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SACRED REICH, NIGHT DEMON - München

15.12.2019 | 12:03

14.12.2019, Backstage

Volles Haus bei einem starken US-Doppel!

Samstag Abend, Backstage in München. Hier ist eigentlich immer die Hölle los, aber ein Ausfall macht den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. KOLLEGAH hat sein Erscheinen – ich weigere mich, so einen Unfug Konzert zu nennen – abgesagt. Schade für die Location, gut für den Rest der Welt und auch für mich, so ist die Parkplatzsituation viel entspannter. Als ich pünktlich eintreffe, steht draußen eine lange Schlange Konzertfeudiger. Es ist zum Glück die Garderobenschlange, aber tatsächlich ist das heutige Konzert ausverkauft. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber es freut mich ungemein, dass SACRED REICH dann doch endlich einen Status erreicht hat, der diesem Qualitätsthrash gebührt.

Doch zuerst darf eine Vorband ran, die auch nicht ganz unbekannt ist: NIGHT DEMON. Der klassische und auch von der New Wave of British Heavy Metal beeinflusste Sound der Band ist natürlich immer und überall passend. Ich glaube, die könnten bei nahezu jeder Metalband im Vorprogramm spielen und würden immer gute Resonanz ernten. Immerhin zehn Lieder hauen die drei US-Amerikaner aus Ventura in Kalifornien in die zweitgrößte der Konzerthallen des Backstage, die mit je zwei Liedern der EP und zwei Stücken vom letzten Album "Darkness Remains" viel Platz für das Longplay-Debüt lässt. Ausverkauftes Haus bedeutet auch, dass ich mir einen Platz suchen muss und von dort mehr oder weniger stationär das Konzert beobachte. Da es keinen Fotograben gibt, sind Bilder sehr schwierig. Ich kann seitlich bis recht weit vor die Bühe kommen, aber dann ist es ziemlich vorbei. Deswegen sehe ich von NIGHT DEMON auch nur zwei der drei Musiker, aber die beiden Saiten-Männer Jarvis Leatherby am Bass und Dusty Squires an der Gitarre machen mächtig Alarm inklusive Auftritt ihres Maskottchens in 'The Chalice'. Doch das ist nicht die einzige Anlehnung an IRON MAIDEN, denn zur Feier des letzten Auftritts nach mehreren Monaten des Tourens, lässt die Band ihre Bandhymne 'Night Demon' heute ausfallen und spielt stattdessen 'Wasted Years' der eisernen Jungfrauen. Vorher gibt es aber noch einen surrealen Auftritt der Hauptband, denn während Keyboardklänge vom Band ertönen und das Stück 'Darkness Remains' ausklingen lassen, stellen sich Phil Rind und einige Mitstreiter auf die Bühne und verharren dort in einer Pose. Ich kann nur einen Teil der ungewöhnlichen Performance sehen, weiß daher nicht recht, was sie bedeuten soll, aber zumindest führt sie zu mehr Applaus für NIGHT DEMON, die daraufhin das MAIDEN-Cover intonieren. Das war ein guter und mitreißender, 45-minütiger Auftritt. Herr Rind, die Meute ist aufgewärmt, kann losgehen!

Setliste: Ritual; Full Speed Ahead; Dawn Rider; The Howling Man; Heavy Metal Heat; Curse of the Damned; Screams in the Night; The Chalice; Darkness Remains; Wasted Years

Nach nur zwanzig Minuten erklingt THIN LIZZY's 'The Boys Are Back In Town' und SACRED REICH kommt auf die Bühne. Phil Rind in der Mitte, eingerahmt von Hugh Laurie (Doctor House) und Animal aus der Sesamstraße an den Gitarren. Okay, im Ernst: auf der linken Bühnenseite steht das SACRED REICH-Urgestein Wiley Arnett und bearbeitet seine Lead-Gitarre, aber er würde auch gut in besagte TV-Serie passen, sieht der dem Schauspieler Laurie doch ausgesprochen ähnlich. Die zweite TV-Persönlichkeit Animal aus der Sesamstraße, an der Gitarre statt am Schlagzeug, entpuppt sich als der nur 23-jährige Joey Radziwill, der Jason Rainey kürzlich ersetzte und bangt, dass die Haare fliegen. Und zwar unentwegt. Bis zum Konzertende. Ja, der Junge hat noch Kraft! Herzstück der Band ist allerdings Phil Rind, Sänger und Bassist im Zentrum des Geschehens. Gut schaut er aus und deutlich abgenommen hat er auch in Vergleich zu dem letzten Gig, den ich gesehen habe!

Nach 23 Jahren hat SACRED REICH in diesem Jahr endlich den Nachfolger zu dem 1996er Album "Heal" veröffentlicht. Das Werk "Awakening" wird dementsprechend mit vier Liedern bedacht und gleich der Opener 'Divide And Conquer' zeigt, dass die Menge mit dem neuen Material durchaus vertraut ist. In der Folge springt die Band fröhlich durch die Diskographie, lässt allerdings "Heal" komplett aus, wie die Band es bereits seit ein paar Jahren macht. Man darf dabei nicht vergessen, dass SACRED REICH zwar keine Alben veröffentlicht hat, aber durchaus als Band existierte und live aufgetreten ist und dabei die Seliste auch mal mit dem einen oder anderen Song aufgepeppt hat. Doch heute gibt es neben den neuen Liedern vor allem die zu erwartenden Stücke mit einem Hauptaugenmerk auf dem bekanntesten und erfolgreichsten Album "The American Way". Die neuen Lieder werden dabei gut platziert in die Klassiker eingestreut und passen ausgezeichnet zum alten Material. Warum hat die Kapelle eigentlich mehr als zwei Jahrzehnte lang keine Platte produziert?

Bandleader Phil hat wieder einige Botschaften dabei, wie man es von ihm kennt. Heute ist er vor allem überwältigt von der großen Resonanz, die die Band auf dieser Tour genießen durfte, die immerhin 98 Konzerte umfasste und insgesamt nur etwa 14 Tage zum Ausruhen und Reisen beinhaltete. Glücklich, aber auch ein wenig erschöpft, bedankt er sich dafür, dass er diese Möglichkeit hat, rät aber gleichzeitig jedem von einer solchen Ochsentour ab. Ja, eine Welttour als Superstar ist etwas anderes als in einer Band, die vor einigen Hundert Zuschauern spielt. Immerhin einige Hundert, das waren auch schon weniger.

Zu dem Titelsong des aktuellen Albums merkt Phil an, dass Veränderung in der Welt von jedem Einzelnen ausgehen müsse. Kein Gott und kein Politiker könne die Welt retten, sondern nur wir selbst. Später empfiehlt er noch die Autobiographie "Acid For The Children" von RED HOT CHILI PEPPERS-Bassisten Michael "Flea" Balzary, doch ansonsten steht die Musik im Vordergrund. Ein besonderer Höhepunkt eines SACRED REICH-Sets ist immer 'Who's To Blame', das so langsam das Ende des Sets einleitet. Nach ein paar weiteren Krachern gibt es eine kurze Pause, doch bevor richtige Zugabe-Rufe ertönen können, spielt die Band den letzten neuen Song, 'Killing Machine'. Ich begebe mich mal nach hinten, um zum Merchandise zu schauen, merke aber bald, dass es dahin kein Durchkommen gibt. Es ist hinten noch viel voller als vorne und offensichtlich sind einige hier auf Völkerwanderung statt Metalkonzert, hier geht es zu wie auf dem Bahnhof. Als der erste Refrain von 'Surf Nicaragua', dem traditionellen Rausschmeißer, verklungen ist, mache ich mich auf den Heimweg. Hier hinten ist der Gig wirklich kein Genuss.

Setliste: Divide & Conquer; The American Way; Manifest Reality; One Nation; Awakening; Love...Hate; Free; Crimes Against Humanity; Who's to Blame; Ignorance; Salvation; Independent; Killing Machine; Death Squad; Surf Nicaragua

Ein starkes Konzert, ausverkauftes Haus, 80 Minuten Triumph. Nicht auszudenken, wo SACRED REICH stehen könnte, wenn die Band in den letzten 23 Jahren einfach ab und zu mal ein Album veröffentlicht hätte und nun nicht auf fünf, sondern vielleicht auf zehn solche Werke zurückblicken und -greifen könnte. Aber jetzt scheinen die Herren es wissen zu wollen, Phil kündigt für nächstes Jahr einige Live-Aktivitäten an. Und ich hoffe auf einen "Awakening"-Nachfolger möglichst bald, sodass  SACRED REICH aus dem Nostalgie-Modus herauskommen kann und im Hier und Jetzt ankommen mag. Live war das heute absolut überzeugend mit einem Phil Rind in guter Form, der gesanglich top war, und einem differenzierten Sound. Thrashfreunde sollten auf die Tourdaten für 2020 achten, ich erwarte, dass die Hallen größer werden. Und hoffe, dass sie irgendwann dann auch mal richtig groß sein werden.

Redakteur:
Frank Jaeger

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