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Napalm Death - Berlin

20.12.2006 | 12:39

25.10.2006, SO36

NAPALM DEATH sind in mein Leben getreten, als ich im zarten Alter von 16 Jahren die Welt der schnellen und lauten Gitarrenmusik erforschte. Bei dem Konzert zusammen mit ENTOMBED (als sie noch gute Musik gemacht haben) und MOTÖRHEAD (als sie noch nicht langweilig waren) bildete sich vor der Bühne eine Staubwolke, in der gelegentlich umherfliegende menschliche Extremitäten auszumachen waren. Auf der Bühne hüpfte ein langhaariger Wahnsinniger herum und brüllte seine Texte zu 30-sekündigen Songs. Wow, das war echter Rock 'n' Roll! Nachdem die Staubwolke wiederholt glücklich grinsende Menschen ausspuckte, wagte ich selbst todesmutig den Sprung ins Ungewisse. Eine halbe Stunde später taumelte ich wieder aus dem Inferno. Die Reste meines EXPLOITED-T-Shirts hingen mir in Fetzen vom Leib. Ich grinste glücklich.

Vor diesem Hintergrund stellt der Besuch eines NAPALM DEATH-Konzertes mit Kamera und ohne Fotograben ein gewisses Abenteuer dar. Die Wahl der passenden Abendgarderobe ist dabei ein eher untergeordnetes Problem. Wegen der guten alten Zeiten und dem sehr guten Konzert auf dem With Full Force Festival in diesem Sommer will ich es noch einmal wagen.

Das Tolle an NAPALM DEATH ist, dass sie, abgesehen von der "Fear, Emptiness, Despair"-Scheibe, seit zwanzig Jahren eigentlich nichts anderes machen. Was sie machen, wird jedoch nie langweilig, ganz im Gegensatz zu MOTÖRHEAD.

Die erste Band an diesem Abend heißt MENDEED und macht nach eigener Aussage modernen Metal mit einem klassischen Einschlag. Als die Jungs losknüppeln, ist das Publikum leider noch etwas spärlich vorhanden. Davon unbeirrt und von den Fans in der ersten Reihe tatkräftig unterstützt, legen die fünf Briten in einer knappen halben Stunde ein sehr angenehmes Set mit abwechslungsreichen Gesangseinlagen hin. Für meinen Geschmack ist der Anteil klassischen Metals etwas hoch, jedoch wird die Musik dadurch keineswegs anstrengend.

Kaum ist das Blut in den Ohren getrocknet, entern BORN FROM PAIN die Bühne und erteilen eine Lektion Hardcore, die es in sich hat. Es bildet sich sofort ein Pogokessel, erste Stagediver testen die Absprungtauglichkeit der Monitorboxen und die Band legt sich richtig ins Zeug. Besonders die Gitarreros schleudern ihren Schweiß nur so um sich und Sänger Che ist zum Schluss mehr in der Luft als auf dem Boden anzutreffen. Hardcore ist nicht meine Baustelle, aber ich muss zugeben, dass BORN FROM PAIN für sehr gute Stimmung sorgen können.

NAPALM DEATH lassen es sich nicht nehmen, selbst die letzten Vorbereitungen für den Auftritt zu treffen. Shane, mit seiner unverwechselbaren Frisur, wird beim Anstöpseln des Basses euphorisch begrüßt. Danny demonstriert den guten Klang seiner Trigger-Pads und Mitch macht aus der richtigen Mikrofonposition fast eine Wissenschaft. Als alles eingestellt ist, verlässt die Band für einen sehr kurzen Moment die Bühne um sie gleich darauf zu den Klängen von 'Weltschmerz' wieder zu betreten. Das Unwetter bricht los, Barney springt auf die Bühne und das Publikum wird zu einem Hexenkessel.

Was sich während der nächsten Stunde auf und vor der Bühne abspielt, kann man eigentlich kaum noch als Konzert bezeichnen - es ist eine einzige große Party. Mitunter sind die Stagediver auf der Bühne in der Überzahl, auch deswegen, weil Barney oft genug den Arm ausstreckt und beim Hochklettern Hilfe leistet.
Die Band versteht es, mit diesen kleinen Gesten auszudrücken, dass sie auch nach so vielen Jahren im Geschäft immer noch sehr bodenständig geblieben ist. Barneys Ansagen enthalten sehr oft ein paar Brocken Deutsch ("Danke Leute!") und die Band kümmert sich persönlich um Verletzte.

Verletzte? Leider ja. Ein Stagediver ist scheinbar sehr ungünstig gelandet. Den besorgten Gesichtern der Umstehenden nach zu urteilen, ist es nicht nur ein Kratzer. Das Konzert wird unterbrochen, der Unglückliche von Fans und der Band auf die Bühne gehieft. Nachdem er mit Wasser versorgt ist und feststeht, dass er ernsthaft verletzt ist, tragen ihn ein paar Leute in den Backstagebereich. Barney und Mitch überzeugen sich, dass er versorgt ist und kehren dann auf die Bühne zurück um das Konzert fortzusetzen.

Musikalisch gibt es viel Material von der aktuellen Platte "Smear Campaign", die inhaltlich NAPALM DEATHs Abrechnung mit den Religionen dieser Welt ist. Man merkt, dass diese Botschaft der Band sehr wichtig ist, Barney geht extra nochmal darauf ein. Klassiker gehören ebenfalls zum Set, etwa 'The Kill' oder der zwischen zwei Songs hingeschmetterte Guinnessbuch-Rekordsong 'You Suffer'. Als erste Zugabe erklingt - wie immer wortreich angekündigt - DEAD KENNEDYs 'Nazi Punks Fuck Off'.

Wenn die Qualität eines Konzertes direkt proportional zum nachträglichen Gedränge am Merchandisingstand ist, war das ein extrem saugutes und schweinegeiles Konzert des Jahres - NAPALM DEATH wissen wie man eine Botschaft vermittelt und trotzdem dabei verdammt viel Spaß haben kann. Wow! Was für eine Party!

(Unvollständige) Setlist:
Weltschmerz
Sink Fast, Let Go
Unchallenged Hate
Suffer The Children
Silence Is Deafening
Instruments
Fatalist
Narcoleptic
When All Is Said And Done
Puritanical Punishment Beating
Breed To Breathe
In Deference
The Code Is Red... Long Live The Code
Identity Crisis
Scum
Life?
The Kill
Deciever
You Suffer
Smear Campaign
Nazi Punks Fuck Off

Redakteur:
Thomas Mellenthin

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