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Hell Over Hammaburg - Hamburg

01.04.2016 | 15:08

04.03.2016, Markthalle

Neuauflage des vielseitigsten Hallenfestivals des Nordens!

Nach einer Runde Schlaf und einem anständigen Frühstück geht es erneut in die ehrwürdige Markthalle. Der zweite Tag des vierten HELL OVER HAMMABURG Festivals steht an. An diesem Tag finden in beiden Hallen Konzerte statt, was die ganze Angelegenheit ein bisschen wuseliger als am gestrigen Freitag macht.

Zu Beginn gibt es erstmal entspannten Retrorock der Berliner Band H.E.A.T. Leider ist der große Saal zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich leer, was die Band aber offensichtlich überhaupt nicht stört. Locker aus der Hüfte rockt das Quintett einfach munter drauf los. Das ist genau die richtige Musik fürs das erste Bier am noch jungen Konzerttag. Die kurzweiligen Ansagen – "Ansagen sind doof" – und das mitreißende Auftreten der Band lassen mich bis zum Ende des Auftrittes in der Halle verweilen, denn das gebotene Programm ist erfrischend.  Außerdem zeigt diese Band, wie groß die stilistische Bandbreite dieser extrem gelungenen Veranstaltung ist. Wo sonst spielen Death Metal Bands zusammen mit solchen Retrorockern? Daumen hoch.

Als ich danach ins Marx wechseln möchte, um LETHAL STEEL zu begutachten, komme ich nur noch bis kurz hinter die Eingangstür. Von Draußen klingt das aber ganz ordentlich und so stelle ich mich mit einem neuen Getränk in die Nähe der Tür, um zumindest ein bisschen was zu hören.

In der großen Halle geht es dann weiter mit den heiß ersehnten Schweden namens TRIAL. Die Jungs haben mich mit ihrem letzten Album "Vessel" im vergangenen Jahr schwer erwischt. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis sich der kauzige Metal in meinen Ohren eingenistet hatte, aber rückblickend ist das eine meiner liebsten Scheiben aus dem Jahr. Entsprechend gespannt erwarte ich also den Auftritt der Herrschaften aus Trollhättan. Optisch werden gleich alle Kautz-Ansprüche erfüllt: Sänger Linus Johansson mit offenem, langem Mantel und einer irren Gestik, die nicht jeder toll fand. Ich fühle mich von der ersten Sekunde an blendend unterhalten. Sein hoher, teils schriller Gesang sucht manchmal den exakten Ton, aber das stört mich nicht. Neben ihm Bassist Andréas Olsson, welcher den Preis "längste Matte des Festivals" gewinnt. Erstaunlich, dass er sich nicht andauernd in seinen Saiten verheddert. Ein absoluter Hingucker, dieser Vorhang. Aber wir sind nicht bei einem Modemagazin und daher möchte ich natürlich auch noch auf die musikalische Darbietung eingehen. Die fünf Skandinavier machen exakt das, was man nach den Veröffentlichungen erwarten durfte: Sie spielen schrägen Heavy Metal, der nicht sofort mitreißt. Von daher sind die Reaktionen nicht ganz so euphorisch, wie zum Beispiel bei DAWNBRINGER am gestrigen Tage. Ich habe den Eindruck, dass viele die Band bisher gar nicht kennen, sich aber durchaus für die Musik begeistern lassen. Das genau macht dieses Festival ja unter anderem auch aus: Durch die musikalische Vielfalt kann sich der offene Hörer hier auch über Bands informieren, die er bislang nicht kennt. Ich mache dies bei den ganz harten Truppen dieser Veranstaltung und Freunde eben jener Bands können dies bei etwas gemäßigteren Bands machen. Und wie lernt man eine Band besser kennen als in einer Livesituation? Von daher kann man nur von einer win-win Situation für alle Beteiligten reden. Da die gut gefüllte Halle während des Auftritts von TRIAL kaum leerer wird, gehe ich davon aus, dass die Truppe heuer einige neue Fans gewonnen haben wird, die sie sonst vielleicht nie angehört hätten. Nach der gelungenen Show gönne ich ihnen das von ganzem Herzen.

In den kleinen Räumlichkeiten wird cooler Doom von den deutschen Newcomern MOUNTAIN WITCH serviert. Erneut hält mich die Menschenfülle und das an eine Sauna erinnernde Klima im Innern des Marx davon ab, viel von der Band zu sehen, sodass ich gleich auf die nächste Band im großen Saal zu sprechen komme. Die Rede ist von den mir bis hierher unbekannten WEDERGANGER aus Holland. Die Band ist für die abgesprungene BHLEG eingesprungen und wird von einer sehr vollen Halle freudig erwartet. Als die Band die Bühne entert, muss ich schmunzeln, denn ganz offenbar scheinen Gesichtsvermummungen und Kapuzen immer mehr in Mode zu geraten. Völlig atypisch ist aber das Auftreten mit zwei Sängern. Während der eine kreischend ins Mikrophon hechelt, überrascht mich der andere mit tiefem Seemannsgesang. Eine äußerst coole Mischung. Obendrein agiert der Kapitän in seiner gesangslosen Zeit wie ein Duracell-Häschen auf Ecstasy. Das macht Laune! Aber auch musikalisch ist die Band extrem abwechslungsreich unterwegs und kann daher bei mir schnell punkten. Gerade, wenn man nicht mit Hochgeschwindigkeit im sechsten Gang durch die Kurven schreddert, beginnt auch mein linker Fuß in nordischer Euphorie zu wippen. Ein gutes Zeichen, vor allem, wenn man sich anschaut, wie viele linke Füße zu wippen scheinen. Die Meute vor mir ähnlich schnell einem pulsierenden Mob, der völlig gebannt dem irren Treiben auf der Bühne folgt. Die Band selbst scheint diese ihr entgegen gebrachte Begeisterung aufzusaugen und in ein noch energischeres Spiel zu katalysieren. Anders kann ich mir den Rauschzustand, in den sich die Holländer spielen, kaum erklären. Nicht umsonst ist nach dem Konzert das komplette Tonträger-Sortiment der Truppe vergriffen und alle reden völlig begeistert von einem Auftritt, den man so nicht erwartet hatte. Ich denke, WEDERGANGER sind so etwas wie der der heimliche Gewinner der Veranstaltung.

Während nebenan polnischer Black Metal von BESTIAL RAIDS gespielt wird, freue ich mich auf das europäischen Metalflagschiff namens RAM. Das schwedische Quintett ist unbestritten eine DER Stahlschmieden Europas. Musikalisch immer für ein paar Überraschungen bereit, bietet die Truppe optisch die metallische Vollbedienung. Leder und Nieten dominieren das Image der Band und wenn Sänger Oscar Carlquist zu jeder Textzeile wilde Posen mit den Armen reißt, rast das Metalherz. Man mag das überzogen finden, altbacken und vom Metal God kopiert und all' das mag auch stimmen, aber das ist völlig egal, denn erstens ist die Musik der fünf Skandinavier über jeden Zweifel erhaben und zweitens ist die Angelegenheit so überzeugend dargeboten, dass man sich einfach blendend unterhalten fühlt. So sieht man heuer hunderte von Luftgitarren in der Menge qualmen und ebenso viele in die Luft gereckte Fäuste. Wenn RAM auf der Bühne steht, heißt die Devise: Mehr Metal geht nicht! So auch heute. Die Band spielt sich quer durch ihren Backkatalog, verzichtet aber leider auf 'Suomussalmi (The Few Of Iron)'. Das ist aber nur ein klitzekleiner Wehrmutstropfen, der durch 'Machine Invaders' fast wieder wettgemacht werden kann. Ein Song, der zeigt, wie zeitgemäßer Heavy Metal zu klingen hat: Scharfkantig, wild und mitreißend. Etwas irritierend empfinde ich den Umstand, dass Oscar bei jedem Solo an den Bühnenrand verschwindet. Unabhängig davon liefert die Band einen äußert routinierten Gig ab, der großen Anklang findet. Die Band gefällt sowohl den Traditionaliisten wie auch Schwarzheimerm im Publikum ausgesprochen gut, was sicherlich am nötigen Härtegrat ihrer Kompositionen liegt. Die modernen Metalpriester wissen eben wie man eine amtliche Stahlagentenparty feiert. Alle Daumen hoch!

Ich hätte gern ein bisschen was von den extrem angesagten Antistars der Formation (DOLCH) angesehen, aber das Klima und die Fülle in der kleinen Halle lassen dies nicht zu. Auch nicht so schlimm, so können die Ohren mal lüften. Die mir bis dato unbekannten SCEPTICISM aus Finnland stehen als nächstes auf der großen Bühne. Skandinavier im Frack, die melancholischen Slow-Motion-Doom zelebrieren. Funeral Doom ist wohl die korrekte Stildefinition. Nicht nur ihre Musik ist besonders langsam, auch ihr Veröffentlichungszyklus: Fünf Longplayer und ein paar EPs in knapp 25 Jahren sind bisher erschienen. Das ist sogar für eine Doomband extrem gemächlich. Aber genau dies zeichnet die Musik der Finnen aus: Sie ist extrem. Zwischen den Schlägen des Drummers kann man sich prima ein Bier bestellen und während eines Songs ist der Becher auch schon leer. Hätte ich mich vorher mit der Band beschäftigt, würde mir das gebotene Material sicherlich deutlich mehr geben, aber so finde ich überhaupt keinen Zugang zu den düsteren Klängen. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu aufgekratzt aufgrund der tollen Veranstaltung und daher nicht in der richtigen Grundstimmung für die Musik von SKEPTICISM. Fakt ist, dass ich nach 20 Minuten glaube, genug gesehen und gehört zu haben, und die Halle verlasse. In dieser Zeitspanne konnte die Band mit ihrer an ESOTERIC erinnernden Grundausrichtung mein Interesse wecken. Das darf man durchaus als Lob auffassen.

Die italienischen Psychedelic Doomer BLACK CAPRICORN erquicken unser Herz mit lustiger Merchandise-Auswahl. So hat die Band genau ein Exemplar ihrer 7" am Start und T-Shirts gibt es laut Verkäufer nur in extremen Größen. Da sind wir wieder beim Thema Extreme. Irgendwas muss die Bands heuer ja verbinden. Ich widme mich den allseits abgefeierten Polen MGLA, deren Bandnamen niemand wirklich aussprechen kann. Man kommt zu dem Ergebnis, der Name sei nur auf der Melodie von 'Y.M.C.A.' (Village People) zu singen. Wäre das auch geklärt. Die große Markthalle ist proppenvoll, als die vier Polen die Bretter besteigen. Stilecht natürlich mit vermummten Gesichtern. Das stört aber niemanden im Publikum und als die Jungs mit Vollgas in ihren Set einsteigen, bricht in den vorderen Reihen die Hölle aus! Das sieht von der Empore aus ziemlich beeindruckend aus. Genau dies ist auch mein Attribut für das, was die Jungs da musikalisch abliefern. Vor allem der Schlagzeuger ballert mit der Präzision eines Maschinengewehres pfeilgenaue Rhythmen in die Felle. Hut ab dafür. Während ich zunächst nur fasziniert von der Atmosphäre, mir die Musik aber zu heftig erscheint, macht es nach ein paar Songs auch bei mir plötzlich "Klick" und ich bin ziemlich angetan. Obwohl die Band jegliche Kommunikation mit dem Publikum vermeidet, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Hier funktioniert die Musik beinahe komplett ohne die für uns Traditionshörer so gewohnten Posen. Hier stehen drei Musiker auf der Bühne, die sich nicht bewegen und nur stoisch ihre Songs in die Meute ballern. Wunderbar passend ist dazu die Lichtshow, die während des gesamten Auftrittes die Bühne in blau/grünes Licht flutet und somit die modrig-morbide Atmosphäre herrlich unterstreicht. Sogar ich tauche in der zweiten Hälfte in die Musik ab und bin für eine halbe Stunde ein MGLA-Fan. Sehr eindrucksvoller Auftritt.

HEMELSBESTORMER müssen leider ohne meine Anwesenheit auskommen, denn der Körper ruft nach dem MGLA-Auftritt nach frischen Ohren und Flüssigkeitszufuhr. Beides gibt es in der Vorhalle. Ein kurzer Plausch noch und dann geht es auf zum Finale. DEMON, das Urgestein der NWoBHM mit einem ihrer heute nur noch seltenen Auftritten. Wer die Band um Sänger Dave Hill schon einmal live gesehen hat, weiß, dass eine DEMON-Show immer toll ist.  Hier sind alte Hasen am Start, die trotz ihrer Erfahrungen niemals Routine abspulen, sondern jeden Gig zu feiern scheinen als sei es ihr letzter. So auch heute. Allerdings überrascht die Band alle Anwesenden gleich zu Beginn mit dem Einstiegssong. 'Wonderland' ist jetzt keine Nummer, die man hier erwartet hätte. Mit dem ersten Immergrün namens 'Sign Of The Madman' hat man aber gleich einen lautstarken Chor aus dem Publikum auf seiner Seite. Dave Hill hat nichts von seinen gesanglichen Qualitäten verloren und rockt agiler als so mancher junger Hüpfer über die Bühne. Weiter im Takt geht es mit 'The Plague' und 'The Spell'. 'Blackheath', sowie die nächste Überraschung namens 'Nowhere To Run' setzen das muntere Treiben fort und die Stimmung auf und vor der Bühne ist extrem ausgelassen. Die Spielfreude der Band ist einfach unglaublich ansteckend und mitreißend. Mit 'Fill Your Head With Rock' gibt es eine Nummer des bockstarken letzten Albums "Unbroken" und mit 'Standing On The Edge' gibt es einen weiteren Song aus der Neuzeit. Als die Band dann abschließend noch 'Life On The Wire' und 'Don't Break The Circle' auspackt, ist jede Kehle in der Halle lautstark am Chorus beteiligt. Klassiker-Alarm! Den krönenden Abschluss eines wunderbaren Festivaltages bildet dann der Titelsong des 26 Jahren Debütalbums "Night Of The Demon". Die Halle steht Kopf! Erst später wird mir bewusst, dass es leider keine Songs aus dem Jahrhundertwerkes "Taking The World By Storm" gegeben hat. Dies ist das einzige Manko einer erneut grandiosen DEMON-Show. Jammern auf ganz hohem Niveau also.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich die beiden Tage sehr genossen habe. Die auf den ersten Blick krude wirkende Bandmischung funktioniert ganz fabelhaft, die Organisation war erstklassig, Ton- und Lichtqualität in der großen Halle eine Ohren-und Augenweide. So funktioniert Underground. Man entdeckt sogar neue Bands und vielleicht sogar neue Genres für sich. Ein sehr positiver Nebeneffekt. Ich bin im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder am Start. Völlig egal, welche Bands hier auftreten.

Die wundervollen Photos stammen - mit Ausnahme von DEMON (Dank an FotoHans) von Evelyn Steinweg. Wenn Ihr mehr Bilder von ihr sehen wollt, klickt hier hin.

Redakteur:
Holger Andrae

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