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Lords Of Chaos-Festival - Elterlein

01.12.2005 | 00:02

26.11.2005, Hagalaz-Club

Wie heißt ein Festival, wenn Könige der schwarzmetallischen Bosheit ins sächsische Hinterland kommen? "Lords of Chaos". Unter diesem etwas ausgelutschten Namen haben sich an diesem Samstag fünf Bands im neu renovierten Hagalaz-Club im erzgebirgischen Elterlein (bei Annaberg-Buchholz) zusammen gefunden, um die Metal-Gemeinde der Region mit vornehmlich antichristlichem Unterhaltungsprogramm zu erfreuen - mit sichtbarem Erfolg, wie der Abend mit zunehmender Dauer zeigt.

Erst einmal sind CASKET dran. Herrliches Death-Metal-Gewitter im schwedischen Stil, so sagen Konzertbesucher nach dem Gig. Altes ENTOMBED-Feeling. Ja, CASKET sind ein guter Anheizer für den Abend. Noch besser rocken allerdings TRIMONIUM und viel, viel länger. Mit fast einer anderthalben Stunde haben sie merkwürdigerweise die längste Spielzeit des Abends. Das Quartett nutzt jede Sekunde davon, um ihren Thrash-Sound, der mehr als nur eine Spur Black Metal enthält, in die Köpfe der rund 250 anwesenden Besucherköpfe zu prügeln. In der Setlist mit dabei: Songs des im nächsten Sommer anvisierten und noch unbetitelten dritten Werks der Band. Der Mittelpunkt der Show ist der Sänger mit seinem seltsamen Synonym "Teutonic": ein riesiger Kerl mit langen blonden Haaren und einer original Blue-Jeans-Kutte. Seine Bandkollegen stehen ihm in Sachen Agilität in nichts nach, zusammen verbreiten sie herrlich rohes Thrash-Feeling, das am ehesten mit den Kollegen von DESASTER vergleichbar ist. Am Ende will sie kaum einer im Saal von der Bühne lassen, also müssen noch zwei Zugaben her. Danach sammeln sich die Massen an der Bar, bei Schwarzbierflaschen für schlappe zwei Euro kein Wunder. Gespannt blicken die Augen auf die Bühne, wo zwei Riesen-Pentagramm-Flaggen links und rechts hängen.

Die Fahnen scheinen auch bei SEAR BLISS nicht umsonst. Die ungarischen Black-Metaller gehen im Hagalaz ein Stück brachialer zur Sache als auf ihren Alben - was wohl auch an dem Sound liegt, der vor allem vor der Bühne so laut gedreht ist, dass leider einige Feinheiten der SEAR BLISS'schen Tonkunst untergehen. Dennoch, das Quintett schlägt sich beachtlich, aber eben nicht überragend. In ihrem Set gehen sie zurück bis zu ihren Anfängen zu "Phantoms"-Zeiten im Jahre 1996 - doch natürlich fehlen auch die "modernen" Hits der Marke 'Birth Of Eternity' vom aktuellen "Glory To Perdition"-Album nicht. Nur die für SEAR BLISS so typische Posaune ist etwas zu leise abgemischt, dazu kommen die Keyboards nur von Band - live erreicht die Truppe an diesem Abend leider nicht ganz die Klasse ihrer fulminanten Studio-Produktionen oder vergangener Konzerte. So ist es nicht verwunderlich, dass es am Ende des Gigs trotz engagierter Bühnenshow kaum "Zugabe"-Rufe gibt - schade. Beim nächsten Mal wieder, denn wie gut SEAR BLISS auf der Bühne sein können, zeigt die erst jetzt erschienene Live-DVD "Decade of Perdition".

Der vorletzte Teil der Nacht im Hagalaz gehört einem sympathischen jungen Mann namens "Beliar" an Mikro und Gitarre und seinem Trommel-Mitstreiter "Balor". Zuammen sind sie MORRIGAN oder auch Ex-MAYHEMIC TRUTH - quasi ein Qualitätssiegel für besonders von BATHORY inspirierten Black Metal mit ungeheurer Intensität und Tiefe. Nur zu Beginn des Gigs klappt es mit der musikalischen Magie nicht ganz. Ein waberndes Intro ertönt, mystisch die Stimmung im Raum. Frontmann Beliar wiegt böse guckend den Kopf hin und her, seine schwarz-weiße Schminke verleiht seinen Zügen zusätzliche Evilness. Plötzlich bricht die CD ab. Beliar lächelt entschuldigend: "Da ist wohl ein Sprung in der Schüssel" - auch Black-Metaller verstehen Spaß. Nach einem zweiten erfolgreichen Intro-Versuch entspinnen sich die MORRIGANschen Klangwelten zwischen den roten Wänden des Hagalaz - die Zeit als BATHORYs Quorthon noch lebte, ist wieder da. Ihm zu Ehren trägt Beliar ein Shirt der legendären Band, Quorthon zu Ehren ist auch die Musik von MORRIGAN angelegt, ohne dabei ein reines Plagiat zu sein: Hammerschnelle Black-Metal-Parts treffen auf naturverbunden-langsame Passagen, alles ergibt einen reinen Fluss aus den großen Gefühlen, die Black Metal ausmachen können. Dazu kommt, dass Belial sowohl sehr schön klar singen als auch finster kreischen kann - MORRIGAN sind an diesem Abend die eindringlichste und überzeugendste Band, gerade mit so einem neuen und tollen Album wie "Headcult" in der Hinterhand. Hammer - und so durchschlagend, dass selbst ein Besoffener neben der rechten Box sich während des Gigs noch auf den Beinen halten kann, immer wieder seine Augen aufreißt und erst nach den letzten Tönen in sich zusammensackt.

An den genialen Gig von MORRIGAN kommen auch die extra aus Norwegen angereisten URGEHAL nicht heran, obwohl die vier Musiker allesamt in traditionell schwarz-weißer Schminke auf der Bühne stehen. Gut, sie sind brutal. Und verdammt schnell. Außerdem trägt ihr glatzköpfiger Gitarrist eine SM-Maske voller Stacheln, die verdammt an die "Hellraiser"-Filme erinnert. Doch alles nützt nichts. Schon die Umbaupause ist zu lang, weil der technisch absolut versierte Drummer gut 30 Minuten lang braucht, um sein Schlagzeug zu richten. Als URGHAL dann endlich losholzen gibt es natürlich viele Leute die zu diesem apokalyptischen Black Metal in seiner ursprünglichen Form ausrasten - so sehr, dass es während des Gigs fast eine Prügelei im Moshpit gibt. Ist ja auch logisch, Songs wie 'Atomkinder' kennen keine Gnade, sind einfach nur gerade heraus auf den Hasspunkt gespielt. Doch außer bei den moshenden Typen im Pit hält sich die Begeisterung unter dem Hagalaz-Tarnnetz an der Decke in überschaubaren Grenzen. So rauscht der Gig für manche Besucher ohne größere Tiefenwirkung vorbei, das Eis vorm Hagalaz scheint da gefährlicher. Was bleibt als im Hirn kleben? Etwa die Erkenntnis, dass MORRIGAN und TRIMONIUM echte Perlen des deutschen Undergrounds geworden sind, SEAR BLISS es viel besser können, URGEHAL das richtige Futter für absolute Krachfanatiker darstellen, dass der Ziegenkopf über der Eingangstür vom Hagalaz irgendwie ganz schön witzig aussieht - und es im Publikum des Hagalaz zu viele Kunden mit Thor Steinar- und BURZUM-Einsatzkommando-Shirts gibt; in diesem Sinne ergibt sich also ein ertragreicher Abend bei den Chaos-Lordschaften...

Redakteur:
Henri Kramer

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