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MAYFAIR, KENN NARDI - Feldkirch (AUT)

22.04.2016 | 08:13

15.04.2016, Graf Hugo

Heimspiel für die MAYFAIRS, Auswärtsspiel für die Stimme von ANACRUSIS.

Es gibt sie noch: Diese Bands, für die man durch die ganze Republik (und darüber hinaus) reist, um sie live zu erleben. Bands, die emotionale Erdbeben auslösen; Bands, bei denen man mit Sicherheit weiß, dass man bereichert nach Hause fahren wird. Wenn dann auch noch zwei solche Ausnahmebands gemeinsam auftreten,  hat man das kleinkindliche Gefühl Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig zu haben. Da gelingt es sogar der Deutschen Bahn trotz aller Anstrengungen und dem Einsatz von defekten Zugmaschinen nicht, dies zu verhindern. Da reist man morgens in Hamburg los und ist 13 Stunden später in Feldkirch in Österreich mit der fast sicheren Gewissheit, dass MAYFAIR bereits gespielt haben und wird am Eingang von einem Musiker auch noch mit den Worten begrüßt '"Wir sind schon am Bier trinken." Nach einem kurzen Herzstillstand folgt sofort die Entwarnung: Die Band hat noch gar nicht angefangen! Lovely!

Das urige Kellergewölbe des Grafen Hugo bietet die richtige Atmosphäre für so einen Wohlfühl-Event und der Umstand, dass es sich hier für die vier Ausnahmemusiker um ein Heimspiel handelt, macht die ganze Sache extrem kuschelig. Heute ist der Release-Termin des neuen Albums "My Ghosts Inside" und so startet der Auftritt mit dem Öffner des Album 'LOSS'. Mit dem wundervoll betitelten 'When Angels And Demons Meet', sowie einem meiner Albumhighlights namens 'Anderma' folgen zwei weitere Stücke der neuen Scheibe. Das Zusammenspiel der Band ist erneut von blindem Verständnis geprägt, Mario ist bestens bei Stimme und das Publikum ist in ausgelassener Feierlaune. Dies steigert sich beim Gassenhauer 'Madame Pest' sogar um ein Vielfaches. Kein Wunder, ist es auch schlichtweg unmöglich bei diesem Rhythmus still zu stehen. Ich denke, die Bezeichnung "Klassiker" ist treffend für diese Nummer. Nach diesem hoch emotionalen Ausflug in längst vergangene Zeiten beamt sich die Band zurück ins Hier und Jetzt und präsentiert den Titelsong des brandneuen Albums. Obwohl zwei Jahrzehnte zwischen den beiden Nummern liegen und obwohl sich die Band immer wieder neu definiert, klingen beide Songs wie aus einem Guss. Das macht den besonderen Charme von MAYFAIR aus: Eine musikalische Vielfalt, Musizieren ohne verkopfte Schranken, dabei trotzdem typisch, typisch anders eben. 'Our Fire Starts Here' beschreibt das Klima in der Halle und das psychedelische 'Die Flucht' sorgt auch nicht für Abkühlung.

Der mitreißende Titelsong des letzten Albums wird vom verzückten Publikum mitgesungen und ist ein weiteres Hochlicht dieses jetzt schon sensationellen Abends. Das wütende 'Schrei es raus' zeigt eine weitere Facette des bunten MAYFAIR-Universums. Die Halle scheint in einer Art Trance-Zustand zu sein, denn überall sieht man wogend-wippende Körper und selig-verklärte Gesichter. So geht Musik! Während sich in meinen Schuhen kleine Pfützen bilden, hat die Band eine Einsehen und gibt uns allen eine kleine Verschnaufpause. Quasi MAYFAIR unplugged. Taktgeber Jolly Maehr wechselt zur Cajon (Kistentrommel) und die beiden Saitenzupfer Johannes (Tiefton) und Rene (Hochton) rücken dicht zusammen. Es folgt ein Medley aus atemberaubenden Versionen von 'Adam', 'Sunlight' und 'Daily Screams'.  Entenpelle! Mehr kann ich dazu nicht schreiben. Das muss man erlebt haben.

Danach geht es mit 'One Night And A Dream' wunderbar passend weiter. 'Advanced In Years' entführt uns erneut zurück zum wundervollen "Behind" Debüt. 'Waterproof' ist dann kurz vorm Finale eine grandiose Überraschung, zählt diese Nummer doch zu den persönlichen Favoriten und entführt nicht nur mich in andere Sphären. Das einmalige Gitarrenspiel von Rene zaubert Klangwelten, die jedes Mal aufs Neue komplett faszinieren.  Nun kündigt Mario den letzten Song an und ich hoffe noch ein bisschen auf den Seelenschmelzer 'Islands'.  Dies kommt leider nicht, dafür aber das aufputschende 'Drei Jahre zurück'. Erneut steht das völlig ausgelaugte Publikum im Chorus hinter der Band und so wird der Song zum fantastischen Abschluss eines fantastischen Konzertes!

Eigentlich dürfte nach so einem Erlebnis gar nichts mehr folgen, denn wer möchte nach einem Himbeersorbet mit Schlagoberst noch handgedrehte Spätzle? Aber manchmal bestätigen Ausnahmen die Regel und so ist die innere Hochspannung auch nach diesem wundervollen Konzert noch ungebrochen hoch, denn es folgt ja noch KENN NARDI.

Nach einer Umbaupause, die wir mit dem Tanken notwendiger Frischluft verbringen, geht es wieder hinunter in das Kellergewölbe. Der Konzertraum hat sich etwas geleert, was in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um ein Heimspiel der Vorband handelt, nicht weiter wundert. Das scheint Kenn Nardi und seine drei Mitstreiter aber nicht zu stören, denn die Herrschaften geben von Beginn an Vollgas. Schon beim zweiten Song 'Release' der Überscheibe "Screams & Whispers" drehen die ersten beiden Reihen im Publikum textsicher komplett am Rad. Der Funke – ach, was schreibe ich – das Feuerwerk sprüht sofort auf die gierig wartenden Fans über. Ein Umstand, der die Band offenbar sofort in weitere Energie umwandelt. Der sympathische Frontmann der Band ANACRUSIS bittet um Verständnis für eventuelle Ungenauigkeiten, denn dies ist das erste Konzert einer kleinen Tour mit seinem Soloprogramm. Ich frage mich zwar, wofür er sich entschuldigt, denn Spielfehler kann ich keine feststellen, aber der gute Mann ist eben Perfektionist. Zum Glück wird dieser Perfektionismus nicht in kopflastige Musik transponiert, sondern in unverwechselbare, immer mitreißende Songs, von denen ich nicht wenige als absolute Meilensteine bezeichnen möchte. Mit an Bord sind in der aktuellen Besetzung Gitarrist Erik Boschert, der den Original-Klampfer Kevin Heidbreder schon in der letzten aktiven ANACRUSIS-Epoche ersetzte, Bassist Chris Speciale, sowie mit Chad Smith der ANACRUSIS-Drummer des "Manic Impression"-Albums. Gerade Letzterer erweist sich als absoluter Glücksgriff, denn sein Schlagzeugspiel wertet vor allem die Nummern des Soloalbums "Dancing With The Past" ungemein auf, da Mister Nardi darauf mit einem Drumcomputer arbeiten musste. Vor allem das schon auf Konserve sehr rasante 'Fragile' entwickelt sich in der Liveversion zum tödlichen Geschwindigkeitsbrecher. Unfuckingfassbar. Überhaupt wird gerade den Titeln des letzten Albums ungemein viel Seele eingehaucht durch die Liveumsetzung. Neben der bereits genannten Abfahrt gibt es von jenem Album mit 'Straining The Frayed', 'Ordinary','This Killer In My House',' Dead Men's Bones', dem Titelsong sowie 'Submerged' und 'A Little Light' etliche Nummern, die ungeheuer viel Spaß verbreiten.

Besonders hervorheben möchte ich hier noch das hoch melodische 'Submerged', welches mir auf dem Album gar nicht als Highlight aufgefallen ist. Hier und jetzt bin ich aber komplett ergriffen. Melodien schreiben kann er, der Kenn. Dass wir die CRUEL-APRIL-Nummer 'A Little Light' zu hören bekommen, ist obendrein ein absolutes Bonbon. Manchmal reicht eine akustische Gitarre und eine originelle Gesangsstimme, um komplett zu verzaubern.

Aber es gibt natürlich auch ausreichend Musik aus länger vergangenen Tagen. Wie ich bereits schrieb, spielt aktuell Chad Smith mit in der Band, sodass wir ein bisschen was von besagtem Album geboten bekommen. Zu meiner Begeisterung ist das erstmal mein Albumfavorit 'Something Real'. Offenbar gefällt nicht nur mir dieses Lied recht gut, denn um  mich herum wird der Song mit in die Höhe gereckte Arme lauthals mit gesungen:" My heart, and my hand, always reaching… Without you within, I was searching… For something real"  Nardis' Gesang ist der Hammer! Seine Flexibilität von irrem Kreischen in sanften Klargesang zu wechseln, ist unnachahmlich. Die andere Nummer des Albums folgt erst kurz dem Finale. Von "Reason" bekommen wir 'Child Inside' geboten und vom Jahrhundertalbum "Screams And Whispers" gibt es neben dem oben genannten 'Release' noch die Wundertüte 'Grateful', die ebenso frenetisch abgefeiert wird wie 'Something Real'.

Was fehlt noch? Genau! Ein rattenscharfes Medley vom Debüt in Form von 'Butcher's Block'/'Fighting Evil' , bei welchem die völlig ausgepumpten Fans noch einmal völlig ausrasten, sowie die beiden Smash-Hits 'I Love The World' und natürlich 'Sound The Alarm'. Als besonderes Schmankerl singt MAYFAIR-Fronter Mario hier im Duett mit Kenn und heizt die Stimmung noch weiter an. Das ist magisch!

Dieser wundervolle Abend ist ein Geschenk an jeden Musikfan. Beide Bands haben Alles gegeben und das Publikum ist begeistert. Vielleicht jetzt schon das Konzert des Jahres?!

Redakteur:
Holger Andrae

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