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ProgPower USA - Atlanta

17.10.2007 | 14:16

04.10.2007, Center Stage

Freitag, 5. Oktober 2007

Nach einem warmen, aber feuchten Nieselregen am späten Donnerstagabend zeigt sich das Wetter heute wieder von seiner spätsommerlichen Seite. Meine Jacke habe ich vergeblich mitgeschleppt, und nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet bedauere ich richtig, dass das ProgPower USA kein Freiluft-Event ist. Vor dem offiziellen Programm-Beginn bleibt noch ein wenig Zeit für touristische Aktivitäten, die allerdings ernüchternd ausfallen. Das im Stadtplan als "great place to start the day" umworbene Shopping-Center "Underground Atlanta" entpuppt sich als eine Ansammlung von Souvenir-Läden, die zu dieser frühen Stunde noch äußerst schwach frequentiert sind. Die Menschen auf den Straßen drumherum sind überwiegend dunkler Hautfarbe, was umso mehr befremdlich ist, da ich auf dem Festival selbst so gut wie keinen nicht-weißen Besucher sehe. Im südstaatlichen Alltagsleben ist die Rassentrennung offenbar noch weit verbreitet, ganz im Gegensatz zu meinem Wohnsitz New York, wo die Bewohner dank multi-ethnischer Paarungen herrlich vielfältig sind. Und Afro-Amerikaner, so erklärt mir ein halb afro-amerikanischer Bekannter aus New York später, hören im Süden einfach keinen Metal.

Der Centennial Olympic Park ist einer dieser typischen, auf dem Reißbrett entworfenen amerikanischen Grünanlagen, die innerhalb von zehn Minuten abgegrast sind. Und mein nächstes Ziel - die "New World of Coca Cola" - sieht mir von außen viel zu sehr nach einer mit 15 Dollar Eintritt hoffnungslos überteuerten Werbeveranstaltung aus, als dass ich freiwillig einen Fuß hineinsetzen würde. Also lieber noch eine Verschnaufpause im Hotel, begleitet von einem Päckchen "complementary butter popcorn", das in meinen Zimmer für mich bereitsteht.

Die Schlange vor der Center Stage ist heute um einiges länger, und die Männer, welche die Ausweise überprüfen, um die Über-21-Jährigen anschließend mit täglich andersfarbigen Klebearmbändern versehen ("Do you want to drink?" - "Sure, man!"), haben gut zu tun. Zufälligerweise entpuppt sich mein Vordermann Frank als Deutscher auf diesem zum Großteil von Amerikanern besuchten Fest, und auch sonst geschieht heute das, was ich auf dem ProgPower Europe bereits zwei Mal kennen- und schätzen gelernt habe: Wildfremde kommen ins Gespräch und treffen sich von dort an immer wieder zum gemeinsamen trinken, rauchen und feiern. Wer hier alleine bleibt, ist selber schuld!

Mein Landsmann schwärmt mir erst mal von RAINTIME vor, welche die Ehre haben, das Festival zu eröffnen. Die Italiener setzen zum ersten Mal einen Fuß auf eine nicht-italienische Bühne, was man dem professionellen Gig keinesfalls anmerkt. Mit ihrem keyboardgeschwängerten Melodic Death Metal fallen sie stilistisch zwar ziemlich aus dem Rahmen, aber dank der sympathisch-energetischen Performance, dezent eingestreutem Klar-Gesang und einem erfrischend eigenständigen Stil erobern sie das Publikum im Sturm. Vor allem 'Rolling Changes' sowie der Titeltrack des aktuellen Albums "Flies And Lies" kommen sehr gut an. Die Menschen, die auf dieses Festival kommen, sind - so viel ist bereits klar - keine Kostverächter und unterstützen alle Formationen, vom Opener bis zum Headliner, nach Kräften. Auffällig ist lediglich - und das zieht sich durch alle drei Tage -, dass Amerikaner selbst bei den harten Passagen nicht auf die Idee kommen, ihr durchaus zahlreich vorhandenes langes Haupthaar zu schütteln. Stattdessen werden die Fäuste in die Luft gereckt oder wird in die Hände geklatscht. Und so viele "excuse me" von sich vorsichtig vorbeidrängelnden anderen Gästen habe ich im Leben noch nie gehört. Sehr zivilisiert, das alles hier.

COMMUNIC, wie bereits erwähnt im letzten Jahr Co-Headliner in Baarlo, müssen in den USA noch deutlich kleinere Brötchen backen. Doch das norwegische Trio dürfte heute einige neue Fans dazugewonnen haben. Verstärkt von GREEN CARNATION-Gitarrist Bjørn Harstad, der für den verhinderten Tieftöner Erik Mortensen einspringt (Bjørn hinterher: "Wir hatten zwei, drei Proben, war kein Problem!"), sind sie inzwischen zu einer respektablen Live-Formation geworden. Sänger/Gitarrist Oddleif Stensland klebt längst nicht mehr wie angewachsen hinterm Mikrofonständer, auch wenn seine Publikums-Interaktionen ("One - two - three - scream!") einem erfahrenen COMMUNIC-Konzertbesucher wie mir arg bekannt vorkommen. Der musikalische Schwerpunkt liegt ganz klar auf "Waves Of Visual Decay", von welchem neben dem Titeltrack mit 'Frozen Asleep In The Park', 'Under A Luminous Sky' und 'Fooled By The Serpent' insgesamt vier Songs zum Besten gegeben werden. Mein Immer-noch-Lieblingsstück 'Conspirancy In Mind' hat es leider nicht ins Set geschafft, 'Communication Sublime' ist der einzige Vertreter des Debüts. Trotzdem ein gewohnt guter Auftritt, auch wenn in Sachen Stage-Acting etwas mehr Spontanität gefragt wäre.

In den Räumlichkeiten der vorgelagerten Bar der Center Stage gibt es wie auf europäischen Festivals auch einen kleinen Metal Markt, auf dem zahlreiche Händler CDs und (in eher geringem Umfang) DVDs und T-Shirts feilbieten. Der schwache Dollar verführt sowieso zum Geld ausgeben, denn die Ziffern auf den Preisschildern sind identisch, nur eben ohne das Euro-Symbol. Auch für das leibliche Wohl wird hier gesorgt, und angesichts der "abwechlungsreichen" Speisekarte bestehend aus Burgern, frittiertem Hähnchenzeugs und Pommes muss ich einmal mehr an das holländische Baarlo mit seiner kultigen Fritten-Bude vor der Halle denken. Junk-Food gehört wohl zum ProgPower-Konzept dazu. ;-)

Nach einem ausgiebigen Bummel werfe ich lediglich einen kurzen Blick auf VIRGIN STEELE, die wie es scheint als einzige Band des Festivals nicht für die DVD gefilmt werden. Schämt sich David DeFeis seiner Falten? Fit sieht er eigentlich noch aus, unter seiner äußerst knappen Leoparden-Weste über dem sonst nacktem Oberkörper zeichnet sich kein Gramm Fett ab. Sein Gesang lässt mich allerdings schnell das Weite suchen. Auch wenn mich VIRGIN STEELE-Fans dafür hassen mögen, aber das war die schlechteste vokale Leistung des ganzen Festivals!

Endlich sitzen! Da mich REDEMPTION kürzlich im Vorprogramm von DREAM THEATER nur bedingt begeistern konnte, nehme ich einen der wenigen nicht von Plastiktüten belagerten Klappstühle in Beschlag und relaxe ein wenig. Doch Ray Alders charismatische Stimme füllt die proppenvolle Halle heute bis in den letzten Winkel. Auch wenn mich die bisherigen Alben nicht wirklich überzeugen können [schäm dich! - d. Red.], ziehe ich meinen Hut vor dem wie immer leicht spastisch zuckenden Ausnahmesänger, der wirklich magische Momente zu erzeugen vermag. Störend ist lediglich die sehr autistische Performance seiner Mitstreiter. Hallo Interaktion? Die Herren mögen allesamt begnadete Instrumentalisten sein, aber eben jeder in seiner eigenen kleinen Welt.

Im Laufe des Tages haben meine deutsche Begleitung und ich ein ganz reizendes Brüder-Paar aufgegabelt, das weit weg von Weib und Heim in Atlanta ein Wochenende gepflegt auf die Kacke haut. Das bierselige Duo ist aber trotz Party-Attitüde genau wie alle anderen Besucher auch vor allem wegen der Musik hier und freut sich schon Stunden vorher tierisch auf den Gig von PAGAN'S MIND. Ich kann mich dumpf erinnern, die Norweger zwei Jahre zuvor in Baarlo für ganz okay, aber eben nicht sonderlich originell befunden zu haben, doch hier in den USA sind die Nordmänner offenbar schwer angesagt - European Power Metal sells! Die Konzerthalle bricht fast aus allen Nähten und frisst dem kulleräugigen Fronter Nils K. Rue förmlich aus der Hand. Den Äußerungen hinterher zu Folge war der Auftritt "awesome", aber ich bleibe bei meinem Urteil: ganz okay, aber eben nicht sonderlich originell. Obwohl das 'Hallo Spaceboy'-Cover von DAVID BOWIE schon Spaß gemacht hat.

Im Rahmen ihrer USA-Tour machen SONATA ARCTICA als Headliner des ersten Abends auch in Atlanta Station, und auch wenn das New Yorker Konzert gerade mal eine Woche her ist, freue ich mich doch sehr auf ein Wiedersehen. Der zuletzt gesundheitlich arg angeschlagene Tony Kakko wirkt heute sehr viel fitter, und bedingt durch die großzügigen Bühnen-Dimensionen ist auch bei den anderen Finnen ordentlich Bewegung auszumachen. Selbst Neuzugang Elias Viljanen verlässt hin und wieder seinen Platz hinter dem Ventilator, welcher sein blondes langes Haar vom Winde verweht. Die Setlist (und somit auch die Show an sich) ist identisch mit der von New York, der einzige Unterschied ist die kleine Einlage vor der Zugabe. Während man im Big Apple noch ein cooles 'We Will Rock You' schmettern durfte, wird das Südstaaten-Volk mit einem "Old MacDonald had a farm, I-A-I-A-O" beglückt. Passt ja auch besser, wobei das ProgPower-Publikum ebenfalls gut zu rocken versteht.

Setlist:
In Black And White
Paid In Full
Victoria's Secret
Broken
8th Commandment
Tallullah
Full Moon
Caleb
Black Sheep
It Won't Fade
Gravenimage
San Sebastian
---
Old MacDonald Had A Farm
My Land
Don't Say A Word
The Cage
Vodka

Redakteur:
Elke Huber

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