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Paradise Lost - Stuttgart

19.05.2005 | 03:59

17.05.2005, Longhorn

Diese Tour war für mich eine gute Möglichkeit gleich zwei metallische Erfahrungslücken zu schließen und endlich mal sowohl PARADISE LOST als auch ORPHANED LAND live bewundern zu dürfen. Dementsprechend war die Spannung besonders groß, vor allem hinsichtlich der ersten richtigen Deutschlandtour der Israelis, aber auch weil mich interessierte, ob PARADISE LOST ihren nicht wirklich guten Ruf als Liveband würden verbessern können.

SOCIETY 1

Als Unterstützung haben sich die beiden Legenden des Düstermetalls die junge kalifornische Formation SOCIETY 1 ins Boot geholt, welche eine gänzlich andere Fanschicht ansprechen dürfte als die beiden anderen Gruppen des Abends. Hinzu kommt, dass die Band schon auf die Bühne geschickt wird, als nach offiziellem Zeitplan eigentlich erst Einlass sein sollte. Das kommt im Longhorn leider öfters vor, und hat sicher schon etlichen Openern das sehr zweifelhafte Vergnügen eingebracht vor einer fast leeren Halle spielen zu dürfen. So schlimm ist es für die Amerikaner zwar nicht, aber wirklich groß ist das Auditorium auch noch nicht. Dennoch heizen die abgedrehten Typen dem Publikum mit ihrem modernen Hardrock der durchgeknallten amerikanischen Prägung (MARILYN MANSON und die MURDERDOLLS lassen grüßen) ordentlich ein, was aber nicht an besonders überragenden Kompositionen, sondern an der eindrucksvollen und vor Energie sprühenden Bühnenpräsenz der Band liegt. Deren Aushängeschild ist ohne jeden Zweifel Sänger Matt Zane, der mit seinem durchtrainierten, drahtigen Körper der einen oder anderen anwesenden Dame sicher nicht schlecht gefallen haben dürfte. Das weiß er auch, und führt sich dementsprechend auf, wie ein Gockel mit offener Hose, zeigt etwas mehr Haut als üblich und spart nicht mit zotigen Gesten, Bemerkungen und eindeutig zweideutigen Aufforderungen. Seine Mitmusiker sorgen für einen soliden, aber keineswegs spektakulären musikalischen Hintergrund für Zanes beinahe akrobatischen Bewegungsdrang und seine überzogene Selbstdarstellung. Zwar machen auch der breit gebaute Basser Dirt mit seiner Kriegsbemalung und Dreadlock-Gitarrist Sin optisch was her, aber dennoch bleibt festzustellen, dass der Auftritt von SOCIETY 1 im Endeffekt hundertprozentig auf Zane zugeschnitten ist, der zusammen mit seinen Kumpanen unterwegs eine Pulle Jacky leert und mit durchaus beachtlichem Applaus verabschiedet wird. Als der Gute nach der Show brav am Ausgang Flyer verteilt, um seine Band zu bewerben, zeigt er dann auch eine weniger aufgekratzte und freundlichere Seite. Auch wenn dieses "Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Image und die entsprechende Bühnenshow nicht ganz so mein Geschmack ist, muss ich der Band doch attestieren, dass sie ausgezeichnete Livequalitäten hat, und so trotz der für meinen Geschmack nicht ganz so überzeugenden musikalischen Komponente recht unterhaltsam und kurzweilig ist.


ORPHANED LAND

Die sechs Jungs aus Israel bei ihrer ersten Deutschlandtour sehen zu dürfen, ist der eigentliche Grund meiner Anwesenheit im Longhorn und die Band erfüllt dann auch alle Erwartungen. Diese Band ist einfach einzigartig, was sowohl ihre sehr virtuose und vielseitige Musik, die sich zwischen melodischem Death Metal, Gothic, Prog und orientalischer Folklore bewegt, als auch ihre Ausstrahlung und Bühnenpräsenz betrifft. Hier haben wir nicht, wie noch eben beim Opener, eine Einmannshow mit Begleitband, sondern eine echte Einheit, die traumhaft harmoniert und zu der jedes Mitglied einen essentiellen Beitrag leistet. So ist besonders Keyboarder Eden Rabin sichtlich mit riesigem Spaß bei der Sache, bangt hinter seinem Instrument wie ein Wilder und steuert neben hervorragenden Tastenklängen auch tolle Backing Vocals bei, mit denen er, wie auch Gitarrist Yossi Saharon zu den wunderschönen mehrstimmigen Gesängen der Band beiträgt, deren Hauptakteur natürlich der in ein traditionelles israelisches Gewand gehüllte Frontmann und Leadsänger Kobi Farhi ist, dessen Stimme von hohem kristallklarem Gesang bis zu bissigen Growls die gesamte Bandbreite abdeckt, und in allen Bereichen überzeugt. Auch Schlagzeuger Avi, der um seinen Zottelbart beraubte Gitarrist Matti Svatizki und Basser Uri Zelcha sind mit Leib und Seele dabei und entführen den Zuhörer in eine völlig fremde Welt aus Klangbildern, wie sie nur ORPHANED LAND zu malen im Stande sind.

Es fällt außerdem auf, dass sich die Israelis trotz der mit einer Dreiviertelstunde sehr knapp bemessenen Spielzeit nicht nur auf ihr aktuelles Meisterwerk "Mabool" beschränken, sondern etwa mit 'A Neverending Way' oder 'El Meod Na'ala' auch einige ältere Songs einstreuen und so ihren alten Fans gerecht werden, welche die Band schon seit zehn Jahren begleiten. Für die größte Begeisterung sorgen jedoch die Stücke vom neuen Album, allen voran der phänomenale Einstieg mit dem epischen 'Ocean Land', das facettenreiche und intensive 'Halo Dies' und das harte 'The Kiss Of Babylon'. Als Kobi das israelische Volkslied 'Norra El Norra' ankündigt, gibt es kein Halten mehr, und das Publikum verfällt in euphorisches Mithüpfen und Mitklatschen, so dass ORPHANED LAND ihrer Philosophie vollauf gerecht werden. Es gelingt dem Sextett auf unnachahmliche Weise, musikalisch für Verständigung zwischen den Völkern und Religionen zu sorgen, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger oder mit missionarischem Eifer zu Werke zu gehen. Die schlichte Freundlichkeit, die aus den Worten und Gesten der Band, insbesondere von Kobi spricht, tut ihre Wirkung auch so.

Einziger minimaler Schönheitsfehler der Show ist für mich, dass die traditionellen orientalischen Instrumente nicht live gespielt werden, sondern vom Keyboard kommen. Ich hätte mich schon drauf gefreut, diese Instrumente in natura zu sehen und zu hören, doch das wird wohl aus logistischen Gründen gescheitert sein. Zudem ist wirklich schade, dass nach sieben Stücken mit 'A Neverending Way' schon wieder Schluss ist. Die Bandmitglieder von ORPHANED LAND suchen jedoch gleich im Anschluss den Kontakt zum Publikum und begeben sich in den Zuschauerraum, um sich mit den Fans zu unterhalten. Es bleibt zu hoffen, dass die Band bald die Möglichkeit bekommt, sich den europäischen Fans auf einer ausgiebigen Headlinertour zu präsentieren. Diese Band in dieser Form hat es meiner Ansicht nach verdient, viel weiter oben zu stehen, als sie es momentan tut.


PARADISE LOST

Nach diesem fulminanten Auftritt der Männer aus dem heiligen Land bin ich sehr gespannt, ob es die Briten schaffen würden, ihrem Status als Headliner gerecht zu werden, und während sie dieses Ziel musikalisch für mich nicht erreichen können, gelingt es ihnen blendend, die schon bei ORPHANED LAND ausgezeichnete Stimmung noch weiter anzuheizen. Es ist nämlich in aller erster Linie ihr Stammpublikum, das sich im Longhorn vollzählig versammelt hat, und diese Leute stehen halt seit Jahren bedingungslos hinter der Band und ihrer musikalischen Entwicklung. Da können Anhänger der ersten fünf Alben, zu denen auch meine Wenigkeit gehört, sich auf den Kopf stellen und zetern dass die Band wieder nichts von "Lost Paradise" und "Gothic" gespielt hat und dass auch die drei folgenden Scheiben viel zu kurz kommen würden... es wird nichts helfen. Die Engländer sind halt einen Weg gegangen, der sich von dem unseren entfernt hat, und damit werden wir leben müssen.

Die Band aber deswegen als schlechte Liveband zu bezeichnen, oder ihre Shows schlecht zu reden, wäre unfair und unangemessen, denn sie bieten den zahlreich erschienenen Fans eigentlich genau das, was sie hören wollen. Das belegen die weitestgehend euphorischen Reaktionen des Stuttgarter Publikums eindrucksvoll. Diese positive Resonanz haben Nick Holmes & Co. aber auch verdient, denn das, was sie heute tun, machen sie konsequent und gut. Der Sound im Longhorn ist rundum perfekt und auch erstaunlich heavy, so dass auch die neuen Songs sehr druckvoll rüberkommen und bereits das Einstiegsdoppel mit 'Don't Belong' und 'Grey' klar macht, dass wir es hier nicht mit Wattebäuschchenwerfern zu tun haben, sondern mit einer Band, die nach wie vor (oder wieder?) Teil der metallischen Welt ist. Dies überträgt sich auch auf die Stücke von den paar Scheiben davor, die ebenfalls heavier klingen als auf der Konserve, obwohl natürlich der starke Elektroanstrich schon wahrnehmbar ist. Problematisch wird es bei den alten Klassikern, die durchaus auch im Programm sind, aber leider nicht mehr so klingen, wie man das als Altfan gerne hätte. Das liegt nicht am Sound, und schon gar nicht an Gregs nach wie vor einzigartigen Leads, sondern einzig und allein am Gesang von Frontmann Nick. Es ist mir unbekannt, ob Nick es nicht mehr kann, oder einfach nicht mehr tun will, aber so oder so, das Growlen fehlt. Er singt die melodischen Momente wirklich ausgezeichnet, aber seine klare Stimme will einfach nicht zu Stücken wie 'As I Die' oder 'True Belief' passen. Diese Songs brauchen eine gewisse Rauheit, mehr Volumen und etwas Aggression in der Stimme, ansonsten wirken sie zahnlos und entfremdet, und das ist unheimlich schade.

Dass die Herren Musiker auf der Bühne einen sehr eingeschränkten Aktionsradius haben und sich allenfalls zwei Schritte vor und zurück bewegen ist man ja gewohnt, und wildes Herumrennen würde ja auch schlecht zur Musik passen. Immerhin bangen Aaron Aedy und Greg Mackintosh um die Wette, Basser Stephen Edmondson übt sich derweil im bösen Blick, während sich Nick Holmes mit meist geschlossenen Augen und finstrer Miene seinen Elegien hingibt. Der neue Schlagzeuger scheint bestens integriert zu sein, und geht durchaus als Aktivposten durch. Ambiente und Darstellung passen hervorragend zu PARADISE LOST, und der oft geäußerte Vorwurf, dass die Band lustlos agiere, drängt sich mir überhaupt nicht auf. Die Band scheint sich in punkto Liveperformance wieder deutlich verbessert zu haben, ohne natürlich die Energie der Shows mit SEPULTURA auf der "Icon"-Tour entfachen zu können. Diese Zeiten sind wohl leider unwiederbringlich vorbei. Dennoch sind die Zugaberufe nach knapp 75 Minuten sehr enthusiastisch, so dass die Musiker nach einer kurzen Unterbrechung sichtlich erleichtert und einigermaßen gut gelaunt zurückkehren, um noch drei weitere Stücke zu zocken, bevor nach ca. 90 Minuten endgültig Schluss ist. Die beste Resonanz ernten die Briten mit 'Enchantment', 'One Second' und der aktuellen Single 'Forever After', sowie dem finalen 'The Last Time'. Weitere Forderungen nach Zugabe bleiben unerhört.

Insgesamt ist es PARADISE LOST durchaus gelungen, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Nach dem heute Gebotenen geht man definitiv als gute Liveband durch, aber andererseits wurde mir auch klar, dass der Stil, für den die Band heute steht, eben nicht mehr das zu bieten hat, was ich an der Band früher mal so gerne mochte. So bleibt mein persönliches Highlight des Tages ganz klar und eindeutig ORPHANED LAND, aber auch Konzerte von PARADISE LOST sind es wert, besucht zu werden.


Setlist PARADISE LOST:

Don't Belong
Grey
True Belief
Erased
Redshift
Mystify
So Much Is Lost
Symbol Of Life
Hallowed Land
Accept The Pain
For All You Leave Behind
As I Die
Shine
Enchantment
Close Your Eyes
One Second
---
Forever After
Over The Madness
Last Time


Fotos gibt's hier.


Redakteur:
Rüdiger Stehle

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