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Opeth/Amplifier - Berlin

09.12.2006 | 15:11

02.12.2006, Postbahnhof

Zwanzig Euro für zweieinhalb Stunden Gitarren-Unterricht bei zwei absoluten Könnern ihres Fachs sind wahrlich ein Schnäppchen! Zumal dieser Crash-Kurs von Chef-Gitarrenlehrer Mikael Schenker - äh, Åkerfeldt - und seinem Gehilfen Sel Balamir von der Musiktheorie (ihr wisst schon, von wegen Dur- und Moll-Akkorde) über den grundsätzlichen Aufbau des Instruments (die berühmte Buchstabenfolge E - A - D - G - H - E), die Wirkung von Effektgeräten bis hin zu einer kurzen Einführung in die schwedische Musikgeschichte mehr abdeckt, als der gewöhnliche Nachwuchs-Gitarrist in einer Unterrichtseinheit geboten bekommt. Und das Allerbeste daran: Man muss sich noch nicht einmal selbst die Finger verknoten, sondern darf einfach den beiden Meistern bei ihren Übungen zuschauen.

Was lernen wir also an diesem Abend?
1. Dur- und Mollakkorde sind für den Laien nur schwer auseinanderzuhalten.
2. Den richtigen Ton zu treffen, ist nicht einfach, vor allem wenn man diesen nachsingen soll.
3. Neue Gitarren sind grundsätzlich verstimmt, und Gitarrestimmen kann lustig sein.
4. Die tiefe E-Saite ist für Death-Metal-Bands von besonderer Bedeutung.
5. Wenn jemand Gitarre spielt und ein anderer dabei an einem von ca. drei Millionen Effekt-Knöpfchen dreht, klingt das abgefahren.
6. Bedeutende Bands aus Stockholm sind ABBA, EUROPE, ENTOMBED, KATATONIA und ABBA.

Wobei die bedeutendste Formation der schwedischen Metropole für uns heute ganz klar OPETH ist. Los geht's mit den Lobgesängen über diesen wundervollen Abend!
[Elke Huber]

Fieber, Fieber, Fieber! Nein, mich hat keine Grippewelle erwischt, sondern schlicht und einfach das OPETH-Fieber. Seit Monaten ist die halbe POWERMETAL.de-Redaktion heiß auf das Konzerthighlight des Jahres.
[Tolga Karabagli]

Wir Hauptstädter beziehen rasch sämtliche verfügbaren Betten, um den Gästen aus Frankfurt, München, Ense und Innsbruck Quartier zu bieten. So viele Kollegen machen sich sonst nur bei Festivals auf eine derart weite Reise.
[Elke Huber]

Nicht, dass es 2006 an Höhepunkten gemangelt hätte, aber irgendwie fühlt man sich OPETH mehr verbunden. Allein Mikael Åkerfeldt hat sich zu einem Entertainer entwickelt, der problemlos eine Spoken-Word-Tour vor vollen Clubs absolvieren könnte. Bezüglich der musikalischen Qualität von OPETH braucht man nicht lange um den heißen Brei herumreden, denn in der Hinsicht genießen sie bei einer immer größer werdenden Schar an Fans einen schon fast gottähnlichen Status. Das lässt sich z. B. an der Tatsache erkennen, dass der Gig in Berlin in den größeren Postbahnhof am Ostbahnhof verlegt wurde.
[Tolga Karabagli]

Schon letztes Jahr platzte die ursprünglich geplante Location, der Columbia Club, aus allen Nähten, und ich bin sicher, dass OPETH auch eine noch größere Halle füllen könnten. Denn auch der Postbahnhof war bereits kurze Zeit nach der Verlegung wieder "ausverkauft", wobei sich das Gedränge noch im erträglichen Rahmen hält.
[Elke Huber]

Des Weiteren wurde mit AMPLIFIER ein aufstrebendes Trio als Vorgruppe verpflichtet, das sich zwar qualitativ mit OPETH messen, aber an deren Sockel noch nicht annähernd kratzen kann.
[Tolga Karabagli]

Und so stürmen AMPLIFIER gegen 20.40 Uhr die Bühne, um der verdutzten Menge mit ihrem Retro-Groove-Rock einzuheizen. Die schaut erstmal perplex in Richtung Bühne, um sich zu einem (leider) sehr großen Teil in Richtung Theke zu verziehen. Mir kommen von der Optik her die SPORTFREUNDE STILLER in den Sinn, woran der Drummer mit seinem Deutschland-Trikot nicht unschuldig ist. Statt '54-74-90-2010' erklingen Stoner-Rock-geschwängerte Sounds aus den Boxen, die einen unweigerlich im Takt mitwippen lassen. Dabei kommen mir automatisch KYUSS in den Sinn, die ihrer Zeit sehr weit voraus waren, wenn man sich anhört, wie viele Bands ihre Songs heute immer noch mit den markanten Grooveteppichen zukleistern. Das Trio macht seine Sache sehr gut, auch wenn es ein bisschen bekifft aus der Wäsche guckt. Das hat aber auf die Tightness und die schiere Power, die von der Bühne ausgeht, keinen negativen Einfluss. Eher im Gegenteil: Von Song zu Song steigert es sich in einen Spielrausch, der die vor der Bühne ausharrenden Leute für ihre Beharrlichkeit belohnt. Nach knapp 35 Minuten verlassen die sympathischen Jungs leider schon viel zu früh die Bühne. Zeit für eine kleine Erfrischung.
[Tolga Karabagli]

Es gibt ja Bands, die völlig außerhalb der eigenen Wahrnehmung liegen, und plötzlich steht man auf einem Konzert und fragt sich, wie man bisher ohne diese Band überhaupt überleben konnte. Mir ging das im Januar so mit ARCHIVE, heute schaffen es AMPLIFIER, mich umzuhauen. Ich hatte mir die beiden Alben, Privatkopie sei Dank, vorher angehört, fand es aber einfach zu weichgespült. Wenn man die drei Herren aus Manchester aber dann live rumrockem sieht und vor allen Dingen hört, fällt man schon gerne mal ins Essen. Der Trick bei AMPLIFIER: HÖR ES DIR LAUT AN!
[Thomas Mellenthin]

Was bin ich froh, dass das NICHT die stillen Sportfreunde sind, sondern doch AMPLIFIER, die mit ihrem absolut kultigen, leicht verwirrten Auftreten zumindest einige Fans auf ihrer Seite haben. Umgeben von zahlreichen Effektgeräten schlendert die Saitenfraktion lässig über die Bühne und präsentiert in der kurzen Zeit einen spannenden Querschnitt ihres Schaffens. Am Ende darf sogar noch der Roadie die Klampfe in die Hand nehmen und damit rumspielen, während die Musiker an den Effektgeräten rumschrauben und so allerlei wirre Sounds erschaffen ... Ganz groß! Bei OPETH hat man aber eigentlich immer einen garantiert guten Opener, denn Mikael Åkerfeldt versichert uns beim Interview vor der Show, dass er seine Support-Acts immer selbst aussucht, und so kommt man zu der Erkenntnis, dass der Herr wohl einen sehr guten Musikgeschmack hat (BURST und EXTOL sind ja auch sehr fein).
[Caroline Traitler]

Insgesamt schlagen sich AMPLIFIER am heutigen Abend wirklich achtbar, und aus der gegebenen Situation, musikalisch mit OPETH so viel gemeinsam zu haben wie GAMMA RAY mit MORBID ANGEL, wird das Beste gemacht. Die Jungs können mit ihrem angenehmen Anti-Rockstar-Auftreten (Bassist Neil Mahony zuckelt stilecht im Ich-bin-gerade-aufgestanden-Look durch die Gegend) punkten, und die Klasse von zeitlosen Songs wie 'O Fortuna', 'Gustav's Arrival', 'The Consultancy' oder 'Panzer', die allesamt deutlich schmutziger als auf Platte angeknarzt kommen, ist ohnehin nicht diskussionswürdig. Und eins wird zudem deutlich: Das Trio spielt (vermutlich nicht nur heute) in erster Linie für sich, dann auch noch für sich und an dritter Stelle vielleicht für das anwesende Publikum, weshalb das am Ende von Sänger/Gitarrist Sel Balamir bekifft und verschmitzt grinsend ins Mikro gehauchte "Buy our record" auch mit ziemlicher Sicherheit ironisch gemeint ist. Diese drei Engländer würden sich auch dann dem Musikmachen widmen, wenn es unter Strafe stehen würde. Das ist Rock 'n' Roll!
[Oliver Schneider]

In der Pause machen sich die Fans mit lauten OPETH-Sprechchören warm, die später auch immer wieder während des Auftritts zu hören sind. Mikael Åkerfeldt erlaubt sich sogar den Spaß, die Menge zu dirigieren. "Könnt ihr das bitte nochmal rufen? Und jetzt stopp! Und nochmal! Und stopp!" Sogar die immer noch obligatorische Bandvorstellung absolviert das Publikum (fast) fehlerfrei im Alleingang. Wir merken uns für die Zukunft: Martin Axenrot heißt schlicht "Ax". Und Mikaels Nachname ist "Schenker". Zumindest für heute. Seine Identität wechselt er ja bekanntlich wie andere ihre Unterwäsche ...
[Elke Huber]

Für den Großteil der weiblichen Zuschauer, wovon die Hälfte gerne die Mutter von Mikael Åkerfeldts Tochter Melinda wäre, scheint es sowieso egal zu sein, wie sich der Schwede nennt; es geht erstmal darum, sich freie Sicht auf die Bühne zu erkämpfen, um letztlich jede seiner Gesten mitkriegen und nach dem Gig mit Freundinnen nachstellen zu können - dann darf er auch gerne "Schenker" heißen ...
[Oliver Schneider]

Nach noch nicht mal dreißig Minuten Umbaupause ist es endlich so weit: OPETH werden mit Begeisterung empfangen und hauen als Opener 'Ghost Of Perdition' vom aktuellen "Ghost Reveries"-Album raus. Sogleich schießt der Adrenalinspiegel in die Höhe, die wohligen Rückenschauer finden kein Ende und fließen wie ein immerwährender Wasserfall rauf und runter. Beeindruckend ist auch, dass der erste cleane Gesangspart vom Publikum beklatscht wird. Wie sehr OPETH - und allen voran Mikael Åkerfeldt - an Charisma gewonnen haben, lässt sich daran erkennen, dass eigentlich jeder wie gebannt in Richtung Bühne guckt und keiner eine Bewegung der fünf Protagonisten verpassen will. Dies hat jedoch zur Folge, dass ich vielen Leuten auf die Füße trete, als ich mich mit meinen zwei Plastikbechern in Richtung Theke begebe.

Jeder Song, jede Note, jede ruhige Passage wird vom Publikum wie ein Schwamm aufgenommen und in Bangenergie umgewandelt. Sozusagen ein metallischer Fluxkompensator (alle, die "Zurück in die Zukunft" gesehen haben, wissen was ich meine). Auch die mit einem trockenen Humor versehenen Ansagen kommen beim Publikum an, oder wie sonst lässt es sich erklären, dass Mikael seine Gitarre stimmen und den Unterschied zwischen Dur- und Mollakkorden erklären kann, ohne ein raunendes Gähnen im Publikum zu provozieren. Einen großen Anteil daran hat der Umstand, dass sich die Band selbst nicht allzu ernst nimmt, was bei anderen Bands in dieser Größenordnung (leider) oft der Fall ist. Trotz (oder gerade wegen) der lockeren Ansagen verfehlen die Songs ihre Wirkung nicht und lassen einen freudestrahlend in eisige Höhen schweben. Einer dieser vielen magischen Momente ist 'Windowpane' vom "Damnation"-Album, das eine meterdicke Gänsehaut erzeugt. Oder um JIMI HENDRIX zu zitieren: "Excuse me, while I kiss the sky."

Die Setlist ist sehr exquisit ausgefallen und umfasst fast alle Alben der Band. Als Mikael mit 'Blackwater Park' das Ende einläutet, kommentiert er die Enttäuschung des Publikums darüber trocken mit den Worten, dass OPETH-Songs so lang seien wie drei Songs von "normalen" Bands. Dabei kann es jedoch nicht bleiben, und die Jungs werden für eine Zugabe zurückgerufen, die es wahrlich in sich hat: 'Deliverance'. Und da werden nochmal alle Kräfte mobilisiert. Es wird gebangt, geträumt und gefeiert. Nach knapp 110 Minuten heißt es für viele viel zu früh 'Time To Say Goodbye', um mal den ollen ANDREA BOCELLI zu zitieren.

Für meinen Geschmack hätten die Jungs in der Form alle Alben rauf und runter spielen können, aber nach 19 (!) Monaten auf Tour sei es ihnen gegönnt, ein bisschen "früher" Schluss zu machen. Viele bei uns in der Redaktion meinten hinterher, dass sie selten ein so gutes Konzert von OPETH gesehen hätten, was alle restlichen Anwesenden blind unterschreiben würden. Die Songauswahl war exquisit, die Ansagen von Mikael locker-flockig, die Band perfekt eingespielt und das Publikum euphorisch drauf.

Es gibt Dinge, die man kaufen kann. Für alles andere gibt's OPETH.
[Tolga Karabagli]


Setlist:
Ghost Of Perdition
When
Bleak
Face Of Melinda
The Night And The Silent Water
The Grand Conjuration
Windowpane
Blackwater Park
---
Deliverance

Redakteur:
Elke Huber

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