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Kaltenbach Open Air - Spital am Semmering (AT)

13.08.2006 | 20:35

15.07.2006, Festivalgelände

Das Kaltenbach Open Air ist die schönste Festival-Tradition Österreichs und hat sich seit 2003 als Fixpunkt am heimischen Metallerhimmel etabliert. Da die Party am Semmering das einzige Metalfestival in Österreich ist, das Pleiten, Besucherschwund und Anrainerprobleme überstanden hat - und nicht zuletzt dank des guten Rufs, ist das Festival dieses Jahr fast ausverkauft. Etwa 1500 Freaks pilgern gen Kaltenbach und zelebrieren Alkoholkonsum, Partystimmung, Heavy Metal und Spaß in Spital am Semmering, einer idyllischen Berggemeinde in der Steiermark, die im Winter als Skiparadies bekannt ist. Und auch die heimischen Hoteliers freuen sich sichtlich über so viel Andrang im tristen Sommerloch: Die Gastgeber unserer kleinen Pension kümmern sich rührend um uns und servieren uns sogar noch um 11 Uhr ein uriges Frühstück. Es lebe Metal an der Skipiste!
[Caroline Traitler]

So, jetzt steht endlich mal das erste Auslandsfestival für mich an. "Ausland" definiert sich dabei relativ, immerhin ist's ja nur ein Abstecher in das mir mittlerweile recht gut bekannte Nachbarland. Dennoch war ich sehr gespannt, was die Alpenrepublikbewohner denn so für ein Event veranstalten würden, bei diversen feucht-fröhlichen Abenden im Abyss zu Innsbruck oder in Wien ließen die Anwesenden durchblicken, dass so etwas ein einmalig lustiges und hinsichtlich des Gerstensaftkonsums durchaus anstrengendes Ereignis werden dürfte.
Also, liebe Landsmänner: Pilgert zum KOA! Als "Piefke" darf man sich dort sehr willkommen fühlen, auch wenn ich mir hin und wieder gerne einen Übersetzer gewünscht hätte - rotzbesoffene Steyrer versteht man eher schlecht. Im Übrigen kann ich den Insider-Namen "Alkenbach" nur unterschreiben (wirkt vom Charme her wie ein dauerbesoffenes Dorffest, was allerdings positiv zu verstehen ist!), plädiere allerdings noch zu einer alternativen Ausweitung hin zu "Kiffenbach". Manchmal kam ich mir wirklich wie in einem anderen Nachbarland vor...
[Rouven Dorn]

Freitag, 14.07.

DARKSIDE schaue ich mir als erste Truppe auf Empfehlung von Caro hin an, und siehe da, die Jungs haben's schon ordentlich drauf. Keinen reinen Döss-Meddl gibt's hier auf die Lauscher, das Zeug groovt ordentlich, technisch Beschlagen sind die Recken auf der Bühne ebenfalls, und die hin und wieder auftauchenden Thrash-Einsprengsel machen aus der Sache dann ein wirklich rundes Ding. Klingt klasse! Auch wenn es dann noch 'nen neuen Song mit Keyboard-Klavier-Begleitung gibt, was den Gesamteindruck nochmals vielfältiger erscheinen lässt: ein kleines bisschen mehr Abwechslung bei den Vocals wäre noch wünschenswert.
SEVERE TORTURE aus Holland sind danach schon fast eine große Nummer. Zwar klingen die Jungs so amerikanisch wie es nur geht (Blasts treffen auf Technik, diese wiederrum auf kurz eingestreute Doublebass-Passagen, bevor der Trümmer-Hammer wieder kreist) und erinnern mehr als nur einmal sehr an DYING FETUS (jedoch ohne deren Klasse zu erreichen), insgesamt gesehen sind die Jungs aber eindeutig die richtige Band am richtigen Ort, was angesichts der fast schon euphorischen Publikumsreaktionen deutlich wird.

Yee-haw! Endlich mal SKYFORGER livehaftig. Die Letten haben bisher zwar durch die Bank weg wirklich tolle Langrillen veröffentlicht, aber in Sachen Bühnenpräsenz noch eine Menge Nachholbedarf. Das sieht auch das KOA-Publikum so, welches die Band bereits vor Beginn des Gigs abfeiert und anfeuert. Was sich dann auf der Bühne abspielt, habe ich im folkig angehauchten Genre noch nicht erlebt - ein propellerbangender Dudelsackspieler, toll anzusehende Gewänder der Protagonisten und ein Aggressionspotential seitens der Musik, die sich eher melodieverliebte Truppen wie ENSIFERUM höchstens in ihren kühnsten Träumen wünschen. Dazu eine Wagenladung an traditionellen Instrumenten und ein Publikum, das der Band bei jedem Song aus der Hand frisst, und fertig ist der perfekte Gig. Naja, fast perfekt, denn leider fliegt mitten in einem Song die Sicherung raus, weshalb die SKYFORGER-Jungs ihren Auftritt dann auch etwas früher beenden müssen als eigentlich geplant. Sehr schade, insbesondere, da sich die Balten als absolute Publikumslieblinge herausgestellt haben.
Und wegen mir hätten sie auch mit ENSIFERUM die Positionen tauschen könnnen...

KOLDBRANN sind in der neuen Old-School-Szene in Norwegen (ja, über diesen Widerspruch darf gerne gelacht werden) eine ziemlich große Nummer. Wieso dem so ist, kann ich auch nach dem Gig nicht ganz nachvollziehen. Klar, die Jungs machen ihre schwarze Sache an sich ganz gut, aber nach mehr als DARKTHRONE meets SATYRICON klingt das eben auch nicht. Eigenständigkeit? Fehlanzeige. Ich frage mich einfach, wieso die Welt etliche dieser Truppen braucht, wenn doch beide Referanzbands immer noch aktiv sind und momentan auch recht "altbacken" klingen?
[Rouven Dorn]

Humppa-Alarm, Teil x-tausend: ENSIFERUM sind zwar immer wieder eine erheiternde Festivalband, wenn man diese jedoch schon zum mindestens fünften Mal sieht, wird die Sache eindeutig langweilig. Meine überstrapazierten ENSIFERUM-Nerven kann ich hier also nicht schonen, deshalb gebe ich mir die ständig gleiche Setliste und frage mich warum die Finnen eigentlich kaum neue Sachen spielen, dafür aber schon wieder die gleichen Humppa-Schinken ausgraben? Die Stimmung ist trotzdem bestens - und eines muss man ENSIFERUM lassen, mit dem richtigen Promillegrad kann diese Musik Spaß machen, womit wir beim gleichen Phänomen wie bei den Stilkollegen von FINNTROLL wären. Zum Glück sind ENSIFERUM ein wenig zurückhaltender mit ihrem Polka-Tanz-Gedudel und bauen gerne schnellere Parts ein. Bis die Meute so sehr mit Headbangen und Moshen beschäftigt ist, dass die Fans fast den Graben umrennen und gar nicht mehr aus der Begeisterung rauskommen. Songs wie das aktuelle 'Dragonheads', 'Windrider' oder die Ohrwürmer 'Hero In A Dream' und 'Token Of Time' kommen auf jeden Fall gut an. Und das Akustikstück mitten im Set ist eine nette Abwechslung zum oft gleichen Rhythmus, allerdings veranlasst das Rouven zur äußerst treffenden Feststellung: "Klingt wie die Kelly Family auf Metal." Yeah!

Was danach folgt ist wahrlich eine erheiternde Lektion in Sachen Metal: HATESPHERE! Die Dänen haben in Österreich schon ein gutes Stammpublikum und werden dementsprechend wild abgefeiert, was sich aber aufgrund einer feinen Setliste mit Hits wie 'The Fallen Shall Rise In A River Of Blood' oder 'Lowlife Vendetta' rechtfertigt. Brachialst, brutal, genial! Sänger Jacob hüpft unermüdlich auf der Bühne rum, wirbelt sein Mikro durch die Luft, steigt auf die Boxen um noch näher an den Fans zu sein und bietet eine seiner schönsten Performances. So ist der Herr in Bestform! Gitarrist Pepe (der uns später übrigens mit einem ganz außergewöhnlichen Musikgeschmack überrascht und gesteht, dass er Doom Metal mag) ist ebenso eifrig am Posen und präsentiert stolz seine neue Spielkarte an der Gitarre. Dieses lustige Spielchen ist schon fast zur Tradition bei HATESPHERE geworden. Hat Pepe letztes Jahr seinen "Czech Boy" an der Gitarre hängen gehabt (der ihm leider in Schweden geklaut wurde), so hängt da jetzt eine Spielkarte mit einem nicht ganz jugendfreien Motiv inklusive Pferderiemen der selbst Pete Steele stolz gemacht hätte. Aua...
So viel zum HATESPHERE'schen Humor. Jacob kündigt den Titeltrack des letzten Albums, 'The Sickness Within', als Song übers Trinken mit HATESPHERE an, und wir können uns alle vorstellen, wie feuchtfröhlich dieses Unterfangen geendet haben muss. Die bierselige Laune der Dänen beweist bei einer lustigen Aftershowparty auf jeden Fall, dass die Jungs auch abseits der Bühne Meister der Unterhaltung sind. Ja, wir haben viel gelacht!
[Caroline Traitler]

Setlist:
The White Fever
The Fallen Shall Rise In A River Of Blood
Reaper Of Life
Only The Strongest
Murderous Intent
Bloodsoil
Lowlife Vendetta
Deathtrip
500 Dead People
Disbeliever
The Sickness Within
The Coming Of Chaos

Jetzt kommt die Zeit, in der auch sämtliche US-DM-Frickeltruppen und Hyperblaster einpacken können. DISMEMBER sind spätestens seit Beginn der Neunziger eine absolute Macht für sich und im Gegensatz zu einigen Mitstreitern aus der Szene (hier seien mal GRAVE und ENTOMBED genannt) auch noch ohne größere Pause und Stilkorrektur unterwegs. Frontsau Matti ist ohnehin ein Sympathiebolzen par excellence, und irgendwie ist es fast schon schade, dass ich mittlerweile sage und schreibe den zweiten Gig in Folge sehe, bei dem der Gute noch eher nüchtern als stockbesoffen ist. War irgendwie lustig, wenn er früher von (niedrigen!) Bühnen runtergetrokelt oder -gefallen ist. Hihi.
In sechzig Minuten rödelt das Quintett einmal quer durch die eigene Diskografie, wobei besonders, wie bereits auf der Tour Anfang des Jahres, sich auch die neuen Geschosse von "The God That Never Was" als Killer vorm (nicht vorhandenen?) Herrn herausstellen. Highlights sind natürlich nach wie vor Klassiker der Marke 'Casket Garden' oder 'Skin Her Alive', aber das Tolle ist, dass die Stücke einfach derb Laune machen, ganz egal, ob das Haltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist oder nicht. Mattis Mangel an Bewegung (nach KATATONIAs Jonas wohl der verliebteste Mensch in seinen Mikroständer) gleicht die unheimlich agile Gitarrenfraktion wieder aus, unterstützt von Neu-Basser Tobias, der immer noch zum Grinsen anregende Assoziationen zu HAMMERFALLs Oscar heraufbeschwört.
Für mich definitiv der Headliner des Abends und zusammen mit MOONSORROW, GOD DETHRONED und UNLEASHED die absoluten Überflieger des Festivals. Ugh!
[Rouven Dorn]

Schon am frühen Nachmittag sorgte CARPATHIAN FOREST-Fronter Nattefrost für Aufsehen, indem er seinen völlig besoffenen Bassisten mit norwegischen Schmipfwörtern bombartierte und versuchte ihn zu verdreschen (es blieb allerdings beim Versuch, wer schon mal die Proportionen Nattefrost - Bassist gesehen hat, weiß warum). Am Abend bietet sich ein nicht minder lächerliches Bild, denn ein sternhagelvoller Nattefrost (und da war bestimmt mehr als nur Alkohol im Spiel) stolpert böse geschminkt und mit einer Flasche Rotwein in der Hand (HIM lassen grüßen!) über die Bühne und legt sich erstmal schön auf die Fresse. Als plötzlich zwei Unbekannte die Bühne stürmen und Bier in die Menge befördern, schüttet Nattefrost auch noch seinen Wein in den Graben - Zeit für mich zu gehen und die klebrige Brühe von der Kamera zu waschen. Musikalisch ist das Ganze auch wenig spektakulär, zwar ist der Black'n'Roll ganz nett anzuhören und kommt sichtlich gut bei der alkoholisierten Menge an, doch ist das unsympatische Auftreten der Band und die Arroganz von Nattefrost einfach jenseits von gut und böse (genauso wie der Grad der Alkoholisierung). Ganz zu Schweigen vom dünnen Stimmchen des Meisters, das nach ein paar Songs so gar nicht mehr überzeugen will. Später wird uns noch berichtet, ein Fan habe einen Arschfick mit Nattefrost auf der Bühne simuliert, eine Show die ich nicht wirklich sehen musste. Fazit: Weniger saufen, mehr Musik bitte! Vielleicht war ich auch nur nicht betrunken genug um das toll zu finden?
[Caroline Traitler]

Glaub' ich nicht - ich war spätestens nach DISMEMBER sehr ordentlich alkoholisiert und konnte der Performance von CARPATHIAN FOREST auch nicht mehr als Kopfschütteln, ein müdes Lächeln und Verachtung entgegenbringen. Es spricht schon Bände, dass Tausendsassa Tchort an der Klampfe und Anders an den Drums mit Abstand die profesionellsten Musiker auf der Bühne waren, und irgendwie tun mir die beiden leid, da sie mit einer solchen Ego-Chaotentruppe zusammen spielen müssen. Und Nattefrost? Der scheint irgendwie Napoleon-Komplexe zu haben...
[Rouven Dorn]

Redakteur:
Caroline Traitler

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