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Hellonion Festival 2007 - Weimar

19.10.2007 | 15:25

13.10.2007, Neue Weimarhalle

Draußen auf den Straßen drängen sich unzählige Bratwurststände und gibt es noch mehr kunstvolle Zwiebelgehänge, getrocknet, hübsch drapiert und hingehängt. Es ist das zweite Oktoberwochenende und Weimar im Ausnahmezustand. Gerade wird der Zwiebelmarkt, eines der größten Volksfeste Thüringens, im Zeichen des knubbeligen Gemüses begangenen. In der neuen Weimarhalle herrscht dagegen der Kürbis, er findet sich auf Eintrittskarten und T-Shirts. Denn unter dem Banner des gelben Halloween-Gemüses findet an diesem Samstag das Hellonion-Festival statt - mit Zwiebeln oder einem normalen Volksfest haben die Bands und Fans an diesem Abend nichts zu tun. Eher steht ihnen der Sinn nach Bier und deftiger Lautstärke. Schon die Musiker von PURGATORY, der ersten Band des Abends, zeigen das nachdrücklich. Ihr Sänger Dreier trägt ein dem Anlass entsprechendes T-Shirt. "Gott ist heute nicht hier", ist darauf zu lesen.

Die unmissverständliche Ansage passt zum Sound der vier Sachsen. Wütender Death Metal, das ist ihr Markenzeichen. Doch das noch nicht allzu zahlreiche Publikum honoriert ihren energetischen Auftritt kaum. Es ist aber auch erst früh, 19.30 Uhr stehen PURGATORY bereits auf der Bühne. Doch die äußerlich schlechten Umstände scheinen sie kaum zu stören. Mit Songs wie 'Seeds Of Annihilation' oder 'In Fervent Eyes' haben sie einige Kracher ihres nun schon drei Jahre alten Albums "Luciferianism" mitgebracht - und können sodann doch ein paar erste Köpfe zum Schütteln bringen. Auch ihre kommende Scheibe namens "Cultus Luciferi - The Splendour Of Chaos" stellen sie bereits in Auszügen vor. Dazu fällt auf, dass PURGATORYs nun nicht mehr ganz so neuer Sänger Dreier neben seiner bulligen Erscheinung auch ein geiles Grunzorgan besitzt, das den Weggang seines Vorgängers Sick vor zwei Jahren locker vergessen lässt. Und für die, die nicht lesen können, hat der neue Brüllhals noch einmal seinen persönlichen Wahlspruch des Abends lautstark parat: "Gott ist heute nicht hier". Ein brachiales 'Luciferic' schließt sich dieser einfachen Wahrheit an.

Nach so viel pechschwarzer Death-Metal-Atmosphäre ist der Übergang zu NEAERA recht abrupt. Doch scheint das Publikum dieser Art von kraftvollem Metalcore mehr abzugewinnen als noch den Todesblei-Künsten von PURGATORY. Die Münsteraner tun aber auch viel, um das Publikum aus der Reserve zu locken. Besonders Frontmann Benny ist mit seiner extremen Schreistimme der Mittelpunkt des Geschehens. In den Pausen labert er dazu immer wieder motivierend auf das Publikum ein und schafft es sogar, eine "Wall of Death" zu starten. Kurz bevor das Publikum wie wild geworden ineinanderrennt, hat Benny sogar noch einen Tipp für die Fans: "Das ist kein Kindergarten - und springt nicht mit angezogenen Knien gegeneinander." Doch blaue Flecke gibt es trotzdem, ganz besonders wenn eine Band solche Brecher wie 'Where Submission Reigns' herausholt. NEAERA jedenfalls sind an diesem Abend der lebende Beweis gegen das von Traditionalisten aufgebaute Klischee, Metalcore wäre nur Musik für Spinner. Denn ihre Härte und Brachialität sind einfach so mitreißend, dass sich selbst alte Szenefüchse freuen können - über die rasende Kompromisslosigkeit von Newcomern wie eben NEAREA, die sich vor drei Jahren erst gegründet haben.

NECROPHOBIC gehören dagegen schon zu den altgedienten Recken der extremen Metal-Szene. Schon 1989 haben die Schweden musiziert. Doch von Altersmüdigkeit ist in Weimar nichts zu merken: Vor lauter fliegenden Haaren auf der Bühne lässt sich sogar schwer einschätzen, in welche Richtung die Augen zuerst blicken sollen. Denn jeder Musiker des Trios am Bühnenrand hat sich eine Beschreibung verdient: Sänger und Bassist Tobias Sidegård, weil er trotz seines sehr schlanken Köperbaus eine ordentlich diabolische Kreischstimme besitzt, die er mit entsprechend finsterem Mienenspiel garniert. Seine beide Gitarristen Sebastian Ramstedt und Johan Bergebäck stehen ihm in nichts nach: Besonders der blonde Hüne Johan versucht immer wieder, das Publikum anzufeuern, mit wilder Mähne und lauten Wikinger-Rufen, die kein Mikro brauchen. Allein, es nützt den Schweden wenig. Zwar bekommen sie ordentlich viel Applaus, allerdings will sich keine magische Mosh-Atmosphäre einstellen. Woran das liegt, ist schleierhaft, müht sich die Band doch redlich ab und zaubern die Musiker solche schwedischen Death-Metal-Perlen wie 'Taste Of Black' oder 'The Crossing' am Stück aus ihren Instrumenten. So ist Frontmann Tobias irgendwann einmal richtig sauer und erklärt den im Hintergrund stehenden Zuschauern, dass sie mindestens das Letzte sind - und keine Metal-Heads. Doch mehr Fans kommen deswegen auch nicht vor die Bühne, um zu den genialen Melodien der Schweden abzugehen, die in perfektem Sound durch die Halle kreisen. Dennoch lassen sich NECROPHOBIC bis auf ihren Sänger die Enttäuschung nicht wirklich anmerken. Denn ein bisschen mehr Action hätten sie schon erwarten dürfen. Schließlich spielen NECROPHOBIC nur äußerst selten in Deutschland. Einem ihrer frühen Förderer, dem Party.San-Open Air-Programmchef Jarne, der sie zu ihrem ersten Gig nach Deutschland holte, widmen sie deswegen auch ein Extra-Stück. Dazu kommen noch ein paar "Satan! Satan! Satan!"-Rufe von Schreihals Tobias. Und zum Ende sind dann doch alle zufrieden, auch die Zuschauer, die nur geguckt haben - der Applaus nämlich fällt über die Maßen laut aus. Nun dürfen NECROPHOBIC richtig trinken gehen.

Setlist:
Blinded By Light
Enlightened By Darkness
Taste Of Black
Into Armageddon
Spawned By Evil
The Crossing
Awakening ...
The Third Of Arrival
Nailing The Holy One
The Nocturnal Silence

Danach ist es an der Zeit, auf DIE APOKALYTISCHEN REITER zu warten - und sich nicht nur am Bierstand umzusehen. Denn die neue Weimarhalle ist schon beeindruckend für ein Festival dieser Größe. Das Klo ist perfekt gefliest und liegt eine Etage unter dem Konzertraum. Dort gibt es auch die Garderobe. Die Wände sind allesamt mit eleganten Holztäfelungen versehen. "Ganz schön teuer", sagt Boy, einer der Party.San-Veranstalter, der den Saal mangels anderer Räumlichkeiten mieten musste. Neben dem kultigen Sommer-Open-Air in Bad Berka haben die Party.San-en nämlich auch das Hellonion-Festival organisiert, nun schon zum zweiten Mal. Doch nicht jeder Zuschauer scheint ganz zufrieden. Der Eintrittspreis von nunmehr 25 Euro wird kritisiert - im Jahr zuvor hatte die Veranstaltung noch rund 12 Euro gekostet. Zudem scheint die Halle besonders bei den ersten Bands deutlich zu groß. Doch spätestens bei den REITERN ist die Begeisterung endlich quer durch den Saal zu spüren.

Das liegt wie immer an der fantastischen Laune, die Deutschlands schönste Pferdeband versprüht - und natürlich daran, dass die REITER in Weimar ein Heimspiel haben. Anders als beim Party.San in diesem Jahr legen sie den Schwerpunkt ihres Sets auf Stücke neueren Datums. Hits wie 'Riders On The Storm' sind da zu hören, 'Seemann' und 'Revolution' ebenfalls. Dafür müssen etliche Klassiker dran glauben. Der Begeisterung im Publikum tut das allerdings keinen Abbruch. Denn im Vergleich zu den Vorbands gehen die bescheidenen Massen wie entfesselt ab. Die REITER heizen den Wahnsinn weiter an, als sie bei 'Du kleiner Wicht' riesige blaue und rote Ballon-Bälle in die Zuschauermenge werfen, die fortan als praktische Spielzeuge über den Köpfen schweben und immer wieder hin- und hergestoßen werden. Dazu kommen Bongo-Trommel-Einlagen der Band und ganz viel Feuer, das die Stimmung weiter anheizt. So muss Keyboarder Pest in seinem Käfig kaum etwas tun, auch die Ansagen von Fuchs - "Ich will euch jetzt mal richtig durchdrehen sehen" - sind angesichts der Raserei in den REITER-Fanscharen kaum noch nötig. Zum Finale mit 'Die Sonne scheint' und 'Reitermania' gibt es als Extra noch zwei Schlauchboote, die über den Fans zum Mischpult getragen werden sollen - samt zappelndem Inhalt. Einer der beiden Fans, die inzwischen auf der Bühne stehen, traut sich denn auch, in das Boot zu springen und wird wirklich bis nach ganz hinten und wieder zurück bugsiert. Der andere Typ dagegen traut sich den Sprung nicht zu, das Boot startet ohne ihn und verliert sich in den ausrastenden Zuschauern, die es als Prellschutz benutzen. Gigs der APOKALYPTISCHEN REITER sind also auch Psychologie und ein Kampf gegen den inneren Schweinehund - und immer wieder in besonderem Maße großartig.

Das lässt sich auch von PAIN behaupten. Das 1996 gestartete Nebenprojekt von HYPOCRISY-Frontmann Peter Tägtgren ist längst den Kinderschuhen entwachsen - und trotz vieler Industrial-Elemente auch bei Metal-Heads voll akzeptiert. Dies zumindest zeigt sich in Weimar: PAIN räumen grandios ab. Das liegt auch an der enormen Bühnenpräsenz von Mr. Tätgren, der seine charismatische Erscheinung und seine grandiose Stimme voll zur Geltung kommen lassen kann. Das Publikum jubelt ihm zu, tanzt ausgelassen zu solchen Krachern wie 'Suicide Machine' oder 'End Of The Line'. Auch die Stücke des neuen Albums "Psalms Of Extinction" ballern enorm, liegen doch 'Nailed To The Ground' oder 'Zombie Slam' genau auf der Wellenlinie, die PAIN mit Klasse-Alben wie "Dancing With The Dead" vorgegeben haben. Der Sound zu diesem Fest des industrialisierten Metals ist einmal mehr transparent und kraftvoll und lässt so Hits wie das BEATLES-Cover 'Eleanor Rigby' glanzvoll erklingen. Da braucht es auch nur wenige Ansagen. Stück um Stück steigern sich PAIN - und brettern ältere Kracher wie 'On And On' gleich noch einen Zacken schärfer durch die Boxen. Einzig störend ist der fehlende Keyboarder, so dass alle Synthies vom Band zugespielt werden müssen. Doch Peter Tägtgren und seine drei Gastmusiker wirken an diesem Abend viel zu professionell und souverän, um sich dadurch stören zu lassen. Nachdem mit 'Shut Your Mouth' die letzten Takte verklungen sind, ist der Jubel noch lange groß.

Und dann? Die Jagd nach den Souveniren an den T-Shirt-Ständen kann beginnen. Allerdings gibt es dort weder Zwiebeln noch Kürbisse zu kaufen. Das klappt draußen vor der Halle wesentlich besser. Denn als das Metal-Ereignis schon längst Geschichte ist, geht das Stadtfest draußen noch weiter, werden auf den verschiedenen Plätzen der thüringischen Kleinstadt noch etliche Feiernde in bierseliger Stimmung gesichtet. Und die Thüringer sind hart, wenn es ums Feiern geht: Am nächsten Morgen spielt Punkt zehn Uhr die Blaskapelle zum ersten Tusch auf. Fast so laut wie die Metal-Bands am Abend zuvor. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken.

Setlist:
Same Old Song
Crashed
Nailed To The Ground
Eleanor Rigby
Suicide Machine
Zombie Slam
Stay Away
End Of The Line
Walking On Glass
It's Only Them
Just Hate Me
Clouds Of Ecstasy
On And On
Dancing With The Dead
Shut Your Mouth

Redakteur:
Henri Kramer

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