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Paradise Lost - Krefeld

22.09.2008 | 18:39

17.09.2008, Kulturfabrik

PARADISE LOST feiern ihren zwanzigsten Geburtstag – und viel hat sich im Lauf der Jahre nicht geändert. Es wird immer noch gezetert, nur die Meinungsaufhänger sind andere. Zielte das Gemotze ab "One Second" darauf ab, dass die Engländer nicht mehr als Metalband durchgehen, warf man ihnen zuletzt Lustlosigkeit beim Vortragen älteren Materials vor. Auch Arroganz wollen konspirative Zirkel erkannt haben; der Habitus von Mikrogreifer Nick Holmes sei Beweis dafür. Dass sich die Herren davon noch beeindrucken lassen, darf bezweifelt werden.

Musikalische Umorientierung sprengte irgendwann auch das Fanlager des Supports ANATHEMA. Ein paar überlebten, aber viele waren nicht mehr zusammenzuflicken und konnten die beiden größten Würfe der Bandgeschichte, "Alternative 4" und "Judgement", schon gar nicht mehr mitbekommen. Songs dieser Platten bilden das Herzstück der folgenden einstündigen Lektion in Dynamik, die für Newcomerbands höchst aufschlussreich ist. Eine derart clever zusammengestellte Setlist macht jede Diskussion über das nicht berücksichtigte "A Fine Day To Exit" überflüssig. So, wie es ist, kratzt es an der Perfektion – von der als Intro eingespielten Eigenkomposition 'Parisienne Moonlight' und den schillernden 'Deep' und 'Empty' bis zum Ende. Und der zweite Teil der Show ist ein Crescendo der Extraklasse: Das schon länger durch das Netz geisternde 'Angels Walk Among Us' markiert den Anfang und ist im direkten Vergleich mit dem anschließenden und die Bandschatztruhe aufstoßenden 'One Last Goodbye' nicht chancenlos; 'Angelica' zwingt danach drei Funeral-Doom-Bands mit seiner Gitarrenmelodie in den eigentlich willkommenen Freitod; und bei 'A Dying Wish' mit PINK FLOYD-Einlage ist auch der in Sichtweite stehende MOTORJESUS-Sänger Chris Birx kaum noch zu halten. Das machtvolle Schlusstrio: 'Sleepless', 'Shroud Of False', 'Fragile Dreams'. Mit solchen Nummern in der Vita können es sich Danny und Vincent Cavanagh auch erlauben, auszusehen wie 'ne Kreuzung aus Jungunternehmer und Werbeagentursfuzzi, der Schopenhauer liest.

Nick Holmes gibt heute den Entertainer. Mit gewohnt stoischer Miene, die drei Todesfälle im näheren Umfeld vermuten lässt, und britischer Zurückhaltung entsendet er Anfeuerungssätze wie "Stellt euch vor, wir sind SCOOTER!" oder "Könnt ihr einen Moshpit starten? Ich weiß, ihr seid alle über 35." in die keineswegs ausverkaufte Kulturfabrik. Viele scheinen aber gar nicht mitzubekommen, dass er zu Späßen aufgelegt ist. Die Frage, ob es an der Sprachbarriere oder dem deutschen Humorproblem liegt, dass diese Auswüchse einer sehr trockenen Form von Coolness nicht überall für Unterhaltung sorgen, bietet Grübelstoff während des Gigs. Dass der Sänger einmal sogar fast herzhaft lacht, bekommt dann aber jeder mit. Und er wird sich dafür bei sich entschuldigt haben.

Über die Musik der Gothic-Metal-Pioniere freuen sich die Zuschauer; am Schluss vernimmt man "Zugabe!"-Chöre; man hat allerdings schon mehr Ausgelassenheit beobachten können. Die rotierenden Greg Mackintosh und Aaron Aedy verhindern das Überkochen der Stimmung nicht, Holmes, der teilweise weit an den richtigen Noten vorbeischießt, schon eher. Allerdings birgt die Songauswahl auch Konfliktpotenzial in sich. PARADISE LOST fassen die fünf Alben umfassende Phase von "One Second" bis "Paradise Lost" mit 'No Celebration', 'Erased', 'One Second' und 'Say Just Words', das auch mal wieder durch 'The Last Time' ersetzt werden dürfte, ziemlich knapp zusammen – eine Phase, die zu dem Großteil des aktuellen Sympathisantenkreises geführt hat. Und viele gucken bei dem Opener 'Hallowed Land' etwas irritiert. 'Remembrance', 'Embers Fire', 'Shadowkings', 'Elusive Cure', 'Enchantment', 'Gothic', 'As I Die', 'The Enemy', 'Ash & Debris', 'Requiem', 'Never For The Damned' – eine lange Reihe Hits, die eigentlich noch wohlwollender aufgenommen werden müsste. Eine leichte Unterkühlung hält sich in dem wunderbar rauchfreien Raum, bis letztlich das Licht angeht.

Redakteur:
Oliver Schneider

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