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Laibach - Potsdam

02.06.2005 | 13:25

27.05.2005, Lindenpark

Um einen Job als Background-Frau bei LAIBACH zu bekommen, braucht man sechs Eigenschaften: Ein hübsches wie strenges Gesicht, blondes Haar, perfektes Taktgefühl beim Trommeln, viel Kondition beim Stehen, eine hohe Choralstimme und eine Affinität zu einem uniformierten Outfit. Zwei Damen auf der aktuellen Tour der Slowenen haben den Aufnahmetest bestanden. Das Ergebnis lässt sich an diesem Abend im Potsdamer Lindenpark bewundern.

Die erste Erkenntnis des Abends haben die Fans schon vor dem Konzert: LAIBACH halten nicht viel von politischer Korrektheit. "Mit Totalitarismus und mit Demokratie, wir tanzen mit Faschismus und roter Anarchie", lautet einer der Wahlsprüche der slowenischen Band. Der Auftritt in Potsdam ist dabei Teil der Jubiläumstour, die LAIBACH zur Zeit absolvieren: Die Band feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen, passend dazu kommt demnächst eine Best-Of als Doppel-CD unter dem Titel "Anthems" heraus, dazu noch eine DVD. LAIBACH: Schon der Bandname ist Provokation, steht er doch für den zu sozialistischen Zeiten unerwünschten Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Die Musiker um Sänger Milan Fras waren Mitbegründer des seit 1984 agierenden Kunstkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK), das mit dem Vorsatz auftrat, "totaler als der Totalitarismus" zu sein. Die Strategie der Über-Identifizierung mit dem herrschenden Regime wurde von NSK-Künstlern wie LAIBACH durch die überladen-ästhetische Verwendung von totalitären Symbolen umgesetzt, was ihnen zu Zeiten der kommunistischen Herrschaft frenetische Fans und erbitterte Feinde in Ost und West bescherte. Die Musik glich damals mit aggressiven Trommeln durchzogenen Lärmkollagen - elektronisch, kalt, maschinenhaft. Ab Mitte der 80er kamen Coverversionen von QUEEN bis zu den BEATLES dazu, ab Mitte der 90er nun schleicht sich tanzbare Leichtigkeit in den Elektrosound, irgendwann gab es sogar ein Projekt mit MORBID ANGEL. All diese Entwicklungen und Sprünge sind an diesem Abend auch in Potsdam zu nachzuvollziehen.

Nach den Klängen der Eurovisionshymne folgt ein langes Sphärenintro. LAIBACH bestehen zu diesem Zeitpunkt aus einem Bassist, einem Keyboarder, einem Gitarrist und einem Drummer, die noch sehr bedächtig ihre Instrumente bedienen. Die Bühne liegt im Nebel, hinter den Musikern läuft eine Videoperfomance in schwarz-weiß. Milan Fras kommt auf die Bühne, den Oberkörper entblößt, nur einen langen, eng sitzenden und schwarzen Männerrock um seinen Beine, auf dem Kopf eine ebenso dunkle Sturmhaube aus Leder und Stoff. Ab nun beginnt das LAIBACHsche Wechselspiel aus hartem Industrial und schwebenden sphärischen Parts, in jeder Note versetzt mit elektrischen Gitarren. Dazu die Stimme von Milan Fras: Eher düster-sprechend als singend, ist sie trotz ihrer monotonen Aura den Abend über beherrschend. Seine Performance ist leicht theatralisch, er windet sich vor und zurück, reckt immer wieder seine Hände in die Höhe, gezielte Halbprovokationen mit dem rechten Arm inklusive. Sein Gesicht bleibt gleichwohl unbewegt und gibt ihm eine gezielte unnahbar-kalte Aura. Passend dazu schmettern Songs wie 'Alle gegen alle' den rund 250 Fans im Lindenpark entgegen - dieser Song wirkt zum Beispiel durch sein nervöses Drumming absolut energieentfaltend, kulminierend in einem packenden Refrain... "Alle gegen alle, alle gegen alle..."

Jedoch, anders als etwa bei einem unvergesslichen LAIBACH-Auftritt in Ungarn vor zwei Jahren, bleiben die Fans in Potsdam recht gelassen, nur einige tanzen oder wiegen sich im Takt der Musik. Elektro-Pogo oder Industrial-Mosh? Fehlanzeige! Auch nicht, als nach ein paar Songs die zwei LAIBACH-Background-Frauen auf die Bühne marschieren und dort ihr halbmilitaristische Trommelperformance abziehen, im Gleichtakt: Bumm, Bumm, Bumm, Bumm... Spätestens zu diesem Zeitpunkt rückt die restliche Band komplett in den Hintergrund - Milan Fras und seine zwei Gespielinnen dominieren das Konzert mit ihren perfekt choreographierten Bewegungsabläufen nach Belieben. Etwa bei 'Das Spiel ist aus', bei dem vor allem der wie eine Maschine trommelnde Drummer hörbar zeigen kann, wie genau und in welch hyperenergetischen Taktfolgen er auf sein Schlagzeug hauen kann. Im Verlauf des Konzerts gesellen sich zu den normalen LAIBACH-Standards auch minutenlange Soundkollagen zwischen industrialisierter Kälte und tanzbarer Wärme, eingetaucht in Laserlicht, bis zur totalen Reizüberflutung...

Irgendwann ist die Zugabenzeitzone erreicht. 'We Are Time' kommt, mit Trommelschlägen bis zur Schmerzgrenze, aber hymnisch-astral in einer Art, wie sie nur LAIBACH erschaffen können. Inzwischen schwitzen die Frauen neben Milan, das Militärkäppi ist weg vom Kopf, die Haare offen, die Münder und Blicke jedoch immer noch superstreng - obwohl die beiden schon bis zur Infarktgrenze erotisch aufreizend aussehen, traut sich niemand im Publikum "Ausziehen!" zu schreien. Bekannte Klänge dringen ans Ohr, LAIBACH covern den ROLLING STONES-Klassiker 'Sympathy For The Devil': böse, elektronisch und unheimlich fies wird hier der Beelzebub angehimmelt... um später noch den 80er Jahre-Hit 'Live Is Live' mit einem bedrohlichen "Nana Na Na Na" in einem prächtigen Drum'n'Bass-Gewand wieder erstehen zu lassen, angefüttert mit süßen Chorälen und mächtigen Keyboardwänden. Schluss. Ohne ein Grußwort verschwindet die Band von der Bühne, zurück bleibt die Endlosschleife von 'Das Spiel ist aus' in der Tekkno-Version. Die Fans reiben sich nach den fast zwei Stunden begeistert die Augen und wissen: LAIBACH ist Vielseitigkeit, verpackt in eine Bühnenshow, an der Leni Riefenstahl auch ihren Spaß gehabt hätte.

Redakteur:
Henri Kramer

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