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Mudvayne - Bochum

26.02.2005 | 04:07

21.02.2005, Matrix

Ein Jahr und neun Monate nach ihrem letzten Deutschland-Besuch geben sich MUDVAYNE erstmals in unseren Gefilden wieder die Ehre. Von unserer Ankunft am Club bis zu dem Moment, wo ich und alle, die in der Matrix waren, sich eingestehen mussten, dass MUDVAYNE definitiv so was von zurück sind, sollten noch unendliche acht Stunden vergehen.
Doch die Vorzeichen konnten nicht schlechter stehen. Eine gecancelte Show in Amerika wegen Krankheit des Sängers, unser verschobener Interview-Termin, da sich Chad Gray nun auch hier in Deutschland mit einer ordentlichen Magenverstimmung herumplagen musste. Und ein Erfahrungswert, der sagte, dass Live-Auftritte auf Visions-Partys grundsätzlich nicht länger als eine dreiviertel Stunde gehen.
Dennoch ging bei unserer Ankunft in der Matrix alles erstmal ganz lässig vor sich. Nach wenigen Minuten befanden wir uns in den Katakomben des Gebäudes im Backstage-Bereich, wo sowohl Matt McDonough als auch Ryan Martini separat Interviews gaben. Bis zu unserem Termin sollte jedoch noch eine gute Zeit vergehen (aus oben genannten Gründen).

Nach einem angenehmen Interview mit Greg Tribett und Chad Gray (der wahrlich von einer Grippe gezeichnet schien) im Tourbus, zu dem später auch Bassist Ryan noch hinzu stieß, wurden noch letzte Vorbereitungen für das Konzert getroffen. Der Photopass erlaubte es leider nicht, in den Graben vor der Bühne zu gehen, und so kämpften Dennis (www.mudvayne-online.de) und ich uns bis in die dritte Reihe vor. Einen Akt echter Großherzigkeit gab es noch vor der Show zu bewundern. Durch die Menge schob sich ein Mann im Rollstuhl nach vorn bis an die Absperrung. Da in diesem Bereich nach Beginn des Konzerts die Hölle los sein würde, beschloss man, den Kerl samt Rollstuhl in den Graben zu verfrachten. Spontan halfen dabei mehrere Leute mit. Sowohl dies als auch später das offizielle Okay des Bühnenmanagers wurden mit Beifall bedacht.

Nach einer locker überbrückten Dreiviertelstunde ertönte das kratzige Geräusch von Gregs Gitarre. Nacheinander enterten die Bandmitglieder die Bühne. Hinter den Drums, die nicht mehr das giftige Grün trugen wie noch auf der letzten Tour, nahm zunächst Matt Platz, dessen Haare seit seinem letzten Auftritt in Deutschland auf eine beachtliche True-Metal-Länge angewachsen sind. Von der Bassdrum prangte derweil ein neues Logo mit Totenschädel, Barett und gekreuzten Gitarren, das sicher nicht überall auf Zustimmung treffen wird.

Ryan hatte, wie man den ersten Promo-Photos entnehmen konnte, eine beachtliche Matte aus Engelslocken auf seinem Kopf gezüchtet und trug als Beinkleid Camouflage wie Chad. Dieser wirkte wie ausgewechselt. Das müde Gesicht und die schwachen Bewegungen waren unbändiger Energie gewichen. Mit der umstrittenen Single 'Determined' brachte man eingangs das Kellergemäuer, das eher einem stillgelegten U-Bahn-Tunnel glich, zum Kochen. Der Sound war zu diesem Zeitpunkt noch sehr dürftig. Scheinbar wurde dieser Opener für die Feineinstellung der Akustik genutzt.

Es folgte ein abwechslungsreiches Set aus allen drei Major-Releases. So frönte man den Dingen, die waren, den Dingen, die sind, und den Dingen, die vielleicht einmal sein mögen. Verglich man die Show mit denen vor zwei Jahren, so hatte sich optisch nicht viel verändert. Erfreulich ist allerdings, dass Chad von dem kleinen Sockel, den er damals noch an der Mitte des Bühnenrandes aufstellen ließ, wieder Abstand genommen hat. Zu linkslastig war die Show dadurch geworden. Nun sprang er wie wild von einer zur anderen Seite, nutzte somit den gesamten Platz der Bühne, und füllte mit seiner Stimme ohnehin den gesamten Raum.

Was viele Fans, die seit jeher den markanten Bass an der Musik von MUDVAYNE mochten, beruhigen sollte: Möglicherweise wird dieser auf dem neuen Album nicht so stark zu hören sein wie noch auf den letzten beiden, live jedoch ist er in jedem Lied überaus präsent. Vor allem aber auch in den neuen Liedern. Davon gab es eine ganze Reihe aufs Ohr. Den Anfang machte 'IMN', das vor allem durch seinen experimentellen Schluss überzeugen konnte. 'Pushing Through' wiederum erinnerte von seinem Gitarrenriff stark an 'Internal Primates Forever', das man bei diesem Auftritt als zweiten Song gespielt hatte. Dass 'Happy?' für MUDVAYNE in kurzer Zeit bald das sein wird, was 'Chop Suey' für SYSTEM OF A DOWN war, wurde besonders bei diesem Live-Auftritt deutlich. Und letztlich gab das unbändig starke 'Rain.Sun.Gone' allen Anwesenden das Gefühl, von dem ich eingangs gesprochen habe, und stopfte ewigen kleinen Skeptikern wie mir stilvoll den Mund. Immer und immer wieder peitschten die Worte "Lost and Found" aus Chads Mund und losgelöst von allen übrigen Instrumenten grollte eine flinke Bassline aus dem Boxen, unter den schnellen Bewegungen und dem Geschick von Ryan Martini. Das konnte man fast schon als ein kleines Solo bezeichnen, obwohl es so sehr mit der Songstruktur verwebt war, dass man diese These leicht abschmettern konnte. Fest steht jedenfalls, dass man sich an allen Ecken erschreckend stark präsentierte.

Dennoch wären MUDVAYNE nicht sie selbst ohne die genialen episch anmutenden Stücke der "L.D.50". Davon gab es weit mehr, als sich wohl viele gedacht hätten. Überhaupt freute ich mich diebisch, dass mein Kumpel Andi in dieser Sache Unrecht hatte. MUDVAYNE würden nicht nur eine Dreiviertelstunde spielen! Wirklich einschlagend von den alten Liedern war zunächst '-1'. Der Unterschied verbarg sich darin, dass man die Tracks des Debüts (zumindest in diesem Club), sind sie auch generell härter und roher, sehr viel besser mitsingen kann, da sie geprägt sind von ungeheuren Schreiattacken und glasklarem Gesang. So ging '-1' in perfekter Art und Weise in 'Death Blooms' über, wie man es selbst im Studio nicht besser machen könnte, und auch das Biest von einem Lied 'Cradle' präsentierte man in gewohnt starker Manier. Vor allem Chad Gray schrie, zischte, sang, kreischte alle Kritiker an die Wand, insbesondere bei dem gefühlvollen Outro von 'Death Blooms'.
Für die Konzertbesucher der ersten Reihe wurde dieses geniale Liveset zur Tortour, da sich die Luft so dermaßen aufheizte, dass lediglich das Wasser der Securities einen vorzeitigen Kollaps hinauszögerte. Die Matrix mag ein krasser Ort für ein Konzert sein, nicht aber ein idealer. Crowdsurfer wurden auf die Menge zurückgedrängt, und Leute, die bewusstlos wurden, mussten über die linke Bühnenseite hinweg über den Backstage-Bereich hinausgebracht werden. Dementsprechend hatte ich häufiger die Ellenbogen, den Kopf oder die Schuhe einer mir bekannten Person am Hinterkopf, die sich auf das Surfen spezialisiert hatte. (Ja, Karin, dich meine ich!)

Dem letzten Album "The End Of All Things To Come" huldigte man, indem man nicht nur die beiden Singles 'Not Falling' und 'World So Cold' präsentierte, sondern auch noch einen der vertracktesten Songs, für viele Fans heimlich der beste Song des Albums: 'Skrying'.
Laut Chads Ankündigung hatte man diesen speziell für die Clubtour in die Setlist aufgenommen. Ich genoss diesen Song, gemeinsam mit Dennis, bei einer erfrischenden Cola im hinteren Bereich des Raums, nachdem ich bei 'Cradle' die Segel streichen musste. Mit einem weiteren genialen Übergang sprang man von 'Rain.Sun.Gone' auf 'Not Falling', den vorletzten Track des Abends, um. Ein Ruck ging damit durch den Club und elektrisierte das Publikum aufs Neue. Das gesamte Auditorium kam in Bewegung, und zelebrierte noch einmal seine, zumindest für diesen Abend, absolute Lieblingsband. Was folgte, war Routine, wie sie schöner nicht sein kann. Mit der Ankündigung, "in weniger Monaten" für weitere Shows zurück zu sein, stellte Chad die letzte große Frage dieses Abends: "Can you dig it?". Mit dem Überlied 'Dig' schloss man den Abend und eine verdammt geniale Show.

Bleibt zu sagen, dass es sich letztlich als Glückfall herausgestellt hat, dass sich das Konzert nur ganz offiziell im Rahmen einer Visions-Party ereignet hat, da sich dies sonst sicherlich negativ auf die Spielzeit der Band ausgewirkt hätte. Außerdem scheint der gesundheitliche Zustand der Bandmitglieder, zumindest bis zu diesem Grad, keine Auswirkungen auf die Qualität und die Quantität des Konzerts gehabt zu haben. In dieser Form ist kaum auszudenken, was diese Band in ein paar Monaten mit dem Publikum anfangen wird. Besser kann man ein Album nicht promoten, das nun einen Furcht einflößenden Schatten voraus wirft.

Setlist:
Determined
Internal Primates Forever
Silenced
IMN
-1
Death Blooms
Pushing Though
Skrying
Nothing To Gein
Happy?
Cradle
World So Cold
Rain.Sun.Gone
Not Falling
Dig

Redakteur:
Michael Langlotz

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