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SAINT VITUS - Innsbruck

10.07.2015 | 00:13

04.06.2015, The Weekender Club

Wunder dauern etwas länger, doch die Doom-Legende ist mit ihrem Ursänger vereint!

Manches Mal dauert es lange, bis Träume wahr werden. Und Wunder dauern sprichwörtlich sowieso nochmal etwas länger. Bisweilen sogar so lange, dass man es kaum mehr für möglich hält, wenn es letztlich doch noch passiert, und sich die Gelegenheit bietet, eine Band in einer Form live zu erleben, die lange undenkbar erschien. Solch ein stählernes Wunder durfte ich Anfang Juni erleben, und um euch nachvollziehbar zu machen, wie sich das anfühlen kann, muss ich wohl ein wenig weiter ausholen:

Lange Jahre war es für mich ein unerfüllter Traum, überhaupt ein einziges Mal SAINT VITUS live zu sehen. Eine Band, die für mich - und hoffentlich für jeden, der seine Sinne beisammen hat - zu den ganz großen Legenden des Doom Metals gehört. Außerdem natürlich eine Band, bei der ich ewig der Tatsache nachtrauerte, die 1995er-Tour zu "Die Healing" verpasst zu haben. Denn dann war erst einmal Schicht im Schacht, und noch viele Jahre später schloss Bandgründer Dave Chandler eine Reunion sehr überzeugt aus, als ich ihn für DEBRIS INC. interviewen durfte. Doch wer Geduld hat und ganz fest daran glaubt, der wird von den Stahlgöttern bisweilen belohnt, und so ist es mir einige Jahre später, anno 2009 dann doch vergönnt, Saint Vitus erstmals live zu sehen, und zwar auf deren letzter Tour mit dem inzwischen leider verstorbenen Gründungsmitglied Armando Acosta am Schlagzeug; gleichzeitig auch mein letzter Gig im inzwischen wegen des Bahnhofsbaus geschlossenen Kultclub "Die Röhre" am Stuttgarter Wagenburgtunnel. Historische Ereignisse am laufenden Band, mag man sagen, zum Guten wie zum Tragischen. Wino ist jedenfalls seither wieder der Sänger der Band, veröffentlichte mit seinen Kameraden nochmal ein paar Jahre später das tolle Comeback-Album "Lillie: F-65" und seither geht der gute alte Sankt Veit auch wieder ausgiebiger auf Tour.

Weil SAINT VITUS aber ein Mythos ist, reißen die historischen Ereignisse kaum ab, auch wenn diese oft aus der Not und aus dem Unglück geboren sind. Jedenfalls wurde Wino, der noch immer der etatmäßige Sänger der Truppe ist, 2014 auf Tour in Norwegen von der Polizei mit Drogen erwischt und in die USA ausgewiesen, so dass die Band aktuell in Europa nicht mehr mit ihm touren kann. Das bescherte uns zunächst im November 2014 die bizarre aber trotzdem unvergessliche Show beim "Hammer Of Doom" in Würzburg, wo sich Gitarrist Dave Chandler, John Perez (SOLITUDE AETURNUS) und Gerrit Mutz (SACRED STEEL, DAWN OF WINTER) den Gesang teilten, doch die weitere Zukunft der Band schien unklar. Damit kommen wir nun auch langsam aber sicher zum Schluss der ellenlangen Vorrede, denn der springende Punkt ist: Weil Wino nach wie vor nicht nach Europa einreisen kann, haben die langjährigen VITUS-Fans in diesen Tagen die wirklich unerwartete und vielleicht auch einmalige Chance, ihre Lieblingsband noch einmal mit jenem Mann live zu erleben, von dem die wenigsten erwartet hätten, ihn überhaupt noch einmal auf einer Bühne sehen zu können. Zwanzig Jahre nach seinem Karriereende dürfen wir keinen Geringeren als den Ur-VITUS-Sänger Scott Reagers zurück am Mikro und zurück in Europa begrüßen, wo das Quartett eine kurze Clubtour und ein paar Festivalauftritte absolviert. Da es in Deutschland leider nur für Nachmittagsslots auf großen, teuren und schnell ausverkauften Festivals reicht, führt unsere kleine Doomgemeinde der Weg ins gar nicht einmal so weit entfernte Innsbruck im schönen Tirol, sowie dorten in den gemütlichen Weekender Club.

Dass etwas Magisches in der Luft liegt, merken wir schon beim Betreten der am Ende auch sehr gut gefüllten, wenn auch nicht ausverkauften Halle. Man trifft viele alte Bekannte, und auch ihnen steht ins Gesicht geschrieben, dass sie für heute Abend etwas ganz Besonderes erwarten, und dass sich auch alle sehr sicher sind, dass die Band und ihr Frontmann sie nicht enttäuschen werden. Das, ich will es vorweg nehmen, wird auch nicht passieren! Denn das Quartett präsentiert sich glänzend eingespielt, gut aufgelegt und vor Spielfreude nur so berstend. Wo zwischen Dave Chandler und Wino oft eine gewisse Anspannung zu spüren schien, da wirkt heute alles harmonisch und ausgeglichen, auf der Bühne und im Saal. Keiner der Akteuere scheint sich beschränken zu müssen und die Band kann sich im positivsten denkbaren Sinne gehen und treiben lassen, während das Publikum jede Ansage und jede Note feiert. Schlagzeuger Henry Vasquez vermöbelt sein Schlagzeug nach allen Regeln der Kunst und hat einen so mächtigen Punch, dass einem Angst und Bange werden könnte, strahlt dabei aber stets grinsend durch und durch eine Lässigkeit und Freundlichkeit aus, die das Publik sofort für die Band einnimmt.

Wo Bassist Mark Adams am rechten Bühnenrand scheinbar lethargisch, ja nahezu apathisch wirkt wie immer und doch mit seinem Groove das Rückgrat der Band liefert, da tobt Dave Chandler am anderen Rand der Bühne wie ein besessener Derwisch umher, doch auch er, durchaus im Rufe eines Raubeins stehend, wirkt entspannt und zufrieden, lässt seine Gitarre ihre völlig unverkennbaren Wuchtrammenriffs, exzentrischen Leads und schrägen Wah-Wah- und Flanger-Soli singen und wabern, als gäbe es kein Morgen. Doch er übertreibt es nicht, bleibt songdienlich, ohne sich beschränken zu müssen, denn heute ist auch die Setlist eine etwas andere, als wir sie in den vergangenen Jahren von SAINT VITUS gewohnt waren. Klar, Scott Reagers sang nur auf drei Studioalben der Band, und so wird eben diese Phase heute ausgiebig bedient, was kein Schaden ist, denn mit Klassikern sind diese Scheiben zum Bersten gefüllt.

Und Scott Reagers selbst? Na klar, auf ihn sind die gespannten Blicke der Meute primär gerichtet, und was soll ich sagen, dem freundlichen, äußerst liebenswert wirkenden Lockenkopf, der in den Pausen immer wieder bescheiden strahlend an seiner Teetasse nippt und der sich erst ganz zum Ende hin ein Bierchen gönnt, fliegen die Sympathien der Fans nur so zu. Scott ist glänzend bei Stimme und lässt seinem eindringlichen Gesang freien Lauf, der mitreißend, einfühlsam, wie früher auch leicht psychotisch wirkend, unter die Haut geht und sich tief in Herz und Hirn bohrt. Zwischen den Songs findet der Frontmann immer ein paar liebe, freundliche Worte für die Fans, ein paar spürbar ehrlich gemeinte Segenswünsche, die Aufforderung, aufeinander aufzupassen, ja, es ist ganz klar zu fühlen: Scott Reagers nimmt die Fans hier und heute als seine Freunde wahr, und er hat unheimlich viel Spaß und Freude daran, für uns singen zu können und eben diese Herzlichkeit, die er ausstrahlt, auch vom Publikum zurück zu bekommen.

In dieser ganz besonderen, und in all den Jahren für mich auch ziemlich einzigartigen Konzertatmosphäre ist es an sich fast schon gleich, welche Songs die Band nun spielt, doch auch hier gibt es rein gar nichts zu mäkeln. So wird der Abend zunächst mit ein sensationell guten Doppelschlag von Scott Reagers' einstigem Abschiedsalbum "Die Healing" eröffnet, und wenn ich die Titel 'Dark World' und 'One Mind' nenne, dann wird wohl kaum ein VITUS-Fan mehr an sich halten können. Danach gibt es 'Zombie Hunger' gefolgt von einem "Hallows Victim"-Tandem aus 'War Is Our Destiny' und 'White Magic/Black Magic', bevor der ganze Rest des Debütalbums zum Besten gegeben wird. Wow, das sitzt! Das ist genau die Vollbedienung, die wir uns alle erträumt hatten, und wir bekommen sie brühwarm aufgetischt. Aus der Wino-Ära kommt mit 'Look Behind You' zunächst nur ein Song zum Zuge, was wenig überrascht und auch absolut gerechtfertigt ist, denn jene Songs, die natürlich nicht minder toll sind, haben wir in den letzten Jahren ja öfters zu Hören bekommen. Mit der Bandhymne 'Saint Vitus' und 'The Psychopath' geht der Gig dann langsam dem Ende zu, doch ein weiterer Song aus Wino-Zeiten darf natürlich nicht fehlen, denn dass diese Band ohne ihre Überhymne 'Born Too Late' als letzte Zugabe von den Brettern geht, mag man sich gar nicht vorstellen können. Hier wird dann noch einmal ausgiebig mitgesungen und die gemeinsame Outcast-Rolle gefeiert, und dann ist Schluss.

Am Ende sind sich alle einig: Die Band hat ein denkwürdiges Konzert abgeliefert, an das sich vermutlich alle Anwesenden noch sehr lange erinnern werden. Die Ovationen nach dem Ende des Gigs, das kameradschaftliche Treffen der Musiker mit den Fans, das Gedränge am Merch und die selig und verklärt grinsenden Gesichter der Leute vor der heißen und stickigen Halle, die irgendwie gar nicht mehr heim wollen und aus dem Schwärmen gar nimmer hinaus kommen, sprechen jedenfalls Bände, und ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich dabei sein durfte, bei diesem historischen Ereignis. Mein Dank geht an Dave, Scott, Henry und Mark, für eines der tollsten Konzerte meines Lebens, an den Weekender Club in Innsbruck, der es möglich gemacht hat, dass ich dieses Erlebnis - so wie es eben sein muss - in einem kleinen, heimeligen Club mit einer feinen Schar von Gleichgesinnten erleben durfte, und es nicht bei einem Megaevent im Gedränge der Gleichgültigen aus 100 Metern Entfernung. Und nicht zuletzt natürlich an all die netten Leute und treuen Fans, die dabei waren und zur unvergesslichen Stimmung begetragen haben.

Setlist: Dark World, One Mind, Zombie Hunger, War Is Our Destiny, White Magic/Black Magic, White Stallions, Burial At Sea, Look Behind You, Saint Vitus, The Psychopath, Born Too Late

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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