MEH SUFF! Festival 2023 - Hüttikon

02.10.2023 | 17:31

07.09.2023, Hüttikerberg

Extreme-Metal in idyllischer Umgebung

Samstag – Noch mehr Schweizer Hartkäse zum Auftakt von Tag zwei

Der Samstag beginnt mit kräftigen Sonnenstrahlen wie schon am Tag zuvor. Perfektes Spätsommerwetter für die zweite Runde, die wieder mit einer jungen Band aus heimatlichen Gefilden beginnt. BLUTSPIEL liefert thrashige Grooves und einen richtig fiesen Gesang, der wohl den letzten noch schlafenden Metalhead in seinem Zelt senkrecht über seiner Luftmatratze stehen lassen dürfte. Einen Innovationspreis gewinnen die Herrschaften aus Olten mit ihrem soliden Thrash zwar nicht, aber der Groove und die Einstellung stimmen hundertprozentig! AMPUTATE mit ihrem Oldschool-Death-Metal schaltet dann noch zwei Gänge hoch. Der Sound ist fett und viel druckvoller, die Drums knallen gnadenlos und gemeinsam mit der Septembersonne bringt das Quartett die teils noch etwas verkaterten Metalheads wieder auf Betriebstemperatur.

Die Black Metaller MALPHAS aus Lausanne sind einer der großen Aufsteiger der Schweizer Underground-Szene der letzten Jahre. Drei Alben innerhalb von sechs Jahren zeigen deutlich, dass die Truppe großen Hunger hat, genauso wie ihr Look und die Energie, die die Franko-Schweizer transportieren. Das ist fieser, pechschwarzer Okkult-Metal mit Blut, Leder und Nieten. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Band in dieser Konstellation mit Frontfrau A. Tlemati das letzte Mal live zu sehen ist. Jedenfalls legt die Band einen besonders rohen Black Metal auf die Bühnenbretter am "Meh Suff". Schrille Screams, messerscharfe, blitzende Riffs und viel rohe Leidenschaft sorgen dafür, dass MALPHAS echte Begeisterungsstürme im Publikum auslöst. Noch eine ganze Weile nach dem glorreichen Auftritt sieht man Tlemati mit den Fans und einer überdimensionalen Schnapsflasche vor der Bühne feiern. Wow.

Metal-Gaudi mit BRUTAL SPHINCTER und Nahost-Metal mit MELECHESH

Goregrind-Bands sind die Spaßvögel der Extreme-Metal-Gemeinde. Und wenn im Publikum emporgereckte Klobürsten zu sehen sind und Klopapier durch die Luft fliegt, dann sind derb-überzeichnete Songs über Exkremente und abartige sexuelle Spielarten angesagt. BRUTAL SPHINCTER aus Belgien sind der lebende Beweis dafür. Um die Wette gurgelnder Stereo-Gesang, ultraschnelle Drums und ein stark verzerrter Bass sind die Markenzeichen des Genres. Und BRUTAL SPHINCTER sind wahre Könner ihrer Kunst. Das Publikum feiert die Grindcore-Gaudi gnadenlos ab, unter anderem mit dem größten Circle-Pit, den wohl die meisten Festivalbesucher jemals gesehen haben dürften. Einmal rund um den Technik-Turm mit einem Durchmesser von wohl um die 30 Meter liefern 100 Metalheads die geilste Metal-Polonaise aller Zeiten! Selten hat man so viele grimmige Metal-Gesichter mit einem fetten, zufriedenen Grinsen zum nächsten Bier stolpern sehen.

Als nächstes können sich Fans der beiden leider nicht mehr existierenden Bands BOLT THROWER und SLAYER freuen. Die Holländer von LEGION OF THE DAMNED stehen mit ihrem Thrash-Death-Metal nämlich im Ruf, den beiden erwähnten Bands im Stil nahe zu kommen. Der Sound ist klasse und wieder einmal merkt man, dass hier sehr erfahrene Musiker am Werk sind. Und natürlich sind Niederländer auch immer so unheimlich nice. So wie Frontmann Maurice Swinkels, der mit seiner langen, blonden Mähne diese nonchalante Lockerheit wie viele seiner Landsmänner und -frauen mit sich bringt. Auch Leadgitarrist Fabian Verweij zwinkert immer mal wieder gutgelaunt in die Menge. Fast nimmt man den Jungs ihre grimmigen Texte nicht ab – die gnadenlosen Riffs und Growls sprechen allerdings eine andere Sprache. Das Publikum jedenfalls jubelt den Holländern begeistert zu.

MELECHESH aus Israel hat ein neues Album im Kasten – allerdings sieht man sich mit finanziellen Herausforderungen in Bezug auf den Abschluss der Produktion und der Veröffentlichung konfrontiert. Mit einem entsprechenden Flyer, den die Band auf dem Festival verteilt, weist Bandleader Ashmedi auf die bevorstehende Crowdfunding-Kampagne hin, auf die auf der Bandhomepage näher eingegangen wird. Der "assyrische" Black Metal mit orientalischem Touch verbreitet sein ganz eigenes Flair – und Ashmedi ist mindestens genauso höflich wie die Vorgänger LEGION OF THE DAMNED. Keine Frage, die Band sticht mit ihren in Schwarz vermummten Mitgliedern und dem eigenständigen Stil sympathisch aus der Masse der Bands heraus.

Grandioser Abschluss mit SOLSTAFIR, HYPOCRISY und FLESHGOD APOCALYPSE

Zuletzt vor sechs Jahren auf dem Festival, schließt Frontmann Adalbjörn Tryggvason von SOLSTAFIR bei der Begrüßung der Festivalgemeinde nahtlos an den letzten Auftritt auf dem Hüttikerberg an, der der Band wohl in bleibender Erinnerung geblieben ist: "Sollen wir direkt da weitermachen, wo wir aufgehört haben?", fragt der Sänger und Gitarrist, und ein begeistertes Johlen und Applaudieren ist die Antwort. Und die Band hält, was sie verspricht. Bei SOLSTAFIR geht es um Stimmung und Melancholie, und die transportiert die Band vor violetter Beleuchtung unter dem Nachthimmel und einem erstklassigen Sound zu 100%. Aber natürlich ist es nicht die Optik, die den Auftritt der isländischen Post-Metaller immer wieder zu etwas ganz Besonderem macht. Es sind die Crescendi, der mal klagende, mal wütende Gesang von Tryggvason und natürlich die völlige Verweigerung sich stilistisch irgendwie einordnen zu lassen. Sicherlich ist SOLSTAFIR die am wenigsten harte Band des Festivals, auch wenn die Wurzeln der Gruppe im Viking Metal liegen und der bärtige Tryggvason begeistert darauf hinweist, dass er als junger, aufstrebender Musiker die Songs von HYPOCRISY nachgespielt hat. Die Schweden spielen direkt im Anschluss an das isländische Quartett. Der Auftritt ist ein einziger Triumph, natürlich mit dem Gänsehaut-Garant 'Fjara', dem wohl bekanntesten Song der Gruppe. Spätestens als Tryggvason sich am Ende des Auftritts auf dem Absperrgitter zur Bühne balancierend händeschüttelnd von seinem Publikum verabschiedet, haben die Isländer alle Herzen gewonnen.

Nach GRAVE und VOMITORY dürfte HYPOCRISY als die dritte absolute Oldschool-Death-Metal-Band des Festivals durchgehen. Nicht schlecht für ein "kleines" Schweizer Festival: drei schwedische Genre-Veteranen an einem einzigen Festival. HYPOCRISY wird dem beinahe legendären Status gerecht. Der Platz vor der Bühne platzt aus allen Nähten und auch das rechterhand der Bühne liegende Bierzelt ist proppenvoll mit Metalheads, die entspannt im Sitzen von einer Bierbank aus die Herren um Frontmann und Metal-Produzent Peter Tägtgren beobachten. Und während vor der Bühne ordentlich die Haare geschüttelt werden, geht es im Bierzelt gechillt, aber nicht weniger aufmerksam und bewundernd zu.

Die Italiener von FLESHGOD APOCALYPSE mit ihren Rokoko-Kostümen und einem echten Klavier auf der Bühne dürften mit die bekannteste Symphonic-Death-Metal-Band der Szene sein. Der deftige Mix aus brutalen, schnellen Riffs und der Opernstimme von Sängerin Veronica, die von ihren männlichen Kollegen auf der Bühne italienisch-charmant "our princess" genannt wird, fällt aus dem Rahmen. Der Operngesang muss nicht jedem gefallen, aber deshalb ist die innovative Mischung aus hartem Metal und Klassik nicht weniger imposant. Auch nach diversen Besetzungswechseln ist die Band großartig eingespielt, der Sound und die Spielfreude sind exzellent und so verwundert es nicht, dass auch bei den sympathischen Italienern das Publikum hochkonzentriert und mit viel Bewegungsfreude voll dabei ist.

Als die Presentazione di Metal Italiana zu Ende geht, ist es fast ein Uhr und die meisten Metalheads sind happy, aber müde. Auch die POWERMETAL.de-Delegation macht sich kurz nachdem die Rausschmeißer TUMULO mit ihrem fast punkigen Speed-Black-Metal die Bühne betreten, auf den rund 20-minütigen, nächtlichen Wald-Spaziergang zurück zu Campingplatz und Auto. Gähnend wird in der angenehm kühlen Nachtluft das wundervolle Festival Revue passieren gelassen. Was für ein perfektes Wochenende auf einem durch und durch sympathischen Fan-Festival unter Freunden. Die Blind-Bird Vorverkaufstickets für das nächste Jahr waren bereits kurz nach Bekanntgabe wenige Tage nach dem Festival ausverkauft!

 

Text: Daniel Frick

Photo Credit: Andre Schnittker

Folgt uns auf Facebook und Instagram für weitere News, Fotos und Gewinnspiele.


Redakteur:
Andre Schnittker

Login

Neu registrieren