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OPERATION MINDCRIME, TIL DEATH DO US PART - Augsburg

13.02.2018 | 11:55

11.02.2018, Spectrum

Familienbande, oder die Kunst, eine Rocktournee aus Anlass' des Geburtstages eines der großartigsten Alben aller Zeiten kostengünstig zu gestalten.

Es dürfte allgemein Konsens darüber bestehen, dass nach dem QUEENSRYCHE-Split die beiden Bands Rest-QUEENSRYCHE und Geoff Tates OPERATION MINDCRIME zusammen nicht mehr 1 ergeben, sondern maximal noch 0,8. Aus einer großartigen Band, die sich nach 1999 langsam in die Bedeutungslosigkeit komponierte, entstanden zwei Kapellen mit Licht und Schatten. Eine von diesen, und leider die aufgrund der letzten Studioalben schwächere der beiden neuen Bands, kommt nun wieder auf Tournee. Warum ich da überhaupt hingehe? Na, die Frage lässt sich leicht beantworten: Da singt Geoff Tate! Was er mit seiner Band im Studio fabriziert, ist das eine, aber diese Stimme ist einfach großartig!

Letztes Jahr hatte ich ihn auf seiner Akustik-Tour gesehen, wo er mit einer ungewöhnlichen Songauswahl auftrat und durch seine Persönlichkeit und eben Stimme bestach. Natürlich hat man immer den Kindergarten im Hinterkopf, den die Musiker beim QUEENSRYCHE-Split veranstalteten, aber ich will ja nur Musik hören, der Rest interessiert mich da nur am Rande. Nun kommt Geoff tatsächlich nochmal in unsere Gegend und möchte dem Überalbum "Operation Mindcrime" ein Ständchen zum Dreißigjährigen darbringen. Dem kann ich mich nicht verweigern und so stehe ich pünktlich um Viertel vor Acht im Spectrum in Augsburg, diesem gemütlichen, kleinen Club, in dem Konzerte immer so schön entspannt vonstatten gehen. Zuerst erfahre ich, wer die Vorband ist: TIL DEATH DO US PART. Aha, kenne ich nicht. Aber am Mikrophon steht Emily Tate, eine von Geoffs Töchtern. Ja, das ist sinnvoll, soll sie doch den Part von Sister Mary beim Auftritt ihres Vaters übernehmen. Für die paar Minuten lohnt sich ja sonst das Mitkommen gar nicht.

Da die ganze Unternehmung nicht ausufernde Bühnenaufbauten benötigt, legt TIL DEATH DO US PART auch gleich los. Emily und ihre schottische Begleitband, darunter ihr Lebenspartner Kieran Robertson an der Gitarre, lassen sich nicht lange bitten. Modern und mit Samples vom Band versuchen die Vier Musiker, das Publikum zu unterhalten, das anfangs noch etwas distanziert wirkt. Emily stellt sich vor, erntet einige Lacher für ein paar flapsige Sprüche, schwankt aber immer ein wenig zwischen der Rolle der Frontfrau und einer gewissen Schüchternheit, was es ihr schwer macht, die Anwesenden mitzureißen. Umso mehr Mühe gibt sich Gitarrist Robertson, der ziemlich wild aussieht. Über und über tätowiert, mit auffälligem Haarschnitt und verschiedenen Sprüchen auf der Kutte, die das Wort "kill" enthalten, pest er über die Bretter und versucht aus dem Publikum mehr Resonanz zu kitzeln. Das gelingt nicht so recht, denn zu der relaxten Atmosphäre des Spectrum gehört es auch, dass zahlreiche Tische im Publikumsbereich stehen und während des Gigs eine Bedienung Getränkebestellungen aufnimmt und abliefert. Cool für uns, ungewöhnlich für die Band, die aus der Situation das Beste macht und einen soliden Gig abliefert, der musikalisch ordentlich ist, aber durch Emilys Gesang noch gewinnt. Ja, das macht sie gut. Mal sehen, wie sie nachher Sister Mary hinbekommt.

Die Umbaupause dauert länger als erwartet, sodass erst nach dreißig Minuten die Saallichter wieder erlöschen und OPERATION MINDCRIME beginnt, das ebenso betitelte Album zu zelebrieren. Allein das Intro versetzt das Publikum in Feierlaune und als dann Tate auf die Bühne kommt und mit 'Revolution Calling' loslegt, ist der Saal auf Betriebstemperatur. Das Jahrhundertalbum der US-Amerikaner wirkt tatsächlich auch heute, dreißig selige Jahre nach Erschaffen, zeitlos und kraftvoll. Dass die Zeit nicht ganz an Geoff Tate und seiner Stimme vorbeigegangen ist, hört man kurz mal in dem gesanglich sehr anspruchsvollen 'Spreading The Disease', aber er verändert die Lieder erstaunlich wenig und kann noch vieles von damals heute genauso oder zumindest sehr ähnlich darbieten. Chapeau!

Überhaupt nimmt Geoff natürlich den Mittelpunkt der Performance ein. Mit Weste, Hemd, Hut und Sonnenbrille sieht er stylisch aus und inszeniert die Geschichte mehr, als dass er rockt. Ein angemessener Auftritt, der mit den unsterblichen Highlights weitergeht. Mitte des Sets folgt dann 'Suite Sister Mary', bei dem Emily Tate wieder einen Auftritt hat. Apropos wieder: Gitarrish Kieran Robertson und Bassist Jack Ross, die beide bereits mit TIL DEATH DO US PART im Vorprogramm gerockt haben, sind auch bei der Hauptband mit von der Partie. Das nenne ich mal effektives Resourcenmanagement! Da Tate mit seiner neuen Band allerdings auch nicht mehr die großen Zuschauermengen anzieht, sondern vor geschätzten 200 bis 250 Seelen im Saal spielen muss, muss ich auch für diesen Coup anerkennend nicken. Der Mann ist ein Profi und hat diesen Ausflug auch in Bezug auf das Personal gut durchdacht.

Doch zurück zur Musik. Emily erledigt ihre Aufgabe gut. An manchen Stellen kommt sie mir ein wenig zu sehr in den Hintergrund gemischt vor, aber das sind Feinheiten. Insgesamt ist "Operation Mindcrime" heute ein Fest, und da ich bei solchen Sachen besonders stimmenfixiert bin, stört es mich auch nicht, dass da nicht wirklich QUEENSRYCHE auf der Bühne steht. Die kleinen Veränderungen in den Liedern, die mit anderen Musikern einhergehen, sind nicht gravierend und schon gar nicht störend. Das Resultat ist, dass die Band gehörig gefeiert wird und tosenden Applaus erhält, als sie die Bühne verlässt.

Natürlich gibt es noch Zugaben. Nachdem wir das 1988er Album komplett gehört haben, nimmt sich Tate mit seiner Posse nun den Nachfolger Empire vor und spielt als Zugabe vier Stücke des Werks, darunter die beiden Großtaten 'Best I Can' und 'Empire'. Natürlich darf der erfolgreichste Song 'Silent Lucidity' nicht fehlen und zum Abschluss kommt noch das meiner Ansicht nach verzichtbare 'Jet City Woman', bevor die Band den Abend beschließt.

Es bleibt festzuhalten, dass Geoff Tate nach wie vor ein brillanter Sänger ist, der live zu den besten seiner Zunft zählt. Umso deutlicher fällt im Vergleich auf den aktuellen Studiowerken auf, dass ihm die Partner beim Komponieren fehlen, denn seine letzten Alben, zugegebenerweise aber auch die letzten QUEENSRYCHE-Alben, an denen er noch beteiligt war, können bei weitem nicht an den Qualitätslevel heranreichen, den alle Beteiligten schon einmal geboten haben. Aber heute Abend zählen nur die Bretter, die die Welt bedeuten, und da war Tate absolut stark!

Setliste: Anarchy-X; Revolution Calling; Operation: Mindcrime; Speak; Spreading the Disease; The Mission; Suite Sister Mary; The Needle Lies; Electric Requiem; Breaking the Silence; I Don't Believe in Love; Waiting for 22; My Empty Room; Eyes of a Stranger; Zugabe: Best I Can; Silent Lucidity; Empire; Jet City Woman

Redakteur:
Frank Jaeger

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