Illuminate - Ingolstadt

21.03.2004 | 02:38

18.03.2004, Ohrakel



Die Voraussetzungen standen für Ingolstädter Verhältnisse gar nicht schlecht. Bereits eineinhalb Stunden vor dem offiziellen Beginn des Konzerts krochen schwarz gewandete Gestalten aus allen Richtungen rund um den Ingolstädter Hauptbahnhof heran. Die zunehmende Anzahl der Kinder der Nacht vor dem Ohrakel bot einen interessanten und in Oberbayern doch ungewohnten Anblick, was man an den Reaktionen zufälliger Passanten merkte. Das Spektrum reichte von echtem, wenn auch unwissendem Interesse („Das sieht ja toll aus, ist das ein Maskenball?“) bis zu den obligatorischen Vier-mal-im-BMW-Vorbeifahrern die schon das Handy gezückt hatten um den Verfassungsschutz zu benachrichtigen und den wartenden Fans den Vogel zeigten. Selig, die arm sind im Geiste!
Störte aber nicht weiter schließlich stand das in der mittlerweile elfjährigen Bandgeschichte ILLUMINATES erste Konzert in Bayern an. Man könnte spekulieren ob die bisherige Süd-Abstinenz der Erleuchter mitverantwortlich war, dass das Ohrakel trotz des großen Namens zwar gut gefüllt aber bei weitem nicht voll war. Wahrscheinlicher ist wohl, dass die schwarze Szene der Region 10 mal wieder einfach nicht mehr her gab. Denen, die da waren, konnte das herzlich egal sein. Sie hatten ihren Spaß…
Pünktlich gegen 21.00 Uhr betrat die Vorband KONTRAST die Bühne. Wohl kaum einem im Publikum sagte diese Band etwas, und manch einer staunte nicht schlecht als sich der Typ mit den kurzen Haaren, der Brille und dem schwarzen Anzug, über den sich vorher schon einige gewundert hatten – er hätte einem genauso gut am Bankschalter gegenübersitzen können- als Robert, Sänger dieser Band enttarnte. Noch größer das Erstaunen, als festzustellen war, dass diese Band erstens verdammt gut ist, zweitens unter anderem Namen schon früher musiziert hat – genannt sei der Song „Gleichschritt“, einer Art Satire auf die grotesken, beispielsweise satanistischen Auswüchse der eigenen Szene. Der Song dürfte dem ein oder anderen bekannt gewesen sein, kam auch sehr gut an und machte die großen Vorzüge auch der heutigen Band deutlich: Electro-Pop, teils romantisch, teils Techno-lastig, aber stets mit hintersinnigen deutschen Texten. Aus der Romantik-Ecke besonders hervorzuheben das Stück „Freiheit“, bei dem es (wie soll’s anders sein) um eine Liebe vor dem Aus geht. Unterstützt wurden die drei Jungs bei diesem wie bei einigen anderen Songs von Gastsängerin Nebelgeist, die sich trotz kleinerer technischer Schwierigkeiten tapfer schlug und – genau wie ihr männlicher Gegenpart – extrem sympatisch rüber kam. KONTRAST kamen an und es war keine Minderheit, die bedauerte, dass ihr Auftritt doch ziemlich kurz war.
Kurz nach 22.00 Uhr betraten dann ILLUMINATE die Bühne und eröffneten nach dem „10x10“-Intro mit „Ein Erwachen“. Sänger und Mastermind Johannes Berthold, im langen schwarzen Ledermantel, und seine Mitstreiter zogen das Publikum auch ohne die ansonsten übliche Performance-Show von Anfang an widerstandslos in ihre romantisch-düstere, sanft-melancholische Traumwelt. Dass sich die Begeisterung der Audienz nicht in tranceartigem Zappeltanz und schallenden Beifallsrufen niederschlug, sondern in zaghaftem Mitschwingen und auf Händeklatschen beschränktem Applaus, liegt in der Natur der Dinge – oder besser gesagt an ILLUMINATES Musikstil, an der von ihnen geschaffenen Traumwelt, aus der man am Ende eines Songs nur ungern heraus gerissen wird. Wie begeistert die Ingolstädter wirklich waren, zeigte sich erst am Ende, als sie der Band zwei Zugaberunden abnötigten und das definitive Ende des Konzerts selbst dann nicht wahrhaben wollten, als bereits das Licht an war und DEPECHE MODE aus den Boxen dudelte (wenigstens auch noch was Schönes, alles andere hätte das Ambiente versaut).
Zurück zum Konzert. Da ILLUMINATE mit „10x10 schwarz und weiß“ ja als letztes quasi ein Best-of-Album veröffentlicht haben, lag es in der Natur der Dinge, dass auch im Ohrakel die größten Hits der Band gespielt wurden. Von uralten Songs wie „Der Torweg“ bis zu neueren Singles wie „Eisgang“ war praktisch alles dabei. Am besten kam beim Publikum natürlich der auch nicht ganz eingefleischten Fans bekannte Song „Nur für Dich“ an, aber wie bereits in meinem „10x10“-Review erwähnt: Dieser Song bringt trotz Metaphern einfach Emotionen auf den Punkt wie kaum ein anderer. Absolut erwähnenswert auch die neue Sängerin ILLUMINATES, Conny Schindler. Die Frau hat eine Stimme zum Adrenalin-Drüsen leerquetschen. Live untermalt sie neben ihrem üblichen Text viele Songs zusätzlich und ersetz damit locker mal zwei, drei zusätzliche Instrumente. Johannes Gesangsleistung war natürlich mal wieder über jeden Zweifel erhaben. Er hat diese Art einer für die Szene unüblichen hellen, klaren und deutlichen Stimme, die die Identifikation mit dem was er inhaltlich von sich gibt noch einfacher macht (als ob er uns nicht ohnehin allen aus der Seele sprechen würde).
Ein Song vom neuen Album wurde in der Zugaberunde vorgestellt, und Johannes’ schlichtes „Und?“ nach dem letzten Akkord wurde mit (mittlerweile tatsächlich) lautstarker Zustimmung beantwortet. Schön zu wissen, dass es mit dieser Ausnahmeband weitergeht. Den Abschluss des Konzerts bildete „Geheimes Leben“ und einer dieser in Bayern viel zu seltenen gelungenen musikalischen Abende war beendet. Hoffentlich nicht der letzte dieser Art – soll das Ohrakel doch den Bauplänen und finanziellen Interessen ohnehin schon viel zu reicher Leute geopfert werden, wogegen man am Ausgang unterschreiben konnte. Klar, Diaspora-Gemeinden können ja immer schnell geopfert werden und den meisten würde es sicher nichts ausmachen, Oberbayern endgültig zur alternative-/independent-/gothic- und wavefreien Zone zu machen. Schande, Freunde, Schande, Schande

Redakteur:
Mathias Kempf

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