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ICED EARTH - Bochum

03.03.2018 | 09:29

18.01.2018, Zeche

Die Kraft des mächtigen Frostes!

Wenn es einen gemeinsamen Tenor am heutigen Abend in der Zeche zu Bochum gibt, dann ist es die Kraft: Die Kraft, die in einer fast ausverkauften Location wie dieser entsteht, die Kraft, mit der sich der englische Support-Act METAPRISM die Lorbeeren verdienen, die Kraft der guten Laune, mit der Chris Bay und FREEDOM CALL den Zuschauern ein breites Grinsen auf die Lippen zaubern und die Urkraft dieses gewaltigen Headliners, die das Bochumer Publikum mitten ins Herz trifft. Doch eins nach dem anderen.

Pünktlich stürmen die Briten  METAPRISM auf die Bühne und können schon früh auf einen sehr gut gefüllten Zuschauerraum blicken. Stilistisch schwer in eine Schublade zu stecken, macht die metallische Mixtur der Band aber durchaus Freude. Frontdame und Frontherr sind ein eingespieltes Team und so bekommt man nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch gleichermaßen etwas für das Auge.

Engagiert und mit vielen modernen wie auch melodischen, aber durchaus brachialen Elementen versehen, nutzt METAPRISM die dreiviertelstündige Spielzeit und haut ein paar nette Ohrwürmer in die Zeche.

Mit viel Applaus werden Songs wie 'Reload', 'Resistance' sowie die aktuelle Single 'Unleash The Fire' versehen und die Band selbst kommt aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Musikalisch definitiv mehr als nur in Ordnung heimst der Sechser viele Sympathiepunkte ein und macht nun Platz für gute Laune par excellence.

Und die wird bekanntlich bei FREEDOM CALL großgeschrieben. Am heutigen Abend muss man Bay und seine Mannen einfach lieben. Mit wie viel Spielwitz, Freude und Sonnenschein Hits wie 'Masters Of Light', 'Hammer Of The Gods' oder die Nomen-est-Omen-Bandhymne 'Freedom Call' sowohl dargeboten als auch gefeiert werden, ist Spitzenklasse.

Ja, die Zeche mag es heute etwas kitschiger: E-Gitarre meets Einhörner, Tempo meets Zuckerglasur und Doublebass meets Glitzerstaub. Apropos: An der Schießbude sitzt nicht wie üblich Rotbart Ramy Ali, der voller Vaterfreuden zu Hause sitzt, sondern MASTERPLAN-Trommler Kevin Kott, der mit dem Regenbogen-High-Speed der Nürnberger aber perfekt zurechtkommt. Eine Anekdote jagt die nächste, kein Klischee wird ausgelassen und keine Geschichte wird ohne ein dickes Grinsen auf den Lippen vorgetragen. Ob es jene zum 'Metal Is For Everyone'-Videoclip oder die deutschsprachige Ankündigung zu 'Warriors Of Light' ist, sowohl Musik als auch Grundtenor des heutigen FREEDOM CALL-Gigs erwärmt die Gemüter reihenweise. Doch irgendwann ist jede Herzensangelegenheit zu Ende und so darf sich die Zeche nach einer enormen Palette an Ohrwürmern nun auf Bodenfrost in Bochum einstellen.

Und dann folgt die Urgewalt. Um eines vorweg zu sagen: Ich bin ein großer Anhänger der neuen "Incorruptible"-Scheibe! Sicherlich spaltet die Platte die treue ICED EARTH-Fanschar, doch ich zähle mich ob der druckvollen Produktion, der geilen Songs, der vielen Überraschungsmomente sowie der Ausstrahlung klar zu den Befürwortern. Und so ist es mir auch eine große Freude, als das 'The Great Heathen Army'-Intro lautstark in der Zeche ertönt, nachdem sich jene verdunkelt hat und Schaffer danach zum ersten und längst nicht letzten genialen Riff am heutigen Abend ansetzt. Was für ein Auftakt, was für ein bockstarker Start in diesen Headliner-Auftritt, der klar unter dem Banner "All Killer, No Filler" steht.

Block ist sehr gut bei Stimme, Rückkehrer Brent trommelt alles in Grund und Boden und Neu-Gitarrist Jake Dreyer, der lustigerweise erst dann geboren wurde, als ICED EARTH schon zwei Studioalben auf der Habenseite hatte, meistert wie Bassist Luke seine Aufgabe mit Bravur. Und dann wäre da noch ein gewisser Jon Schaffer, der mit sehr viel Spielfreude, Bock und Charisma dem heutigen Abend die Krone aufsetzt. Viele Augen schließen sich dennoch in der Zeche, dieser Auftritt, jeder einzelne Ton, sämtliche Hits, die heute vom Stapel gelassen werden, wollen bedingungslos genossen  und gefühlt werden.

So geht es nach dem "Incorruptible"-Opener gleich mit den Bollwerken 'Burning Times' samt markerschütternden Glockenschlägen, 'Dystopia' und 'Black Flag' weiter, ehe es Zeit wird, to go fuckin' crazy: Die Hure von Babylon zündet nicht nur auf dem aktuellen Rundling, sondern vor allem heute im Herzen des Ruhrgebiets ein amtliches Feuerwerk. Danach wird es mit 'I Died For You', das lautstark mitgesungen wird, und später 'Raven Wings' wieder etwas melancholischer. Doch dazwischen und danach zeigen uns Schaffer und Co das Beste aus dem ICED EARTH-Backkatalog. Ob wir es nun mit 'Prophecy', 'The Coming Curse' oder 'Angels Holocaust' zu tun haben oder Nostalgiker dank 'Vengeance Is Mine' sowie 'Birth Of The Wicked' und 'Stormrider' auf ihre Kosten kommen – heute wird wirklich jeder Fan bedient.

Ein Blick auf die Setliste genügt, um sich auszumalen, wie die Stimmung in der Zeche ist. So gibt es zum krönenden Abschluss mit dem mächtigen und erhabenen 'Clear The Way (December 13th, 1862)' etwas zum Fäusterecken und dem bittersüßen 'Watching Over Me' etwas zum Nachdenken. Der heutige Bodenfrost-Gig gleicht einem Siegeszug und anstatt bei diesen Bedingungen auszurutschen, fahren Block, Schaffer und Konsorten ein Best-Of-Programm der enormen Klasse auf. Wer heute oder auf der gesamten Tour nicht dabei war, wird sich zurecht in den Allerwertesten beißen, denn ICED EARTH präsentiert sich momentan so stark wie schon lange nicht mehr!

Das weiß auch die Bochumer Zeche, in der sich nach dem letzten Ton sichtlich die Reihen lichten. Das letzte Bier wird getrunken, in Erinnerungen wird geschwelgt und so stimmt man sich langsam aber sicher auf die einstündige Heimfahrt an – das Motto: Forward! Clear The Way!

Redakteur:
Marcel Rapp

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