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Magic Circle Festival III - St. Goarshausen

27.07.2009 | 23:00

18.07.2009, Loreley

Die Könige des Metalls laden zum dritten Mal zum eigenen Festival. Geht die umstrittene Tendenz der letzten Jahre weiter?

 

Samstag, 18. Juli auf dem Weg zum Magic Circle Festival. Schon die Fahrt am Rhein entlang mit Blick auf die vielen Burgen ist schön. Auch das Wetter ist ganz okay. Unterhalb von der Loreley sieht man jede Menge Leute, die eindeutig auf dem Weg zum Festival sind - und zwar zu Fuß, einen ziemlich steilen Weg nach oben. Da kommen die ersten Zweifel, ob es oben denn, wie versprochen, wirklich genügend Parkmöglichkeiten gibt ...

Aber nach einer relativ steilen, kurvenreichen Anfahrt, ist alles ganz locker. Parken auf einer riesigen Wiese und dann zur Tageskasse. Inzwischen regnet es doch wieder, aber wenigstens nicht lange.

Der Kreis derer, die am Einlass anstehen, ist eher bescheiden. Eigentlich hatte ich mit mehr Andrang gerechnet. Mit nur geringfügiger Verspätung öffnen sich die Tore und nach der üblicher Abtast- und Rucksackdurchsuchungszeremonie steht dem Besuch des Festivals nichts mehr im Wege. Das Areal ist groß und noch ist sehr viel Platz. Zwischendurch ziehen übrigens immer wieder sehr dunkle Wolken auf und man flüchtet vor den Regenschauern dankbar in den Schutz der am Rande stehenden Bäume.

Den Anfang macht die deutsche Band DIE SKLAVEN. Nun ja, Songs wie 'Königin', 'Hau mir eine rein', Schneeweißchen und Rosenrot', 'Bärenschweiß' oder 'Geile Sau' lassen einen teilweise schon schmunzeln oder auch mal den Kopf schütteln. Man sollte die Eröffnung des Festivals als Chance für die Band sehen.
[Hannelore Hämmer]

Eine Chance, die das anwesende Publikum dem SKLAVEN zum Teil auch bereitwillig gibt. Ein großer Teil der anwesenden Metalfans indes tut sich sowohl mit den dicht an der Grenze zur Peinlichkeit entlang schrammenden Sado-Maso-Texten als auch mit der musikalischen Kost aus der Schnittmenge zwischen den ONKELZ, den ÄRZTEN, IN EXTREMO und RAMMSTEIN doch recht schwer. Was sie machen, das machen die Sklaven durchaus ordentlich, und einen Teil des inzwischen nachgewachsenen MANOWAR-Fanbestandes kann die Band mit ihrer derben Partykeule auch erreichen. Doch davon sind die meisten noch nicht auf dem Gelände eingetroffen, und die bereits Anwesenden sind, wie Hannelore schon gesagt hat, vorwiegend damit beschäftigt, den Kopf zu schütteln. Schmunzelnd, ungläubig oder gar entrüstet. Es wird berichtet, dass  des Nächtens noch heute ein Festivalbesucher mit der Schaufel auf der Loreley nach dem lyrischen Niveau gräbt.
[Rüdiger Stehle]

Die nächste Band ist AGE OF EVIL, eine relativ junge Band aus den USA. Die Brüderpaare Jeremy (Gesang & Gitarre) und Jacob (Bass) Goldberg und Jordan (Lead-Gitarre) und Garrett (Drums) Ziff rocken ganz ordentlich. Mit Titeln aus ihrer CD 'Living a sick dream' wie z.B. 'You Can't Change Me', 'Call Me Evil' oder 'Living A Sick Dream' haben sie dem Publikum ganz nett eingeheizt.
[Hannelore Hämmer]

Ja, genau das haben sie. Mit ihrem traditionellen Metal aus dem Schnittbereich zwischen Thrash und Speed Metal und der blitzsauberen Gitarrenarbeit sorgen die Jungs aus Phoenix / Arizona für die ersten anerkennend hochgezogenen Augenbrauen und machen klar, dass das Festival der großen Metalkönige eben auch für die Headbangers mit ausgeprägter Schwäche für unverfälschte Metalklänge ein bisschen was zu bieten hat. Das Riffgewitter ist wirklich beeindruckend, wenn die Band vielleicht auch noch lernen muss, ihre spielerischen Talente noch ein bisschen songdienlicher einzusetzen. Aber das wird schon noch. Einstweilen eine durchaus bemerkenswerte Visitenkarte, die vor allem Freunde der frühen MEGADETH-Werke ansprechen dürfte. AGE OF EVIL ist ein Name, der notiert werden darf.
[Rüdiger Stehle]

Der Umbau zwischen den einzelnen Bands geht übrigens recht zügig, sodass der Zeitrahmen gut eingehalten wird.

CRYSTAL VIPER aus Polen haben schonmal ein erstes Ausrufezeichen verdient. Die Band mit Frontfrau Marta ist eine Mischung aus DORO, WITHIN TEMPTATION und ein bisschen HAMMERFALL. Ihre Songs sind aus dem Fantasy- und Horrorbereich und Marta animiert das Publikum immer schön zum Mitmachen. 'The Island Of The Silver Scull', 'Shadows On The Horizon' und 'The Last Axeman' sind besonders gut angekommen. Nach dem Auftritt geben CRYSTAL VIPER neben der Bühne noch fleißig Autogramme.
[Hannelore Hämmer]

Von den genannten Einflüssen kann ich zwar nur WARLOCK bzw. DORO ausmachen, aber ich gebe dir auf jeden Fall Recht, dass die Polen um die klein gewachsene Frontfrau Leather Wych (alias Marta Gabriel) sehr engagiert zu Werke geht. Die ganze Mannschaft legt eine unglaubliche Spielfreude an den Tag und auch der Sound passt,  so dass es sehr verständlich ist, dass sich das Publikum anstecken lässt. Wir wohl doch Zeit, dass ich mir mal das aktuelle Album hole, nachdem ich damals das Debüt eigentlich ganz gut gefunden habe. Der Auftritt macht auf jeden Fall Lust auf mehr, und ich bin mir sicher, dass wir auch noch einiges von CRYSTAL VIPER hören werden, obwohl ich ja normalerweise kein großer Fan des so genannten "Female Fronted Metal" bin.
[Rüdiger Stehle]

Mit WIZARD steht dann auch schon die nächste deutsche Band auf der Bühne. Die geht gleich richtig ab und der Sänger hat eine richtig geile Stimme. Die Band spielt eine gute Auswahl aus allen Alben und ich denke, sie gehört zu den Highlights des Festivals. Aber auch diese Band hat nur eine halbe Stunde Zeit, dann ist schon ein erneuter Wechsel angesagt.
[Hannelore Hämmer]

Die kurzen Spielzeiten fast aller Vorbands mögen vielleicht den ein oder anderen stören, doch bei einem Festival, das in dem Maß auf einen Headliner zugeschnitten ist wie das Magic Circle, finde ich dieses Vorgehen sogar sinnvoll. Die Bands sind gezwungen, die im Wesentlichen völlig vom Headliner eingenommenen Zuhörer in einem kurzen und knackigen Statement von sich zu überzeugen. Birgt eine lange Spielzeit die Gefahr, dass eine Band auch Füllmaterial spielt oder ihr aktuelles Werk "zu ausgiebig" vorstellt, so versuchen die meisten Acts am heutigen Tag, ihre Spielzeit mit einer Handvoll eingängiger und kurzweiliger Stücke zu bestreiten. Das hilft gerade bei Bands wie WIZARD ungemein, deren sehr stark limitierte stilistische und kompositorische Bandbreite ansonsten doch auch mal recht ermüdend werden kann, wenn es länger als dreißig Minuten geht und man mit dem Songmaterial nicht vertraut ist. Heute bleibt also keine Zeit für den Abnutzungseffekt und das Quintett aus Bocholt macht mit einigen Hits eine gute Figur, die wunderbar auf die Vorliebe der Zielgruppe für stampfende Mitsing-Hymnen ausgelegt sind. Die Band ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und sie überzeugt mit dem, was sie tut. Leider bremst der zwischenzeitliche Wolkenbruch die Fahrt ein wenig, doch die Fans, die sich bereits von den ersten Takten an infizieren ließen, bleiben trotzdem an der Front.

Als Jack Starr mit seiner aktuellen BURNING STARR-Mannschaft auf die Bühne klettert, sind zum Glück schon recht viele Zuschauer anwesend, die von den beiden vorgenannten und gut zur MANOWAR-Klientel passenden Truppen bereits ordentlich warm gespielt wurden. So kann sich der ehemalige VIRGIN STEELE-Gitarrist auch über guten Zuspruch freuen. Die Setlist enthält dabei etliche Stücke vom sehr soliden und unlängst über Magic Circle erschienen Comeback-Album "Defiance", von denen mir vor allem 'Once And Future King' und 'The King Must Die' zusagen. Dazu kommen ein paar Klassiker aus der wechselhaften Geschichte des kleinen Gitarrenhexers und natürlich auch das obligatorische VS-Cover 'Go Down Fighting', das Jack mit verfasst hat und das im Original auf der "Wait For The Night"-EP aus dem Jahre 1983 erschienen ist. Die Band besteht neben Jack Starr heute übrigens - wie schon im Vorjahr - aus dem großartig aufgelegten Sänger Todd Michael Hall und den deutschen STORMWARRIORs als erweiterte Instrumentalfraktion. Ein sehenswerter Gig, der für mich fraglos zu den Highlights des Festivals gehört. Leider steht ein Großteil des Publikums aber wahlweise auf den stampfenden Metal der Teutonenfraktion oder auf das kommerzielle Material einiger anderer aufgebotener Bands, so dass Jack Starr trotz positiver Resonanzen nicht ganz so sehr abgefeiert wird wie die Bands direkt vor und nach ihm und seiner Band.
[Rüdiger Stehle]

Dann kommen endlich VAN CANTO auf die Bühne. Sie werden schon während der Umbauarbeiten mit Sprechchören gerufen. Für mich ganz klar die Band des Tages - alle MANOWAR-Fans mögen mir dies verzeihen. Diese Band sprüht einfach vor Spielfreude und begeistert das Publikum. Außerdem ist es unglaublich, was sie fast - ein bisschen Schlagzeug muss schon sein - nur mit ihren Stimmen anstellen. Wirklich schade, dass auch diese tolle Band nur eine gute halbe Stunde Zeit hat, ihr Können vorzuführen. Selbst ganz weit oben müssen sie gut angeshen sein, denn pünktlich zu ihrem Auftritt - der übrigens mit 'Rain' beginnt - hört es für den Rest des Festivals auf zu regnen und eine strahlende Sonne lässt sich blicken. Der zweite Song 'Kings Of Metal' ist natürlich dem Hauptact gewidmet und alle singen lautstark mit. Das klingt richtig gut, denn inzwischen hat sich die Arena doch ganz ordentlich gefüllt und vorne bekommt man keinen Platz mehr. Es bleibt noch Zeit für 'Quest Of Roar', 'Speed Of Light' und 'The Mission', dann ist die Zeit auch schon vorbei. Na ja, nicht ganz. Lautstarke Zugabe-Rufe lassen VAN CANTO nicht von der Bühne und sie dürfen tatsächlich eine Zugabe geben. Zu Ehren von MANOWAR singen sie und das Publikum noch einmal 'Kings Of Metal'. Anschließend geben sie noch jede Menge Autogramme, unterhalten sich mit Fans und lassen sich immer wieder fotografieren. Dennis ist auch diesmal wieder von einem VAN CANTO Tattoo total begeistert und möchte unbedingt ein Foto zusammen mit dem Tattoo auf seinem Arm.

Noch während VAN CANTO von Fans umringt sind, stehen schon METALFORCE auf der Bühne. Sie haben immerhin Zeit für acht Songs, darunter 'We Are The Children Of The Storm', 'Faster, Louder, Metalforce', 'Fields Of War' und 'Bring Metal To The Stadium'. Dabei animieren sie das Publikum unermüdlich und werden auch durch eifrige Mitarbeit belohnt. Ich finde den Auftritt ziemlich gut, weil sie wirklich sehr mit dem Publikum agieren.
[Hannelore Hämmer]

Nun, ich war ja bisher nie als großer Freund der Truppe um KIT-Mitveranstalter Tarek Maghary bekannt, doch dieses Mal habe sogar ich riesigen Spaß an der Darbietung der ex-Majestäten. Das mag ein Stückchen weit daran liegen, dass ich im Gegensatz zu Hannelore eher relativ allergisch auf VAN CANTO reagiere. Bei allem ehrlichem Respekt vor der musikalischen und gesanglichen Leistung der A-Cappella-Metaller, muss ich doch zugeben, dass ich diese Art von Musik wirklich niemals freiwillig anhören würde. MANOWARs "Kings Of Metal" in einer Version aus lautmalerischer Vokalakrobatik samt dumdidumdidumdibang ist für meine seit zwanzig Jahren metallisch geprägten Ohren einfach zu skurril. Doch sei es drum. Die Band gibt wirklich eine beeindruckende Vorstellung und wird auch entsprechend gefeiert. Das gönne ich ihr, auch wenn ich persönlich lieber Metalfestivals ohne A-Cappella-Auftritte habe. Eben darum auch mein Aufatmen zu METALFORCE, denen ich einen kurzweiligen und blitzsauberen Gig attestieren darf, der davon lebt, dass sich Tarek & Co. eben mehr auf die kraftvollen, metallischen Hymnen konzentrieren, die sie von Beginn an für einen Teil des MANOWAR-Publikums so interessant machten. Mission erfüllt und Spannung für das kommende Magic-Circle-Music-Debüt der Franken geweckt!
[Rüdiger Stehle]

Danach kommen DOMAIN auf die Bühne. Das gewaltige Intro (es klingt ein bissschen nach Tschaikowskis 1812) lässt einen starken Auftritt vermuten. Leider ist dem aber nicht so und der Auftritt reißt niemanden so recht vom Hocker. Auch die 'Dont't Pay The Ferryman' - Version wäre nicht wirklich nötig gewesen. Schade, aber der Funke will einfach nicht auf das Publikum überspringen.

Dafür liefert HOLYHELL eine großartige Show ab und Maria Breon hat das Publikum auch sofort auf ihrer Seite. Sie spielen aus ihrer neuen CD "Holyhell" Stücke wie 'Holy Water', 'Gates of Hell', 'Revelations', 'Angel Of Darkness', 'Prophecy' und 'Apocalypse'. Anschließend gibt es eine Autogrammstunde - natürlich mit CD-Verkauf. Der Andrang ist ziemlich groß, aber sie haben versprochen, dass jeder Fan ein Autogramm bekommt.
[Hannelore Hämmer]

Genau so ist es, zwei Bands, zwei völlig unterschiedliche Erlebniswelten:

Die deutschen Melodic-Hardrocker von DOMAIN mit ihrem neuen Sänger Nicolaj Ruhnow präsentieren sich an sich in guter Form, doch können sie mit der relativ leichten Muse kaum jemanden wirklich beeindrucken. Dementsprechend mau fallen die Publikumsreaktionen auch aus, obwohl sich Gitarrist Axel Ritt einmal mehr als echter Meister seines Fachs präsentiert. Auch gesanglich meistert Nicolaj die für seine Vorgänger geschriebenen Songs ebenso überzeugend wie die Stücke vom aktuellen Scheibchen "The Chronicles Of Love, Hate And Sorrow", doch um beim heutigen Publikum anzukommen, fehlt den Hessen der Punch und die Motivation dazu, die Meute die Fäuste in die Luft recken zu lassen. Und genau das braucht ein MANOWAR-Publikum, um in Fahrt zu kommen.

Hannelore, du hast es ja bereits angedeutet: Bei HOLYHELL klappt das deutlich besser, was mehrerlei Ursachen hat. Zum einen hat Magic Circle Music den treu ergebenen Warriors oft genug vorgesagt, wie toll HOLYHELL sind. Zum anderen präsentiert sich die Band auch professionell und gut geschmiert. Rhino trommelt überzeugend und wirkt sympathisch und gut gelaunt. Maria Breon schöpft den nicht überirdischen, aber durchaus ordentlichen Rahmen ihrer stimmlichen Möglichkeiten ganz gut aus, und das präsentierte neue Songmaterial vom eben erschienenen Debütalbum ist wirklich nicht von schlechten Eltern. Das weiß das Publikum zu würdigen, und deshalb sieht es gnädig über das schon arg affektierte und supercoole Posing der sonnenbebrillten Saitenmänner hinweg.
[Rüdiger Stehle]

Noch während der Autogrammstunde von HOLY HELL kommen ULYTAU aus Kasachstan auf die Bühne. Das Outfit ist exotisch und der Auftritt auch. Alle Songs sind instrumental und stammen entweder aus dem klassischen Bereich oder aus der Folklore. Bekannt ist vor allem die 'Toccata Und Fuge' von J.S. Bach. Die Geige wird virtuos eingesetzt, es sind gute Musiker, aber irgendwie auf diesem Festival etwas fehl am Platze. [Hannelore Hämmer]

Lustig, dass du bei ULYTAU die Empfindung hast, die ich zuvor bei VAN CANTO hatte: Für mich ist das instrumentale und klassisch bis folkloristisch beeinflusste Schaffen der jungen Kasachen weitaus Metal-kompatibler als die Darbietung der Sängerknaben. Da aber das MANOWAR-Publikum immer mehr gen Mainstream driftet, lässt der Vergleich der jeweiligen Publikumsresonanz den Schluss zu, dass du Recht hast. Dessen ungeachtet muss ich den Zentralasiaten auf jeden Fall attestieren, dass sie sich toll präsentierten und optisch wie instrumental einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Neben der erwähnten 'Toccata und Fuge' gibt es mit Vivaldis 'Winter' aus den "Vier Jahreszeiten" weiteren klassischen Stoff, aber auch asiatisch-folkige und rockige Elemente, die von dem klassischen Rockinstrumentarium, von Auftreten und Spiel der Geigerin Nurgaisha Sadvakasova und Erjan Alimbetovs Dombra (einem traditionellen asiatischen Saiteninstrument) leben. Aus meiner Sicht ein grandioser Auftritt, der lediglich deshalb beim Publikum nicht ganz so überragend aufgenommen wird, weil durch den fehlenden Gesang beim ersten Hören die Punkte zum festhalten fehlen. Sollte es ULYTAU gelingen, in Zukunft schlüssig Gesang in ihre Stücke einzubauen, dann sehe ich durchaus die Chance, dass die Band aufgeschlossene Rock- und Metalfans weltweit erreichen kann. Eine kasachische Fandelegation mit hellblau-gelben Nationalflaggen ist immerhin mit nach Deutschland gereist, und Herr DeMaio selbst, lässt es sich nicht nehmen, ULYTAU als einzige Band des Festivals persönlich anzukündigen.

So langsam nähern wir uns dem eigentlichen Höhepunkt des Festivals, nur eine Band trennt uns noch von MANOWAR, und das sind KINGDOM COME. Für die Band des deutschen Sängers und Gitarristen Lenny Wolf dürfte die Rolle des Co-Headliners inzwischen sehr ungewohnt sein, liegen die letzten größeren kommerziellen Erfolge doch schon locker fünfzehn Jahre zurück. So gilt hier leider in etwa das selbe, was ich bereits zu DOMAIN geschrieben habe: Die Band gibt sich zwar auf keinen Fall eine Blöße, doch der Funke springt nicht auf das Publikum über, und auch auf mich nicht. Wozu die Fahnenschwenkerinnen gut sein sollen, erschließt sich keinem, doch auch stören tun die Damen nicht. Der Anfang des Gigs ist noch recht vielversprechend. Die ersten Songs klingen leicht alternativ und ziemlich heavy, Basser Frank Binke gibt eine energiegeladene Vorstellung ab. Doch nach und nach klingt der leicht von Led Zeppelin beeinflusste Hardrock doch ein wenig langatmig und austauschbar. Für Fans der Band sicher ein netter Auftritt, doch leider dürften heute fast ausschließlich MANOWAR-Fans zugegen sein, und die sehen die Sache vornehmlich distanziert.

Damit sind wir dann auch beim großen Headliner angelangt, der nach einer erstmals am heutigen Tage sehr langen Umbaupause mit über einer Viertelstunde Verspätung loslegt. Der Einstieg ist dann wie gewohnt mächtig. MANOWAR haben einen guten Sound, Eric Adams ist gut gelaunt und gut bei Stimme, strahlt gar wie ein Honigkuchenpferd, weil er so begeistert von der tollen Location und der schönen Kulturlandschaft am Rhein ist. Einen echten Trumpf spielen die Amerikaner mit Rückkehrer Donnie Hamzik am Schlagzeug aus, der wirklich toll und lebendig trommelt und mir deutlich besser gefällt als Rhino im Vorjahr. Vor allem lässt mich der Live-Sound und die Live-Darbietung des Mannes wirklich skeptisch werden, warum das Schlagzeug denn bei MANOWAR auf Platte immer steriler und elektronischer klingt. Schade drum. Lasst den guten Donnie doch im Studio auch so spielen, wie er es live tun darf. Nun, genug hierzu. Der Einstieg ist mit dem obligatorischen Doppel aus 'Manowar' und 'Blood Of My Enemies' zwar vorhersehbar, aber auf jeden Fall beeindruckend.

Die selben Attribute gelten auch für die weitere Songauswahl: Vorhersehbar, aber - mit Ausnahme des erneut schmerzenden Basssolos - eindrucksvoll dargeboten. So ist es nach dem Verklingen der letzten Akkorde von 'Hail And Kill' auf jeden Fall noch so, dass das Publikum zum größten Teil begeistert ist und sich auf die Zugabe wirklich freut. Doch wie in der Vergangenheit so oft, schießt sich die Band mit der Zugabe selbst ins Bein und tötet die Stimmung. Zuerst lamentiert der sichtlich genervte Joey in ziemlich derber Weise über die Kollegen von den Printmedien, und dann versteigt er sich gar dazu, den Betreiber der Loreley wüst zu beschimpfen und die zuvor von Eric so sehr gelobte Location als "Shithole" zu bezeichnen, in dem er nie wieder spielen werde. Und all das, weil er wohl mit den vertraglichen Gewinnbeteiligungen des Betreibers nicht einverstanden war und deshalb das komplette Magic-Circle-Merchandise außerhalb des Geländes auf dem Campingplatz verkaufen musste. Nun, ich weiß nicht, wie gut oder schlecht die Konditionen des Vertrages waren, aber das ist eine Sache für die Anwälte und Berater und nicht für die Bühne. Im Angesicht dieser Standpauke verkommt die Ankündigung des Asgard-Saga-Partners Wolfgang Hohlbein fast zur Randnotiz und es ist Joey einmal mehr gelungen, die Politik seines Labels und seine Propaganda über die Musik zu stellen, um die es eigentlich gehen sollte. Von einigen Claqueuren abgesehen, kühlt die Stimmung merklich ab, etliche Zuschauer wandern gar schon vor Beginn des musikalischen Teils der Zugabe ab. Auch uns ist die Lust an sich gehörig vergangen, doch wollen wir den weiteren Verlauf des Restkonzertes nicht unterschlagen.

Nach einem kurzen und sympathischen Auftritt Wolfgang Hohlbeins folgt die komplette neue EP am Stück als Live-Uraufführung. Das war so angekündigt und ist somit absolut in Ordnung, zumal das Scheibchen neben der Kitschbombe 'Father' und dem recht drögen 'Die With Honor' ja auch drei sehr nette bis wirklich gute Stückchen enthält, von denen mit dem tollen 'God Or Man' auch das mit Abstand beste verdient am Schluss steht. Das Problem der Zugabe ist also nicht mal das, was gespielt wird, sondern das was unterlassen wird. Nach 'God Or Man' brüllt Eric noch hastig das übliche "We will return!" ins Publikum und dann nimmt die Band mehr oder minder grußlos reisaus. 'The Crown And The Ring' kommt vom Band und Schluss, gut zehn Minuten vor der Zeit. Kaum einer will noch mitsingen, die Enttäuschung ist förmlich fühlbar. Die Band spielt insgesamt eine knappe halbe Stunde weniger als angekündigt, lässt vier Klassikeralben ("Into Glory Ride", "Sign Of The Hammer", "Fighting The World" und "The Triumph Of Steel") komplett außen vor, und sie verzichtet im Gegensatz zum Rest der laufenden Tour darauf, den Gig mit dem essentiellen Klassiker 'Battle Hymn' zu beschließen, obwohl sie dessen Original-Drummer Donnie Hamzik hinter den Kesseln sitzen hat. Das ist nicht nur schade, sondern sehr traurig, und nicht nur ich bin enttäuscht, sondern wirklich jeder, mit dem ich nach dem Konzert noch hierüber gesprochen habe.

So bleibt leider die Erkenntnis, dass es MANOWAR nach den zahlreichen negativen Randerscheinungen des letzten Festivals in Bad Arolsen auch dieses Mal nicht schaffen, die immer zahlreicher werdenden Scharten ihres einst blitzeblank strahlenden Stahls auszuwetzen. Der unbestritten großartigen ersten Hälfte des Gigs folgt eine ernüchternde zweite Hälfte, weil sich Joey DeMaio immer noch unnahbarer und abgeklärter darstellt. Es ist traurig, zu erleben, wie die Distanz zu einer Band, deren Musik mich inzwischen 21 Jahre lang begleitet hat, immer größer wird. Ich habe die Hoffnung wahrscheinlich noch immer nicht ganz aufgegeben, aber ich stehe kurz davor. Sollte es im kommenden Jahr ein Magic Circle Festival geben, so wird das für mich wohl der letzte Versuch werden, die alte Liebe zu kitten. Und ich wünsch mir nichts mehr, als dass es wieder mal ein MANOWAR-Event ohne Schattenseiten gibt.
[Rüdiger Stehle]

 

Setlist MANOWAR:

- Manowar
- Blood Of My Enemies
- Hand Of Doom
- Brothers Of Metal
- Call To Arms
- Heart Of Steel
- Sleipnir
- Loki
- Kings Of Metal
- Eric's "Scream Along" Game
- Joey's Bass Solo
- The Gods Made Heavy Metal
- Fast Taker
- Warriors Of The World
- Kill With Power
- Hail And Kill

Zugabe:

- Joey's Speech
- Hohlbein's Speech
- Thunder In The Sky
- Let The Gods Decide
- Father
- Die With Honor
- God Or Man
- The Crown And The Ring (Outro Version)

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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