Rock im Wald - Neuensee

18.09.2017 | 10:51

28.07.2017, Sportplatz

Rock auf dem Sportplatz im Wald am Weiher in Oberfranken

Wir haben die Nasen voll. Laut und fordernd ist die Welt. Kaum Zeit mal zur Beruhigung, zum Müßiggang, zum Überhauptgarnichtstun. Also, kleine Festivitäten herausgesucht, die folgendes kombinieren sollten: gute Musik - denn ohne die geht es nun mal überhaupt gar nichts - Zeit für Sonne, Regen, Wind und Weite, Weiher. In Franken, da haben wir was gefunden. 2018 wird dieses kleinfeine Juwel in den hiesigen Rockszenentreffen auch schon zwanzig Jahre. Und bisher war es zwar schon immer in der Betrachtung, haben die Veranstalter doch auch in den letzten Jahren tolle Künstler in den Fränkischen Wald geholt. Das Umfeld, das gesamte Drumherum, strotzt zum einen vor Selbstbewusstsein und Gelassenheit und bayerischer Traditionaliät. Zum anderen verbinden sich hier regionale Vernetzungen und Anbieter auf dem Gelände der aufgeräumten Gemeinde Lichtensee mit der bewiesenen Kenntnis der globalen Rockszene zu einem somit weitläufigen und doch sehr gefühlvollen Ambiente. Faszinierend ist im Vergleich zu den Großveranstaltungen die Abwesenheit von größeren Wartezeiten (gar keine), die Anwesenheit einer großen Zahl tiefenentspannter Besucher und die moderaten Preise, von denen man auch direkt mitbekommt, dass die Euro in der "Gegend bleiben". Gern ein Radler mehr dafür.

In weiten Teilen der Gitarrenmusikszenen werden nämlich die Großveranstaltungen immer kritischer beobachtet: Gerade jetzt gibt es vielerlei Beschwerden von Festivalgängern älteren Semesters über eine Art "Festivaltourismus", der sich vor allem im lauten Abspielen genrefremder Musik, szeneuntypischer Kostümierungen sowie insgesamt einem großen Desinteresse am eigentlichen Zweck des Zusammenkommens äußert. Rundum: Der "Spirit" scheint zu wackeln, die Festivalwiesen sollen zu Laufstegen werden, der Respekt vor der Vielfalt der musikalischen Künste ist einer vielfachen Selbstdarstellung gewichen. "Na und...! Denn zum Feiern sind wir da!", rufen da die anderen, die sich Bierbüchsen auf die Köpfe stopfen oder sich gern auch einmal in Tierkostüme zwängen und zwingen. Das erscheint aber in dieser Frontenbildung recht vereinfacht. Wir haben da unsere ganz eigenen Beobachtungen und Statements (wie der Kollege Passgang im Wacken-Bericht) veröffentlicht.

Und damit wieder nach Franken... nach Lichtensee. Sonnendurchflutet treffen wir am Freitag nachmittag ein, nachdem wir uns staunend durch eine zarte, aber doch auch wilde Waldlandschaft geschoben haben. Standesgemäß wühlen wir unser Gefährt auf der Zeltenwiese ein und auch der Zugriff einiger Rockerkutten, die ihren Zeltbau unterbrechen, um unseren Bus aus der fruchtbaren Feuchte des fränkischen Lehms zu befreien, scheitert. Per Funk wird ein ausgenommen freundlicher Großgrundbesitzer herbeigefunkt, der uns nicht nur lächelnd aus der Misere zieht, sondern auch gleich noch einen sehr schicken Parkplatz auf seinem Privatgelände zuweist. Was ist hier los? Die gute Laune ist sofort wieder da! Später werden wir jenen Zuvorkömmling an einem unserer Lieblingsgetränkestände am Hahn wiederfinden. Und so läuft das eben hier. Man kennt sich, hilft sich, nimmt die Zeit als irgendetwas zwischen Urlaub und Arbeit wahr.

Wo wir beim Thema wären. Für die Hälfte der angekündigten Bands schlägt das erwartende Herz schon wochenlang schneller, für einige andere Combos hofft man sich direkt erwärmen zu können. Eine der Truppen hat keine Chance, mein persönliches Wohlwollen zu erreichen, was aber mit einigen Vorgeschichten zu tun hat. Aber diese Auswahlmöglichkeiten, diese Vielfalt auf Festivals, das ist was diese so attraktiv macht. Meine Vermutung wird sich bestätigen, dass mich die Truppen mit einem umfänglicheren künstlerischen Ansatz, einem "Crossover", mehr ansprechen. Und ich werde nicht enttäuscht. Erste positive Überraschung ist das Erscheinen der deutschen Doomer EARTH SHIP, die 1000 MOODS ersetzen. Und das sehr ordentlich. Genau das Richtige für den Einstieg. Das Paket der Rocker kann ich schnell und einfach zusammenfassen. SCUMBAG MILLIONAIRE, CAPTAIN DUFF, DEVILTRAIN, DEADHEADS, BLOODLIGHTS: Hier geht es jeweils schnell, derb und geradeaus, eben wie der Sommerstaub gewirbelt werden will. Filigraner da schon DEWOLFF, die mit Orgel und Gesang der Retrofraktion die Hände zittern läßt. Diese werden zum Beifall nach jedem Stück der Berliner Zwirbelbärte KADAVAR erhoben, die mal wieder ein Set herunterpfeffern, das sich irgendwo zwischen angeblasener Routine und überraschender Spielfreude einordnen läßt. Gefiel mir, entgegen der anfänglichen Skepsis. Im direkten Vergleich der Wüstenrocker-Schweden-Bands gewinnt (nicht unerwartet) der Haufen SKRAECKOEDLAN, ein Vierer, der einfachen, aber auch ansteckenden Stonerrock bietet, der auf Schnörkel und Klimbim verzichtet und die schöne Nachmittagssonne gleich noch wärmender macht. Im Gegensatz dazu ziehe ich mich präventiv bei den TRUCKFIGHTERS in das hintere Viertel des Geländes zurück, um das seltsame Gebaren vor allem des Gitarristen misstrauisch, bald gelangweilt zu beäugen. Diese Band aus Nordschweden hat eigentlich auch viel Potential, aber das Getobe und Gepose halte ich für eine vollkommen überflüssige Nebentätigkeit, die mich persönlich auch sehr von dem Trio entfremdet hat. Die Band hat einen Gesamtauftritt wie ein fahrendes Unternehmen, das sich und sein Material vom Solo bis zum Aufnäher vor allem selbst feiert. Nein, keine Lust darauf. Da verwende ich meine Energie lieber an diese Schweden: HORISONT, die vor allem Kollege Voigtländer mehrmals sehr lobend hervorhebt. Und er hat Recht damit. Trotz des teilweise auftretenden Falsettgesanges, dem ich großteils aus dem schrillen Wege gehe, ist das ein überzeugender, da abwechslungsreicher Auftritt.

Daran schließt sich in der Bewertung auch gleich mein persönliches Siegertreppchen dieses RIW-Jahres an. Auf Nummer Drei, dem glänzenden Bronzeplatz, liegt die Band BRUTUS aus Belgien, die es stilistisch zwischen Post Rock, Black Metal und Riot Girl Rock schafft. Hier sind es herrlich zu beobachtende Pole: Links steht ein angewurzelter Gitarrist, der aber formidable Riffs aller Art darbietet. Er hält laufend still lächelnd Blickkontakt mit dem anderen Pol des Trios, der Drummerin, die auch die Gesangsarbeit übernimmt und eine Energie und Spielfreude ausstrahlt, die mich sehr überzeugt hat. Dazwischen wechselt der Bassist die Bühnenenden und stakt zwischen diesen Polen hin und her. Blastattacken lösen sich ab mit weiten sphärischen Tönen, die in den blauen Himmel steigen. Und weil es so gut passt, denn die Bühne ist nebelig und blau, blau, blau: Mein erster Platz, endlich leibhaftig erlebt werden die Isländer SOLSTAFIR. Auch hier herrschte bei mir vor allem Skepsis vor, denn die Gesänge des überaus präsenten Frontmannes könnten auch auf die Dauer eines Konzertes Eintönigkeit verbreiten. Dachte ich doppeldeutig und wurde eines viel Besseren belehrt. Von Minute Eins bis zum Schluss ist das ein überzeugender und vor allem musikalisch und technisch ausgereifter Auftritt, der noch einige grübelnde Tage lang nachwirken sollte. Die Auswahl und Abfolge der Stücke ist dabei genauso überzeugend wie auch die Ruhe, die vom Inselkollektiv ausgeht und sich bei Bedarf in unaufdringliche intensive Interaktion mit dem Publikum wandeln kann. So besteigt der Frontmann das dürre Absperrzäunchen, um sich vom Publikum auf den Rohren balancierend herumführen zu lassen. Da er die Leute durch seine Präsenz schon vorher regelrecht "im Griff" hatte, ist dem schüchternen und gedankenvollen Mann anzumerken, wie spontan dieser "Gefühlsausbruch" ist.

Dagegen ganz und gar aus dem Rahmen fällt mein persönlicher Silberplatz. Getaucht in giftgrünes Licht und Nebel sind das die Schweizer ZEAL & ARDOR am spätesten Freitagabend. Deren Musik ist eine Verbindung aus Soul, Gospel, Dark Metal, Blues und Electronica, dargebracht von Figuren, denen man ihre Lust auf jugendliche Experimentierfreude deutlich anmerkt. Gut so. Mit teilweise vier Sangesstimmen am Bühnenrand wird die Stille der fränkischen Wälder eine gute Stunde lang mit vielen Stücken zerrissen, die zwischen den Stilen wie wild hin- und herpendeln, dabei nicht überfordern und vor allem eines nicht sind: vorhersehbar. Daher ist dieses sehr überraschende Debüt der Züricher eine der Überraschungen des Musikjahres 2017. Und der Auftritt auf dem Rock im Wald rundet das mit großer Spannung und Erwartungen beladene Wochenende in Nordbayern vollkommen ab. Daumen hoch für dieses "Beste der Kleinsten" - wie die Veranstalter immer wieder gern betonen. Und schon ist der Termin für 2018 ebenso vermerkt, auf das letzte Juliwochenende des Jahres dürfen sich Musikfreunde jetzt schon freuen.

[Mathias Freiesleben]

 

Dem kann ich nur zustimmen, die Bandauswahl konnte sich bereits im Vorfeld sehen lassen und als wir dann auf dem Fußballplatz des VfB Neuensee (das war mir so auch neu, dass man auf das heilige Fußball-Grün des hiesigen Vereins die Festivalmeute drauf lässt - inzwischen soll das Gras auch wieder sprießen) stehen, werden die Erwartungen vollends bestätigt.

Eine der Bands, die mich nach Oberfranken lockte, ist ZEAL & ARDOR. Die Schweizer Truppe ist Crossover im besten und interessantesten Sinne und wird an vielerlei Stelle abgefeiert, manchmal mit geradezu "blumigen" Worten. Doch wo man schnell das böse H-Wort im Kopf haben könnte, ist das hier tatsächlich heißer Scheiß, weil in diese Stilmischung und Ausprägung noch keine Band ihr musikalisches Schaffen eingetütet hat. Gospelgesänge, die an die amerikanische Sklavenzeit erinnern, werden plötzlich von einem rohen Black-Metal-Inferno zerrissen, später hört man auch mal proggige Ausflüge. Es ist ungewohnt, aber allein die Bühnenpräsenz von Vorsänger Manuel Gagneux zieht einen dermaßen in den Bann, dass man dieser diabolischen Monstrosität bis zum bitteren Ende beiwohnen muss. Der Sound ist mächtig, das Ambiente mit der zu Beginn des Gigs einsetzenden Dunkelheit stimmig und zwei Backgroundsänger untermalen die eindrucksvolle Gesangsdarbietung zusätzlich. Ich gebe zu, dass ich vorab befürchtete, es könne live vielleicht zu verkopft oder chaotisch rüberkommen, aber das Gegenteil ist der Fall. Zumal die beiden Reißer vom aktuellen Album geschickt in der Setlist platziert werden: 'Come On Down' an zweiter Stelle und 'Devil Is Fine' als ultimativer Schlusspunkt. Das hier kann man guten Gewissens als musikalische Horizonterweiterung bezeichnen.

Wo wir schon bei Horizonten sind: Tags darauf polarisiert eine weitere Band, denn an HORISONT scheiden sich erwartungsgemäß die Geister. Der Heavy-Metal-Anteil im Festival-Billing ist nicht so hoch, als dass sich nicht doch einige Besucher vom "Eierkneif"-Gesang abgeschreckt fühlen würden, weil es eben nicht die bevorzugte Baustelle ist. Mir gefällt die Band vor allem live immer wieder sehr; das hat einfach Spaß in den Backen und die Schweden rocken den Sportplatz doch sehr amtlich. Auf Platte lege ich das eher selten auf, aber live reißt einen die Band mit ihrer Energie und Eingängigkeit sofort mit. Zudem hat es für mich auch etwas von einem "coming home"-Gefühl, wenn ich Gitarrenmelodien vernehme, die mich an IRON MAIDEN erinnern. Purer Genuss am späten Nachmittag mit einem kleinen Wehrmutstropfen: Die Songauswahl ist in der zweiten Hälfte des Gigs deutlich schwächer, exklusive des famosen Rausschmeißers 'Night Rider' natürlich.

Und wo Mattes und ich uns schon bei HORISONT einig sind, so übereinstimmend ist auch unsere Einschätzung bezüglich der TRUCKFIGHTERS. Dabei hatte ich bei den Schweden mit "Universe" (2014) noch so etwas wie einen zweiten Frühling ausgemacht, bevor mich "V" letztes Jahr doch deutlich ernüchterte. Live ist die Sache zwar immer vorhersehbar, aber mit dieser unnachahmlichen Wucht und einigen coolen Nummern insbesondere von den ersten drei Alben doch stets auch unterhaltsam. Doch dieses Mal kann die Band nicht einmal damit punkten. Wie oft habe ich die TRUCKFIGHTERS inzwischen nun schon live gesehen? Es werden vier oder fünf Mal gewesen sein und um es gleich vorweg zu nehmen: So uninspiriert ihr Repertoire abspulend habe ich die Band noch nie erlebt. Enttäuschend! Der Sound ist total übersteuert (das einzige Mal während der gesamten zwei Tage) und über einige spielerische Schnitzer kann man im Laufe der anderthalb Stunden dann auch nicht mehr hinwegsehen. Dango hüpft zwar immer noch wie ein Derwisch über die Bühne, aber musikalisch ist das heute dürftig. Dabei ist gleichzeitiges Spielen und Herumtoben für ihn ja normalerweise kein Problem. Ich will nicht verschweigen, dass die vorderen Reihen die Band durchaus zünftig abfeiern, aber nicht nur bei mir springt der Funke heute überhaupt nicht über. Da rettet auch der große Hit 'Desert Cruiser' zum Schluss nichts mehr. Auch aufgrund der musikalischen Unzulänglichkeiten liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die TRUCKFIGHTERS nun ihren Zenit endgültig überschritten zu haben. Wenn ich daran denke, wie sie anno 2006 eingeschlagen sind und nicht nur mich mit ihrer energetischen Liveperformance total geflasht haben, macht das schon ein bisschen wehmütig.

Dabei ist Wehmut überhaupt nicht angebracht, kann man sich doch wunderbar an den frischen Darbietungen junger Bands wie BRUTUS oder SKRAECKOEDLAN erfreuen. Das Markenzeichen der Belgier BRUTUS ist sicherlich die trommelwirbelnde Sängerin Stefanie Mannaerts - die kraftvollen und leicht angeproggten Songs sind vielleicht nicht sofort leicht verdaulich (und müssen später erneut gehört werden), aber die vereinnahmende Power der Band ist allgegenwärtig und der Auftritt daher viel zu kurz. Die Schweden SKRAECKOEDLAN begeistern mit ihrer Version von äußerst wuchtigem Stoner Rock - ruppig, knarzig und direkt, also bestens geeignet um das Haupthaar zu schütteln. Zudem haben sie das schönste Backdrop des Festivals zu bieten mit diesem furchteinflößenden Urviech. Um bei optischen Elementen zu bleiben: Die schönsten Jacken hingegen kann man beim Freitags-Headliner KADAVAR bestaunen (Purpur rocks!). Und was da musikalisch so aufgefahren wird, ist zwar bekannt, aber Spaß macht das Ganze durch viel Schmackes und Spielfreude allemal und immer wieder. Die Berliner haben solch wunderbar eingängige Retro-Rock-Hymnen am Start, dass es einfach kein Halten mehr gibt. Erwartbarer Auftritt zwar, aber vor allem erwartbar gut.

Auf den Samstags-Headliner "from the land of fire and ice" hatte ich mich im Vorfeld besonders gefreut und insbesondere als Kontrapunkt zum "Haudrauf"-Stoner mit viel Rumgepose von TRUCKFIGHTERS direkt davor wird deutlich: Die Isländer SOLSTAFIR ruhen in sich und lassen ihre vorzügliche Musik für sich selbst sprechen. Und diese entfaltet (trotz weniger aufgedrehter Boxen - um es mal ganz deutlich zu sagen) eine sehr intensive Wirkung. Die Atmosphäre hat etwas fast Sakrales und geschickt gesetzte Eruptionen sorgen immer wieder für Entladung innerhalb der sich langsam aufbauenden Spannungsbögen. Die Ansagen von Aðalbjörn Tryggvason sind unterhaltsam - er lobt Deutschland sehr viel und meint, er würde gern BJÖRK gegen Udo Dirkschneider tauschen, was ihm natürlich einige Lacher einbringt. Doch auch vor ernsten Themen schreckt er nicht zurück und spricht über Depressionen und Wachsamkeit in dieser Hinsicht seinem Umfeld gegenüber, um dann einen Song einem Freund zu widmen, der diese Krankheit nicht besiegen konnte. Der Gesang geht unter die Haut, die Riffs treiben die Songs im nächtlichen Ambiente stetig voran und so vergehen die anderthalb Stunden wie im Flug. Ein einzigartiges Erlebnis, mit dem sich die Isländer sicherlich viele neue Freunde gemacht haben. Gleiches gilt für das Rock im Wald insgesamt, das ja dieses Jahr ausverkauft war und sicherlich auch nächstes Jahr ein spontanes Vorbeischauen nicht erlauben wird, weil dann die Tickets längst vergriffen sein werden. Bei diesem stimmigen Gesamtkonzept auch kein Wunder.

[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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