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Hütte Rockt Festival 4 - Georgsmarienhütte

19.09.2010 | 16:20

27.08.2010, Hütte-Rockt-Festivalgelände

Den Fluten trotzen mit guter Musik! Beim "Hütte Rockt Festival" war auch 2010 wieder feierfreudige Stimmung.

Do., 26. 8. 2010.

Gegen 23.00 Uhr ruft mich Sascha an und vermeldet, die Zubringerstraße zum "Hütte Rockt"-Gelände sei wegen Überflutung gesperrt. Noch 18 Stunden bis zum ersten Gig. Na, das kann ja heiter werden bzw. eben gerade nicht. Also morgens um neun noch schnell einen Regenponcho gekauft, und dann ganz feste drauf hoffen, dass das Schuhwerk bis Sonntag nicht reif für die Tonne sein wird. Sonnencreme trotzdem einpacken, denn erstens soll Wunschdenken auch schon mal geholfen haben, und zweitens weiß man nie. Doch eins ist seit letztem Jahr sicher: Ein auch der Presse offenstehendes Mitarbeiterzelt wird Schauern standhalten, und ein mitgebrachtes Handtuch im regendichten Zelt ist darüber hinaus Versicherung und Lebensgeistwiederherstellung genug, solange ansonsten nur das läuft, wofür wir hier alle anreisen: Livemusik! Nur: Falls es weiter regnet, hält dann das Equipment stand? Die Veranstalter sagen, dass das Festival stattfindet und haben auch den launigen Ratschlag auf ihre Website gestellt, doch mit Schnorchel und Taucherflosse anzureisen. Aber vielleicht geht's ja auch ohne. Toi, toi, toi. Auf geht's zum Bahnhof!

Einige Fahrplanänderungen und (wie das eben so geht) unverhoffte Wartezeiten später befinden wir uns auf dem letzten Streckenabschnitt vor Osnabrück und nähern uns unserem Reiseziel Georgsmarienhütte mit wegen überfluteter Gleise auf halbe Geschwindigkeit gedrosselter Zugkraft. In der Region wurde nicht ohne Berechtigung der erste Katastrophenfall seit Ende des zweiten Weltkriegs ausgerufen, denn nicht nur die Bahnschienen, sondern auch viele Häuser sind hier bereits unter Wasser gesetzt. Wie wir später erfahren sollen, haben die langen Regenfälle teils um mehrere Meter erhöhte Pegelstände zur Folge. Niedersächsische Maisfelder, die mitten im deutschen Hochsommer wie vietnamesische Reisfelder zur Regenzeit anmuten, sind ein beeindruckender Anblick, und in den umliegenden Ortschaften sind Feuerwehr und Technisches Hilfswerk im Dauereinsatz.

Bereits die Vorbereitung des Festivalgeländes mit Zäunen, Aufbauten, Anschlüssen und Verbindungswegen erfolgte teilweise unter heftigen Regengüssen, die mitunter sogar unerwartete Arbeitspausen erzwangen, wie uns Veranstaltungsleiter Jan Kleinheider später in einem kurzen Gespräch mitteilen wird. Die rund einhundertfünfzig Vereinsmitglieder und ehrenamtliche Helfer nebst Personal einer angeheuerten Sicherheitsfirma sorgen jedoch wie gehabt für einen reibungslosen Ablauf des vierten "Hütte Rockt Festivals" in familiärer Atmosphäre.

Als wir am Gelände ankommen, stehen trotz der - gelinde gesagt - unsicheren Wetterlage schon zahlreiche Zelte im für das Festival eigens angelegten Campingplatz. Obwohl die ganz Harten schon am verregneten Vortag anreisten und ihre Zelte aufschlugen, hat sich auch heute vor dem Einlass eine Schlange gebildet. Bereits im Vorfeld wurde der Eingangsbereich durch eine weitläufige Fläche aus Oktagonplastikplatten wassereinbruch- und trittfest gemacht. Im Laufe des Festivals werden diese Vorabsicherungen mittels kreativer Improvisationen kontinuierlich erweitert, verstärkt, ausgebaut und in Stand gehalten werden, um sie den Unwägbarkeiten dieser Ausnahmewitterung anzupassen. Unterstützung hat das hochmotivierte Team auch aus den umliegenden Gewerbebetrieben erhalten, die in nachbarschaftlicher Hilfe teilweise kostenlos Materialien zur Festivalsicherung zur Verfügung gestellt haben.

Als einer der Hauptacts des Festivals war die zur Zeit offenbar recht erfolgreiche Band JENNIFER ROSTOCK gebucht worden. Bereits mit heftiger Bronchitis angereist, wollte die Sängerin, die laut Jan Kleinheider auf den Auftritt wirklich heiß war, zunächst trotz ihrer akuten Krankheit auftreten, sagte jedoch nach ärztlicher Konsultation wegen zu großer Gefährdung ihrer in Mitleidenschaft gezogenen Stimme recht kurzfristig ab. Um die so entstandene Lücke im Line-up zu füllen, ohne die Auftritte der übrigen Acts vorverlegen zu müssen, ließ man die ersten regulär eingeplanten Bands kurzerhand zeitlich verzögert auftreten. So kamen wir trotz Anreiseverzögerung noch in den Genuss von APHAX INFECT, einer Band aus recht jungen Musikern, die zunächst etwas zähen, aber zunehmend schnittigeren Punk darboten, dann jedoch auch schon bald wieder zum Ende kamen. Nach diesem anfangs noch leicht unsicheren, insgesamt aber in Ordnung gehenden Anheizer trat die überwiegend solide METALLICA-Coverband NUTELLICA auf den Plan und lieferte mit dem göttlichen Killersong 'Creeping Death' einen fulminanten Einstieg in ihr Set.

Dieses fiel zwar im Folgenden ziemlich unspektakulär aus, weil eine Coverband in der Regel - wie auch hier - vorgefasste Erwartungen zu erfüllen hat; doch das dankbare Publikum hatte NUTELLICA schnell um den Finger gewickelt: Auf die Mitsingnummer 'The Memory Remains' folgten die Klassiker 'Welcome Home (Sanitarium)', 'One', 'Master Of Puppets' und 'For Whom The Bell Tolls', und schon damit stand NUTELLICAs Erfolg längst fest wie die Grabsteine auf dem "Master Of Puppets"-Cover. Während der ruhigeren Passagen haperte es vor allem im Gesang zwar doch etwas an Einfühlung und Ausdrucksstärke, doch überwiegend bot NUTELLICA ein druckvolles Spiel und insgesamt eine gelungene Performance, die vom feierwütigen Publikum mit Begeisterung quittiert wurde. Zwei der anwesenden Metalfans lieferten sich während eines Songs gar, vor der Bühne im Schlamm kniend, ein leidenschaftliches Luftgitarrenduell. 'No Remorse', 'Enter Sandman' und das natürlich bis zum Schluss vorgehaltene 'Seek And Destroy' ließen die Show kraftvoll ausklingen und die Fans vergeblich nach mehr rufen.

Das Highlight des ersten Festivaltages aber war aus meiner Sicht der packende Auftritt von MONTREAL. Geradlinig, eingängig, kompakt, oftmals hymnisch und doch nach vorne gehend, spielten die Charmebolzen ihren Rock mit Wiedererkennungswert und Punkeinschlag, der mal an diese, mal an jene andere Combo mit ähnlich schmissigem Liedgut erinnerte. DIE ÄRZTE, BLINK 182, ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN und das ALKALINE TRIO klangen da kurzzeitig an. Doch MONTREAL erwies sich jeglichen Assoziationen zum Trotz bzw. über diese hinausweisend als eigenständige Band, die mögliche Einflüsse nicht nur unter einen Hut bringt, sondern gekonnt in ihren homogenen, aber keineswegs eintönigen Sound integriert. Ein bühnensicheres Auftreten und eine agile Performance rundeten die durchweg überzeugende Show ab und machten MONTREAL zu meiner Neuentdeckung des Tages.

Am meisten überrascht hat mich hingegen der Auftritt der EMIL BULLS, von denen ich zuvor angenommen hatte, dass sie nicht unbedingt in mein Beuteschema fallen würden. Mit knackig knüppelndem, treibendem Sound, den die Band dabei angenehm melodisch und dynamisch darbrachte, konnten mich die EMIL BULLS von ihrem modernisierten Hardcore mit Rock- und Metalcore-Einlagen dann aber zumindest live doch noch überzeugen. Als mir die Schlammschlacht vor der Bühne zu arg und das abendliche Klima zu ungemütlich wurde, schlenderte ich gerade zur rechten Zeit zum Metstand hinüber, um dort mein Heißgetränk pünktlich zu einem entspannteren Song mit Feuerzeugschwenkqualitäten gereicht zu bekommen und danach rechtzeitig zum Schauspiel der von der Band eingeforderten Wall Of Death wieder zurück vor der Bühne zu sein. Das inzwischen zahlreiche Publikum zeigte sich ebenfalls angetan.

In die Nacht entlassen wurden wir schließlich von MR. IRISH BASTARD, einer siebenköpfigen Folk/Pubrock-Band, die mit zwei Gitarren, Schlagzeug, Bass, Banjo, Tin Whistle und Akkordeon aufwartete und dabei durchaus dynamisch agierte. Das kam an, und die Menge ging entsprechend gut mit, störte sich nicht an bisweilen arg plumpen Stampferhythmen und anfangs auch etwas konfus eingebettetem Flötenspiel, sondern ging in der Feierlaune der Bühnenmenschen voll und ganz auf. Das erwähnte Flötenspiel entpuppte sich im weiteren Verlauf allerdings als redeeming feature in meinen von diesem Stil insgesamt nicht so überzeugten Ohren. Doch war die Band mit großer Spielfreude bei der Sache, was allemal sympathisch wirkte. Ja, als die Bühne im Anschluss an ihren Gig wegen Lärmschutzauflagen bereits geschlossen, gaben einige der Musiker während des Abbaus sogar noch eine spontane akustische Zugabe vor inzwischen wieder kleinerem Publikum. Das war nicht nur ein freundlicher Zug, sondern auch musikalisch schon eher mein Fall. Zuvor jedoch hatten leider das für mein Verständnis viel zu laute Schlagzeug und die verstärkten Saitenklänge das Akkordeon nahezu vollständig übertönt, von dem ich mir eigentlich so einiges an Abwechslung versprochen hatte. Was ich meinerseits als eher durchwachsenen Auftritt empfand, hat sich andererseits als absolut festivaltauglich erwiesen und konnte auch Sascha voll und ganz überzeugen.

Die Wiese auf dem Festivalgelände hatte sich mittlerweile im Bereich vor Bühne, Toilettenwagen und Mitarbeiter- und Presse-Zelt in eine riesige Schlammpfütze verwandelt, die allenfalls in Gummistiefeln noch sicher zu durchschreiten war, und das, obwohl das "Hütte Rockt" an diesem Tag von längeren Regenfällen verschont geblieben war. Auch hatte sich die Luft seit Einbruch der Dunkelheit doch merklich abgekühlt. Doch extrem leckere Lasagne, heißer Tee sowie die höchst löbliche Anwesenheit eines Heizpilzes im Mitarbeiterzelt sorgten für die nötige Stärkung zum Ende unseres ersten Festivaltages.

Ein härteres Los hatten die eingefleischten Camper oberhalb des Bühnenvorplatzes gezogen. Wer sich noch nicht in einen klammen Schlafsack zwängen wollte, konnte sich allerdings noch ein wenig Zeit im dazwischen befindlichen Partyzelt vertreiben. Wir hingegen verließen das "Hütte Rockt"-Gelände, um am nächsten Tag gegen Mittag ausgeruht die erste Band genießen zu können. Wie wir dann frohgemut auf das Matschfeld zurückkehrten, sollte uns der Wettergott gnädig gesonnen sein.

Redakteur:
Eike Schmitz

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