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Progressive Nation Tour - Ludwigsburg

29.10.2009 | 20:33

19.10.2009, Arena

Progressive Nation Tour 2009: Vier Bands interpretieren Progressive Metal auf ihre ganz eigene Art und am Ende sind alle zufrieden.

Süddeutschland spielt in der progressiven Nation wohl nur eine untergeordnete Rolle, denn lediglich in Ludwigsburg macht das Quartett - bestehend aus DREAM THEATER, OPETH, BIGELF und UNEXPECT - Station (ja, Frankfurt ist für mich Norddeutschland! ;)). Als Ort des Geschehens hat man sich die "Arena" ausgesucht, eine nagelneue Multifunktionshalle (Fertigstellung: 09/2009), die an diesem Abend aber doch etwas überdimensioniert ist. Es finden zwar geschätzte 3.000 Leute den Weg in die "Arena", aber da die Halle etwa 7.200 Leute fassen würde, ist sie eben doch "halbleer". Hinzu kommt, dass sich ein Großteil der Besucher lieber einen Sitzplatz auf den Tribünen sichert, um nicht vier Bands lang vor der Bühne stehen zu müssen. Nun ja, man kann den Begriff Konzert-"Erlebnis" wohl unterschiedlich interpretieren...

Unterschiedlich interpretieren kann man anscheinend auch Uhrzeiten. Angekündigt war nämlich, dass der Einlass um 18.30 Uhr ist und dass es um 18.55 Uhr losgehen soll. Als ich um 18.50 Uhr in die Halle komme, spielen UNEXPECT bereits und zwar - wie ich wenige Minuten später feststelle - schon ihren letzten Song. Sehr schade, denn ich hätte gerne mehr von dieser Band gesehen - und das nicht nur wegen der recht attraktiven Sängerin. Auch musikalisch hat mir die sehr eigenwillige Mischung aus den verschiedensten Metal-Spielarten, ergänzt um klassische, jazzige und folkige Elemente, ziemlich gut gefallen. "Easy Listening" geht zwar anders, aber interessant sind UNEXPECT definitiv, und deswegen werde ich die Band auf jeden Fall im Hinterkopf behalten - vielleicht klappt es ja dann auch mal mit einem kompletten Auftritt.

Nach einer vergleichsweise kurzen Umbaupause sind dann auch schon BIGELF an der Reihe - und sie bilden sowohl musikalisch als auch optisch einen starken Kontrast zu UNEXPECT. Während das kanadische Septett sehr wohl im Jetzt zu Hause war, ist der amerikanische Vierer deutlich in den Siebziger Jahren verhaftet. Man könnte sich sogar die Frage stellen, ob Damon Fox & Co. überhaupt mitgekriegt haben, dass sich die Erde auch in den letzten 30 Jahren weitergedreht hat. Wie auch immer... Nach einem Star-Wars-Intro - passenderweise thront auf einer der Orgeln eine kleine Yoda-Figur - rocken BIGELF los, und zwar in bester DEEP PURPLE- bzw. URIAH HEEP-Manier. Der typische Hammond-Sound ist also ziemlich dominant, aber auch die Gitarren wissen sich sehr wohl zu behaupten. Darüber hinaus legen BIGELF eine außerordentliche Spielfreude an den Tag, die sich auch teilweise auf das Publikum überträgt. Die Leute vor der Bühne nehmen die Songs wohlwollend auf und haben ebenfalls Spaß - auch wenn die wenigsten mit dem Material der Band vertraut sein dürften. Überhaupt sind die Song-Strukturen hier nicht immer ohne Weiteres zu erkennen: Stellenweise klingen die Stücke doch eher improvisiert als konzipiert. Aber live funktioniert das ja ganz gut, sodass man den Auftritt - nach vier Songs bzw. einer halben Stunde ist bereits Schluss - insgesamt positiv bewerten kann.

Die folgende Umbaupause ist erneut recht kurz, sodass OPETH pünktlich zur Tagesschau-Zeit auf die Bühne kommen. Sie beginnen recht verhalten mit dem "Damnation"-Opener 'Windowpane', aber trotzdem sind die Zuschauerreaktion schon gleich deutlich euphorischer. Man merkt recht deutlich, dass nicht wenige Leute vor allem wegen der Schweden in die "Arena" gekommen sind. Danach ist erstmal eine amüsante Ansage im typischen Åkerfeldt-Stil fällig, bevor mit 'The Lotus Eater' eine erste Nummer vom aktuellen Album "Watershed" folgt. Mit dieser "death metal tune - more or less" können OPETH das Publikum erst recht auf ihre Seite ziehen und vor der Bühne ist nun auch fleißiges Headbangen angesagt. Es folgt ein kurzer Exkurs zum 2005er-Album "Ghost Reveries" - auch wenn es 'Reverie / Harlequin Forest' auf knapp 12 Minuten bringt -, der von den Fans ebenfalls begeistert aufgenommen wird. Nach der aktuellen Single 'Burden' wühlen OPETH ein bisschen in der Bandhistorie, um dann mit dem großartigen 'The Leper Affinity' ein Stück von "Blackwater Park" zu spielen. Leider ist nach diesen fünf Songs die Spielzeit der Schweden auch schon fast vorüber, und so bleibt Mikael Åkerfeldt & Co. nur noch Zeit für einen Song, nämlich 'Hex Omega' vom "Watershed"-Output. Das ist natürlich schade, weil eine Stunde OPETH definitiv zu wenig ist, aber die nächste Headliner-Tour dieser Ausnahme-Band kommt bestimmt. Und dann dürften aufgrund dieses Auftritts wohl auch wieder einige DREAM THEATER-Fans im Publikum stehen.


Setlist OPETH:
Windowpane
The Lotus Eater
Reverie / Harlequin Forest
Burden
The Leper Affinity
Hex Omega

 

Die Umbaupause dauert dieses Mal etwas länger, aber durch akustische Versionen von DREAM THEATER-Songs (u.a. 'As I Am' und 'Pull Me Under') wird man schon angemessen auf die Hauptband eingestimmt. Um 21.30 Uhr ist es dann soweit: Das obligatorische Intro verstummt, der Vorhang fällt und die Band beginnt den Auftritt wie das aktuelle Album "Black Clouds & Silver Linings", nämlich mit 'A Nightmare To Remember'. Die Band macht einen ausgesprochen gut gelaunten Eindruck und präsentiert sich - wie üblich - in blendender Verfassung. Und auch das Publikum nimmt bereits diesen neuen Song begeistert auf. Anschließend geht es dann aber recht weit zurück in der Bandhistorie, denn es folgt der überragende "Awake"-Doppelpack 'The Mirror' / 'Lie', wobei James LaBrie immer wieder gesanglich von Mike Portnoy unterstützt wird. Ein Keyboard-Solo darf auch heute nicht fehlen - allerdings ist es dem Publikum freigestellt, ob es sich lieber auf das Hören oder auf das Sehen konzentriert. Auf der Leinwand ist nämlich ein animierter Jordan-Rudess-Klon zu sehen, der nicht minder fingerfertig zu Werke geht. Überhaupt arbeiten DREAM THEATER wieder mit drei Leinwänden, um ihre Songs auch visuell zu untermalen. Beim folgenden 'Prophets Of War' werden beispielsweise immer wieder die Textzeilen des Refrains angezeigt, um das Publikum zum Mitsingen zu animieren. Mit 'Wither' gibt es auch die Ballade vom aktuellen Album zu hören, auf die ich gut hätte verzichten können. Aber beim übrigen Publikum kommt der Song gut an, so dass diese Wahl durchaus gerechtfertigt ist. Als dann anschließend die ersten Akkorde von 'The Dance Of Eternity' zu hören sind, bin ich auch wieder völlig zufrieden, und wie schon auf "Metropolis Pt. 2: Scenes From A Memory" wird dieses großartige Instrumentalstück durch 'One Last Time' komplettiert. Mit 'In The Name Of God' kommt auch noch das "Train Of Thought"-Album zum Zug und somit habe ich nun erstmal überhaupt keinen Grund mehr zu meckern. Das ändert sich nach diesem Song aber schlagartig, denn nach etwa 70 Minuten verlassen DREAM THEATER bereits die Bühne. Sie kommen zwar noch einmal zurück, um als Zugabe noch 'The Count Of Tuscany' zu spielen, aber knapp eineinhalb Stunden sind für LaBrie, Petrucci, Myung, Rudess und Portnoy einfach zu wenig. Da kann auch eine weitgehend sehr gelungene Setlist (auch wenn viele Leute natürlich 'Pull Me Under' vermisst haben) und eine an sich fast perfekte Vorstellung nichts ändern. Nächstes Mal bitte wieder "An Evening With DREAM THEATER"!

Setlist DREAM THEATER:
A Nightmare To Remember
The Mirror
Lie
Keyboard Solo
Prophets Of War
Wither
The Dance Of Eternity
One Last Time
In The Name Of God
---
The Count Of Tuscany

 

Auch wenn die Spielzeiten von OPETH und DREAM THEATER für mich deutlich zu kurz waren und die "Arena" in Ludwigsburg sicherlich noch ein paar mehr Leute vertragen hätte, kann man die Progressive Nation Tour dennoch als Erfolg werten. Immerhin konnte man an diesen vier sehr guten Bands sehen, wie weit das Feld des Progressive Metals ist ...

Redakteur:
Martin Schaich

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