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Rock Hard Festival 2017 - Gelsenkirchen

09.09.2017 | 23:50

02.06.2017, Amphitheater

Schönes Wetter, die Schiffe auf dem Rhein-Herne-Kanal als Kulisse und viele tolle Bands.

Es ist Pfingsten, und das "Rock Hard Festival" steht bevor. Wie jedes Jahr eine Art Familientreffen der hartrockenden und headbangenden Legionen, und wie jedes Jahr ein in gemütlicher und friedlicher Atmosphäre stattfindendes Fest der musikalischen Hochkaräter der verschiedensten metallischen Spielarten. So scheint auch dieses Jahr alles im grünen Bereich und voller Freude machen wir uns auf in ein Wochenende mit weitestgehend tollem Wetter und feinster Musique. Einzig ein paar Wolken und Regentropfen trüben hier und da ganz kurz den blauen Himmel, und ein wenig Donnergrollen aus der Ecke des Metalmarkts, denn dort waren einige Händler sehr wenig begeistert, dass man ihnen dieses Jahr zum ersten Mal nur einen Verkaufstag gestattete, wohl gemerkt bei gleichen Standpreisen. Das ist natürlich ein massives Ärgernis für die Händler, die bei denselben Unkosten und einer teils sehr weiten Anreise einen viel geringeren Umsatz haben, aber auch für die Festivalbesucher, denn man traf am Sonntag zahlreiche Leute auf dem Gelände, die gerne noch zum Abschluss des Festivals ins Händlerzelt gegangen wären, um sich dort noch ein paar Alben ihrer Favoriten zu kaufen, und dann vor verschlossenen Türen standen. Da das Zelt am Sonntag tagsüber leer war, muss sich der Veranstalter schon fragen lassen, was es soll, hier eine bewährte Institution des Festivals massiv zu beschneiden und damit sowohl die Händler als auch deren Kunden zu verärgern. Keine schöne Geste, da der Metalmarkt stets ein toller Treffpunkt für Musikliebhaber war. Es bleibt daher zu hoffen, dass im kommenden Jahr wieder auf zwei Tage aufgestockt wird, denn diesen Wermutstropfen hat das Festival nicht nötig. Ansonsten bahnt sich jedoch ein gewohnt erfreuliches Wochenende an, weshalb wir euch nun von den einzelnen Bands berichten wollen:
[Rüdiger Stehle]



Wie üblich eröffnet auch dieses Jahr eine Thrash-Band das "Rock Hard Festival". Die Ehre wird den Münchnern DUST BOLT zuteil, die sich vom ersten Ton an alle Mühe geben, bei schönem Wetter die zahlreich ins Amphitheater gekommenen Fans in Feierlaune zu versetzen. Dazu bedarf es heute nicht viel und so kommt der solide und tight gezockte Thrash direkt gut an. Die Truppe hat hörbar Spaß und kann durchaus punkten, allein der Gesang wirkt etwas eintönig. Das Energielevel ist jedoch hoch und erste Bewegungen lassen sich im Pit bereits ausmachen. Dennoch zeigt sich hier einmal mehr das Problem von Bands, die innerhalb ihres Songwritings wenig Variation haben. Was die ersten 20 Minuten äußerst unterhaltsam ist, beginnt danach eintönig zu werden und nach einer halben Stunde habe ich das Gefühl, die Band habe einfach alles gesagt. Dieser Eindruck wird dann auch bis zum Ende des Gigs nicht mehr aufgehoben und so bleibt ein solider, teils unterhaltsamer Auftritt einer jungen, motivierten Band, die es jedoch etwas an Eigenständigkeit und Abwechslung mangeln lässt. Sei's drum, ein gelungener Einstand zum ersten Bier auf den Rängen des Amphitheaters ist das hier dennoch.
[Raphael Päbst]

 

Als zweites darf ROBERT PEHRSSON seinen HUMBUCKER zum Glühen bringen, was der Schwede mit Begleitmannschaft dann auch direkt in der bereits von DEAD LORD und anderen bekannten THIN LIZZY-Schule tut. Mit viel Spielfreude zockt sich die Band durch jede Menge kleine und große Hits, die man selbst, wenn man mit dem Material nicht vertraut ist, bereits beim zweiten Refrain mitsingen kann. Dazwischen tolle Leadgitarrenarbeit und Sonnenschein und kühles Bier. So hört sich perfekte Festivalmusik an und dementsprechend gut ist die Stimmung. Das Schöne an diesem Sound ist ja, dass er sowohl vor der Bühne beim Mitsingen, Faust recken und Luftgitarrespielen funktioniert, als auch ganz entspannt im Sitzen auf den Rängen des gut gefüllten Amphitheaters. Die Band macht das Beste aus dieser Situation und rockt eine gute Dreiviertelstunde nach allen Regeln der Kunst, wofür sie nicht nur meinen Applaus einheimsen kann. Zwischen dem Geprügel des Staubbolzens und dem brachialen Massaker von MANTAR tut dieser lockere Auftritt einer Band voller Energie und guter Laune wirklich gut und zeigt bereits am Beginn des diesjährigen Festivals die große Bandbreite und Abwechslung, die das RHF auszeichnen.
[Raphael Päbst]

 

Vier Fäuste für ein Halleluja? Wohl eher für ein "Hail Satan!", wenn man sich den Auftritt des infernalischen Duos MANTAR so anschaut. Die Nordlichter tun das, was sie seit ihrem ersten Erscheinen auf der Bildfläche tun, sie walzen durch das Amphitheater mit einer Mischung aus Doom, Sludge, Black Metal und einer Prise Rock'n'Roll, zerstören alles und machen einfach unglaublich viel Lärm. Dennoch haben hier alle Songs Hand und Fuß und sogar hin und wieder so etwas wie einen Refrain, den Sänger und Gitarrist Hanno herrlich brutal herausrotzt. Der große Hit ist hier sicher 'Era Borealis', den die Band zwischen anderen Totschlägern platziert. Wie auch sonst beschränkt sich das Duo auf minimale Interaktion mit dem Publikum und konzentriert sich ganz auf sich selbst und den massiven Sound. Dabei merkt man den zwei Herren an, dass sie in letzter Zeit extrem viel live aktiv waren, denn MANTAR ist inzwischen eine allerbestens eingespielte Maschine, die vom ersten Ton an wirklich alles platt macht. Damit hat man dank besserem Sound auch im Vergleich zu dem anderen musikalischen Highlight des Abends, CANDLEMASS, die Nase vorn und fährt zumindest für mich den Tagessieg ein.
[Raphael Päbst]


Bunt gemischtes Programm an diesem Freitagabend in Gelsenkirchen. Nach den "bösen" Jungs von MANTAR und vor der doomigen CANDLEMASS freue ich mich auf genau die richtige Dosis Gute-Laune-Rock, die ich zum Einstieg in das 3-Tage-Festival benötige. Und THE DEAD DAISIES liefern. Ich kann gar nicht genau sagen, wie oft ich die All-Star-Truppe nun in den letzten Jahren schon gesehen habe, enttäuscht hat sie mich noch nie. Weiterhin haben Bandboss und Gitarrist David Lowy samt seiner prominenten Gefolgschaft mit dem Coverband-Stempel zu kämpfen, was sie durch eine mit eben etlichen Fremdkompositionen gespickte Setlist auch noch befeuern. Das hätte das "amerikanisch-australische Feierkommando" (O-Ton Rock Hard) mittlerweile aber eigentlich gar nicht mehr nötig, denn ihr eigenes Material rockt wie die Hölle. Schon das Eröffnungstriple 'Long Way To Go', 'Mexico' und 'Make Some Noise' bringt die Hinterteile in Bewegung und das zahlreich anwesende Publikum frisst John Corabi (unter anderem ex-MÖTLEY CRÜE) sprichwörtlich aus der Hand. Mit Bassist Marco Mendoza und Klampfer Doug Aldrich bildet Corabi das ultimative Party-Trio am Bühnenrand (Schlagzeuger Brian Tichy steht dem jedoch in fast nichts nach), das Ende der Achtziger schon jetzt aus dem Geldzählen nicht mehr herausgekommen wäre. Das Quintett hat Energie, eine überaus positive Ausstrahlung und beherrscht das 1x1 des Rock'n'Roll in- und auswendig. Eine coole Show, die gegen Ende hin ein wenig abflacht, einfach weil die durchaus guten Coversongs in Deutschland nicht diese Strahlkraft besitzen wie in den Vereinigten Staaten (die BEATLES würde ich jetzt einfach mal ausklammern) und das Bild einer eigenständigen Band irgendwie immer torpedieren. Hausgemachtes Problem, würde ich sagen. Trotzdem bleibt erneut ein absolut positiver Gesamteindruck hängen, denn THE DEAD DAISIES tun nicht weh, die wollen nur spielen - und wie. 
Setliste: Long Way To Go, Mexico, Make Some Noise, Fortunate Son (Creedence Clearwater Revival), Last Time I Saw The Sun, Join Together (The Who), With You And I, Mainline, Helter Skelter (The Beatles), We're An American Band (Grand Funk Railroad), Midnight Moses (The Sensational Alex Harvey Band)
[Chris Staubach]

 

Alle Jahre wieder Rock Hard Festival! Und die bloße Euphorie, einfach wieder da zu sein, ist auch dieses Mal wieder so groß, dass es mir im Prinzip egal ist, wer da unten auf der Bühne spielt. Es ist einfach supertoll hier. So fällt zunächst auch gar nicht auf, dass CANDLEMASS einen doch ziemlich enttäuschenden Auftritt abliefert, man hört fast nur Drums und übersteuerte Gitarren, und auch mein Eindruck vom Hammer Of Doom 2015 bleibt bestehen: Dieses besondere "Doom-mit-Gemüse"-Gefühl, das Messiah Marcolin damals am Mikro der Schweden erzeugt hat, kommt mit Mats Levén einfach nicht auf. Und nicht zu ersten Mal kommt bei der Wunsch nach AVATARIUM als Headliner für eines der nächsten RH-Festivals auf, meiner Meinung nach heutzutage die deutlich beste und charismatischste Leif-Edling-Band.
[Thomas Becker]



Was Kollege Becker schon anmerkt, stimmt leider auch an vorderster Front am Bühnenrand: Der Sound, mit dem CANDLEMASS heute hier aufläuft, ist ziemlich undifferenziert. Der Rest der Band hat hörbar Probleme, sich gegen den extrem lauten Bass durchzusetzen, die Gitarren sind bis nahe an die Schmerzgrenze verzerrt und Sänger Mats Leven hört man am Anfang nur sehr schlecht. Letzteres wird im Laufe des Auftritts besser und im Gegensatz zu Thomas finde ich die Performance von Mats sehr gelungen. Des Weiteren fallen einmal mehr die exzellenten Gitarrensoli positiv auf, wenn man sie einmal hört und das Songmaterial ist sowieso unantastbar. So gibt es ein lockeres Best-Of-Programm, das wieder einmal zeigt, wie sehr CANDLEMASS den Doom geprägt hat und was für eine Ausnahmeband wir hier vor uns haben, die eben auch mit miserablem Sound und ohne wichtige Protagonisten immer noch sehr gut unterhalten kann, wie ich nach anfänglicher Konsternation dann doch noch feststelle. Spätestens mit 'Solitude' und 'At The Gallow's End' bin ich dann versöhnt und verlasse zufrieden den Kessel des Amphitheaters, um mir den Headliner aus sicherer Entfernung anzuschauen.
[Raphael Päbst]


Wie macht sich nun BLUES PILLS als Hauptact? Um mich herum höre ich Stimmen, das wäre doch kein echter Headliner, und ich kann sie auch verstehen. Doch der Veranstalter zeigt auch Mut, eine so junge und frische Band so prominent zu positionieren und ich erinnere mich durchaus an kontroverse Diskussionen um THE DEVIL'S BLOOD vor ein paar Jahren. Ich bin da immer pro Nachwuchs und will nicht alle Jahre wieder dieselben ollen Kamellen sehen. Ich persönlich genieße diesen BLUES PILLS-Auftritt jedenfalls in vollen Zügen, denn Elin Larsson ist optisch wie stimmlich nach wie vor eine Wucht und auch Dorian Sorriaux genießt - vor allem im zweiten Teil des Sets - wieder viele Freiheiten, sein wundervolles Gitarrenspiel im Rund des Amphitheaters auszubreiten. So richtig werde ich aber auch live nicht warm mit den neuen Songs von "Lady In Gold", die live zwar etwas roher rüberkommen, aber doch nicht so viel Emotionen vermitteln wie 'Astralplane', 'Ain't No Change', 'High Class Woman' oder das umwerfende 'Devil Man' vom 10-Punkte-Debüt. Dazu kommt nicht nur bei mir der Eindruck, dass die BLUES PILLS-Show mittlerweile schon etwas zu durchgestylt und weniger frisch als im Vergleich mit dem unvergesslichen Auftritt an gleicher Stelle unter gleißender Mittagssonne wirkt. Ich bin dennoch mit dieser Musik voll zufrieden am Dauerzappeln oder aber mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen am Genießen. Die Band muss eben nur aufpassen, dass sie ihren Zauber im großen Erfolg nicht verliert.
[Thomas Becker]


Wir danken Verena Schröder von @RockpixPhotography für die freundliche Genehmigung zur Verwendung der Bilder; Link: https://www.queeniesrockpix.de/

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Redakteur:
Rüdiger Stehle

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