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No Mercy-Festival - Berlin

21.04.2004 | 14:24

01.04.2004, Halford

Der schnelle Igel fängt den Hasen (heißt das nicht "der schnelle Vogel fängt den Wurm"? – Anm. d. Lektors) und der zeitige Fan sieht vielleicht auch EXHUMED, SPAWN OF POSSESSION und PREJUDICE. Wer aber nicht zur Gattung "zeitig" gehört und erst halb sieben kommt, hat die ersten drei Bands schon verpasst. Verheizung heißt dieses "No Mercy"-Festival-Phänomen, denn selbst bei VOMITORY ist das Halford noch nicht gänzlich voll. Vielleicht täuscht dieser Eindruck aber auch und die Fans haben sich nur in den Trinkbereich des Ladens verkrümelt. Denn der Sound der Schweden gleicht eher einem durchdrehenden Rasenmäher statt dem geilen Death Metal, den VOMITORY auf ihren Platten spielen. Die Jungs flitzen zwar recht agil über die Bühne und bangen sich die Birnen wund, doch die Musik bleibt undifferenzierter Matsch.

Ganz andere Probleme haben CARPATHIAN FOREST. Der wohl jedem Konzertgänger bekannte Metal-Turban-Fast-Rentner-Hier-Merchandiser Sik stellt sich auf die Bühne und erklärt, dass sich Nattefrost, der Sänger der Norweger, sein Schlüsselbein gebrochen hat. Wie Gitarrist Tschort später sagt, ist der Unfall im Suff passiert - wie auch sonst?! Trotzdem ziehen CARPATHIAN FOREST ihren Gig durch, der zweite Gitarrist übernimmt die Vocals und macht seinen Job souverän. Der Rest der Band ist ebenfalls gut drauf, obwohl es noch eine Änderung in der Besetzung gibt: Wegen seinen Rückenschmerzen ist Bassist Vrangsinn raus, seinen Posten übernimmt der Basser von BLOOD RED THRONE. Den Fans vor der Bühne ist dieses Hin und Her herzlich egal, sie feiern CARPATHIAN FOREST bei schnellen Hits wie 'Black Shining Leather' erbarmungslos ab. Erstaunliche Beobachtung: Der Frauenanteil unter den Jubelnden ist eklatant hoch, wird Black Metal bald weiblich oder wollten die alle nur Nattefrost begucken?! Pech gehabt...

Waren CARPATHIAN FOREST schon ein echtes Brett, dann sind KATAKLYSM ein ganzer Wald. Die Kanadier nehmen auf der Tour ihre DVD auf und sind hundertprozentig bei der Sache. Erbarmungslos dreschen sie ihre ultrabrutalen Death-Metal-Hits in die völlig austickende Berliner Fanschar. Diver setzen zum Sprung an. Bevor er zum sechsten Mal auf die Bühne steigt, fragt einer der Hüpfer: "Geile Mucke, wie heißt’n die Band...?". KATAKLYSM-Sänger Maurizio werden auch solche Ahnungslosigkeiten nicht stören, zu sympathisch scheint der bärige Fronter zu sein. Mit jedem Diver grinst er höllischer, seine Stimme erreicht unglaubliche Aggressions-Stufen. Zwischendurch spielt Stöckewunder Martin ein Drumsolo, dass in seiner Genialität und Härte einzigartig bizarr klingt und nahtlos zu neuen Death-Metal-Attacken überleitet. Die meisten Stücke kommen von der aktuelle "Serenity In Fire"-Platte, ein kleines Gottgeschenk an Brutalität. KATAKLYSM live - so muss Death Metal klingen, nicht anders!

Und die nächste Granate steht kurz vor dem Einschlag, der Saal ist inzwischen brechend voll. HYPOCRISY sind mit ihrem neuen "The Arrival"-Album unterwegs. Was die Sache interessant macht, schließlich ist die Scheibe ein fulminanter Nackenbrecher und eines der besten Alben der Mannen um Peter Tätgren. Außerdem erlebt der neue HYPOCRISY-Drummer Horgh von den verblichenen IMMORTAL seine livehaftige Feuertaufe - er erledigt seine Sache mit viel Bumms! Auch der Rest der Band präsentiert sich in bestechender Form, Mr. Tätgren frisst beim Grunzen und Kreischen öfters mal fast sein Mikro auf. Die Jungs spielen vor allem neue Songs, die Zuschauer scheinen die alten Sachen nicht wirklich hören zu wollen. So sind vor allem 'Fire In The Sky' und 'Slaves To The Parasites' die Abräumer des Abends. Die Berliner sind durchweg begeistert, wohl als Liebeserklärung gemeinte "Peter, du Asshole"-Rufe schwirren durch die Luft, bevor die Masse wieder kollektiv die Nackenmuskeln sprengt. Die Luft drückt, es ist heiß. Peter schwitzt, seine Augenringe sehen wie immer bedrohlich aus, er ist extrem begeistert. So wird aus 'Roswell 47' flux ein 'Berlin 47', bei dem Song wird die Halle zur Hitzekammer. Selbst echte Muttis bangen vor der Bühne, schön, wenn Eltern so guten Geschmack haben. Ein optisches Fazit noch zu Mr. Tätgren: Mit seinem doppelten Horn-Ziegenbart sieht er ganz schön cool aus, wie so eine Art teuflischer Konfuzius mit dem unendlichen Wissen um die geniale Wirkung seiner Musik.

Setlist HYPOCRISY:
Born Dead
Fusion Programmed Mind
Adjusting The Sun
Eraser
Turn The Page
Fire In The Sky
Necronomicon
Slaves To The Parasites
Reborn
Roswell ‘47
God Is A Lie
Deathrow

Nicht so toll ist dagegen die Pausenmusik vor CANNIBAL CORPSE: amerikanischer College-Rock. Dadurch tritt gleich zu Beginn die Wirkung der amerikanischen Aggressionsmaschine umso doller ein. Titel wie die neuen Stücke 'Festering In The Crypt' oder der Titelsong der neuen Scheibe "The Wretched Spawn" sind keinen Deut schlechter als die alten Klassiker. Auch das neue 'They Deserve To Die' schlägt voll ein und wird sogleich allen Zensoren in Deutschland gewidmet. Solche Leute sind nämlich daran schuld, dass die 'Hammer Smashed Face'-Rufe während der ganzen Show nicht verstummen wollen und trotzdem unbefriedigt bleiben. Dafür wirken CANNIBAL CORPSE tight wie immer, mit einem barbarisch grunzenden Corpsegrinder Fisher als Antreiber. Des Sängers Gegenpart ist freilich Gitarrist Jack Owen, der mit geschlossenen Augen total lässig wirkt, eher Blues zu spielen scheint und ein kultiges NASTY SAVAGE-Shirt trägt. Der Corpsegrinder gibt derweil den Anfeuerer: "This song goes out to the women out there: Fucked with a knife". Spätestens hier geben die HYPOCRISY-Mamas vor der Bühne auf und verschwinden durch den tobenden Mob nach hinten. Die Menge schwitzt und mosht. Mitten im Gemetzel nimmt der CARPATHIAN FOREST-Bassist Anlauf und springt vom Bühnenrand. Er verschwindet in einem Meer aus Armen. Peng, Knall, CANNIBAL CORPSE scheinen aggressiver und aggressiver zu werden. Als letzten Song spielen die Kannibalen 'Staring Through The Eyes Of The Death' - der Titel trifft inzwischen wunderbar auf das völlig entkräftete Publikum zu, mechanisch bewegen sich die Nacken ein letztes Mal, die Augenhöhlen blicken leer umher...

Und was lernen wir daraus? Das "No Mercy"-Festival kennt auch dieses Jahr keine Gnade, weder für die unglückseligen Ein- und Verheizerbands, noch für das bewundernswert ewig stehende Fanvolk.

Redakteur:
Henri Kramer

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