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INTEGRITY, ROT IN HELL und ABLAZE - Mühltal

05.03.2012 | 21:36

17.02.2012, Steinbruch Theater

Core ist trendy. Zumindest der Begriff. Warum es allerdings im ursprünglichen Hardcore geht wissen heute nur noch wenige. Deswegen ist es umso schöner, eine HC-Legende wie INTEGRITY im Mühltaler Steinbruchtheater begrüßen zu dürfen.

Der heutige Freitagabend beginnt sehr ruhig. Der Steinbruch öffnet zwar bereits um 19 Uhr, allerdings treffen die Gäste nur tröpfchenweise ein. Praktisch, dass sich die Veranstalter viel Zeit lassen, um mit der ersten Band loszulegen.

Erst gegen 21:15 betreten die Darmstädter ABLAZE die Bühne und machen von Anfang klar, dass hier kein Platz für Kuschelrock ist. Die (scheinbar) mitgebrachten Violent-Dancer bewegen sich zum brutalisierten Hardcore der lokalen Kapelle in einer Art und Weise, dass es vielmehr an Backyard-Wrestling erinnert. Denn nicht nur die wilden HC-Kids untereinander versorgen sich gegenseitig mit blauen Flecken, sondern sie springen auch in die herumstehenden Zuschauer, prügeln auf diese ein und werfen sich unbedarft gegen einzelne Personen. Angestachelt wird diese hyperaktive Meute durch Fronter Chris, der ab und zu in Richtung Publikum tritt und brüllend mehr Bewegung fordert. Außerdem werden etwa die Hälfte der Lyrics von Fans übernommen, die sich das Mikrofon krallen und nur unter Protest bereit sind, das Mic wieder freizugeben. Die Stimmung erscheint zwar sehr energiegeladen, beschränkt sich aber auch eben nur auf die ABLAZE-Posse in der ersten Reihe. Der Rest des Publikums ist der Musik zwar nicht abgeneigt, denn die Mischung aus wütendem Hardcore und brachialem Metal gelingt hier zu 100%, spürt aber auch den faden Beigeschmack, der in der Luft liegt. Denn die Performance ist von zu viel Selbstdarstellung beherrscht und der aggressive Moshpit wirkt zu inszeniert, um die Band sympathisch wirken zu lassen. Es ist zwar nichts gegen das Mitbringen von Supportern einzuwenden, wenn das allerdings mit der Aufführung einer Capoeira-Show verbunden ist, wirkt das Ganze schon leicht grenzwertig.

Die englischen ROT IN HELL, die als nächsten dran sind, sind dagegen auf sich allein gestellt und versuchen nach Leibeskräften den Stimmungslevel zu halten, scheitern aber leider an dieser Herausforderung. Die Performance der Jungs aus Manchester ist zwar nicht schlecht, aber im Vergleich zum Restprogramm des Abends zu melodisch und überzeugt das anwesende Publikum nur bedingt. Umso länger der Gig dauert, umso resignierter erscheinen die Musiker, deren Aufrufe an die Zuschauer, näher zu kommen, ungehört bleiben. Vielleicht ist dies auch die Folge des sehr schlechten Sounds, der vor der Bühne herrscht. Die Höhen sind nämlich zu stark aufgedreht, während vom Schlagzeug nur die Bass-Drum gut zu hören ist. Insgesamt ist es zwar, wie gesagt, kein schlechter Auftritt, aber es wäre mehr drin gewesen. Während bei ABLAZE nämlich zu viel an Aggression vertreten war, ist der Auftritt der Briten zu zahm. Ein besseres Soundgewand hätte da vielleicht auch nicht geschadet. Dennoch kann man nicht sagen, dass sich die Engländer nicht zumindest bemüht haben.

Einen wesentlich besseren Stand haben im direkten Anschluss INTEGRITY. Die Musiker aus Ohio werden von allen Anwesenden gespannt erwartet und bei Erscheinen mit stürmischen Jubel empfangen, und das obwohl von der 1989er Urbesetzung einzig Shouter Dwid Hellion übrig geblieben ist und sich dieser über die Jahre hinweg durch wilden Bartwuchs und Gewichtszunahme (vor allem im Bereich Muskelmasse) stark verändert hat. Abseits der langjährigen Fans ist so manchem Anwesenden aber wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass diese Band aus Cleveland zu den Hardcore-Urgesteinen zählt. Denn leider haben sie nie einen so großen Kultstatus wie etwa die (musikalisch vergleichbaren) SUICIDAL TENDENCIES erreicht. Dennoch hält dies die Mannen von INTEGRITY an diesem Abend nicht davon ab, einen bombastischen Gig abzuliefern, der sogar die mitgebrachten Moshpit-Hampelmänner von ABLAZE dazu bringt, für einen Moment innezuhalten. Kracher wie 'Systems Overload', 'Dawn Of A New Apocalypse' oder 'Sarin' hauen jeden Anwesenden aus den Socken und treiben Bewegungswütige dazu, das weitere Bühnenfeuerwerk mit begeistertem Bangen zu würdigen. Zudem hat Frontmann Dwid das Glück oder besser gesagt das Pech, dass viele Die-Hard-Fans Teile der Songtexte mitgrölen wollen. Denn das Mikrofon wird Dwid immer wieder fast aus der Hand gerissen, damit übermotivierte Zuschauer ihre Shouts zum Besten geben können. Glücklicherweise ist der Fronter, der wie ein Bruder von Rob Dukes aussieht, alles andere als schmächtig und schafft es stets rechtzeitig, seinen Arm aus der Masse zu ziehen, um selbst weiter performen zu können. Kurz vor Schluss der Show wird dem Publikum mit den Songs 'No One' und dem Rausschmeißer 'Jagged Visions Of My True Destiny' noch mal kräftig der Arsch versohlt und auch bei diesen beiden letzten Titeln lassen INTEGRITY keinesfalls nach, sondern ermutigen das Publikum noch zu einer letzten Moshpit-Attacke, bei der einigen HC-Kids ordentlich die Federn gerupft werden. Zurück bleibt da nur verbrannte Erde.

Alles in allem überstrahlt der bärenstarke Auftritt der Amis, die viel häufiger live auftreten sollten, alles andere und zeigt, dass es auch Anno 2012 noch richtigen Hardcore gibt. Hut ab!

Redakteur:
Adrian Wagner

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