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Heavy Metal - nix im Scheddel...? Nr. 42 - Leipzig

28.04.2004 | 13:25

24.04.2004, Tonellis

Was sind wir Menschen doch für schwache Geschöpfe. Kaum zieht am Firmament eine schwarze Wolke namens "Scheddel-Geburtstag" auf, wird irgendein Schalter im Kopf umgelegt und sämtliche Ratschläge, die einem Mutti früher mit auf den Weg gegeben hat, werden in den Wind geschlagen. Soll heißen, Exzess pur war mal wieder angesagt.
Die alljährliche Jubiläumsfeier des Leipziger Kulturprogramms "Heavy Metal – nix im Scheddel?" hat mit einem normalen Metal-Konzert nichts mehr zu tun. Es ist nicht nur die Auswahl der Bands, die mal wieder sehr gelungen war, es ist auch nicht nur der Alkohol, der mal wieder in Strömen floss, es sind auch nicht besondere Gimmicks wie bei diesem Mal der Grunzwettbewerb, der für viel Frohsinn sorgte - aber das alles zusammen hat irgendwie das gewisse Etwas, das diese eine Party jedes Mal ein Highlight des gesamten Jahres werden lässt.

Dabei ging alles noch ganz gesittet los. Die Lokalmatadoren UNTAMED waren als erste dran und gaben gleich mal ordentlich Vollgas. Mir waren die Jungs zwar etwas zu SEPULTURA-lastig, dennoch bot man schön schnittigen NeoThrash, der mit seiner intensiven und brachialen Gangart wie gemalt war als Auftakt für diesen Abend. Spätestens beim bereits standardmäßig zur Live-Setlist gehörenden SEPULTURA-Cover 'Roots' war das Publikum wach und zollte der Band Anerkennung für ihre sehr ordentliche Leistung. Diese fette Abfuhr hatte sich echt gewaschen.

Richtig heftig ging es auch gleich weiter, wobei jetzt mit CUNTGRINDER waschechter Grindcore aus Görlitz auf dem Programm stand. Aber halt, da muss ich präzisieren, denn eigentlich ist es ja die Abart Porngrind, die die Band fabriziert. Die sicken Texte waren durchaus passend zur derben musikalischen Breitseite und bei Songtiteln wie 'Masobitch', 'Bloody Cunt Fuck' oder 'Mundhöhlenschwangerschaft' bleiben echt keine Fragen mehr offen. Geschmacklos und ekelhaft...
Das über zwanzig Songs starke Programm wurde auch mit einigen Covern versehen, das Bekannteste mit 'United Forces' von S.O.D. gab es dabei kurz vor Schluss. Die zu vier Fünfteln mit Strumpfmasken bekleideten Porno-Freaks sind sicherlich nicht jedermanns Sache, aber die Anzahl der Sympathisanten überwog an diesem Abend deutlich.

Ein Vernichtungsfeldzug anderer Güteklasse startete direkt anschließend, als sich das Jägermeister-Promoteam auf den Weg machte und eben jenes Getränk zahlreich und gratis (was leider ein sehr haltloses Konsumentenverhalten zur Folge hatte) unter's Volk brachte. Es gab nicht wenige Zeitgenossen, die gleich mit einem ganzen Arm voll dieser bösartigen Reagenzgläser durch die Gegend steuerten. Na dann, Prost!

ORTH aus Berlin boten, wie man es von ihnen gewohnt ist, feinsten Old School Death, mussten sich allerdings das Zuschauerinteresse erst einmal erkämpfen, da ein Großteil der Anwesenden immer noch damit beschäftigt war, sich Reagenzgläser voll braunen Gesöffs hinter die Binde zu gießen oder für Fotos mit Hirsch Rudi (der sich seinen Frust über die geringe finanzielle Vergütung wild herausmoshte) zu posieren. Letztendlich gelang es ORTH allerdings, die Besucher wieder für das Wesentliche, nämlich die Mucke (oder gehen da die Meinungen etwa auseinander?), zu begeistern.
Die Band unterbrach für den Scheddel-Geburtstag extra ihren Studioaufenthalt und hatte auch gleich einen neuen Song im Gepäck - O-Ton: "Bei dem können wir uns ja verspielen, den kennt eh noch keiner". Insgesamt servierten die Berliner ein schön aggressives, aber auch durchaus abwechslungsreiches Gebretter, zu dem eigentlich jeder Besucher kräftig abscheddelte. Starke Vorstellung!

Beim anschließenden Grunzwettbewerb gab es dann Beiträge von ganz unterschiedlicher Qualität. Einigen Teilnehmern merkte man an, dass sie bereits in Bands aktiv sind und andere kamen so vielleicht auf den Geschmack. Auf jeden Fall erschütterten die meisten Teilnehmer (auch weiblichen Geschlechts - Respekt!) mit deftigen Einlagen das Gebälk und holten sich verdiente Preise ab, obwohl es auch die eine oder andere Ausnahme in negativer Hinsicht gab (und da muss ich wohl keine Namen nennen!? – siehe unten).

Wenn MANOS das Haus rocken, ist Party pur angesagt. Vor eineinhalb Jahren kam man ja bereits beim Weihnachts-Scheddel in diesen Genuss und nun sollte dieses durchgeknallte Trio Infernale also dem Scheddel-Geburtstag die Krone aufsetzen.
Eule hatte mal wieder einen ganzen Schrottplatz an seine Klampfe montiert, die er später auch mal kurz gegen ein überdimensionales russisches Zupfinstrument austauschte. Jeder, der MANOS schon mal live gesehen hat, weiß eh, was da abgeht, aber bei dieser Show war es extrem. Ob es am reichhaltigen Genuss der Freigetränke (Freibier und Jägermeister) lag, weiß ich nicht, ist aber anzunehmen. Auf jeden Fall moshten selbst sonst eher zurückhaltende Zeitgenossen zu Songs wie 'Biene Maja', 'Komm in den Garten' oder 'Hip Hip' kräftig ab und die Diver flogen einem im Sekundentakt um die Ohren. Als dann endlich alle Party-Hits, die MANOS ihr Eigen nennen, durch waren, wurde sogar noch eine schmissige Version von 'Breaking The Law' rausgehauen.
Irgendwie schien es, als wolle dieses Konzert überhaupt kein Ende mehr nehmen. Als dann weit nach halb drei doch der letzte Vorhang fiel, konnte sich jeder ausgepowert, volltrunken und mit der Gewissheit, Zeuge einer denkwürdigen Scheddel-Fete gewesen zu sein, auf den Heimweg machen. Auf diesem sah man dann sogar MANOS-Souvenirjäger "Kranker Vogelkäfig"-schreiend durch die Straßen torkeln, was definitiv ein Sinnbild der vergangenen Stunden war.

Kurzes Fazit: Man muss eigentlich wirklich froh sein, dass nicht jeden Monat Scheddel-Geburtstag ist, denn das hält man ja im Kopf nicht aus... Good fight, good night!

Ein paar Impressionen hat auch der Henri noch aus seinen alkoholbedingt lückenhaften Erinnerungen hervorgekramt. Here we go...

[Stephan Voigtländer]

Warum eigentlich...?! Der Kopf pocht, der Körper fühlt an sich wie ein zu lange gekatschter Kaugummi. Am Tag nach dem dritten Heavy Metal Nix Im Scheddel-Geburtstag in Leipzig ist folgende gute alte Sauf-Erkenntnis als Fazit ausreichend: Kein Sieg ohne Opfer.
Erster Sieger des Abends sind UNTAMED am Anfang. Geiler Nu Metal im bewährten MACHINE HEAD-Style brettert von der Bühne, die Jungs sind spielfreudig und lassen es abwechslungsreich krachen. Zwar halten sich die Reaktionen im Publikum noch in überschaubaren Grenzen, das hindert die Jungs auf der Bühne jedoch nicht daran, ein wuchtiges und rattenscharfes SEPULTURA-Cover - 'Roots Bloody Roots' - zu zocken. Am Ende des kurzweiligen Auftritts steht noch der Dank an die Scheddel-Macher, UNTAMED wissen eben, was sich zum Geburtstag gehört.

CUNTGRINDER sind ähnlich nett drauf. Fünf Typen stehen auf der Bühne, vier Leute haben Sturmmasken über das Gesicht gezogen. Nebel wabert, teilweise sind nur Schemen der Musiker erkennbar. Bloß der Sänger versteckt sich nicht. Dazu hat er auch keinen Grund, sein Organ klingt herrlich verroht und bizarr. So wird derAuftritt der Grindcore-Sickos ein Fest des zweifelhaften Geschmacks, die Porno-Texte von CUNTGRINDER gefallen sicherlich nicht jedem. Doch im Scheddel stört sich niemand an dem kranken Image der Burschen, in den ersten Reihen bangen sich die Fans die Rübe vom Kopf. Inzwischen ist schon das erste Fass Freibier geleert, das Jägermeister-Promo-Team steht bereit. Kaum sind die Jungs und Mädels samt Knuddel-Plüschttier Rudi Hirsch unterwegs, setzt kollektives Koma-Saufen ein. Kostenloser Jägermeister jagt durchs Blut.

ORTH werden da gleich noch mehr abgefeiert. Der Death Metal von ORTH ist eben auch so strukturiert kräftig den Kopf zu schütteln. Die Berliner verwenden nämlich nicht allzu schwere Song-Strukturen, sie klingen nach alter Schule pur - Bangen und Feiern ohne Reue. Dann folgt der von Scheddel-Chef Ringo moderierte Grunzwettbewerb, für die mutigen Teilnehmer verläuft der Gröhl-Ausscheid je nach Trunkenheitsgrad mehr oder weniger erfolgreich. (Negatives Highlight war mal wieder Henri Kramer selber, der den Grunzwettbewerb wohl mit einem Headbangkontest verwechselt hatte und zum Entsetzen aller trotzdem einen Aschenbecher als Preis bekam. Unglaublich... - Anm. d. nüchtereren Teils d. Red. - *Ich habe mich schon gewundert, wie das Ding in meine Tasche gekommen ist. - HK*)

Ähnliches gilt für den Auftritt von MANOS. Alkoholleichen purzeln herum (bzw. müssen nach halbstündigem, komatösem Tiefschlaf direkt vor den Boxen ganz langsam und sanft wieder an die Realität herangeführt werden - Anm. d. Red.), wer noch gehen kann, lässt sich vom morbiden Frohsinn der MANOS-Musiker begeistern. 'Der Fuchs schleicht...' ist nur ein Hit, 'Kranker Tannenbaum' ein anderer. Weitere Details der Show verschwimmen. Deswegen zurück zur Ausgangserkenntnis: Kein Sieg ohne Opfer. Gewonnen hat auf jeden Fall die Scheddel-Crew. Denn auch dieses Jahr war ihre Geburtstagsfeier die Sauf-Party des Frühjahrs, mehr Spaß geht selten. Und die Opfer? Die Hirne und Lebern aller Beteiligten... Prost!

[Henri Kramer]


Scheddel-Infos und bisherige Berichte gibt es hier:
http://www.powermetal.de/tour/festival.php?id=787

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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