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Katatonia - New York

12.09.2007 | 20:30

06.09.2007, B. B. King Blues Club

Das ist es also - mein "zweites Wohnzimmer" für die nächsten vier Jahre. Der B. B. King Blues Club hat, wie der Name erahnen lässt, wenig Ähnlichkeit mit einer dieser typischen Kaschemmen, in denen man normalerweise die kleinen, aber feinen Acts der Metal-Szene erwarten würde. Im Programm des direkt am Time Square gelegenen Ladens befinden sich somit auch völlig andersartig gelagerte musikalische Aktivitäten, darunter der regelmäßige "Beatles-" oder "Gospel-Brunch" am Sonntag. Und trotzdem geben sich hier auch viele härtere Bands die Ehre, um - typisch amerikanisch - sowohl vor bestuhlten Reihen als auch stehenderweise headbangenden Fans aufzuspielen. Links und rechts von der Bühne kann man sich sogar ein lecker Essen servieren lassen, während mittendrin die Menge tobt. Man sagte mir nämlich, dass der Swimmingpool-artig eingerahmte Innenbereich bei Formationen des Härtegrads von IMMORTAL schnell zum Hexenkessel mutiert, aus dem es kein Entrinnen gibt. Gute Sicht und weniger Gedränge bietet die Empore dahinter, und die beiden seitlich positionierten Leinwände sind ebenfalls ein netter Service für kleine Menschen.

Das heutige Paket schenkt mir aber auch einen guten Einstand für die vielen, vielen anderen Konzerte, die ich hier noch zu besuchen gedenke. Vor allem das Erscheinen von SWALLOW THE SUN ist eine fette Überraschung, denn die gerade erst bei Spinefarm gelandeten Finnen hätte ich in den US of A beim besten Willen nicht erwartet. Ich spekuliere, dass Jonas Renkse von KATATONIA seine Finger im Spiel hatte, der den Doom-Death-Metallern auf dem aktuellen Album "Hope" aushalf. Den doch schon recht zahlreichen Fans sind die Songs aber - fehlender US-Plattendeal hin oder her - erstaunlich geläufig, und auch die nicht minder schaurig-schönen Stücke der beiden Vorgänger, die sich in der gut durchmischen Setlist wieder finden, werden begeistert aufgenommen. Fronter Mikko Kotomäki zeigt sich in Bestform und meistert neben den bandeigenen Selbstmordhymnen der Sorte 'Silent Winter', 'Out Of This Gloomy Night' und dem wie immer großartigen 'Swallow' vom Debüt auch die melancholischeren Tracks 'Don't Fall Asleep' und 'Hope' mit Bravour. Der Rest der Band gibt sich vergleichsweise träge, was eventuell an den beengten Verhältnisse auf der Bühne liegen mag. Außerdem hatte ich insgeheim auf einen Gastauftritt von Jonas Renkse zum leider gar nicht dargebotenen 'These Hours Of Despair' spekuliert, der sich bei diesem Stück für den klaren Gesang verantwortlich zeigt. Doch auch wenn dies die schwächste der insgesamt drei SWALLOW THE SUN-Shows war, die ich bisher erleben durfte, war es doch erneut eine Wonne, die Sonnenverschlucker livehaftig zu erleben.

Was ich von INSOMNIUM nicht wirklich zu behaupten vermag. Ich kannte die Band vorher nicht, sie heben sich aber auch nicht wirklich von den üblichen finnischen Melo-Death-Kapellen hervor, die man heutzutage an jeder Straßenecke antrifft. Ein akzeptabler Pausenfüller bis zum nächsten Act, der den schwedischen Teil des Abends einläutet. Enough said.

SCAR SYMMETRY-Felldrescher Henrik Ohlsson erzählte mir im Vorfeld, dass man sich insgesamt als die Außenseiter dieser Tour betrachte, was ich nicht hundertprozentig nachvollziehen kann. Der Härtegrad der Melo-Death-mit-Boygroup-Faktor-Truppe um Tausendsassa Christian Älvestam entspricht ungefähr dem von INSOMNIUM, und großartige Melodien haben die anderen beiden Bands auch. Nach den zwei tollen Auftritten und einem durchwachsenen Gig der Schweden innerhalb meiner persönlichen SCAR SYMMETRY-Konzerthistorie zeigt sich vor allem Älvestam heute wieder von seiner Schokoladenseite, rülpst sich gefahrlos unter die Tiefes-C-Grenze, um kurz darauf diese wunderbar cheesig-poppigen Melodien vom Stapel zu lassen. 'Mind The Machinery' und 'The Illusionist' (mit beachtlicher Gesangs-Unterstützung des Publikums!) zählen erneut zu den Höhepunkten der Show, aber auch die zwei, drei Stücke vom Debüt haben ihre Stärken. Partyheadbanging pur, das Lust auf Mehr macht!

Die Headliner KATATONIA hatte ich längst als furchtbar belanglose Live-Band abgestempelt, und auch die letzten Alben - eigentlich alles nach "Last Fair Deal Gone Down" - gaben mir ehrlich gesagt nix. Aber oh Wunder, prozentual zu Jonas Renkses Haarwuchs hat sich auch der Show-Faktor der Formation etwas erhöht. Der gar nicht mehr so dicke Fronter ist zwar immer noch kein Entertainer vor der Herrn, aber seit er wieder eine ordentliche Matte zum Schütteln hat, kommt sogar hinter dem Mikro-Ständer ein wenig Bewegung auf. Der Rest bleibt eigentlich wie gehabt, vor allem optisch schneiden KATATONIA im Vergleich zu den drei Opening Acts ganz, ganz schlecht ab. Aber musikalisch wissen sie mich heute durchaus zu überzeugen. Ganz besonders freue ich mich natürlich über das "Last Fair Deal ..."-Trio in der Mitte des Sets, aber auch die restlichen Songs rocken ordentlich. Auf großen Festival-Bühnen wirken die Schweden immer arg verloren, in kleinen Clubs hingehen erahnt man, warum für viele diese Formation einen gewissen Gott-Status hat. Und beim obligatorischen 'Murder' schließt sich sogar der Kreis wieder zu den drei ungleich härteren Kollegen des Abends. Einen erneuten Fan haben KATATONIA heute nicht in mir gefunden, aber eine Menge Achtung zurückgewonnen.

Redakteur:
Elke Huber

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