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Hell Over Hammaburg 2014 - Hamburg

12.04.2014 | 18:47

01.03.2014, Markthalle

Indoor-Festival in Hamburg!


Da gibt es in Hamburg endlich mal ein wirklich tolles Hallenfestival und ich muss ausgerechnet an diesem Tag meinen neuen Job anfangen. Ja, richtig gelesen: So ein Schreiberling hat auch noch ein anderes Berufsleben. Aber mal Spaß beiseite: Aufgrund dieses Umstandes ist es mir leider nicht möglich, die Bands des Nachmittages zu sehen, was mir im Falle von CORSAIR und DEAD LORD schon sehr leid tut. Beide Bands zählen zu meinen Favoriten, wenn es um feine Gitarrenharmonien, mitreißende Beats und ohrwurmige Hooklines geht. Aber man kann nicht alles haben. Immerhin gelingt es mir, pünktlich zu ATLANTEAN KODEX in der Markthalle aufzulaufen.

Dort angekommen bin ich erst einmal völlig begeistert von der extrem guten Stimmung in der überfüllten Vorhalle. Strahlende Gesichter an allen Ecken, lange nicht gesehene Bekannte sind für diese superbe Veranstaltung aus der Versenkung aufgetaucht und alle sind sich obendrein auch noch einig: Der bisherige Tag war toll. So wird mir schwärmerischen Aussagen über die beiden eingangs erwähnten Bands der Mund wässrig gemacht. Beide sollen das völlig überfüllte Marx komplett gerockt haben. Der einzige Wermutstropfen: Der Andrang in die kleine Halle war wohl so enorm, dass leider nicht alle, die gern wollten, auch in den direkten Genuss der Bands kamen. Ein kleines Dilemma, mit dem sich die Veranstalter aber bereits auseinander gesetzt haben. Völlig lösen werden sie Problematik aufgrund der unterschiedlichen Kapazitäten der beiden Hallen sicherlich nicht, aber der bereits wenige Tage nach dem Event öffentlich publizierte Lösungsansatz zeigt, dass man sich mit den Themen der Fans zeitnah beschäftigt. Vorbildlich.

Ebenso vorbildlich ist die Tatsache, wie gelungen der stilistische Mix der zum Tanze aufspielenden Bands ist. Vom rüden Black Metal bis zum traditionellen Hard Rock wird das komplette Spektrum der härteren Stromgitarrenmusik abgedeckt und es scheint so als würde das Publikum überall einmal hinein schnuppern. Scheuklappen waren vorgestern. Zumindest an diesem Abend.

Genug des Vorgeplänkels, wenden wir uns dem aktuellen Geschehen zu: Der KODEX gibt eines seiner seltenen Konzerte und entsprechend übervoll ist die große Markthalle. Ich fühle mich erinnert an selige Zeiten in den 80er Jahren, wo ich in eben jenem Etablissement solche Newcomer wie METALLICA, EXODUS, METAL CHURCH, HEIR APPARENT oder SANCTUARY vor vollen Rängen abgefeiert habe. Als das Intro "Auch Diese Wölld" vom Band erklingt, starren ein paar Hundert Augenpaare aufgeregt in Richtung Bühne und harren aufgeregt der Dinge, die gleich geschehen werden. Als die Band mit 'Enthroned In Clouds And Fire' fulminant in ihren Set einsteigt, fällt leider der für die Markthalle übliche Sound als Manko ins Ohr. Okay, verstöpseln und gut is'. Von Beginn an frisst die Menge Sänger Markus Becker aus der Hand und singt beinahe jeden Ton lautstark mit. Ein Enthusiasmus, den man als Hamburger selten zu sehen und hören bekommt. Offenbar ist die Quote an Angereisten recht hoch ... oder die Band ist tatsächlich so gut. Die Antwort liegt in der Mitte, denn vor allem Markus Becker und Gitarrist Manuel lassen sich von dieser Kulisse anstecken und grinsen breit über alle vier Backen. Weiter im Takt geht es mit 'From Shores Forsaken' und der Chart-Hymne des neuen Albums 'Sol Invictus'. Der Markthallenchor jodelt fröhlich dazu und Manuel scheint zeitweise auf einem anderen Planeten zu spielen. Mit verschlossenen Augen und völlig in der Musik versunken scheint er jede Note körperlich nachzuempfinden. Ansteckend. Dass die anderen beiden Musiker dagegen etwas statisch wirken mag an wenig Bühnenerfahrung liegen oder aber einfach auch an ihrer beinahe schüchtern wirkenden Art. Sympathisch. Nach 'Heresiarch' kommt dann bereits der Song, auf den sicherlich viele gewartet haben: 'Twelve Stars And An Azure Gown' ist nämlich für nicht weniger der Anwesenden der Übersong der Band und genau so wird er auch abgefeiert. Wo man hinschaut sieht man offene Münder, zufriedenes Grinsen, gen Hallendecke geballte Fäuste und wallende Haarmatten. Es ist eine wahre Freude. Man wird einfach mitgerissen von dieser überschäumenden Reaktion. Dass Markus kein Entertainer ist, stört dabei nicht, denn seine kumpelhafte und extrem bodenständige Art passt einfach zum gesamten Auftreten von ATLANTEAN KODEX. Das sind beinharte Metalfans, die zufällig gemeinsam Musik machen und die noch zufälliger Musik spielen, die vielen Gleichgesinnten gefällt. Zufälle gibt es...

Eigentlich hätte das Konzert zu Ende sein können, aber das Quintett schenkt mit 'Atlantean Kodex' noch einmal amtlich nach. Die Halle tobt und nachdem der letzte Akkord dieser Hymne (wie viele Hymnen darf eine Band eigentlich pro Album einspielen? der Verf.) ist man sich sicher, jetzt sei Schluss. Au contraire: Der Song über den Pilgrim gibt es als finalen Nackenschlag noch zum Dessert und man darf anmerken, dass diese Sahneschnitte quasi wie das Minzblättchen der Monty Pythons den Messbecher der erträglichen Begeisterung beinahe zum Zerbersten bringt. Heiliger Bimmbamm, war das geil.

Setlist: Auch diese Wölld  (Intro); Enthroned In Clouds And Fire; From Shores Forsaken; Sol Invictus; Heresiarch; Twelve Stars and an Azure Gown; The Atlantean Kodex; Pilgrim

Danach beginnen in der Vorhalle die Diskussionen, ob SATAN diesen Auftritt noch toppen werden. Ich bin da optimistisch gestimmt, denn die Auftritte beim KIT und auch beim Metal Assault zählen zu den besten Auftritten der letzten Jahre, die ich sehen durfte. Eines fällt auf jeden Fall positiv auf: Es bleibt sehr voll, kaum jemand scheint vorzeitig ins samstägliche Nachtgeschehen zu entschwinden. Als das altbekannte 'Into The Fire' vom Band erklingt, wiederholt sich das Szenario vom Beginn der KODEX-Show: Alle Augen der noch immer proppenvollen Hallen starren nach vorn. Der nahtlose Übergang in den Klassiker 'Trial By Fire' zeigt sofort, dass sich bei den Briten niemand Gedanken über Altershüftsteifheit machen muss. Basser Graeme English rennt wie gewohnt wild bangend über die komplette Bühne und hat offenbar wieder ein paar Liter Kaffee intus. Es ist eine wahre Freude, dem guten Mann einfach zu zuschauen. Brian Ross, soviel ist ebenfall bereits beim ersten Song glasklar, ist so gut bei Stimme wie schon lange nicht mehr. Der gute Mann scheint im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen im Alter noch besser zu klingen. Es ist beinahe unheimlich, mit welcher Leichtigkeit er selbst die hohen Töne noch immer problemlos trifft. Wie gewohnt geht es weiter mit 'Blades Of Steel' bevor die Band mit rasanten 'Time To Die' und dem eher melodischen 'Twenty Twenty Five' zwei Nummern des aktuellen Kracheralbums auffahren. Wo bei anderen Bands das Stimmungsbarometer bei neuen Songs oftmals ins Bodenlose fällt, kann ich heute keinerlei Schwankungen feststellen. Das Publikum singt völlig entfesselt jeden Ton mit und ich spiele mir die Finger an der Luftgitarre wund. Was die beiden Klampfer Steve Ramsey und Russ Tippins abfeuern, ist aber auch wieder nicht von dieser Welt. Das Duo ist für mich das beste europäische Gitarrendoppel überhaupt. Hier stimmt einfach alles: Technik, Gefühl und Zusammenspiel. All das transportiert mit einer Frische und Energie, die unwillkürlich mitreißt. Immer und immer wieder.

Nachdem es mit 'Break Free' wieder einen goldenen Oldie genießen dürfen, folgt mit 'Cenotaph', 'Siege Mentality' und 'Incantation' eine saftige Salve aktueller Munition, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch wenn aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit ein paar Frühschlafer die Halle verlassen haben, bleibt die Stimmung unverändert toll. So toll, dass Brian Ross sogar sein Sonnenbrille abnimmt und  meinen absoluten SATAN-Obersong ankündigt: 'Oppression' erklingt und ich klinke mich für fünf Minuten aus dem irdischen Dasein aus. Diese Nummer entreißt mich seit 30 Jahren immer wieder der Realität und so ist es auch heute Abend. Die schlängelnden Gitarrenharmonien sind so beschwörend, ich bin wie hypnotisiert. Dazu das kraftvolle Schlagzeugspiel von Sean Taylor und fertig ist die Glückseligkeit. Als der letzte Ton verklungen ist, brauche ich ein paar Minuten, um 'Testimony' wirklich zu erfassen. Auch wenn es sich hierbei ebenfalls um einen großartigen Song handelt, hat er nach 'Oppression' absolut keine Chance auf eine wirkliche Huldigung meinerseits. Rechtzeitig zum Gassenhauer 'Alone In The Dock' bin ich aber mental wieder im Hier und Jetzt und kann fröhlich meine Umgebung mit Antigesängen verwöhnen. Entschuldigung. Dann ist erstmal Schluss. Aber nur für wenige Minute, denn die lautstark geforderte Zugabe ertönt in Form von 'Kiss Of Death' Eine weitere Nummer aus der ganz frühen Phase der Band. Und eine weitere, bei der ich komplett am Rad drehe; sogar nach drei Stunden Konzert in den müden Knochen. Dieser Song ist der würdige Abschluss eines wunderbaren Konzertabends, der bitte im nächsten Jahr seine Wiederholung finden wird.

Setlist: Into the Fire;Trial by Fire; Blades of Steel;Time to Die;Twenty Twenty Five; Break Free; Cenotaph; Siege Mentality; Incantations; Oppression; Testimony; Alone in the Dock; Kiss of Death

Redakteur:
Holger Andrae

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