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IGNITE - Köln

18.07.2016 | 13:49

17.07.2016, Essigfabrik

Der Funke zündet noch immer!

Kaum zu glauben, aber wahr: Nach zehn Jahren haben die Melodic-Hardcore-Legenden IGNITE zu Beginn diesen Jahres mit "A War Against You" endlich den langersehnten Nachfolger zu ihrem Erfolgsalbum "Our Darkest Days" aus dem Jahr 2006 in den Handel gebracht. Zwischenzeitlich hatten viele Fans der Truppe aus Orange County dabei die Hoffnung schon fast aufgegeben, zwar ließ sich das Quintett auch während dieser Zeit regelmäßig auf deutschen Festivalbühnen blicken, doch mit dem Engagement von Frontmann Zoltán Téglás bei PENNYWISE sah es zwischenzeitlich so aus, als würde das neue IGNITE-Album zu einem zweiten "Chinese Democracy" mutieren. Doch all diese Zweifel sollten mit dem neuen Langspieler beiseite geräumt worden sein, auf dem der Fünfer aus Kalifornien nahtlos an den erfolgreichen Vorgänger anknüpft. So ist es auch kein Wunder, dass die Fans heute Abend an der Kölner Essigfabrik in Scharen erschienen sind, um einer der wenigen Headliner-Shows der Amerikaner in diesem Sommer beizuwohnen.

Doch bevor die Meute die volle Melodic-Hardcore-Bedienung bekommt, dürfen erst einmal die Lokalmatadoren MY DEFENSE das Publikum auf Betriebstemperatur bringen. Bei den tropischen Temperaturen, die bereits gegen 19:30 Uhr in der Essigfabrik herrschen, sollte das eigentlich kein Problem sein, doch trotzdem tut sich das Quintett zu Beginn der Show etwas schwer. An der Musik der Jungs kann es nicht liegen, denn mit ihrem Mix aus melodischem Hardcore und Punk passen die Kölner eigentlich bestens zum heutigen Headliner und sollten daher auch den Geschmack der Anwesenden treffen. Trotzdem tummelt sich ein Großteil der Zuhörer während der Show des Fünfers noch im Außenbereich der Location, während der Rest einen großzügigen Sicherheitsabstand zur Bühne beibehält. Verdient haben die Jungs das nicht, denn trotz der spürbaren Nervosität angesichsts der Tatsache, hier "erstmalig auf einer Bühne mit Fotograben zu stehen" (Zitat aus einer der Ansagen von Fronter Perry), liefert die Truppe eine energiegeladene und durchaus sehenswerte Show, die heute Abend nur einfach nicht auf offene Ohren trifft. Nach knapp 25 Minuten müssen die Kölner die Bühne dann auch bereits wieder räumen und so bleibt zu bezweifeln, dass die Jungs ihr Debüt in der Essigfabrik in besonders guter Erinnerung behalten werden.

Als nächstes darf sich mit den Horror-Punkern THE OTHER eine weitere Truppe aus Köln daran versuchen, das offenbar recht kritische IGNITE-Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Dass dies kein leichtes Unterfangen wird, scheint auch der Band klar zu sein, denn mit ihrem von den MISFITS und DANZIG beeinflussten Sound und der aufwändigen Kostümierung steht das Quintett doch in scharfem Kontrast zum eher geradlinigen Auftreten der Harcore-Veteranen aus Kalifornien. Das ist auch Fronter Rod Usher durchaus bewusst und so gibt sich der Sänger heute auch mit deutlich weniger Publikumsreaktionen zufrieden, als er sie vielleicht von der eigenen erfolgreichen "Hellnights"-Tour gewöhnt ist. Schade eigentlich, denn mit Hits wie 'Take You Down', 'Back To The Cemetery' oder 'We All Bleed Red' und einer tighten Show bringen die Jungs eigentlich alles für die perfekte Horror-Punk-Sause mit, nur das Publikum will, mit Ausnahme der ersten Reihen, leider einfach nicht so recht darauf eingehen. Die perfekte Performance des Quintetts ist dabei heute Abend eigentlich die größte Überraschung, denn erst vor wenigen Tagen mussten sie den Abgang von Basser Aaron Torn verkraften. Chris Cranium, der neue Mann am Viersaiter, präsentiert sich allerdings bei seiner erst zweiten Show mit THE OTHER bereits bestens ins Bandgefüge integriert und wirft sich während der Show immer häufiger gemeinsam mit den beiden Gitarristen Ben Crowe und Pat Laveau in Pose. So bleibt schlussendlich nach gut 45 Minuten THE OTHER die Erkenntnis, dass man sich die Jungs besser auf einer ihrer eigenen Headliner-Shows zu Gemüte führt, wo sie immer wieder eindrucksvoll untermauern, dass sie nicht umsonst zur Speerspitze der europäischen Horror-Punk-Szene gehören. Heute Abend war die musikalische Kombination mit der Hauptband einfach unglücklich gewählt, auch wenn man natürlich verstehen muss, dass sich die Kölner die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, hier heute die Bühnenbretter mit einer echten Hardcore-Legende zu teilen.

Die angesprochenen Jungs von IGNITE betreten dann auch gegen 21:00 Uhr nach einer überraschend kurzen Umbaupause die Bühne und legen direkt mit Vollgas los. Inzwischen haben auch die Letzten ihre Zigarette im Außenbereich aufgeraucht, sodass sich nun die Essigfabrik den Amerikanern bestens gefüllt präsentiert. Plötzlich zeigt das Publikum dann auch endlich mehr Reaktionen und spätestens beim grandiosen 'Let It Burn' haben die Kalifornier die Halle fest im Griff, was sich auch bis zum Ende der Show hin nicht mehr ändern wird. Verwunderlich ist das nicht, denn inzwischen haben die Jungs eine beachtliche Ansammlung von Hits zusammengetragen, die heute allesamt zum Zuge kommen. 'Bleeding', 'Fear Is Our Tradition' oder 'My Judgement Day', nach den Klassikern zu urteilen, die "Our Darkest Days" hervorgebracht hat, hat sich das Album selbst klammheimlich in den vergangenen Jahren den Status eines echten Genre-Meilensteins verdient. Aber auch die neue Scheibe steht den Oldies im Set in nichts nach und so wird auch frisches Material wie 'Oh No Not Again', 'Begin Again' oder 'This Is A War' frenetisch bejubelt. Trotz der mittlwerweile fast unerträglichen Hitze bildet sich dann auch schnell ein riesiger Circle-Pit und die ersten Crowdsurfer lassen sich von den nach oben gereckten Händen in Richtung Bühne tragen.

Dirigiert wird das ganze Spektakel von Frontmann Zoltán, der sich heute überraschend gut gelaunt präsentiert, dafür dass er vor gerade einmal zwei Wochen seinen Vater verloren hat. So ganz spurlos scheint dieses Ereignis aber auch am Fronter nicht vorbeigegangen zu sein, denn neben einigen politischen Statements geht er heute in seinen Ansagen auch besonders intensiv auf die persönlichen Bezüge in der eigenen Musik ein und widmet seinem verstorbenen Vater eine grandiose halb-akustische Version von 'Slowdown'. Doch dieses melancholische Zwischenspiel bleibt heute Abend eine Ausnahme, denn schon mit dem folgenden 'How Is This Progress?' und dem U2-Cover 'Sunday Bloody Sunday' lenkt Zoltán die Show wieder in gewohnte Bahnen und liefert wieder einige wahre und wichtige Statements zum aktuellen Weltgeschehen ab. Insbesondere der drohende Sieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen in den USA scheint Zoltán dabei Angst zu machen, denn mehrfach entschuldigt er sich im Vorhinein schon für das Chaos, das ein Präsident Trump in der Welt auslösen würde. Doch so düster die politische Lage auch sein mag, ohne eine positive Message wollen die Kalifornier das Publikum heute nicht gehen lassen und so gibt es mit einer wunderbaren Version von 'Live For Better Days' zum Ende des regulären Sets hin noch einmal einen Appell dazu, jeden Tag zu genießen und dankbar für das zu sein, was man hat.

Als IGNITE schlussendlich nach gut einer Stunde erstmalig die Bühne verlässt, sind zumindest die Anwesenden offenkundig mehr als dankbar dafür, diese Spitzenshow erlebt zu haben. Dementsprechend ist auch keiner gewillt, die Jungs so einfach von der Angel zu lassen und schon bald erklingen erste Zugabe-Rufe. Doch der Curfew für die Livemusik sitzt den Amerikanern im Nacken und so haben Zoltán und seine Mitstreiter nur noch Zeit dazu, kurz ihre Freunde und Genre-Kollegen RISE AGAINST zu grüßen und mit dem Knaller 'In My Time' noch einmal die letzten Reserven bei den Zuhörern zu mobilisieren. Anschließend verabschiedet sich das Quartett dann endgültig und entlässt die vollkommen durchgeschwitze und zufriedene Meute in den kühlen Sonntagabend.

Die Erwähnung von RISE AGAINST bringt mich dann schlussendlich zu der Frage, warum das Quartett aus Chicago inzwischen weltweit Arenen füllt, während IGNITE noch immer mit relativ kleinen Clubs vorlieb nehmen müssen. Natürlich haben sich Tim McIlrath und Co ihren Erfolg verdient, doch rein musikalisch bedienen sie sich sehr freizügig bei den Kaliforniern und rein von der Performance her steckt IGNITE sowieso locker sämtliche Genre-Kollegen spielend in die Tasche. Vielleicht war es am Ende doch die lange Veröffentlichungspause, mit der sich die Jungs selbst Steine in den Weg gelegt haben. Bleibt zu hoffen, dass sie diesmal dran bleiben werden und wir nicht wieder zehn Jahr auf neues Material warten müssen. Dieser sympathischen und engagierten Truppe wäre es nämlich wirklich zu gönnen, dass sie in Zukunft auch endlich in ähnliche Erfolgregionen wie RISE AGAINST aufsteigt. Verdient hätten es die Kalifornier nach dieser überzeugenden Leistung heute Abend allemal!

Redakteur:
Tobias Dahs

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