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Graspop Metal Meeting - Dessel

05.07.2007 | 22:00

22.06.2007, Festivalgelände

Wie immer beginnt die Fahrt zum Festival auf der Autobahn und am Ankunftsort mit der Frage: "Wie ist das Hotel?" Herr K. aus M. und ich haben uns diesmal im belgischen Turnhout nicht weit vom Festivalort Dessel im Bahnhofshotel einquartiert und liegen in den kommenden drei Nächten in einem Schuhkarton ähnlich einer Schiffskombüse. Die Fenster sind vom Fußboden ausgehend schienbeinhoch, aber immerhin klimatisiert.

EPICA

Am Freitag wollen wir es auf dem Festivalgelände des GRASPOP METAL MEETING langsam angehen lassen, verzichten auf SABATON, weil wir nicht schnell genug sind, und so sind es die holländischen EPICA, die für uns um kurz nach fünf nachmittags als erste Band das Festival eröffnen. Von EPICA habe ich bisher nur gehört, die Band selbst aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Durchaus interessiert an allem, was als sinfonischer Metal bezeichnet werden kann, bin ich sehr gespannt, was die Niederländer mit der überaus attraktiven Frontsängerin Simone Simons zu bieten haben. Meine Erwartungen werden jedoch etwas überrascht – um nicht zu sagen enttäuscht. Zwar mischen EPICA orchestrale Sounds zur beliebten Kombination aus teils klassischem Frauengesang und männlichen Growls und Screams, ich vermisse jedoch ein wenig die eingängigen Melodien mit Ohrwurmcharakter. Bei den ersten Songs wundere ich mich darüber, dass Simones Gesangslinien eigentlich eher kurz und sie selbst vielmehr mit Tanz- und Headbangingeinlagen beschäftigt ist als mit dem Singen. Gute Ansätze bleiben irgendwie auf halber Strecke stecken, so dass mich die Musik der Metal-Sinfoniker nicht wirklich entflammt. In Erinnerung bleiben aber einerseits die knörzigen männlichen Vocals von Marc Jansen, die ja fast auch in einer Black-Metal-Combo Platz hätten und die gut ausgebildete Stimme von Simone Simons, der ich mehr Raum wünschen würde. Sie ist es, die den Gedanken in mir festsetzt, EPICA trotz aller Mittelmäßigkeit der Arrangements dennoch auf CD anzutesten. Ich schließe nicht aus, da vielleicht doch noch etwas zu entdecken.

Im Anschluss an diesen Auftritt sind auf der Hauptbühne PAPA ROACH zu ertragen, die sogleich dazu beitragen, dass mir einfällt, was mir beim GRASPOP nicht gefällt: diese heimliche Vorliebe für eigentümliche Bands aus der Nu-Metal-Ecke, die sich mit Erscheinungen wie KORN auch am Samstag bemerkbar macht. Und auf dem übersichtlichen Festivalgelände kann man so schlecht davor entkommen. So verbringen Herr K. aus M. und ich die Wartezeit mit einem ersten Versuch, etwas Kulinarisches zu uns zu nehmen. Und damit komme ich auch schon zum zweiten Kritikpunkt dieses Festivals, dem leidigen Bonsystem. Speis und Trank werden hier erst herausgegeben, wenn man sein Bargeld in Tauschbons für Essen und Trinken umgesetzt hat. Also extra Bons für Essen und Bons für Trinken, nicht Ess- und Trinkbons in einem!

Kurz und gut, man muss sich gegebenenfalls dreimal anstellen, bevor man ein köstlich' Mahl in den Händen halten kann. Das nervt zuweilen doch sehr, wenn man zwischen den einzelnen Bandauftritten nicht viel Zeit hat, um sich mal eben 'ne Pizza reinzuschieben. Zwar mag es bei der Ausgabe an den Fressständen schneller gehen, als wenn noch Wechselgeld herausgegeben werden muss, dafür stehe ich aber in zwei anderen Schlangen. Wo da der Gewinn ist, erschließt sich mir nicht. Ich hoffe daher nur, dass nicht ein deutsches Festival auf den Gedanken kommt, diesen Zauber unter dem Deckmäntelchen des Umweltschutzes zu übernehmen. Einzig pfiffig in diesem Zusammenhang mag erwähnt sein, dass es für eingesammelte Pfandbecher in ausreichender Anzahl ein Bier oder auch ein T-Shirt gibt. Wer's mag, kann sich hier sein Bierchen über drei Tage praktisch erarbeiten und spart bei schmaler Geldbörse womöglich so manchen Pfennig. Dagegen ist ja nichts zu sagen.

AMORPHIS

Nach dem Genuss von lieblichen Rigatoni vegetaria ist für mich Zeit für AMORPHIS. Herr K. aus M. verdrückt sich nach den ersten paar Takten ins andere Zelt zu GRAVE DIGGER – da weiß man, was man hat. AMORPHIS habe ich ebenfalls noch nicht live erlebt, und so bin ich überrascht, dass ich, obwohl ich die letzten Veröffentlichungen dieser Band nicht mehr verfolgt habe, doch den einen oder anderen Song kenne. Sänger Tomi Joutsen setzt sich mit seinen fetten langen Dreadlocks heftig in Szene und trägt dazu bei, dass AMORPHIS von mir eigentlich immer noch als Death-Metal-Band wahrgenommen werden. Die Begeisterung im Publikum ist gut durchschnittlich, der Sound zumindest links von der Bühne eher mäßig. Und so speichere ich diesen Gig nach einer Dreiviertelstunde unter dem Kriterium "ganz nett" ab und begebe mich in die feuchte Luft des Abends, um WITHIN TEMPTATION zu erleben.

WITHIN TEMPTATION

Hier sind meine Erwartungen ebenfalls nicht wirklich groß. Ich gehöre nicht zu den eingefleischten WITHIN TEMPTATION-Fans, bin aber dennoch gespannt, meinen Horizont heute vielleicht erweitern zu können. Die Niederländer spielen auf der Hauptbühne und ziehen natürlich eine ganze Menge Publikum an. Sängerin Sharon Den Adel ist in ein türkisblaues kitschiges Tüllkleidchen gehüllt und hat sich passend dazu mit blauem Lidschatten angemalt. Die Präsentation wird auf den neben der Bühne befindlichen Leinwänden mit diversen Videoeinspielungen untermalt. Obwohl WITHIN TEMPTATION als international äußerst erfolgreiche Band anerkannt werden müssen, erreichen sie mein Herz heute Abend nicht. Ihr sanfter Rock wandelt mir schon zu dicht am Pop, zu schnulzig kommen mir die Songs daher, und zu wenig große Melodien breiten sich aus.

So geben Herr K. aus M. und ich hier auf und setzen uns bereits in eines der Zelte vor jene Bühne, auf der wir den nächsten Gig erwarten, um die müden Glieder etwas zu schonen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Nachmittag wie auch die Folgetage immer wieder von Regenwolken im wahrsten Sinne des Wortes überschattet werden. Der Boden ist bald derart aufgeweicht, dass an gemütliches Sitzen in der Wiese nicht zu denken ist. Hier erweist es sich als vorteilhaft, dass sich zwei der drei Bühnen auf dem GRASPOP in riesigen Zelten befinden, in denen wir immer wieder vor den größten Regengüssen Schutz finden. Das ist ziemlich praktisch und verhindert zumindest für uns den GAU.

CELTIC FROST

Nach der Sitzpause ist es Zeit für CELTIC FROST. Die CELTIC FROST/KREATOR-Tour Ende März noch in guter Erinnerung, sind wir voller Erwartungen, was die alten Helden aus der Schweiz zu bieten haben. Zunächst ist jedoch zu bemerken, dass die Herren nicht wie geplant erscheinen, sondern die Show aus irgendwelchen Gründen gut zehn Minuten später beginnt. Zum Glück bestätigt sich unsere Befürchtung, man werde nun auf ein bis zwei Lieder verzichten, nicht, sondern die Verspätung wird am Ende nachgeholt.

Die Bühne ist auch heute Abend in dunkles Licht getaucht, als Tom G. "Warrior" und Martin Eric Ain nebst Franco Sesa und V Santura, Teilzeitklampfer der deutschen Black-Metal-Formation DARK FORTRESS, die Bühne betreten. Eröffnet wird auch diesmal mit 'Procreation Of The Wicked', bevor sodann die alten Hymnen à la 'Dethroned Emperor' und 'Into The Crypts Of Rays' gemischt mit Material der aktuellen FROST-Scheibe vorgetragen werden. Hinsichtlich mystischer Texteinlagen hält sich Ain diesmal zurück, so dass die auf der Tour im Frühjahr aufgekommene diabolische Stimmung - selbst bei 'Synagoga Satanae' - nicht erreicht wird. Schade, aber heute ist offenbar irgendwie der Wurm drin. CELTIC FROSTs fünfzigminütiger Auftritt verstreicht ohne große Überraschungen, und das liegt sicher nicht daran, dass wir sie nun schon zum dritten Male innerhalb eines Jahres sehen. Es will einfach keine rechte Stimmung aufkommen, so dass die Show ohne Zugaben und emotionale Höhepunkte verklingt.

Die letzte Hoffnung des heutigen Abends liegt für mich bei THERION, während Herr K. aus M. sich nach langem inneren Ringen für BLIND GUARDIAN entscheidet, die parallel zu den Schweden im anderen Zelt auf die Bühne müssen. Eine selten dämliche Aufteilung, kann man sich doch denken, dass hier ähnliche Fangruppen angesprochen werden. Aber es ist nichts zu machen. Wir müssen uns im Leben mal wieder entscheiden.
[Erika Becker]

BLIND GUARDIAN

Nun kommt also Herr K. aus M. auch mal aus der Versenkung gekrabbelt und darf als Gastautor der verehrten POWERMETAL.de–Leserschaft etwas über den BLIND GUARDIAN-Auftritt auf dem GRASPOP berichten. Zunächst mal hat mich das zeitgleiche Ansetzen von BLIND GUARDIAN und THERION doch in arge Bedrängnis gebracht, da sich beide durchaus in meiner persönlichen Top Ten bewegen. Nach etlichen schlaflosen Nächten habe ich dann doch BLIND GUARDIAN den Vorzug gegeben, da ich mich als Fan der ersten Stunde bezeichne und sie mich schon zwanzig Jahre durch all die turbulenten Heavy-Metal-Jahre begleitet haben.

Da ich eher ein Liebhaber der älteren Songs bin, besteht natürlich ein gewisses Restrisiko, wie "aktuell" denn die Setlist gestaltet wird. Um es vorweg zu nehmen: Meine Befürchtungen waren gänzlich unbegründet. Fast schon traditionell geht es mit dem Intro 'War Of Wrath' und dem dazugehörigen Opener 'Into The Storm' los. Es folgen 'Born In A Mourning Hall' und 'Nightfall'.

Bisher habe ich BLIND GUARDIAN nur in Deutschland gesehen und bin natürlich gespannt, wie die Ansagen von Hansi denn im europäischen Ausland gestaltet werden. Die Antwort ist: bei weitem nicht so unterhaltsam wie in der Muttersprache. Obwohl die Band schon über reichlich Bühnenerfahrung auch außerhalb dieser Republik verfügt, kommen die Ansagen doch eher etwas steif und hölzern daher. Vielleicht liegt das auch daran, dass Hansi ziemlich angefressen scheint, weil die Band statt auf der Hauptbühne zu spielen in eins der Zelte abgeschoben worden ist. Für mich ist es auch mehr als ärgerlich, dass sich stattdessen so ein Langweiler wie CHRIS CORNELL auf der Hauptbühne präsentieren darf. Über derartige Programmgestaltungen ärgern sich auch noch andere Festivalbesucher, mit denen ich mich darüber austausche. Doch auch wenn im Publikum nicht die üblichen "Guardian! Guardian!"-Anfeuerungsrufe zu hören sind, geht es gut gelaunt weiter im Programm. 'Valhalla', 'Quest Of Tanelorn', 'Bright Eyes' und 'Welcome To Dying' lassen auch die Herzen der älteren Stammkundschaft höher schlagen. Von der aktuellen Scheibe finden nur 'This Will Never End' und 'Fly' den Weg auf die Setlist. Nach 'The Bard's Song – In The Forest' beendet dann auch schon fast traditionell 'Mirror, Mirror' den mit siebzig Minuten leider viel zu knapp bemessenen Auftritt der Krefelder.

Fazit: ein geschmacklich rundes Appetithäppchen, dem hoffentlich ein opulentes Mahl in Wacken folgen wird.
[Stefan Karst]

THERION

Auch THERION präsentieren sich heute in gleicher Weise wie auf der Frühjahrstour. Die Bühne ist von einer bildnerischen Darstellung weißer gotischer Kirchenfenster geziert, aus denen ein Totenköpfchen grinst. Christofer Johnsson hat neben dem bereits bekannten Mats Levén noch Snowy Shaw und die Sängerinnen Katarina Lilja und Lori Lewis verpflichtet, die sich während der Show hinter einer Imitation schmiedeeiserner Gitter umrahmt von siebenarmigen Kerzenständern positionieren. Ältere Werke vergangener Alben, seinerzeit mithilfe von THERIONs berühmten Männerchören aufgenommen, werden nunmehr umarrangiert von der Vierergruppe dargeboten. Was mich auf der Tour noch angesprochen und belebt hat, kommt mir heute als abgespeckte Variante vor. Zwar legt sich insbesondere Mats ordentlich ins Zeug, wie man es von ihm gewohnt ist, und auch die klassisch ausgebildete Stimme von Lori Lewis kann voll überzeugen, die Performance der Show kommt aber am heutigen Abend nicht gänzlich herüber. Ans Herz geht lediglich auch hier wieder das wunderbare Duett 'The Perennial Sophia' gesungen von Mats und Katarina und natürlich 'To Mega Therion', das bei keinem THERION-Gig fehlen darf.

Beeindruckt zeigt sich eine betrunkene Engländerin von dem bauchfreien Henkerskostüm von Snowy Shaw, das seine definierte Bauchmuskulatur freigibt. Ob das ein Imitat sei, fragt sie mich, als ob ich's wüsst.

THERION beschließen das Programm um halb drei morgens und hinterlassen eigenartigerweise einen ebenso halbgaren Eindruck wie die übrigen Vertreter der Kunst am heutigen ersten Festivaltag.

Redakteur:
Erika Becker

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