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JUDAS PRIEST - Dortmund

24.08.2018 | 18:15

08.08.2018, Westfalenhalle

Eine lebende Legende.

Was ist "Firepower" für ein tolles, unerwartet großartiges Album von JUDAS PRIEST? Eben jene JUDAS PRIEST, die mit dem "Firepower"-Bollwerk wohl ihr bestes Album seit "Painkiller", aber definitiv seit "Angel Of Retribution" herausgebracht haben. Sicherlich war die Bekanntgabe von Glenn Tiptons Parkinson-Erkrankung ein schwerer Schlag für Band und die Fans, doch – getreu dem Queen-Motto: The Show Must Go On! Und Gott sei Dank bleibt er der Band erhalten - wird bei Konzerten und den anstrengenden Tagen auf Tour "lediglich" von niemand Geringerem als Andy Sneap ersetzt. Und – so viel möchte ich vorwegnehmen: Er hat seine Aufgabe in Dortmund mit Bravour erledigt.

Nach dem Album folgt die Tour und im Falle von JUDAS PRIEST folgt nach "Firepower" eben ein Erfolgsmarsch auf ganzer Linie. In Sachen Support-Acts hat sich das Flaggschiff des britischen Metal auch etwas Besonderes einfallen lassen: Während MEGADETH die Briten in Freiburg und Mannheim unterstützten und die Jungs der BLACK STAR RIDERS in München den Anheizer machten, hat man für Dortmund die Hardrock-Legende URIAH HEEP ins Boot geholt. Persönlich habe ich mich im Vorfeld enorm darüber gefreut, habe ich die Mannen um Mick Box doch noch nie live bewundern dürfen. Und so geht es voller Vorfreude auf in die Westfalenhalle nach Dortmund.

Die Temperaturen haben an diesem Mittwochabend erfreulicherweise etwas nachgelassen und es gibt auch sicherlich schon einmal beschwerlichere Wege mitten ins Herz des Ruhrgebiets. An den Westfalenhallen angekommen, sieht man Fans jeden Alters: Jungspunde, die erst in den letzten Jahren auf JUDAS PRIEST aufmerksam wurden, Altrocker, die sich damals zu "Sin After Sin" schon die Zähne geputzt haben, und Herrschaften mittleren Alters. Alle kommen sie zusammen, um den Metalgod persönlich und livehaftig zu bewundern. Schafft er noch die hohen Screams? Hat er das Publikum immer noch so im Griff wie beispielsweise 2008, als ich die Band zum ersten Mal live sah? Und wird es ein Auf-Nummer-Sicher-Geh-Set geben? Fragen über Fragen, die sich aber im Laufe des Berichts beantworten lassen.

Pünktlich um halb acht fängt es an, die Halle ist schon gut gefüllt, das Publikum jubelt ob der Vorfreude und den Erwartungen zunächst an URIAH HEEP und die Stimmung ist prächtig. Mit dem Überhit 'Gypsy' hat die Mannschaft bereits den richtigen Dosenöffner für Dortmund im Gepäck, das freut Jung und Alt. Gleich von Beginn an könnte der Sound nicht besser, die Dortmunder nicht interessierter sein als an der Hardrock-Geschichtsstunde der Briten. Bernie Shaw ist ein toller Frontmann und Entertainer, wie er im Buche steht. Mit seinem Gesang und seiner Präsenz zieht er das Publikum in den Bann.

Der warme Klang der Orgel, das markante Riffing und die Erfahrung aus fast 50 Jahren Bandgeschichte zeichnen sich heute aus. 'Look At Yourself', 'Shadows Of Grief' oder 'Between Two Worlds' sind Songs, die dankbar aufgenommen werden und Shaw zu zwei sehr schönen Bekanntmachungen veranlasst: Zum einen steht ein brandneues Studioalbum in den Startlöchern, zum anderen wird es im Herbst für einige Abstecher nach Deutschland, unter anderem auch in das benachbarte Essen, gehen. Das freut Dortmund und das Publikum ebenso wie 'Bird Of Prey' und das nahtlos folgende 'Easy Livin''. Obwohl die Songs schon einige Jahre auf dem Buckel haben, wirken sie durch den saftigen Sound und der durchaus frischen Darbietung wie gerade aus dem Ei gepellt. Ein toller Gig einer tollen Band, Essen darf sich auf die Briten freuen.

Und nach einer Umbauzeit von knapp 45 Minuten geht es um 21:15 Uhr endlich los. Das Licht geht aus, das Publikum jubelt und der Vorhang färbt sich blutrot. Zum einleitenden 'War Pigs' macht sich Dortmund heiß auf die bevorstehende Show, auf die folgenden Augenblicke einer Zeitreise der besonderen Art. Auch ich kann mir das Grinsen ob der Aufregung aus dem Fotograben nicht verkneifen, schließlich war JUDAS PRIEST Dank meines Herrn Papa eine der ersten Bands des härteren Semesters, die ich kennenlernen und lieben durfte. Darum habe ich eingangs auch "Angel Of Retribution" erwähnt, war es doch für mich das Comeback des Jahres 2003/2004, das mir zeigte, dass  zusammenkommt, was zusammengehört. Bruce Dickinson und IRON MAIDEN, Michael Kiske und HELLOWEEN, Knödel, Braten und Rotkohl und eben Rob "Metalgod" Halford und JUDAS PRIEST. Genug um den heißen Brei geredet – es geht los!

Der Vorhang fällt, die Band zeigt sich in voller Pracht und der Titeltrack der neuen Dampframme ertönt! Und gleich zu Beginn fällt auf, dass die Band heute einen bockstarken Tag erwischt hat. Mit Richie Faulkner scheint JUDAS PRIEST vor einigen Jahren in einen Jungbrunnen gefallen zu sein: So quirlig und verspielt auf der einen, so souverän und locker auf der anderen Seite. Dem gegenüber steht mit Andy Sneap die Tipton-Aushilfe, die ihren Job an diesem Abend ausgezeichnet erledigen soll. Ohne die beiden Uhrwerke – an den Drums und am Bass – würde kein JUDAS PRIEST-Gig funktionieren und so sorgen Scott Travis und Ian Hill für den besten Takt und das perfekte Wummern.

Und was ist mit Rob Halford? Wie ein junger Metal-Gott singt und schreit er die 'Firepower'-Lyrics ins Publikum. Zwar sind seine Blicke auf die jeweiligen Monitore kaum zu übersehen, doch die Tatsache, dass er die hohen Schreie immer noch wie kein Zweiter beherrscht, entschädigt für Vieles. Doch viel zu entschädigen hat das britische Flaggschiff am heutigen Abend gar nicht: Der Sound ist eine Wucht, die Licht- und Leinwand-Show, auf die passend zu den Titeln die Album-Artworks projiziert werden, ist einfach der Hammer und die beinahe 50 Jahre, die diese Musiklegende schon fast auf dem Buckel hat, merkt man ihr bei aller Liebe nicht an.

Der Anfang ist geglückt, dafür sorgen 'Grinder', 'Sinner' und 'The Ripper', ehe mit 'Lightning Strike' ein weiteres "Firepower"-Stück in die tosende, ausgelassene und feiernde Menge geschmettert wird. Und gleich zu Beginn wird auch deutlich, dass JUDAS PRIEST nicht nur lieblos das Klassiker-Set herunterspielen, sondern dass sich Halford und Co. mit der Songauswahl sehr viel Mühe gegeben und einige Überraschungen mit eingebaut haben.

'Bloodstone' vom "Screaming For Vengeance"-Kracher, das astbachuralte 'Saints In Hell' von 1977 oder auch 'Tyrant' vom noch älteren "Sad Wings Of Destiny"-Album hat man im Vorfeld nicht unbedingt vermutet, machen aber mindestens genauso viel Spaß wie es sonst 'Electric Eye' und Konsorten gemacht haben. So unterhält man das Publikum, so spielt man nicht einfach nur nach Vorschrift, so bringt man Pep in die Bude – mit Mut! Mut auch einmal kleine Überraschungen zu präsentieren und Dortmund dankt es der Truppe mit viel Applaus und Staunen.

Dass sich dazwischen noch das göttliche 'Turbo Lover', 'Freewheel Burning' oder mit 'Rising From Ruins' ein weiteres 2018er Stück gemogelt haben, ist umso erfreulicher und zeigt einfach, dass JUDAS PRIEST aus den Vollen schöpfen kann. Ritchie post derweil fröhlich vor sich hin, Andy rifft sich die Finger blutig, Rob screamt in der Dortmunder Himmel und Ian sowie Scott sorgen dafür, dass das Uhrwerk weiterläuft. Ein Gefühl von Familie und wohliger Nostalgie macht sich breit, auf manche Bands kann man sich einfach blind verlassen.

Dem Ende hin nehmen jedoch wieder die Klassiker das Zepter in die Hand. Jene Evergreens, ohne die kein JUDAS PRIEST-Konzert beendet werden darf. 'You've Got Another Thing Comin'' sorgt für Bewegung in der Westfalenhalle, zu 'Hell Bent For Leather' fährt Rob wie zu besten Zeiten mit einer dicken Harley auf die Bühne und macht erst einmal ordentlich Krach und nachdem Scott einige Worte ans Publikum gerichtet hat und der eine oder andere Glenn-Tipton-Video-Tribut über die Leinwand ging, sorgt das mächtige 'Painkiller' für Wirbel.

Da geht noch mehr? Natürlich! Und jener, der vorhin noch über die Leinwände ging, kehrt auf die Bühne zurück, um Dortmund einen denkwürdigen Abschluss zu bieten: Glenn Tipton! Willkommen zurück! Und PRIEST wäre nicht PRIEST, wenn es nicht erst mit 'Metal Gods' und 'Breaking The Law' langsam aber sicher dem Ende zugehen würde. Und wohl aufgrund Tiptons Kurzzeit-Rückkehr konnte man im Zugabenteil 'No Surrender' auch doppeldeutig betrachten. Auch der schönste Abend findet irgendwann mal einen Abschluss und nachdem die Band in viele zufriedene Gesichter blickt und der Gig endgültig mit 'Living After Midnight' beendet wird, gehen noch viele Grüße raus, es wird fleißig applaudiert und gedankt.

Und so trete auch ich nach meinem sechsten und einem der stärksten JUDAS PRIEST-Auftritte langsam den Heimweg an. Aber nicht ohne folgende Erkenntnisse festzuhalten: Erstens macht das neue Album gerade live richtig viel Laune. Zweitens wurde mit Andy Sneap ein würdiger Ersatz für Glenn Tipton gefunden, auch wenn dieser für vier wunderbare Songs noch einmal auf der Bühne vertreten war. Drittens ist Richie Faulkner eine verdammt coole Socke. Und viertens macht Rob Halford immer noch niemand was vor. Auch wenn der Bart grauer und die Blicke zu den Monitoren mehr werden, so ist er immer noch mit seiner Stimme, mit seiner Wucht und seiner majestätischen Präsenz der Kopf der in die Jahre gekommenen Rasselbande, die vor fast fünf Dekaden schlichtweg zusammen Musik machen wollte. So freuen wir uns auf die große Geburtstagsparty im nächsten Jahr und schwelgen dank des Dortmunder Gigs in vielen schönen Erinnerungen.

Setliste: Firepower, Grinder, Sinner, The Ripper, Lightning Strikes, Bloodstone, Saints In Hell, Turbo Lover, Tyrant, Night Comes Down, Freewheel Burning, Rising From Ruins, You've Got Another Thing Comin', Hell Bent For Leather, Painkiller, Metal Gods, Breaking The Law, No Surrender, Living After Midnight

Redakteur:
Marcel Rapp

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