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Pagan Metal Festival - Gießen

22.11.2004 | 02:30

20.11.2004, Jokus

CRUACHAN - SUIDAKRA - XIV DARK CENTURIES - HEOL TELWEN

Es gibt nicht viele Bands, für deren Konzerte ich mal eben 370 Kilometer fahren würde. Aber wenn eine Band, deren Geschichte man vom ersten Demo an mit ständig wachsendem Interesse verfolgt, und die man darüber hinaus zu seinen absoluten Lieblingsbands zählt, nach zehnjährigem Bestehen ihren ersten Auftritt in Deutschland überhaupt zum Besten gibt, dann muss ich einfach dabei sein. Dabei scheue ich dann auch keine Kosten und Mühen, denn bei CRUACHANs Deutschland-Debüt dabei gewesen zu sein, bedeutet mir wirklich viel. Dass dann allerdings nach 320 Kilometern, also kurz vor dem Ziel mein fahrbarer Untersatz seinen Dienst quittiert, war nicht so geplant. Nach zwei Stunden Warten auf den Abschleppdienst und anschließender Suche nach einem Mietfahrzeug in Frankfurt, kam ich um zehn Uhr abends völlig entnervt in Gießen an und hatte natürlich die ersten beiden Bands bereits verpasst. Das ärgerte mich ziemlich, da ich mich nach dem bisher Gehörten sehr auf die Franzosen von HEOL TELWEN und die Thüringer XIV DARK CENTURIES gefreut hatte. Aber was will man machen?

Immerhin kam ich noch rechtzeitig zur zweiten Hälfte des Gigs von SUIDAKRA. Da ich die Band bisher nie live gesehen habe, war ich gespannt, wie die Jungs ihren sehr guten, folkloristisch geprägten Pagan Metal mit seinen vielfältigen Einflüssen aus Black Metal und melodischem Death Metal auf einer Bühne umsetzen würden. Was ich als sehr positives Merkmal empfand war, dass sich die Band sehr locker gab und sichtlich Spaß daran hatte im Gießener Jokus vor einem zum exzessiven Hüpfen und Bangen bereiten Publikum zu spielen. Kein pseudo-böses Gepose, sondern einfach nur eine gut gelaunte Band, die auch ernste Musik mit erkennbarer Spielfreude darbieten kann. Die Aufteilung des Gesangs zwischen den beiden Gitarristen Arkadius (Growls) und Matthias (cleaner Gesang) war wirkungsvoll und wurde gelungen umgesetzt. Neben Songs vom kommenden Album "Reap The Storm" spielten SUIDAKRA auch etliche ihrer älteren Highlights und brachten die Menge damit ordentlich zum Ausrasten. Die Band wurde regelrecht abgefeiert und auch noch für eine Zugabe auf die Bühne gebeten. Als nach 'Dragonbreed' und dem mächtigen Hammer 'Wartunes' vom 2000er Album "The Arcanum" Schluss war, gab es sehr viel Beifall und die Band war offensichtlich zufrieden mit sich und der Welt. Mit Recht.

Nach einer kurzen Umbaupause - die Umbauarbeiten wurden undergroundgemäß noch von den Bandmitgliedern selbst wahrgenommen - war es dann endlich soweit: CRUACHAN sind eine der wenigen Bands, die ich immer unbedingt sehen wollte und bei denen es mir bisher nicht gelungen ist. Nun sind die Iren endlich von der grünen Insel nach Deutschland gekommen um uns zu zeigen, wie man gepflegten Celtic Folk Metal zelebriert. Dies gelang ihnen von den ersten sanften einleitenden Tönen und dem anklagenden Einstieg mit 'Bloody Sunday' hervorragend. Das einem irischen Nationalhelden gewidmete 'Michael Collins' schlägt in eine ähnliche Kerbe, womit CRUACHAN jedoch einstweilen die jüngere irische Historie verließen und sich der heidnisch-keltischen Vergangenheit widmeten. Bei noch stärker folkloristisch geprägten Songs wie 'The Middle Kingdom', 'The Gael', 'Ard Ri Na Heireann', 'The Children Of Lir' oder 'Celtica' durfte Neuzugang John Ryan demonstrieren, was er auf Folkinstrumenten wie Tinwhistles, Bouzouki und auf der E-Geige alles so drauf hat. Im allgemeinen erwies sich "der Neue" als absoluter Aktivposten und Sympathieträger der Band, der mit seiner sympathischen und mitreißenden Art beim Publikum ausgezeichnet ankam. Als er von Keith vorgestellt wurde, gab er eine Kostprobe seiner Deutschkenntnisse zum Besten und stimmte das alte Juxlied 'Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad' an, was für einige Lacher gut war.

Für besondere Begeisterung sorgten die epischen Songs der Band, die zwischen majestätischen, getragenen Parts und aggressiven, die Black Metal-Roots offenlegenden Passagen pendeln und so die ganze dramaturgische Bandbreite der Band offenbaren. Songs wie 'Pagan', 'Viking Slayer' ("Are there any Vikings in here?") und das phänomenale 'Ossian's Return', welches eines meiner absoluten Lieblingslieder ist, sind meiner Meinung nach CRUACHANs größte Stärke. Der kraftvolle aber dennoch mystische und bei Bedarf zarte Gesang von Karen im Zusammenspiel mit Keiths garstigen, keifenden Vocals, die durchaus an den jungen Martin Walkyier oder KREATORs Mille erinnern, ist wirklich sehr markant und klingt in keiner Weise nach den mich zumeist nervenden Growl-Sopran-Wechselspielchen, die in der Gothic Metal-Szene so populär sind. Überhaupt ist Karen für mich eine der eindrucksvollsten Sängerinnen in der Metal Szene, weil sie nicht trällert, sondern mit einer natürlichen, kraftvollen und charakteristischen Stimme singt. Neben erwähnten epischen Stücken sorgten natürlich auch die wirklichen Folk-Stücke im Programm der Band für die perfekte Stimmung und bewegten nicht wenige der Zuschauer dazu ordentlich das Tanzbein zu schwingen, wie man es sonst nur selten bei Metalkonzerten zu sehen bekommt. Ob Traditionals wie 'The Rocky Road To Dublin' oder das völlig geniale Cover von 'Ride On', hier gab es kein Halten mehr für die Tanzwütigen im sehr ordentlich gefüllten Jokus und das leicht alternativ angehauchte Powerstück 'Is Fuair An Chroí' brachte die Leute ordentlich zum Hüpfen.

Dass Keiths Amp am Ende von 'Ossian's Return' den Geist aufgab, schien zunächst nicht weiter schlimm, doch als sich eine ganze Weile scheinbar niemand bequemte, den Verstärker zu reparieren, schlug es dem Bandgründer doch merklich auf die Stimmung. Das Publikum versuchte nach Kräften, die Band aufzumuntern, und die Band mühte sich, das Publikum bei Stimmung zu halten. Das gegenseitige Mutmachen funktionierte, bis letzten Endes Hilfe in Gestalt des Marshall-Topteils von HEOL TELWEN nahte. So rettete die Solidarität unter den Bands das Konzert und CRUACHAN konnten mit den letzten drei Songs ihres Sets fortfahren. Das großartige Finale bestand aus den atmosphärisch-melancholischen Stücken 'Celtica' und 'The Children Of Lir'. Allerdings hing man wahrscheinlich im Zeitplan ein wenig, so dass das folkig-punkig heruntergerissene 'Timmy' direkt an den regulären Set angeschlossen wurde, obwohl es ursprünglich wohl eher als Zugabe gedacht war. Eine solche gab es dann leider nicht mehr, was zunächst ein paar ratlose Gesichter im Publikum hinterließ. Im Endeffekt hatte ich aber den Eindruck, dass doch alle Zuschauer sehr zufrieden mit einem sehr schönen Konzertabend waren. CRUACHAN waren ein würdiger Headliner für dieses erste Pagan Metal Festival und ich für meinen Teil bin stolz und glücklich bei diesem historischen Ereignis dabei gewesen zu sein. Ich hoffe nur, dass es nicht wieder zehn Jahre dauert, bis CRUACHAN nach Deutschland zurückkehren. Diese Band hätte schon lange eine richtige kleine Tour als Headliner verdient. Ich hoffe dieser Wunsch wird irgendwann mal wahr werden, und ich werde mein Möglichstes tun, wieder dabei zu sein.


Setlist CRUACHAN:

Bloody Sunday
Michael Collins
The Middle Kingdom
Pagan
Sauron

Ard Ri Na Heireann
The Gael
Rocky Road To Dublin
Is Fuair An Chroí
Ride On
Viking Slayer
Ossian's Return
Celtica
Children Of Lir
Timmy


So... und nun muss ich nur noch mal nach Frankfurt fahren und mein Auto abholen.


Bilder gibt's hier:
http://www.powermetal.de/fotos/index.php?konzert_id=626


Redakteur:
Rüdiger Stehle

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