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Moonsorrow/Swallow The Sun - Berlin

30.04.2007 | 12:15

18.04.2007, Columbia Club

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nämlich jene, dass die in ihrer finnischen Heimat mit einigen Top-Ten-Platzierungen gekrönten Düsterheimer SWALLOW THE SUN sich auch mal auf deutschen Bühnen blicken lassen. Dank des neuen Labels Spinefarm hat es mit dem aktuellen Album "Hope" endlich geklappt, und als Support ihrer Landsmänner MOONSORROW wird ihnen sogar eine volle Stunde Spielzeit zugestanden - ein wahres Fest für jeden Doom-Fetischisten!

Doch zunächst werfen die Dritten im Bunde, DEBAUCHERY, ein paar Fragen auf. Sudeln sich die Stuttgarter vor jedem Auftritt neue Shirts mit Kunstblut ein oder herrscht für die komplette Tour ein striktes Waschverbot? Ist das gerade der dritte oder doch schon der fünfte Song der Setliste? Und warum dürfen sie überhaupt für dieses eher gediegene Finnen-Paket eröffnen? Ihr merklich von SIX FEET UNDER inspirierter Death Metal hat durchaus seine Momente - besonders wenn Gitarrist Joschi ein Solo zockt, horche ich auf -, aber leider folgt auf einen vielversprechend groovigen Part meist schnell wieder relativ uninspiriertes Geknüppel, was den Wiedererkennungswert der einzelnen Stücke erheblich schmälert. Dem Fünfer um Sänger Thomas scheint die sehr verhaltene Begeisterung des obendrein recht spärlichen Publikums aber ziemlich egal zu sein. "Wir kommen jetzt zu unserem letzten Stück, und wer sich darüber freut, der soll sich selbst ficken." Zugegeben, ich freue mich schon, aber vor allem deswegen, weil DEBAUCHERY im diesem Paket ziemlich fehl am Platz wirken.

In Erwartung schaurig-schöner Klänge befürchte ich fast, dass SWALLOW THE SUN sich der insgesamt härteren Gangart ihrer Mitstreiter anpassen und ausschließlich schnellere Stücke im Gepäck haben, denn mit 'Descending Winters' (dem einzigen Vertreter von "Ghosts Of Loss") und 'Out Of This Gloomy Light' vom Debüt geben die Finnen zunächst verhältnismäßig kräftig Gas. Doch dann überrollt sie mich, diese sterbende Hoffnung, in Form des von zartem Klargesang durchwobenen Titeltracks des Drittlings. Auch das anfangs melancholische, gegen Ende abgrundtief düstere 'Don't Fall Asleep' will ich unbedingt hören, allein schon um festzustellen, dass Sänger Mikko die im Original von Jonas Renkse (KATATONIA - deren Shirt er übrigens auch trägt) intonierten klaren Passagen genauso gut hinbekommt. A propos Mikko: Viele Kritiker monieren, dass der in sich gekehrt wirkende Fronter, welcher die Zähne außer zum Singen kaum auseinanderbekommt, sich die meiste Zeit an seinem Mikroständer festklammert, als würde er ohne diese Stütze sofort umkippen. Ich bin jedoch überzeugt, dass eben genau diese stoische Ruhe (obwohl Mikko sich inzwischen hier und da im Zeitlupen-Headbanging übt, natürlich ohne dabei die Hände vom Ständer zu nehmen) inmitten seiner emsig bangenden und posenden Mitstreiter perfekt zu den Songs passt. Denn genau wie Gitarren und Keyboard immer wieder bezaubernde Harmonien hervorbringen und Bass und Schlagzeug kräftig das Zwerchfell massieren, so ist Mikkos fieses Gegrunze, Geröchel, Gekeife und Geflüster auf eine gewisse monotone Weise der Fels in der wogenden Brandung.

Auch die zeitlupenhafte Selbstmord-Hymne 'Too Cold For Tears' findet Verwendung, genau wie das später folgende, noch suizidalere 'Doomed To Walk The Earth', und die Lichtshow, bei der jede eingeblendete Farbe ein neues, kräftiges Ausrufezeichen setzt, ist das I-Tüpfelchen auf dieser emotionalen Achterbahnfahrt. Denn die Setliste, die außerdem mit dem keyboardlastigen 'These Hours Of Despair', dem zwischen harten Riffs und tollen Melodiebogen variierenden 'Deadly Nighshade' und einem meiner Lieblings-Tracks von "Tomorrow Never Came", dem bombastischen 'Swallow', jeder Facette des SWALLOW THE SUN-Sounds gerecht wird, ist perfekt ausbalanciert zwischen Schwermut, Schönheit und Verzweiflung, zwischen Hass und Sehnsucht, zwischen Hoffnungslosigkeit und Zuversicht. Am Ende überwiegt zumindest bei mir die Glückseligkeit - nämlich darüber, gerade einem wundervollen Konzert beigewohnt zu haben.
[Elke Huber]

Setlist:
Descending Winters
Out Of This Gloomy Light
Hope
Don't Fall Asleep
Too Cold For Tears
These Hours Of Despair
Deadly Nightshade
Doomed To Walk The Earth
Swallow

Ja, SWALLOW THE SUN haben an diesem Abend definitiv zum bierträchtigen Mitschunkeln eingeladen; dennoch gehören die erstarrten Finnen eher in den heimischen CD Ständer als auf eine Bühne. Schließlich sind Konzerte zum Bangen da, zum Tanzen und zum wehtun - und genau da machen MOONSORROW mit vielen steifen Nacken und blauen Flecken weiter. Das Pagan-Quintett aus der Hauptstadt Finnlands hat es an diesem Abend wieder einmal geschafft, ein episches Meisterwerk aus längst vergessenen heidnischen Schlachten und nackten, blutverschmierten Männerkörpern über seine Zuhörer hereinbrechen zu lassen, das neben melodischen Düsterklampfen vor allem das stimmliche Können des Frontmanns Ville Sorvali erneut eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte. Sympathisch macht den blonden Troll dabei nicht nur seine finnische Winterspeckpolsterung und seine grinsenden Ausrutscher neben den tiefbösen Schlachtrufen, sondern vor allem auch, dass er kein Problem damit hat, auch mal in den Hintergrund zu treten, wenn seine Gesangskollegen bei Songs wie 'Pimeä' zu den herrlich heroischen Chören anstimmen, die MOONSORROW ihre erhabene Eleganz verleihen. Schon nach dem zweiten Song legt sich ein angenehmer Duft von frischem Schweiß in der Halle nieder, und das Blut der Berliner Großstadtheiden aus den vordersten Publikumsrängen kocht von Song zu Song unaufhaltsam weiter. Trotz der relativ leeren Zuhörerreihen, oder auch vielleicht gerade deswegen, kreiseln einige Haarprachten in Dauerrotation. Schade nur, dass die wunderschönen Melodien des Keyboards manchmal ein wenig im Wust der Gitarren ertrinken und dass die Herren sich trotz anhaltender Bittrufe nicht noch mal zu einer Zugabe verleiten lassen.
[Gastautorin Silvana Conrad]

Setlist:
Tyven/Pimeä
Öyliöjärven jäällä
Tuleen ajettu maa
Kylän päässä
Jumalten kaupunki
Sankarihauta
Intro/Sankaritarina
Pakanajuhla

Redakteur:
Elke Huber

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