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Jon Oliva's Pain - München

20.06.2009 | 12:28

18.06.2009, Backstage

Eine phänomenale Akustikshow des Mountain King - ganz ohne 'Mountain King'.

Ja, es in an der Zeit, zum wiederholten Mal die SAVATAGE-Wochen - oder in diesem Fall besser: Jon-Oliva-Wochen - auszurufen. Nach dem wirklich großartigen, schon jetzt legendären und aus der Situation heraus betrachtet schwer zu toppenden Konzert der JON OLIVA'S PAIN-Jungs auf dem diesjährigen Rock Hard Festival habe ich in München die wahre Offenbarung in Form einer absolut herausragenden Konzerterfahrung erlebt.

In der kleinsten der drei Backstage-Hallen mit einer kleinen Nebenbühne haben zuerst BULLET MONKS die Ehre, die Bretter der Welt zu betreten. Das junge Quartett aus Franken geht die Sache mit großem Engagement an und feuert eine Rock-'n'-Roll-Nummer nach der anderen in das sich zunächst zurückhaltende Publikum. Die Mischung aus DEEP PURPLE – allerdings ohne Orgel – und weiteren Größen wie AC/DC, LED ZEPPELIN oder den Handfeuerrosen geht ohne Probleme ins Ohr und von dort direkt in die Füße, was sofort zu üblichen Bewegungen wie Kopfschütteln oder Mitwippen führt.

Ab der Mitte des Sets taut auch das Münchner Publikum auf, und es macht sich so etwas wie Euphorie breit. Diese überträgt sich auch auf die MONKS, welche mit deutlich gesteigertem Selbstbewusstsein an die Sache herangehen. Überhaupt ist der Rahmen in der kleinen Halle sehr intim, was vor allem beim Auftritt des Mountain Kings offensichtlich wird. Die Instrumente sind durchweg toll besetzt, die Band gibt sich absolut keine Blöße. Das Highlight ist allerdings Tyler Voxx, der für den Job am Mikro gemacht zu sein scheint. Sowohl stimmlich als auch von der Präsenz scheinen wir hier die Reinkarnation der alten Rockgötter zu haben. Klasse!

Natürlich sind die vierzig Minuten Spielzeit viel zu schnell vorüber. Die Aussicht auf den Gig von JON OLIVA'S PAIN lässt das jedoch sehr leicht verschmerzen. Die plötzliche Enge vor der Bühne zeigt auch deutlich, warum die Leute heute Abend ins Backstage gekommen sind: um den Chef zu sehen, den Gott des US Metal, den Protagonisten meiner feuchten Musikträume.

Um nochmal auf den Intimitätsfaktor zu sprechen zu kommen: So nah waren die Fans Jon Oliva wohl noch nie. Kein Fotograben trennt die Bühne vom Publikum. Wenn man wollte, könnte man quasi auf dem Keyboard mitspielen. Und genauso freundschaftlich und nah gestaltet sich der ganze Abend. Zu fast jedem Song gibt Jon eine kurze Anekdote zum Besten, erzählt aus seinem Leben oder witzelt zum Vergnügen aller ein wenig herum.

Nachdem die Band unter großem Jubel das Bühneneck betritt, beginnt man mit 'New York City Don't Mean Nothing' einen denkwürdigen Abend. Mit zwei akustischen Gitarren – Jon spielt zum Großteil Gitarre an diesem Abend – einem Bass, Keyboard, Schlagzeug und dem großartigen Matt LaPorte mit einer lächerlich kleinen E-Mandoline erschallen die Songs in neuem, bis dato ungehörtem Gewand. Jon erklärt dazu, dass sie zu vielen Songs beim Produzieren der Platten eine Menge verschiedener Variationen aufgenommen haben, von denen der Großteil im Nirvana verschwunden ist. 'Stay With Me Awhile' und 'Jesus Saves' gewinnen durch dieses Arrangement eine völlig neue, andersartige Intensität, zumal Jon stimmlich außerordentlich gut drauf ist. Nicht nur bei mir beginnt das SAVA-Feeling irgendwann zu wirken, und so verfolgen wir wie in Trance diesen intensiven Auftritt.

Glücklicherweise werden auch JON OLIVA'S PAIN-Songs gespielt, was für mich ja die einzige Crux beim Rock-Hard-Festival-Auftritt war. Denn schließlich hat Mr. Oliva ja auch nach SAVATAGE tolle Songs geschrieben, die mir bei JON OLIVA'S PAIN-Auftritten immer ein wenig zu kurz kommen. Mit 'Fly Away' kommt der letzte Song des Erstlings "Tage Mahal" zum Zuge. Und steht erwartungsgemäß seinen SAVA-Vorgängern in keiner Weise nach.

Eine Besonderheit des heutigen Abends ist, dass Jon Oliva auch Songs präsentiert, die für ein Album geschrieben wurden, aber schließlich nicht den Weg auf das fertige Produkt gefunden haben. Für "Streets: A Rock Opera" wurden über zwanzig Songs aufgenommen, unter anderem auch das uns vorgestellte 'Only You'. Allein schon für diese Erfahrung war es absolut notwendig, heute Abend hierher zu kommen. Der Rest ist Träumen.

Dass das Träumen kein Ende hat, zeigen Eingeweihten folgende Titel mit Gänsehautgarantie, zumal sie akustisch einfach noch viel intensiver sind: 'Stare Into The Sun', 'Heal My Soul' oder 'Summer's Rain'. Eine ganz eigene Erfahrung war das BEATLES-Cover 'Eleanor Rigby', bei dem Jon lediglich Piano gespielt hat, während die Original-BEATLES-Orchester-Samples im Hintergrund liefen. Vorher hat er uns erklärt, dass die BEATLES neben SABBATH wohl der größte Einfluss in seiner Karriere sind und waren. Mit den Worten "Sorry ladies, but playing the following song makes my dick hard" eingeleitet, schafft Oliva mit seiner energischen und einzigartigen Stimme seinen ganz eigenen BEATLES-Song. Wahnsinn.

'A Lttle Too Far' und 'If I Go Away' setzen den "Streets"-Siegeszug fort, während Jon darüber philosophiert, wie komisch es ist, über 300 Versionen von einem Song einzuspielen, wenn am Schluss lediglich Nummer drei und Teile von Nummer sieben verwendet werden – das Leben eines Musikers ist wohl nicht leicht. Aber man nimmt's mit Humor und springt noch einmal in die JON OLIVA'S PAIN-Realität, 'Walk Alone' heißt die Zeitmaschine. Mit 'Strange Reality' verarbeiten wir gemeinsam erlebte Alpträume, während 'Walk Upon The Water' all das in sich vereint, wofür Jon Olivas Schaffen steht: Energie, Sehnsucht, Rock, Emotionen und eine hintergründige Sicht auf das Leben im Allgemeinen. Und noch viel mehr.

Mit 'When The Crowds Are Gone' werden alle viel zu schnell in die Realität zurückgerissen. Keiner kann so recht glauben, dass dieses unglaubliche Konzert schon vorbei sein soll. Doch allen "Zugabe!"-Rufen, Sprechchören und Klatschern zum Trotz gibt es keine Fortführung dieser musikalischen Autobiographie Olivas. Gesagt ist mit Sicherheit noch nicht alles. Doch dafür gibt es ja die Zukunft. Und die stimmliche Präsenz Olivas lässt Großes hoffen.

Für mich bot dieser Abend eines der eindrucksvollsten und intensivsten Konzerte meines Lebens. Bei aller Liebe zum Metal und zu härteren Spielarten zeigte es doch, welche Genialität hinter den Kompositionen steckt. Denn die Songs funktionieren sowohl mit dem eindringlichen Kreischen einer Metalgitarre als auch mit den hintergründigen, fast schon zerbrechlichen Melodien eines einzelnen Pianos – veredelt durch die beeindruckende Stimme Jons. Dass alle Musiker bis auf den Mountain King im Anschluss noch das "Bad in der Menge" suchten, zeigt, wie viel Spaß der Auftritt den Musikern gemacht hat.

Hier noch die Setlist, die zeigt, dass ein Oliva-Konzert auch ganz ohne 'Hall Of The Mountain King' auskommen kann:

New York City Don't Mean Nothing
Stay With Me Awhile
Jesus Saves
Fly Away
Only You
Stare Into The Sun
Heal My Soul
Eleanor Rigby (BEATLES-Cover)
Day In The Life
Summer's Rain
Little Too Far
If I Go Away
Walk Alone
Strange Reality
Walk Upon The Water
When The Crowds Are Gone

(Die Bilder wurden auf dem Rock Hard Festival 2009 gemacht)

Redakteur:
Julian Rohrer

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