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No Sleep Til Eschersheim - 30 Jahre Batschkapp - Frankfurt

21.11.2006 | 11:45

16.11.2006, Batschkapp

"30 Jahre Batschkapp". Das muss gefeiert werden! Und so ließen sich viele Bands in und um Frankfurt nicht lumpen, jeweils ein knapp 25- bis 30-minütiges Gastspiel in der Kapp zu geben. Was sich in der Running Order recht kurz las, war im Endeffekt goldrichtig. Denn so hatten die Besucher die Möglichkeit, sich jede Band reinzuziehen. Wenn man dann noch bedenkt, dass dieses Event an einem Donnerstag über die Bühne lief, ist die Anzahl der Besucher mehr als beachtlich. Dies lag - neben dem klasse Billing - auch an den sehr zivilen Eintrittspreisen in Höhe von zehn Euro (Abendkasse zwölf Euro). So hatten auch "kleinere" Bands wie LIGHTMARE und EVERFEST die Möglichkeit, sich vor dem Publikum zu bewähren. Und eines sei schon mal vorweggenommen: Keine der acht (!) Bands hat enttäuscht, was wohl auch daran lag, dass sie "nur" eine halbe Stunde Zeit hatten, um sich und das Publikum voll auszupowern. Doch genug der langen Worte, stürzen wir uns gleich ins Geschehen:

LIGHTMARE wird die undankbare Aufgabe zuteil, die Jubiläumsveranstaltung zu eröffnen. Dabei fährt das Quartett ein knackiges Power-Metal-Brett auf, das ich so nicht erwartet hätte. Immerhin hat die Combo auf der Hochzeit unseres Chefs Georg Weihrauch gezockt, aber da wurden eher die sanften Klänge fabriziert. Bei LIGHTMARE wird musikalischer Inzest auf hohem Niveau geboten, denn neben Gitarrist Andi Gutjahr (TANKARD) sind des Weiteren noch Drummer Gerd Lücking (COURAGEOUS und REBELLION) und Bassist Thomas Berghofer (AREA DISASTER) bei anderen hochwertigen Kapellen. Sänger Timon Schreiber könnte glatt als Bruder von Jesper Binzer (D.A.D.) durchgehen, verfügt aber über eine kreischhaltigere Stimme als der Dänenrocker. Musikalisch würde ich die Truppe der MALMSTEEN-Ecke zuordnen, da Andi ordentlich den Frickler in sich rauslässt und klassische Anleihen auszumachen sind. Die noch nicht zahlreich erschienene Menge geht gut mit und spendet in den Songpausen ordentlich Beifall. Lediglich Keyboarderin Marion Then ist nicht mit von der Partie, da sie vor kurzem Mutter einer gesunden Tochter geworden ist. Aus dem Grund müssen die Jungs auf ihren japanischen Kollegen Akiro SONYsan zurückgreifen. Ein gelungener Auftritt, der von den Zuschauerreaktionen bei der nächsten Band getoppt wird.

Ein schlechtes ABANDONED-Konzert ist in etwa genau so selten zu finden wie Berliner Weiße mit Schuss in der Batschkapp. Und die Jungs aus "D-Armstadt" (O-Ton Kalli) bringen wesentlich mehr Stimmung in die Bude als LIGHTMARE, was neben dem superben Bay-Area-Thrash auch an Kallis Ansagen liegt. Zum ersten Mal am heutigen Abend fliegen die Matten, und bei 'You're Going Down' ist auch der erste Moshpit auszumachen. Ansonsten ist es wie immer: Die Jungs hauen die Riffsalven raus und die Menge spielt den "Bangableiter". Das Quartett ist eine Liveband, wie sie sich jeder Veranstalter wünscht. Jetzt muss nur noch der Nachfolger von "Thrash Notes" mit einem amtlichen Sound versehen werden, und die Damstädter Thrash-Quadriga ist für höhere Aufgaben gerüstet.

EVERFEST sind für mich die Überraschung des Abends, denn ich persönlich habe überhaupt keine großen Erwartungen an das Quintett. Umso mehr bin ich positiv von der Band überrascht. Dabei hat die Truppe von Speed Metal mit Power-Metal-Anleihen bis hin zum ACCEPT-mäßigen Stampfer das komplette Repertoire in petto. Dies wird durch die immens große Spielfreude verstärkt, die die Jungs am heutigen Abend aufs Parkett legen. Sänger Holger sieht zwar mit seinem Piratentuch und dem Holzfällerhemd aus wie ein Mike-Muir-Verschnitt, kann aber mit seiner amtlichen Metalröhre Glanzpunkte setzen. Die übrigen Mitglieder bilden das musikalische Fundament, auf dem sich Holger austoben kann. Die EVERFEST-Chöre aus dem Publikum sind am Ende der berechtigte Lohn für eine gute Show.

Mit DOPPELBOCK kommt die erste Spaßkapelle des Abends zum Zug. Und da weiß ich ehrlich gesagt nicht, was unterhaltsamer ist, die Musik oder die zwei Saufwettbewerbe. Wenn man von den Reaktionen des Publikums ausgeht, dann ist es der zweite Punkt, der bei den meisten Anwesenden für Erheiterung sorgt. Ich meine, immerhin geht es dabei um ein T-Shirt mit der Aufschrift "Maul auf, schlucken!", während die Rückseite mit dem sinnigen Motto "Schade, dass man Bier nicht ficken kann" auftrumpft. Sänger Harald Kling ist schon beim ersten Song total besoffen, was ihn aber nicht davon abhält, die anderen ahnungslosen Besucher ebenfalls in denselben Zustand zu versetzen. So was hat er aber absolut nicht nötig, denn die Musik spricht für sich und ist auf so einen Klamauk nicht angewiesen. Allen voran 'Ich bin ein Gott' kann man dieser Kategorie zuordnen, aber auch die restlichen Nummern wie 'Hijo Putas' und 'Ist alles in Ordnung?!' können mit einem rotzigen Punkflair aufwarten. Für meine Begriffe gut, was aber von den Zuschauern eher in Form von dezentem Applaus honoriert wird.

Das sieht bei COURAGEOUS anders aus, die einem mit 'The System Has Failed' gleich einen Speedkracher vor den Latz knallen. Ansonsten gibt es nix Neues zu berichten, außer, dass die Jungs so gut drauf sind wie immer. Für Gerd Lücking, der auch hier mit von der Partie ist, diesmal aber an der Gitarre powervolle Riffs in die Menge raushaut, ist es ein arbeitsreicher Abend. Des Weiteren sind COURAGEOUS die einzige Band, die die Menge dazu animieren, ein Geburtstagsständchen für die Kapp zu schmettern. Am besten gefällt mir 'Hollow Creation', bei dem Gitarrist Oliver Lohmann Sänger Chris mit seinem melodischen Organ im Refrain "aushilft". Das letzte Mal für den heutigen Abend wird noch mal richtig aufs Gaspedal gedrückt, was beim Publikum sehr gut ankommt.

In dem Punkt bin ich mir bei den V8WANKERS noch unsicher, denn die sind mir trotz ihrer vielgerühmten Livequalitäten vom Vorjahr noch in eher schlechter Erinnerung. Das sieht aber am heutigen Abend (zum Glück) anders aus, was auch an dem Umstand liegt, dass die Messlatte von den vorangegangenen Bands verdammt hochgelegt wurde. Da können die WANKERS nicht außen vor bleiben und verbreiten auf der Bühne ein eher chaotisches Flair. Seitens des Publikums wird das sehr gut aufgenommen, und so werden hier und da schunkelnde Gesellen und Gesellinnen gesichtet, die ihren Bobbes schön im Takt bewegen. Bei Nummern wie 'This One Is For You Baby' oder 'Detroit Steel' ist es auch kein Wunder, und es gibt keinen im Raum der für eine Sekunde stillstehen kann. Frei nach dem Motto "kurz und heftig" kommen die Offenbacher knackig auf den Punkt. So und nicht anders muss eine Rock 'n' Roll-Party laufen! Das Projekt "Auswärtsspiel" kann als gelungen bezeichnet werden.

Von "Auswärtsspiel" kann bei TANKWART nicht die Rede sein. Gerre und Co. werden wie verschollene Söhne empfangen und legen gleich mit 'Pogo in Togo' los. Es gibt wohl keinen, der die Songs nicht kennt, und so werden die NDW-Klassiker voller Inbrunst geschmettert, als gäbe es kein Morgen. Bei Nummern wie 'Sternenhimmel', 'Schwarz-weiß wie Schnee' oder 'Freibier' ist es aber auch nicht so leicht, nicht mitzusingen. Und so ist auf und vor der Bühne buntes Treiben angesagt, was wohl auch an dem Umstand liegt, dass Gerre "noch nie so viele schöne Frauen auf einem TANKWART-Konzert gesehen" hat. Mir ist leider nie die Ehre zuteil geworden, die TANKARD-Jungs als TANKWART auf der Bühne zu sehen, doch nach diesem Gig kann ich nur zu folgendem Schluss kommen: mehr davon! Leider ist nach 'Freibier' Ende Gelände und mein Kumpel Andi und ich hätten gerne noch 'Herr D' gehört, aber dazu fehlt leider die Zeit. Vielleicht beim nächsten Mal.

Das denken sich nach TANKWART ein Großteil der Besucher, die Massenexodus-mäßig die Kapp verlassen, was wohl auch an dem Umstand liegt, dass die meisten am Freitag arbeiten müssen und die letzten U- und S-Bahnen die finale Reise für den heutigen Abend antreten. Auch ich bin geschlaucht, kann mir aber noch in Ruhe (dank meines Kumpels Chris) REBELLION anschauen. Allen voran Sänger Mike Seifert hat einiges an Muskeln zugelegt und wird mit "Hyper! Hyper!"-Rufen in die optische Nähe von H.P. Baxter gebracht. Das Quintett ist von Nervtechno so weit entfernt wie Deutschland aktuell von winterlichen Temperaturen. Allen voran die Klassiker 'Born A Rebel' und 'Eric The Red' werden vom noch aktiven Teil des Publikums begierig aufgenommen. Die Band legt trotz der nicht mehr so vollen Kapp eine enorme Spielfreude aufs Parkett. Apropos Parkett: Basser Tomi Göttlich legt sich beim ersten Song fast auf selbiges, kann aber in letzter Sekunde seinen Allerwertesten vor Blessuren retten. Die im Vergleich zu TANKWART eher kleine Menge ist sehr fein ausgefallen und mobilisiert noch mal die letzten Reserven. Die sind auch bitter nötig, denn zum Schluss wird mit 'Rebellion (The Clans Are Marching On)' noch ein Klassiker aus alten GRAVE DIGGER-Zeiten um die Lauscher geblasen. Um kurz nach eins ist dann aber Schluss und die verbliebenen Partywütigen verziehen sich zum "Elfer", wo die Party mit Hilfe von DJ Gerre und DJ Buffo unter dem Motto "No sleep til Eschersheim" weitergeht.

Ein mehr als gelungener Abend. Ich persönlich hab mich schon Monate vorher auf dieses Event gefreut - und wurde dabei keinen Millimeter enttäuscht. Coole Partystimmung und sehr gute Bands sprechen für sich. Natürlich bleibt es nicht aus, dass man bei so einer Veranstaltung viele Leute trifft, was auch diesmal der Fall war. Die Veranstaltung hat wieder einmal gezeigt, wie friedfertig und vor allem partywütig die Frankfurter Rock- und Metalfans feiern können. Des Weiteren war es auch sehr gut, dass den Bands eine knappe halbe Stunde Spielzeit zur Verfügung stand, denn so konnten sie wirklich alles in den Set reinlegen. Die mehr als fairen Eintrittspreise hatte ich oben schon erwähnt, weshalb es schön wäre, wenn ein ähnliches Event demnächst über die Bühne gehen würde. Das Publikum würde es bestimmt annehmen. Ansonsten stoße ich mit einem Sprudel auf die nächsten 30 Jahre Batschkapp an und verbleibe mit einem "Schwarz-weiß wie Schnee" auf den Lippen.

Eine kleine Randnotiz: Kaum hatten mein Kumpel Andi und ich einen Parkplatz gefunden, meinte er nur zu mir: "Du, ich bin voll neben der Kapp!" Was auch in doppelter Hinsicht richtig war, denn so gut ging es ihm zu der Zeit net, und wir haben in Sichtweite zur Kapp geparkt ;-)

Redakteur:
Tolga Karabagli

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