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Moonsorrow - Hamburg

01.03.2005 | 12:51

25.02.2005, Headbangers Ballroom

Heldische Chöre, gellende Schreie, Gitarren wie Schwertergerassel, pumpende Schlagzeug-Attacken als der manische Puls von längst vergessenen Schlachten der Altvorderen - wer MOONSORROW regelmäßig inhaliert, bekommt irgendwann einmal ein Traum-Bild der Musiker vor Augen. Auf diesem visionären Gemälde stehen fünf Typen an einem Berg, behängt mit Fellen und Leder, bewaffnet mit Äxten, geschützt mit Schilden. Sie tragen lange Haare, die Gesichter sind wettergegerbt und zerfurcht, der Blick grimmig in die Ferne gerichtet. So ähnlich implizierten es auch die Werbe-Fotos, die MOONSORROW anlässlich ihrer aktuellen Wunderplatte "Verisäkeet" veröffentlichten: Fünf Kerle, wühlend und begraben im Schlamm, wild, rau, roh. An diesem Abend sollen sie nun die neue Platte das erste Mal überhaupt live vorstellen, selbst die Release-Party in der finnischen Heimat findet erst eine Woche später in Helsinki statt. Dementsprechend voll Zuschauer ist der "Headbangers Ballroom" in Hamburg, groß auch der angereiste Tross an Metal-Journalisten. Alle bewegt eine Frage: Klappt es, einen epischen Kraftprotz wie "Verisäkeet" live umzusetzen? Sind diese Finnen wirklich schon so erwachsen?

Doch bevor MOONSORROW sich beweisen können, dürfen CHILDREN OF WRATH den Abend eröffnen. Die Jungs kennen den "Ballroom" wohl schon wie ihre Westentasche, bereits zum vierten Mal stehen sie auf der Bühne des Clubs. Dies kann kein Zufall sein... und richtig, CHILDREN OF WRATH entpuppen sich als exzellente Anheizer-Band: Nicht zu toll, um den Headliner in Bedrängnis zu bringen, aber auch nicht so mies, um das Publikum zu nerven und das teure Bier im Glas mit Plageliedern versauern zu lassen. Der Stil der Burschen aus Hamburg lässt sich mit einer Mischung aus melodischem Death Metal und Thrash der Marke KREATOR beschreiben, dazu kommen noch ein paar Black Metal-Parts. Besonders viel Wert scheinen die vier Jungs auf die Melodien ihrer Songs zu legen, die abwechslungsreich aus den Lautsprechern platzen. Mit dabei haben die Zorneskinder ihr Debütalbum "Call Of Sin", dessen Songs sie ausgiebig vorstellen. Was sie von höheren Göttern und mutmaßlichen Vorbildern wie etwa NAGLFAR noch unterscheidet: Die Bühnenshow ist jenseits des Prädikats "weltbewegend". Denn bangen und Kopfschütteln kann jeder - Ausstrahlungskraft ist dagegen bis auf Ausnahmen lange, lange Erfahrungssache. Vielleicht liegt das fehlende Charisma aber auch nur an dem Alter der Burschen, viel mehr als 20 Erdenjahre können sie nämlich noch nicht erlebt haben. Da hilft nur: Augen schließen. Dann wirkt das durchaus fies-kehlige Organ des Sängers böser als seine Performance auf der Bühne. Insgesamt ist der Auftritt von CHILDREN OF WRATH jedoch gelungen - mit viel Engagement und noch mehr Herzblut können aus den Kindern des Zorns noch richtig wütende Männer mit ebensolcher Musik werden.

Diesen Status haben MOONSORROW spätestens mit ihrer aktuellen Scheibe "Verisäkeet" erreicht, in ganz Europa überschlagen sich die Kritiker in den Magazinen. Und dazu diese seltenen Auftritte - ein gewisses Mysterium bieten die Finnen anders als ihre öfters tourenden Kollegen von FINNTROLL oder ENSIFERUM also auch noch, selbst nach knapp 10 Jahren Bandgeschichte. Und da kommen sie zu fünft und unter dem Jubel der Massen auf die niedrige Bühne im "Headbangers Ballroom", dessen Clubmitte von einem viereckigen, mit Spiegeln verziertem und etwa ein Meter breiten Pfeiler durchschnitten wird. In dem Spiegelglas brechen sich die Gesichter der Musiker, die vorher wohl in Blut gebadet wurden - rot sind die Züge der fünf Finnen, beschmiert wie in früheren Zeiten, als Völker-Konflikte noch per Schwert und nicht mit gelenkten Raketen ausgetragen wurden. Diese Zeiten lassen MOONSORROW in ihren Kriegerhymnen wieder aufleben: Der Saal in Hamburg gibt sich von der ersten Sekunde der Kraft und der Eindringlichkeit dieser Stücke hin. Songtitel spielen dabei keine wirkliche Rolle. Denn einmal sind sie sowieso alle auf finnisch und damit weit, weit entfernt von klassischen Sprachmustern unserer Heimat, außerdem funktionieren MOONSORROW mit ihren überlangen Epen in anderen Kategorien. Hier werden Augen geschlossen, Träume gelebt, Filme im Kopf abgespult. Gerade bei einem Kracher von der Größe eines Songs wie 'Karhunkynsi' bleibt die Spucke willenlos im Hals stecken und die Erkenntnis kommt hoch: Besser versteht es zur Zeit keine andere Band, typisch finnische Klänge mit extremem Metal zu vereinen. Gleichzeitig hat sich mit MOONSORROW eine Band herauskristallisiert, die es schaffen könnte, den Weg, den einst BATHORY mit Alben wie "Blood, Fire, Death" ebnete, noch weiterzugehen.

Warum sie die Legende noch übertrumpfen könnten? MOONSORROW sind im Gegensatz zu Quorthon, der in seinen Lebzeiten Touren hasste, eine verdammt geile Liveband. Dies fängt mit Sänger und Bassist Ville Sorvali an: Er bangt wie ein Stier und schreit mit einer Kraft in das Mikro vor seinem blutüberstömten Gesicht, dass seine Vorväter stolz gewesen wären. Trinken wie die kann er auch schon: Als ein Fan im Publikum ruft, dass er gefälligst nicht aus einer Wasserflasche trinken soll, antwortet Ville nur trocken: "That's no water, it's vodka..." Rechts von ihm steht wohl derjenige, der für den ganzen Metal-Schlamassel im Hause Sorvali verantwortlich ist: Villes älterer Bruder Henri. Er ist um einiges beleibter und breiter, arschcool mit einer Zigarette im Mund spielt er die traumhaften Melodien aus dem breiten Repertoire von MOONSORROW. Dabei findet er immer noch Zeit zusammen mit Ville und dem zweiten Gitarristen Mitja Harvilahti die mächtigen Kriegerchoräle zu singen, von denen die Stücke wie 'Pimeä' ihre wunderbare Atmosphäre erhalten. Im Hintergrund trommelt Marko Tarvonen fehlerfrei und banddienlich, dazu strahlt Markus Eurén an den Keyboards die Würde einen weisen Kriegerführers aus. Die unheimliche Präsenz der Band auf der Bühne überträgt sich in Windeseile auf die Fans im Saal: Bald schon singen sie alle mit, das applaudierende Johlen in den Pausen wird lauter und lauter. Nur mit dem Begriff Record-Release-Party nehmen es MOONSORROW nicht so genau: Sie spielen nur zwei der fünf "Verisäkeet"-Songs. Das ist auf der einen Seite natürlich schade, doch zeigen die Finnen damit auch, dass auch ihre restlichen Scheiben schon jetzt in den Götter-Hitparaden von Radio Valhalla hoch- und runterlaufen. So walken MOONSORROW rund 90 Minuten die Gefühle des Publikums durch, zwischen rasendem Black Metal, bewegenden Melodiebögen und einem Feeling, dass sonst nur AMORPHIS zu "Tales From The Thousand Lakes"-Zeiten versprühten. Damit sind MOONSORROW die perfekte Werbung, um sich mit Finnland und der Geschichte dieses faszinierenden Landes auseinanderzusetzen. Nur eine kleine Enttäuschung bleibt im Hirn: Ohne Blut im Gesicht wirkt Sänger Ville eher wie ein 18- bis maximal 20-jähriger Bursche denn wie ein waschechter Nordmann. Doch das wird die Zeit schon noch richten. Und im Prinzip spielt dies auch keine Rolle, um bei der wohl besten Pagan Metal-Band der Welt in eine kollektive Wikinger-Psychose zu fallen...

Veljet sekä siskot,
kokoontukaamme yhteen pöytään!
On meidän malja nostettava
uudelle jumalalle.
('Pakanajuhla' by MOONSORROW)

[Brothers and sisters,
gather around the table!
A chalice we have to raise
to a god of an unknown faith.]

Setlist MOONSORROW

1. Sankarihauta
2. Karhunkynsi
3. Kylän Päässä
4. Kivenkantaja
5. Pimeä
6. Köyliönjärven Jäällä
7. Unohduksen Lapsi
8. Sankaritarina
9. Pakanajuhla

10. Tulkaapa Äijät

Redakteur:
Henri Kramer

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