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Machine Head - Wiesbaden

11.12.2007 | 11:07

09.12.2007, Schlachthof

Das Stimmungsbaromter des "Black Crusade"-Tourtrosses ist am heutigen Sonntag, den 9. Dezember am unteren Punkt der Skala angesiedelt. Dies liegt allem voran an dem Umstand, dass am Vorabend Phil Demmel zurück in die USA gereist ist, um seiner Familie beizustehen. Wie viele von euch mitbekommen haben, ist wenige Tage zuvor Phils Vater, Harry W. Demmel, plötzlich verstorben. Dementsprechend verzwickt war auch die Lage, denn ohne zweiten Gitarristen funktionieren viele MACHINE HEAD-Songs einfach nicht. Also wurden die Griffbrettakrobaten im Tourtross (allen voran Matt Heafy und Corey Beaulieu von TRIVIUM) in die Pflicht genommen, und mussten sich an diesem Nachmittag ein paar Songs aneignen, damit der Hauptact auf die Bretter steigen konnte. Dass er überhaupt das Konzert durchzieht, angesichts der chaotischen Umstände im Bandgefüge, ist mehr als lobenswert. Des Weiteren kann man von Glück reden - insofern das in dem Fall angebracht ist -, dass der tragische Zwischenfall gegen Ende der Tour über die Bühne ging. Denn so dachten sich die Protagonisten "Zähne zusammenbeißen und die letzten Konzerte runterreißen".

Nichtsdestotrotz ist es mehr als verständlich, dass das Interview mit MACHINE HEAD mittags seitens der Plattenfirma abgesagt wurde. In den Interviews mit Paolo (TRIVIUM) und Frédéric (DRAGONFORCE) konnte man ansatzweise die getrübte Stimmung erahnen. Der eigentliche Hauptact holzte sich am frühen Nachmittag durch ihre Klassiker, um wenigstens den Fans im vollgepackten Schlachthof (der Gig war schon seit Wochen ausverkauft!) etwas zu bieten.

Nachdem der Einlass um eine halbe Stunde nach hinten verschoben wird und der Zeitplan eng gesteckt ist, müssen SHADOWS FALL um Punkt sieben auf die Bretter, obwohl die Halle noch nicht Mal zur Hälfte gefüllt ist. Und wenn man die erste Band des Abends als Maßstab für die folgenden Acts nimmt, so kann man schon sagen, dass Musik die beste Therapie in solchen Momenten ist. Allen voran Sänger Brian Fair geht ab wie ein geöltes Zäpfchen und gibt in den 25 Minuten alles. Mit seinem Flohzirkus auf dem Kopf könnte er der Putztruppe des Schlachthofs gute Dienste erweisen, denn dieser schleift schon fast am Boden. Seine übrigen Bandmates stehen ihm in nichts nach und klappern jeden Quadratzentimeter der engen Bühne mehrmals ab. Das Publikum geht zwar noch nicht so steil wie später bei MACHINE HEAD, lässt sich aber von den Hüpfanimationen des Frontmanns, zumindest in den vorderen Reihen, anstecken. Das abschließende 'Redemption' wird Phils verstorbenem Vater gewidmet und nach einem viel zu kurzen Gig verabschieden sich die Jungs von der Bühne.

Nach einer knackigen Umbaupause von gerade Mal fünfzehn Minuten steigen ARCH ENEMY gegen 19.40 Uhr auf die Bühne. Neben dem Ein-Frau-Tornado Angela Gossow sind es allen voran Christopher und Michael Amott, die jeden Nachwuchsgitarristen vor der Bühne zum Verzweifeln bringen. Was die Jungs an gefühlvollen Soli und knackigen Riffs raushauen, geht auf keine Kuhhaut. Gekrönt wird das ganze Spektakel durch das theatralische Acting von Frau Gossow, die in Sachen Posen bestimmt Nachhilfeunterricht von Doro "nur Liebe hat Power!" Pesch erhalten hat. Auch hier sorgen die engen Bühnenverhältnisse dazu, dass sich die Protagonisten nicht richtig austoben können. Spötter könnten natürlich damit entgegnen, dass Frau Gossow mit ihren geschätzten ein Meter fünfzig eh keinen großen Aktionsradius absteckt. Zu Beginn habe ich mich schon gewundert, warum ARCH ENEMY so früh rausgeschickt werden, aber im Nachhinein kann ich's schon verstehen, denn der berühmt-berüchtigte Funke springt nicht aufs Publikum über. Mit 'We Will Rise' verabschiedet sich das Quartett nach noch nicht Mal dreißig Minuten in seinen Feierabend. Hinterher wurden Stimmen laut, dass sie sich gerade Mal warmgespielt haben, doch der Zeiger der Uhr dreht sich unbarmherzig weiter.

Im Vorfeld meinte DRAGONFORCE-Bassist Frédéric Leclercq, dass sie, wenn man sich ein Billing mit Bands wie SLAYER und MORBID ANGEL vorstellen würde, sie in dem Fall die Rolle von POISON einnehmen würden. Darüber hinaus ließen die Publikumsreaktionen in Deutschland bisher zu wünschen übrig. Davon war in Wiesbaden absolut nichts zu spüren, denn gleich von der ersten Sekunde an hopsen die Jungs wie fünfjährige im Kinderparadies über die Bühne. Mit ihrer total durchgeknallten Bühnenshow und der noch abgedrehteren Mucke (stellt euch einfach HAMMERFALL auf Ecstasy vor) kann das sympathische Sextett auf Anhieb punkten. Klar, bei vielen Anwesenden kam das Gehampel auf der Bühne überhaupt nicht an, aber selbst diese haben angesichts des spaßigen Treibens auf der Bühne ein Lächeln auf dem Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Abend wusste man, was bei den zwei vorangegangenen Bands gefehlt hat: Spaß! Und Selbstironie, denn die Jungs albern wie Fünftklässler auf ihrer ersten Klassenfahrt, zocken aber trotzdem tight ihre Songs runter. Allen voran Gitarrist Sam Totman hat wohl vor dem Gig zu viele "Mr. Bean"-Videos angeschaut, denn er ist mehr mit Albern als Gitarrespielen beschäftigt. Der Keyboarder Vadim Pruzhanov outet sich als "Pussy Junkie" und stolziert bei den letzten Tracks mit einem STRYPER-Gedächtnis-Keyboard übers Parkett, dass es eine wahre Wonne ist, ihm beim Posen zuzusehen.

Apropos Posen: Ich habe selten eine Band erlebt, die ein so inniges Verhältnis zu ihren Instrumenten pflegt. Allen voran Herman Li hat nach fast jedem Song seine Gitarre abgeleckt, aber auch Vadim stand ihm in nichts nach. Und Frontmann ZP Theart war während den Gitarrensoli damit beschäftigt, seinem Mikro einen runterzuholen. Selbst eine Ballade kommt zum Einsatz, die Erinnerungen an POISON und WARRANT zu ihren besten Poserzeiten weckt, und, das überrascht dabei umso mehr, von den Fans akzeptiert wird. In den vorderen Reihen werden sogar einige Feuerzeuge in die Luft gereckt. Nach knapp fünfzig Minuten ist das Fassenachtstreiben auf der Bühne vorbei und die sympathische Truppe verabschiedet sicht in den wohlverdienten Feierabend.

Wenn man den Bandshirts Glauben schenken darf, dann haben sich viele Anwesende wegen TRIVIUM ihre Tickets gesichert. Ich habe das dritte Mal die Ehre, mir das Quartett anzuschauen, wobei der letzte Gig an selber Wirkungsstätte einen faden Beigeschmack hinterlassen hat, denn die Jungs sind noch nicht reif für eine Headlinertour. Zumindest nicht im Schlachthof, der im April diesen Jahres nicht ansatzweise so gut gefüllt war wie dieses Mal. Mit 'Tread The Flood' haut die Truppe gleich einen Gassenhauer vom aktuellen "The Crusade"-Album aus den Boxen. Um's vorweg zu nehmen: Man merkt ihnen an, dass das Touren viel gebracht hat. Wenn man sich die Performance vor einem halben Jahr und die heutige anschaut, dann sind Welten dazwischen. Allen voran Frontmann Matt Heafy ist zum selbigen gereift und weiß mit seinem Charme die Blicke auf sich zu ziehen. Er versteht's aber auch, die Massen zu dirigieren, was darin gipfelt, dass die TRIVIUM-Anhänger ihm förmlich aus der Hand fressen. Corey kann mit seinem geilen Gitarrenspiel und Brüllvocals punkten, während Paolo sich wie ein Bekloppter die Hirnmasse wegbangt. Und auch Travis ist hinter seinem Kit gereift und leistet sich kaum Verspieler. Am heutigen Abend hat man eh den Eindruck, dass die Band miteinander, und nicht gegeneinander spielt, was beim letzten Gig schon eher der Fall war. Und so sehr ich die kurze Spielzeit bei SHADOWS FALL und ARCH ENEMY bemängelt habe, so sehr begrüße ich diese bei TRIVIUM. Achtzig bis neunzig Minuten lang können die Jungs den Spannungspegel nicht oben halten, doch für eine Dreiviertelstunde reicht's allemal. Nach dem "Ascendancy"-Klassiker 'Pull Harder On The Strings Of Martyr' machen sie Platz für den Headliner und hinterlassen eine mehr als passable Visitenkarte.

Dass der heutige MACHINE HEAD-Gig etwas ganz Besonderes ist, hatte sich schon im Vorfeld angekündigt. Und so wird von vielen Fans der Gig mit Spannung erwartet. Dass die Jungs unter diesen Umständen keine neunzig Minuten aufs Parkett legen werden, ist vielen Anwesenden nicht klar, was die Stimmen nach dem Konzert bestätigen. Auf der anderen Seite liegt es auf der Hand, dass man keinen normalen Auftritt erwarten kann. Nichtsdestotrotz werden sie mit "Machine Fuckin' Head"-Chören empfangen, welche im Laufe des Gigs mehrmals wiederholt werden. Mit 'Imperium' werden die Massen mobilisiert, alle Reserven aus sich herauszuholen. Fast hat es denn Anschein, als hätten sich die meisten Anhänger ihre Reserven für den Headliner aufgespart. Im Minuten-Takt habe ich die "Ehre", Crowdsurfer auf Händen zu tragen, aber auch die Moshpits kommen nicht zu kurz. Sogar eine "Wall of Death" wird initiiert, was man sonst nur von Metalcore-Gigs kennt. Obwohl man schon anmerken muss, dass MACHINE HEAD in gewisser Art und Weise an der Entstehung des Metalcore nicht ganz unschuldig sind. Während 'Aesthetics Of Hate' Dimebag Darrel gewidmet wird, der am 8. Dezember 2004 das Zeitliche gesegnet hat, wird 'Descent The Shades Of Night' Phils Vater zu Ehren gezockt.

Allen voran Robb Flynn ist angesichts der Reaktionen der Fans schon fast zu Tränen gerührt und dankt diesen Umstand mit einer der intensivsten Shows, die ich jemals von MACHINE HEAD gesehen hab. Was den Wegfall von Phil angeht, so wirkt sich dieser Umstand nicht auf die musikalische Darbietung aus. Allen voran Matt und Corey von TRIVIUM schafften sich in Rekordzeit die Songs drauf und stellen einmal mehr ihr Ausnahmetalent an der Axt unter Beweis. Im Scheinwerferkegel lassen sie Robb den Vortritt, hätten aber selbst wenn sie wollten, keinen Zentimeter gegen ihn anstinken können. Während Paolo für einige Songs die Backgroundparts übernimmt, wird Christopher Amott und Frédéric Leclercq bei jeweils einem Song die Ehre zuteil, MACHINE HEAD zu unterstützen. Beim abschließenden 'Davidian' animiert Robb die Menge, wie einst Moses, sich zu Teilen, um den größten "fuckin' circle pit" zu bilden. Und ja, der Circle Pit zog große Kreise. Man musste sich ganz nach außen drängen, um vom Menschenstrom nicht mitgerissen zu werden.

Nach 65 Minuten ist eines der außergewöhnlichsten und intensivsten MACHINE HEAD-Konzerte vorbei. Bleibt festzuhalten, dass sich alle Beteiligten mächtig ins Zeug geschmissen haben. Dass das Konzert überhaupt über die Bühne ging, grenzt an ein Wunder! Pünktlich um zwölf Uhr ist Zapfenstreich. Nicht nur mir wird dieser Gig, trotz oder gerade wegen den supoptimalen Bedingungen im Vorfeld, noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Setlist:

1. Clenching the Fists of Dissent
2. Imperium
3. Aestetics of Hate
4. Old
5. Halo
6. Take My Scars
7. Descend the Shades of Night
8. Davidian

Redakteur:
Tolga Karabagli

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