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GHOST und THE OATH - Wiesbaden

18.12.2013 | 21:14

19.11.2013, Schlachthof

Es geht ein Gespenst in Europa um und es nennt sich GHOST. Zusammen mit OATH sorgen sie für einen okkulten Spuk im Wiesbadener Schlachthof.

Okkulter Doom Metal der klassischen Prägung ist gerade ziemlich En Vogue und Bands wie BLOOD CEREMONY, DEVIL oder auch JESS AND THE ANCIENT ONES sorgen für ordentlich 70s-Feeling in der europäischen Musiklandschaft. Eine ganz besondere Band dieser Prägung verbindet diesen Stil darüber hinaus noch mit einer extravaganten visuellen Note. Die Anti-Christen von GHOST setzen nämlich auf eine bewusst sakrale Inszenierung mit Kerzen, Weihrauch und jeder Menge Kirchenästhetik. Die Mitglieder sind gehüllt in schwarze Mönchsoutfits und tragen alle ebenso dunkle Masken, die ihre Gesichtszüge nicht mal erahnen lassen. Einzig der Frontmann sticht heraus und trägt ein päpstliches Kostüm, das durch eine stilechte Totenkopfbemalung konterkariert wird. Die Namen der Bandmitglieder sind völlig unbekannt und lenken so nicht von der Inszenierung ab.

Bevor das blasphemische Treiben aber so richtig losgeht, beginnt der Abend mit der Vorband THE OATH. Kaum jemandem im Publikum ist der Act ein Begriff, aber dennoch ist der Schlachthof in Wiesbaden bereits zu Beginn des Openers gut gefüllt, vor allem wenn man bedenkt, dass es mitten in der Woche ist, die deutsche Nationalmannschaft gegen England spielt und das Wetter unangenehm regnerisch ist. Das frühe Erscheinen wird aber prompt belohnt. Denn die weitestgehend unbekannte Gruppe spielt eine herrliche Mischung aus Doom und Psychedelic Rock beziehungsweise Metal. Wie bei einigen anderen Vertretern des Genres bedient auch hier das Mikrofon eine Dame. Die zierliche Blondine entzückt die meisten anwesenden Herren auch sehr mit ihrem Ausschnitt, der ihr nämlich bis zum Nabel reicht. Die nicht weniger ansehnliche Gitarristin, die sich mit ihrer Leder- und Nieten-Kluft auf alle Fälle bei JUDAS PRIEST bewerben könnte, macht auch auf sich aufmerksam. Allerdings ist es nicht nur die Optik, die viele Zuschauer überzeugt. Auch die Musik der Anheizer ist ordentlich und erinnert an eine Mischung aus COVEN und BLACK SABBATH zu Ronnie James Dio Zeiten. Mal locker rockend und mal lässig doomend ist keine Sekunde des Gigs langweilig und reißt die Menge zu mehr als nur Höflichkeitsapplaus hin. Da macht es auch nichts, dass sich THE OATH relativ wortkarg präsentieren. Das ist man bei solchen Konzerten inzwischen nicht mehr anders gewohnt.

Danach hat man erst mal ein paar Minuten, um sich auf die Messe von GHOST vorzubereiten. Denn der Headliner lässt sich viel Zeit mit dem Beginn seiner Show. Zur Einstimmung gibt es nämlich eine ganze Weile lang Choräle, Weihrauchnebel und romantische Beleuchtung mit Kerzenschein. Als die Schweden dann endlich auf die Bühne kommen, ist Gänsehautfeeling angesagt. Der Gegenpapst stolziert mit aller Erhabenheit über die Bühne und hat das Publikum sofort in seinen Bann gezogen. Es reichen dabei kleine Gesten aus, wie eine angedeutete Segnung, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und für Stimmung zu sorgen. Musikalisch kann man derweil genauso wie visuell überzeugen und trifft mit Krachern wie 'Ritual' und 'Deus Con Clavi Con Deo' ebenso ins Schwarze wie auch mit den neuen Songs vom Album "Infestissumam" (aus dieser Scheibe erweist sich insbesondere 'Ghuleh/Zombie Queen' als echte Live-Granate). Die Reaktionen des Auditoriums schwanken zwischen andächtigem Lauschen und ausufernder Freude. So steht zum Beispiel ein Besucher neben mir, der alle paar Sekunden betont, wie sehr sich freut, die Schweden endlich live zu sehen und sich die Handflächen auf die Backen drückt wie eine Mutter, die gerade stolz ihr Kind bei der ersten Schulaufführung beobachtet. Solche exzessive Begeisterung teilt zwar nicht jeder, aber mit dem Auftritt ist zumindest kaum jemand unzufrieden (auch wenn sich ein paar Hobbysatanisten nach dem Gig über die mangelnde okkulte Glaubwürdigkeit beschweren).

Der Höhepunkt des Auftritts ist aber mit Sicherheit (neben dem erwähnten 'Ritual') das gegen Ende zelebrierte 'Year Zero', das vornehmlich durch seine eingespielten Beschwörungsrufe alter Dämonen (und? Ist einer gekommen, oder doch nur Hokus Pokus? FJ) auffällt und zu begeistern weiß. Der Song ist zwar gerade erst auf der neuen Full-Length veröffentlicht worden, wird aber mit Sicherheit schnell ein Klassiker der Band werden. Gefühlt viel zu früh endet der Konzertabend und doch war es eine sehr intensive Erfahrung, GHOST live erleben zu können. Sie sind zwar keine ultra-tiefsinnige Band und setzen auf eine opulente Darstellung. Wer hier allerdings den Vibe von THE DEVIL'S BLOOD erwartet und mit einem satanischen Glaubensbekenntnis im Stile von WATAIN rechnet, sollte lieber daheim bleiben. GHOST sind eine perfekte Live-Band. Der singende Bischof beherrscht das Publikum und weiß seine Präsenz richtig einzusetzen, während die übrigen Mitglieder sehr gut ihre Instrumente bedienen und sich angemessen zur Musik bewegen. Es handelt sich definitiv um keine Spaß-Band, aber um eine Band, die Spaß macht und keine Aura der Dunkelheit heraufbeschwört. Und das ist auch gut so.

Redakteur:
Adrian Wagner

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