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Marilyn Manson/Peaches - Berlin

27.11.2003 | 05:35

20.11.2003, Velodrom

Mütter! Verliert eure Töchter und Söhne nicht aus den Augen! Sonst betreten sie ohne euch die Konzerthalle!
18.30 Uhr vor der Berlin-Arena, auch Velodrom genannt, stehen sich bereits tausende von Fans die Beine in den Bauch. Ganze Familien sind hier versammelt. Details aus der interessant ausschauenden Menschenmasse: bunte Kontaktlinsen, überschminkte Augenlieder, blutrote Münder, zerfranste und tupierte Haare, Hosenträger, Stachelhalsbänder, zerrupfte Strümpfe, geringelte Oberteile, Korsagen und viel nackte Haut, bei einem Jungen sogar frische Narben auf der Brust. Den skurilen Gestalten sieht man ihr abendliches Ziel an: MARILYN MANSON gibt ein Gastspiel. Es ist das zweite und ebenfalls ausverkaufte Konzert nach Hamburg auf seiner Deutschlandtour, mit der er am Ende dieses Jahres sein aktuelles Album „The Golden Age Of Grotesque“ auf die Bühne bringt. Mit von der Partie sind Drummer Ginger Fish, Gitarrist John 5, Pogo alias M.W.Gacy als Meister der Elektronik und Tim Skold von KMFDM am Bass. Außerdem hat sich der "hohe" Priester der Church of Satan das zur Zeit heiß begehrte Schlampenwunder PEACHES als Vorband mitgebracht.

20.00 Uhr beginnt der „Pfirsich“ frisch und saftig seine Show und es wird schnell klar, dass es hier nicht primär um gute Musik geht. Die junge Dame rüttelt und schüttelt alles, was an ihr ist und dabei auch so manches lackige Kleidungsstück ab. Bald wirbelt die Eine-Frau-Band PEACHES nur noch in BH und Unterhöschen von einer Bühnenseite auf die andere, wobei sie dem Rand bedrohlich nahe kommt. Dann kreischt sie irgendwas von „I Don’t Give A Fuck“ ins Mikro, welches sie wie einen Dildo umgreift und stoßartig auf der Mittelinie ihres Körpers hin und her bewegt. Dass diesem Weibsstück einiges egal ist, fällt nicht schwer zu glauben. Es reicht den Augen zu trauen. Eingetaucht in grell rotes Licht heizt sie zumindest einen Teil des ungeduldig wartenden Publikums in der gut gefüllten Halle an. Es ist offensichtlich, dass PEACHES zu Berlin ein besonders inniges Verhältnis pflegt. Schließlich wurde das 2000er Release „Lovetits“ auf dem Hauptsstadt-Label Kitty-Lo verlegt. Tatsächlich haben sich in Berlin bereits international ausufernde Fanclubs organisiert, die sich aus bestialisch gut aussehenden oder zumindest gekonnt angepinselten Mädchen zusammensetzen. Ob das alles „Fatherfucker“, so der Titel des 2003 erschienen Albums sind, bleibt offen. Relativ sicher sieht nach diesem Auftritt im Rotlicht in der Tat so mancher Mann rot und nach dem weisen Spruch „Bei Grün darfst du gehen, bei Rot bleibe stehen!“ ist die offenherzige Kanadierin wohl als Gefährdung für den Straßenverkehr und die ganze Öffentlichkeit einzustufen. In dieser Eigenschaft passt PEACHES auch sehr gut zum Hauptact des Abends. Der Vergleich mit einem wild gewordenen Hühnchen drängt sich nach der 45minütigen Aufführung von PEACHES regelrecht auf und die Analogie zwischen MARILYN MANSON und einem Gockel ebenfalls.

„Warten bis der Hahn kräht“ darf das treue Publikum dann noch für weitere 45 Minuten. Recht still drängen sich die jungen Küken in den vorderen Reihen. Einige lassen sich jetzt schon von Aufsehern aus der drückenden Masse der Fanschar hinausziehen, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten können. Andere warten geduldig und haben sogar Lektüre - natürlich den Marquie de Sade - mitgebracht. 21.30 gehen erstmal die Lichter aus. Nebel steigt auf, der schwarze Vorhang in der Bühnenmitte geht zu Boden und vor zwei riesigen „m's“ aus Pappe schwebt MARILYN MANSON auf einem Thron sitzend herab. Mit den Händen die Sitzlehnen umklammernd zieht der dunkle Herr bizarre Grimassen, während aus blechernen Lautsprecherblumen das 'Theater'-Intro trötet. Dann springt die persiflierte Führerfigur wie wild geworden zum Bühnenrand und singt mit affektierten Gesten 'This Is The New Shit'. Ohne Zweifel scheint der Meister heute in Hochform. Etwas abgespeckt und fit wie ein Turnschuh rennt er auf hohen Hufen von einer Bühnenseite zur anderen, ganz wie ein Federvieh, dass sein Revier markieren muss. Pinkeln on stage wird er heutzutage wohl nicht mehr, aber seine Nasenpopel rotzt er wie bei jedem Auftritt ins Publikum. Jubelnd bedankt sich die ausverkaufte Halle für des Rockstars Sekret. Solch Ausscheidungsprodukt auf der Linse der Fotografen ist dagegen weniger gern gesehen. Im Unterschied zu MANSON’s Schleim werden die Kameramenschen tatsächlich wie infektiöses Material behandelt. Aufbewahrt wird das Pressepack in einem leer geräumten Zimmer, dann jeweils für zwei Lieder heraufgeholt in den Bühnengraben. Dort darf es kämpfen um wenigstens ein einziges scharfes Bild seiner grotesken Hoheit, bis der dicke schwarze Mann namens Pete (MANSON’s persönlicher Leibwächter) kommt und alle wieder in den Aufbewahrungsraum zurücktreibt. Wer will, darf jetzt gehen. Immerhin ist es denjenigen, die Bericht erstatten sollen, erlaubt den Rest der Show mit Abstand und ohne Rüstung zu genießen. Der Fotokram ist an der Garderobe abzugeben. Völlig wehrlos wird der maßgeregelte Pressemensch der Masse kreischender Fans ausgeliefert. Mit 7500 konkurrierenden Konzertbesuchern vor und um ihn fällt ihm die Wahl des Standplatzes sogleich sehr leicht: In der hintersten Reihe gilt zumindest das Gesetz „Die Letzten werden die Ersten sein“. So übel steht es sich hier gar nicht. Dick aufgetragene Schminke und gut verstärkte Stimme entfalten zum Glück bis in die letzte Hallenecke ihre Wirkung. Der Meister denkt mit und auch an den letzten Abschaum, bedient sich dazu simpler optischer Tricks. Verlängerte Armprothesen schwingen beim 'Fight Song' von links nach rechts und provokativ auch nach vorn. Den beiden verrücktgewordenen Trommlerinen ist ein verdicktes Hinterteil angebracht, in welches der selbst erklärte „God Of Fuck“ bei 'Sweet Dreams' sein Mikro schiebt. Und zu guter letzt wird auch noch ein überdimensionierter aufgeblasener Mickey Maus-Kopf enthüllt, der unverkennbar MANSON’s Fratze trägt. „Happy Birthday“, dir liebes Nagetier! Feiert doch Disney’s ertragbringende Erfindung dieses Jahr ihren 75. Geburtstag. Wahrlich, „This Is The Golden Age Of Grotesque“. Wie berauschend mutet dann gar der rote Flitterregen zur 80'ies-Glam-Rock-Hommage 'Rock Is Dead' an. Wie aberwitzig erscheint doch dieses krummnäsige und stimmgewaltige Männlein, dass selbst immer nur Rockstar sein wollte und nun sein eigenes angestrebtes Reich für tot erklärt. Hitler hatte leider weniger Humor. Und auch so mancher Fan scheint MARILYN MANSON’s Show zu ernst zu nehmen, wenn ihm vor, während und nach diesem gelungenen Konzert kein Lächeln entgleist. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Zugabe, mit der hier eigentlich jeder rechnet, ausbleibt. Damit wird mal wieder klar: Dort steht ein haarscharf kalkulierender Geschäfts- und Showman auf der Bühne, der seinem Fanvolk nur auserlesene Kost serviert. Bon Appetit!

Gastschreiberin: Wiebke Rost

Redakteur:
Henri Kramer
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