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Paradise Lost - Berlin

05.05.2005 | 10:21

02.05.2005, ColumbiaClub

Extrem scharfe Kontraste zwischen Bands sind bei einer Tour nicht immer da - doch an diesem Abend im Berliner ColumbiaClub sind gerade die Unterschiede zwischen den Tongeschwadern PARADISE LOST, ORPHANED LAND und SOCIETY 1 die einzige Gemeinsamkeit. Die verwirrende Spannungslinie verläuft dabei zwischen etabliert-langsamer Müdigkeit, hungriger Motivation und übergeschnapptem Jungsein.

SOCIETY 1 übernehmen dabei den Part der durchgeknallten Sickos. Die Show lebt von ihrem Sänger: Matt "The Lord" Zane. Der Typ kommt aus Los Angeles, arbeitet nebenbei als Produzent von Pornofilmchen und bezeichnet sich selbst als religiösen Philosophen und Performance-Künstler. Warum, das zeigt er in Berlin. Selbst vor den wenigen Besuchern, die gegen 21 Uhr erst in den Saal gefunden haben, geht "The Lord" ab, als hätte er zu viele Energydrinks aus den Asterix-Comics gesoffen. Denn die Flasche Whiskey, die er demonstrativ am Showanfang hebt, kann nicht allein an dieser manischen Bühnenshow schuld sein. Wie ein rasender Irrer wirbelt er seine Haare umher, verdreht dabei seinen durchtrainierten Körper und tobt herum. Schon nach wenigen Songs reißt er das Hemd vom Leib, zwei auf die Brustwarzen geklebte Kreuze zeigen sich. Langsam verläuft die Schminke unter den Augen, er schwitzt, wirkt wie eine Mischung aus Marylin Manson und dem jungen Pete Steele zu CARNIVORE-Zeiten. Seine verzerrt klingende Stimme erinnert ebenso entfernt an eine Kreuzung der beiden Sänger, dazu kommt noch eine Spur Trent Reznor. Die Musik zu seinem furiosen Ausdruckstanz klingt nur halb so fulminant und geht als eine Mischung aus brachialem Nu Metal mit LIFE OF AGONY und ein wenig mittelschwerem Stoner Rock durch. Daran liegt es auch, dass Zanes wilde Performance irgendwann einmal langweilig wird. Doch ihn stört es nicht, wacker springt er weiter durch die Gegend, auch wenn sich die Klebeband-Kreuze an seiner Brust langsam lösen. Am Ende ist die Flasche Schnaps fast gänzlich leer, weil sich die Bandkollegen von "The Lord" ebenso fleißig bedienen. Ob dieses aufgesetzte Posen nun echt ist oder nicht - den Alkohol haben sich die vier Jungs trotzdem verdient, denn schließlich müsste ihnen nach zwei Alben mit nur mäßigem Erfolg langsam dämmern, dass sie mit ihrer Musik und dem zugehörigen Böse-Image einfach um Jahre zu spät kommen. Prost.

Mehr auf ihre Fähigkeiten als Musiker verlassen sich da ORPHANED LAND. Die einzige Betonung ihrer Besonderheiten ist ein "We are from Israel" von Sänger Kobi Farhi, doch das wissen ihre Fans sowieso, die inzwischen recht zahlreich erschienen sind. Sie erleben ein traumhaftes Konzert, bei dem nur der etwas blecherne Sound ein wenig stört. ORPHANED LAND verlassen sich zum größten Teil auf ihre aktuelle "Mabool"-Scheibe und entspinnen damit einen magischen Teppich aus orientalischen Melodien und düsterem Dark Metal mit Death-Metal-Vocals. Dabei präsentieren sich die sechs Musiker als perfekt eingespielte Einheit. Sänger Kobi steht in deren Mitte, sein Palästinenser-Tuch als umherschwenkbares Bühnenrequisit dürfte in der Metalszene einzigartig sein. Bei seinen klaren Gesangparts bekommt er Unterstützung von Keyboarder Eden Rabin und Bassist Uri Zelcha, der gemeinsame Tri-Chor klingt traumhaft schön. So bleiben Stücke wie 'Halo Dies' im Hirn kleben, als Oden an die Völkerverständigung, als aus einer anderen Weltregionen stammende, exotische Meisterwerke, die ein völlig anderes Musikverständnis transportieren, als dies in Mitteleuropa sonst hörbar ist. Dazu kommt die zurückhaltende Bühnenshow, die dadurch aber gerade die Band sympathisch und nahbar macht. Später wird Keyboarder Eden schwärmen, wie schön für seine Mitmusiker und ihn die erste echte Tour durch Europa ist, dass sie jetzt eben "keine Touristen" mehr sind. Leider ist der Auftritt nach gut 30 bis 40 beseelten Minuten vorbei, genau ist die Zeit dank der begnadeten Vorführung nicht mehr messbar. Im Raum zurück bleibt die Erkenntnis, dass diese Band noch einmal als Headliner kommen muss, um all ihren Fans zeigen zu können, dass sie wohl zu den besten Prog-Death-Kombos unserer Zeit gehört - denn der Preis von 25 Euro für die Karte an diesem Abend in Berlin wird sicher einige ORPHANED LAND-Verehrer abgeschreckt haben.

Auch PARADISE LOST gehörten einst wie ORPHANED LAND zu jenen Bands, die von den Fans als "Vorreiter" für eine bestimmte Art von Musik wahrgenommen wurden. Dass diese Zeiten lange vorbei sind, zeigen sie an diesem Abend. Zwar hat das neue selbstbetitelte Album "Paradise Lost" wieder einige Härtespuren zugelegt, doch sind die Briten einfach aus der Ära heraus, als sie mit revolutionären Scheiben wie "Gothic" oder "Icon" die Metal-Welt prägten, ja sogar veränderten. Da helfen auch die langen Haare nichts mehr, die sich Sänger Nick Holmes und Gitarrist Greg Mackintosh inzwischen wieder stehen lassen. Denn der Sound von PARADISE LOST hat sich trotz der wiedergefundenen Härte kolossal verändert: Prägten früher göttliche Melodien jeden einzelnen Song jede Sekunde lang, sind heute kaum noch solch Klänge zu hören und dominieren nur noch die schweren Riffs ohne viel Inspiration. Damit aber haben sich die Jungs ihres Markenzeichens beraubt. So blitzt etwa bei 'True Belief' die frühere Genialität wieder auf und wirken dagegen neue Stücke wie 'Red Shift' zwar ordentlich, aber auch austauschbar, wenig individuell. Indes, dem Publikum gefällt die Linie wohl ganz gut. Der Saal ist inzwischen fast gänzlich voll und die gut 350 Leute klatschen brav nach jedem Lied, ohne aber Ekstase zu versprühen. Die Zuschauer setzen sich dabei vor allem aus älteren Herrschaften zusammen, junge Fans scheinen um Nick Holmes und seine Band wohl einen Bogen zu machen - früher hätten PARADISE LOST wohl auch größere Hallen gefüllt. So wirkt die Show eher wie ein lahmes Konzert einer erfahrenen Band, die niemand mehr etwas beweisen muss, am wenigsten ihrem Publikum. Nick Holmes etwa erscheint den gesamten Gig über nie so leidenschaftlich in seiner Sangeskunst wie noch vorher Kobi Farhi von ORPHANED LAND, der es auch nicht nötig hatte seine fette Armbanduhr den Fans zu präsentieren. Dazu hat es Mr. Holmes inzwischen gänzlich verlernt zu grunzen oder wenigstens düster zu singen: so klingt ein Klassiker wie 'As I Die' mit klarem Gesang schlichtweg furchtbar. Im Zugabenteil steht noch 'Over The Madness' von der neuen Scheibe in perfektem Soundgewand auf dem Programm, dazu als letzter Song folgerichtig 'The Last Time'. Hier steigt noch einmal der nostalgische Gedanke auf, dass PARADISE LOST wirklich einmal eine tolle Band waren, unglaublich ideenreiche Musik spielten, Trends setzten und überhaupt ihrer Zeit voraus waren - nun kriechen sie ihr hinterher. Doch wussten es schon die alten Lateiner: "Sic transit, gloria mundi!" - "So vergeht der Ruhm der Welt!"

Redakteur:
Henri Kramer

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