich nochmal besser. Hocherfreut bin ich dann über die thrashige Nummer 'Bastard Chain' vom "Predators Portrait"-Album, und auch ein paar nimmermüde Festivalbesucher wirbeln zu dem Song nochmal ordentlich Sand auf. Als Rausschmeißer spielt SOILWORK den in kurzer Zeit zur Bandhymne avisierten Hit 'Stålfågel'.

Zugegebenermaßen begegne ich dem heutigen Headliner mit einiger Skepsis. Nicht, dass THE GHOST INSIDE mir nicht als überzeugende Liveband bekannt wäre oder ich die Musik der fünf Amies aus L.A. nicht schätzen würde. Nein, das ist verdammt geiler Metalcore, nur reicht das für den Headliner-Status? Ich erwarte die Band eher auf einem spätabendlichen Slot auf der kleinen Zeltbühne. Dass sich heute etwas Besonderes anbahnt, kann man aber bereits vor dem Gig erspüren. Irgendwie liegt eine besondere Spannung in der Luft und natürlich trägt auch die wirklich beeindruckende Crowd (hurra, das ganze Festival ist da) dazu bei. Direkt nach dem Intro fällt der Vorhang und THE GHOST INSIDE legt ohne Umschweife, aber auch ohne Rücksicht auf Verluste krachend los. Spätestens mit dem dritten Song und der Aufforderung "open up a pit" gibt es wirklich gar kein Halten mehr. Nun brennt auch der erste Bengalo im Publikum, was dem ganzen Treiben vor der Bühne noch eine ansprechende Lichtkulisse verpasst. Schon während dieser intensiven Anfangsphase wird deutlich, mit welcher Vorfreude man den Auftritt der Band herbeigesehnt hat. Auch auf der Bühne steht eine Band, die sich unbeschreiblich freut, dankbar und sichtlich überwältigt von diesem Zuspruch ist. Genau dieser Moment einer perfekten wechselseitigen Interaktion zwischen Band und Publikum sorgt für eine phänomenale Headliner-Show, die richtig mitreißt. So entdecke ich zu meiner Überraschung meine längst vergessen geglaubten Hardcore-Dance-Moves wieder (was meinen Kollegen sichtlich irritiert). Zu dem Song 'Dark Horse' soll es dann den größten Circle Pit das Festivals geben. Ob es geklappt hat, bleibt abzuwarten, denn die Rekordhalter HEAVEN SHALL BURN kommen schließlich noch. Auf jeden Fall ist es einmal mehr äußerst eindrucksvoll. Bekannte Hits wie 'Engine 45' oder 'One Choice' werden heute genauso gefeiert und mitgesungen wie auch der weitgehend unbekannte Song 'Faith Or Forgiveness' aus den Anfangstagen. Die Aufforderung von Sänger Jonathan Vigil, jemanden auf die Schultern zu nehmen, sorgt für ein mir bisher unbekanntes Event: "Doppelstöckiger Moshpit" möchte ich es mal nennen. Den krönenden Abschluss eines wirklich saustarken Gigs läutet THE GHOST INSIDE mit 'Aftermath' ein. Hier beschließt ein perfekt abgestimmtes, krachendes Abschlussfeuerwerk den bisher wohl größten Auftritt der Band.
[Oibert Ginnersen]

Anschließend geht es nochmal ins große Zelt. Traditionell würde dort heute eigentlich das "Saturday Night Fever" anstehen und Show-lastigere Bands wie KNORKATOR, KADAVAR oder MAMBO KURT die Bühne beackern. Stattdessen gibt es… wieder Metalcore aus der Dose. Bei Kollege Ginnersen läuft seit THE GHOST INSIDE irgendwas nicht ganz rund und er kramt seine wiederentdeckten Moves auch zu ELECTRIC CALLBOY aus. Sein Alter Ego würde ihm mit Anlauf in den Allerwertesten treten. Zum Glück haben die heutigen DJs die frühere Samstagstradition nicht ganz vergessen und so weicht das anfängliche Gerumpel schnell klassischen Stimmungsmachern von QUEEN, TENACIOUS D oder THE PROCLAIMERS. Da legen auch wir ebenso wie die Partywilligen um uns herum mindestens '500 Miles' zurück und ich bleibe von weiterem Schattenboxen neben mir verschont. Um drei Uhr nachts heißt es dann mit KNORKATORs 'Zähneputzen, Pullern…' ab ins Bett.
[Carsten Praeg]

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Redakteur:
Carsten Praeg

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