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METAL UNCHAINED - Andernach

20.11.2015 | 13:16

07.11.2015, JUZ-Liveclub

Refuge laden zum Klassentreffen ein und die alten Hasen klettern aus ihren Löchern.

In den Achtzigern war der Kreis Mayen-Koblenz fast so etwas wie die zweite Heimat von Peavy Wagner. Klampfer Manni Schmidt kommt sogar aus der Gegend, so dass der heutige Auftritt für REFUGE fast so etwas wie ein Heimspiel darstellt. Dementsprechend trifft man auf einige Leute, die man schon ewig nicht mehr auf einem Konzert gesehen hat, was der Veranstaltung fast schon den Charakter eines Klassentreffens gibt. Schade nur, dass lediglich etwa 200 Gäste der Einladung ins Andernacher JUZ gefolgt sind.

Der Rahmen für die Heimkehr der verlorenen Söhne hätte also durchaus ein wenig üppiger sein dürfen. Egal, die Anwesenden sind mit viel Spaß bei der Sache und das JUZ-Team sorgt wie immer für einen reibungslosen Ablauf. Einer guten JUZ-Tradition folgend geht es mit einer lokalen Nachwuchscombo als Opener los: WILDRIDER aus Bad Breisig. Aufgrund einer Vollsperrung der B9 wegen eines Brückenabrisses bekomme ich leider nur die letzten Akkorde der jungen Truppe mit und kann mir somit nicht wirklich ein Urteil erlauben. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, checkt am besten einfach den YouTube-Kanal der Burschen an.

Der zweite Act STEELPREACHER kommt zwar auch aus der Gegend, ist über den Status einer Newcomerband jedoch schon meilenweit hinaus. Das Koblenzer Trio hat sich in den 14 Jahren seines Bestehens einen hervorragenden Ruf als Liveband erspielt. dem es auch am heutigen Abend gerecht wird. Die Jungs haben ihr neues Album "Devilution" im Gepäck, das neben einer Reihe älterer Gassenhauer genau das richtige Instrumentarium zum Anheizen der Menge bietet: Rock 'n Roll (bzw. "Rock und/oder Roll" wie Sänger Preacher so schön sagt), Bier und Schweiß. Dazu kommt eine gehörige Portion Humor, gerne auch auf sich selbst gerichtet, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. So entgegnet Bassist MU der Ansage seines Kollegen Preacher, dass nun ein "Sauflied" folge mit dem Einwand, dass er ja auch mal was Sozialkritisches bringen könne, worauf dieser antwortet, dass er dazu nicht in der Lage sei. Wenn sie sich nicht gerade als Kaberettisten versuchen, lassen die beiden Frontsäue ihre Matten kreisen, posen was das Zeug hält und spielen ganz nebenbei noch ihre Läufe und Soli weitgehend fehlerfrei. Und wenn wirklich mal etwas daneben geht, lachen sie selbst am lautesten darüber. Hendrik hält den Laden mit seinem Drumming souverän zusammen, sodass insgesamt ein arschtightes Gefüge entsteht, das in dieser Form so manchen Headliner das Fürchten lehrt.

Dies bekommt JADED HEART anschließend zu spüren, denn die Band brauchen zwei, drei Songs, bis das Auditorium sich auf den Wechsel von räudigem R'n'R zu melodischem Hard Rock eingestellt hat. Dann hat das deutsch-schwedische Konglomerat die Halle jedoch fest im Griff. Da stehen halt fünf gestandene Musiker auf der Bühne, die ihre Ohrwürmer professionell vortragen und es trotz aller Routine schaffen, frisch und unverbraucht rüber zu kommen. Allen voran Frontmann Johan Fahlberg, der sich eigener Aussage nach beim Verschlingen des leckeren Caterings auf die Zunge gebissen hat, die während des gesamten Gigs munter vor sich hin blutet, obwohl er immer mal wieder ein Handtuch draufdrückt. Gleichwohl ist er bester Laune und präsentiert stolz sein Heino-Shirt, was nicht unbedingt von allen Zuschauern goutiert wird. Schließlich kommt der schwarz-braune Barde der Volksmusik aus der Eifel, was den Anwesenden irgendwie peinlich zu sein scheint. Egal, JADED HEART muss sich in dieser Form auch vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken und steckt rein kompositorisch das neue DEF LEPPARD-Material locker in die Tasche.

Auf TRI STATE CORNER hatte ich mich im Vorfeld unheimlich gefreut. Der Ethno-Rock der Multi-Kulti-Truppe geht dann auch unmittelbar in Kopf und Beine. Im Mittelpunkt stehen dabei sicherlich die Brüder Lucky, der übrigens als Drummer das neue RAGE-Line-Up komplettiert, und Janni. Ersterer ist ein großartiger Sänger und sympathischer Frontmann und sein älterer Bruder bedient das Markenzeichen von TRI STATE CORNER, die Bouzouki. Dieses griechische Saiteninstrument verleiht dem Sound des Quintetts einen herrlichen, orientalischen Charakter, den man sich kaum entziehen kann. Leider teilen nicht alle Anwesenden diese Einschätzung und die Halle leert sich gegen Ende des Sets merklich. Vielleicht nutzt sich der Exotenbonus einfach nach einer gewissen Spielzeit ab. Das Material vom aktuellen Album "Home", welches naturgemäß den Großteil der Setliste ausmacht, ist aus meiner Sicht auch nicht ganz so zwingend wie 'Sleepless' oder 'Sooner Or Later' vom Vorgänger "Historia". Ein Extralob gilt sicherlich Drummer Chris, der nach dem einstündigen Auftritt mit TRI STATE CORNER schon nach einer kurzen Pause wieder mit REFUGE die Bühne betritt.

Es ist schon eine coole Sache, dass Peavy den Umbruch bei RAGE dazu genutzt hat, seine alten Mitstreiter Manni und Chris zu reaktivieren und gemeinsam eine der fruchtbarsten Phasen von RAGE nochmals auf- und hochleben zu lassen. Dementsprechend jagt ein Hit den anderen: 'Solitary Man', 'Invisible Horizons', 'Light Into The Darkness' und das Schlussdoppel 'Don`t Fear The Winter' und (klaro!) 'Refuge'. Dadurch, dass bei einem Song auch noch Mannis Sohn als zweiter Gitarrist am Start ist, wird der Charakter eines Familientreffens, den diese Veranstaltung eh schon hat, noch verstärkt. Der junge Mann hat sichtlich Spaß in den Backen und der Herr Papa natürlich auch. Im Gegensatz zu Chris, der auch das zweite Set souverän und dynamisch durchtrommelt, wirkt Manni nicht mehr ganz so spritzig. Spieltechnisch hat er es - trotz langer Pause - aber immer noch drauf. Peavy natürlich eh, schließlich hat er nie pausiert. Seine Stimme scheint unverwüstlich zu sein und er trifft selbst die hohen Töne, bei denen er immer lustig die Zunge rausstreckt. Bei seinen Ansagen wirkt der kahlköpfige Hüne teilweise richtig gerührt. Man merkt, dass REFUGE für den ansonsten kühlen Geschäftsmann eine Herzensangelegenheit ist und für die Fans, die die Texte größtenteils Wort für Wort mitsingen, sowieso.

Am Ende des Tages wurde mit sechs Stunden Musik für 20 Euro Eintritt nicht nur viel Quantität, sondern auch Qualität geboten. Das JUZ-Programm hält in diesem Jahr, mit u.a. TANKARD und SATAN, noch einige Highlights bereit, bei denen man sich sicher wieder in Andernach sieht.

Redakteur:
Alexander Fähnrich

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