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Opeth/Extol - Berlin

18.09.2005 | 21:30

16.09.2005, Columbia Club

"Ausverkauft!"

Dieses Schild grinste an der Abendkasse jedem höhnisch ins Gesicht, der wie auf der letzten Tour dort seine Eintrittskarte zu erwerben gedachte. Ein Bekannter von mir gehörte zu den Pechvögeln, die draußen bleiben mussten, und berichtete, er habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Leute ihm auf dem Weg zum Columbia Club mit enttäuschtem Blick und der schüchternen Frage, ob er vielleicht noch ein Ticket abzugeben hätte, entgegenkamen.

"Beginn: 21 Uhr"

So lautete es bei allen gängigen Informationsquellen. Aber in Berlin hält man sich leider selten daran. Die Leidtragenden waren die Fans von EXTOL, die genau zu dieser Uhrzeit die Bühne bereits wieder verließen. Ihr halbstündiges Set stieß bei den Anwesenden jedoch auf wenig Resonanz, was wohl daran lag, dass diese Mischung aus Thrash-Parts, Hardcore-Vocals und melodischeren Elementen nicht unbedingt dem Geschmack der breiten Masse entsprach. Mir persönlich hat der klare Gesang von Gitarrist Ole Halvard Sveen sehr gut gefallen, während ich mit dem Geschrei von Fronter Peter Espevoll auch so meine Probleme hatte. Ratlose Gesichter, so weit das Auge in der noch halb leeren Halle reichte.

"We are OPETH from Stockholm, Sweden."

Selbst diese eigentlich schon obligatorische Ansage entfachte frenetischen Jubel im Publikum. Denn eine halbe Stunde später war von leeren Reihen keine Spur mehr. Der deutsche Charteinstieg von "Ghost Reveries" auf Platz 39 beweist, welchen Status OPETH heutzutage besitzen. Nicht zuletzt die ruhigere "Damnation"-Platte dürfte der Band neue Türen geöffnet haben. Und nach der stilistisch zweigeteilten letzten Tour wurden in der heutigen Setlist die psychedelischen Töne mit den OPETH-typischen Prog-Death-Songs harmonisch vereint - wie sie auch auf dem aktuellen Output einträchtig nebeneinander stehen. Mit dem darauf enthaltenen 'The Baying Of The Hounds' stiegen die Schweden auch gleich in ihre zweistündige Show ein, und von da an war bei den Fans kein Halten mehr.

"We are all feeling a little bit sick today."

Dafür präsentierten sie sich jedoch in Topform. Vor allem Mikael Åkerfeldt hat sich inzwischen zum begnadeten Entertainer entwickelt, der ungewohnt humorvoll einen Witz nach dem anderen riss. Gitarrist Peter Lindgren stimmte vor dem folgenden "When" (eine der großen Überraschungen der Setlist, wie überhaupt einige "noch nie" bzw. "lange nicht gehört"-Songs gespielt wurden) das Riff von TOM PETTYs 'Free Falling' an, das - wie alles an dem Abend - vom Publikum euphorisch beklatscht wurde. Lediglich "Latin Lover" Martin Mendez am Bass hielt sich recht unauffällig im Hintergrund, und vom neuen Tastenmann Per Wiberg war auf der stets reichlich zugenebelten Bühne wenig zu sehen. Der dicke Nebelteppich hatte jedoch einen ungewollten Nebeneffekt, denn die Wasserflaschen der Musiker sahen im rauchigen Bühnenlicht fast ein wenig wie der Kerzenständer auf dem Cover von "Ghost Reveries" aus. An den Drums sprang übrigens wie bereits auf dem Summer Breeze Martin Axenrot (BLOODBATH) für den wirklich kranken Martin Lopez ein.

"The next one is a very calm song and I don't want to see any headbanging!"

'Deliverance' war gemeint, und die Menge hielt sich logischerweise überhaupt nicht an diese Aufforderung. Hat schon mal jemand einen Mosh-Pit auf einem OPETH-Konzert erlebt? Auch das war an diesem Abend im Preis inklusive. Mikael zeigte sich sichtlich beeindruckt von den Reaktionen des Publikums und betonte dies mehrmals im Laufe der Show. Zu 'In My Time Of Need', das zusammen mit 'To Rid The Disease' die "Damnation"-Phase streifte, überließ er sogar den Fans einen Teil der Vocals.

"The next song is a perfect combination between Death Metal and Cock Rock."

Das war mir zwar bisher nicht bewusst, aber 'The Drapery Falls' ging wie immer gut ab. Auch 'The Grand Conjuration' von "Ghost Reveries" hat das Zeug zum Live-Klassiker. Zu 'Face Of Melinda' wurde das Tempo wieder zurückgeschraubt, bis mit dem letzten Song vor der von hunderten von Kehlen lauthals geforderten Zugabe, 'Blackwater Park', wieder ausgiebiges Kopfschütteln im 4/4-Takt angesagt war.

"We will play another song that will make you all fall asleep."

Kollektives Ausrasten traf es schon eher, was bei 'Demon Of The Fall' im Publikum passierte. Nahezu unfassbar war die Euphorie, die förmlich greifbar während des ganzen Konzerts in der Luft lag. Ich gönne den Schweden ihren Erfolg wirklich von Herzen, aber gleichzeitig macht mir diese Entwicklung Angst. Nächstes Mal trifft man sie vermutlich in der benachbarten, deutlich größeren Columbiahalle zu astronomisch hohen Preisen an. Qualität setzt sich eben doch manchmal durch, nur dass sie an diesem Abend mit knapp unter 20 Euro für die wenigen glücklichen Karten-Besitzer noch bezahlbar war.

Setlist:
The Baying Of The Hounds
When
Deliverance
In My Time Of Need
To Rid The Disease
The Drapery Falls
The Grand Conjuration
Face Of Melinda
Blackwater Park
---
Demon Of The Fall

Redakteur:
Elke Huber

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