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SENTENCED, LACUNA COIL - Hamburg

25.11.2002 | 08:25

22.11.2002, Markthalle

Seit die „Down“ erschien, lechze ich einer Live-Show von SENTENCED entgegen und endlich sollte es mir vergönnt sein, diesen meinen Gothic-Helden die Aufwartung machen zu können, und das gleich im Pack mit LACUNA COIL. Also nahm ich bußfertig die Pilgerfahrt von zweimal 250 Kilometern auf mich und erwischte den letzten Auftritt dieser Tour, der in der Hamburger Markthalle in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes stattfand.

Dort war es mehr als rappelvoll und wir konnten uns eben noch einen gequetschten Platz am hinteren Teil dieser Konzerthalle erobern, die wunderbarerweise wie ein Amphitheater angelegt ist, so dass man von nahezu jedem Ort eine erstklassige Sicht auf die Bühne hat.

Den undankbaren Job, Aufwärmer für zwei solche Größen des Genres spielen zu dürfen, hatten die eigentlich nicht unbekannten Skandinavier BLACKSHINE . Mir selbst war die Band allerdings durchaus noch kein nennenswerter Begriff. Die Alben scheinen wirklich gut zu sein, wenn man den verschiedenen Presseberichten trauen darf, aber von dem Live-Auftritt war ich nicht wirklich überzeugt, zu unkoordiniert kam der ziemlich melodische Gothic Rock / Metal bei mir rüber, zumal mir irgendwie zu oft der gleiche Songaufbau und ähnliche Melodien unterkamen. Aber präsentiert haben sich die Jungs ziemlich locker und Spaß brachte der Auftritt allemal, man sollte also nicht meinen, ich wäre von der Vorband irgendwie wirklich enttäuscht gewesen. Die Anwesenden nahmen den Auftritt jedenfalls gut gelaunt an. Etwas überrascht wurde ich, als ein Musiker, den ich bei dem Blitzauftritt und seiner Hardrocker-Lemmy-Verkleidung mit fetter Biker-Sonnenbrille leider nicht erkennen konnte, auf die Bühne gestelzt kam und in herrlich selbstironischer Manier auf Metalposer machte, um sogleich eine Kurzversion im Thrash-Format von AC/DCs „The Razor’s Edge“ hinzubolzen. Ulkige Kiste, aber davon sollte es im Konzertverlauf noch einige mehr geben.

Eine tosende Begrüßung gab’s dann nach der Pause für das erste Highlight der Nacht – LACUNA COIL bringen schon bei den ersten Klängen reichlich Dynamik auf die Bühne und die Besucher zum Freudentaumel. Sirene und „Schneckchen“ Cristina zeigte nicht nur ihres ansehnlichen Äußeren wegen eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz und präsentierte ein ebenso erfreuliches harmonisches Zusammenspiel mit dem rauen männlichen Gesang. Die Mischung aus gotisch-poppiger Melodieführung, rockiger Härte und metallenem, treibendem Riffing tat ein Übrigens für abwechslungsreichen Musikgenuss. Die oftmals geradezu mystisch-filigranen Klänge wurden von reichlich Nebel und Ausleuchtung stimmungsvoll unterstützt, aber auch die schnellen Passagen zum Mitgehen kamen dabei nicht zu kurz. Man merkte den Italienern die Live-Erfahrung deutlich an, sowohl im handwerklichen Bereich, wo jede einzelne Besetzung zu begeistern wusste, als auch in der Interaktion untereinander und mit dem Publikum. Vor und auf der Bühne herrschte ausgelassene Stimmung – und dass hinter der Bühne auch etwas Ausgelassenheit um sich griff, merkte man an einem erneuten „Gast“, der während des Spiels etwas irritierend in seltsamem Polsterkostüm über die Bühne watschelte und ebenso wieder verschwand. Was es damit auf sich hatte, sollten wir zum Ende der Show hin erfahren. Apropos Ende – etwas unerwartet schien der Auftritt vorüber, aber das ließen die Fans natürlich nicht protestlos über sich ergehen und so kamen LACUNA COIL um eine satte Zugabe nicht herum, die sie spielfreudig hinlegten.

Die nächste Pause sollte etwas länger werden, und so kamen SENTENCED ,die Hauptstars des Abends, erst nach halb Elf auf die Bühne. Wie zu erwarten, war der Einstieg dominiert von gespenstisch grünlich ausgeleuchteten Nebelschwaden und mit dem Intro „Konevitsan Kirkonkellot“ ihres aktuellen Killeralbums perfekt in Szene gesetzt. Ebenso erwartungsgemäß brüllte die Halle zunftgemäß drauf los, sobald die Finnen auf der Bühne waren, da schreckte auch die Düsteratmosphäre nicht zurück. Beim ersten Sangeston zuckte ich erstmal zusammen und befürchtete eine miese Aussteuerung, aber die Macke war nach zehn Sekunden behoben. Ville stand übrigens Cristina in Sachen Bühnenpräsenz – auch als Blickfang – in nichts nach, und die ganze Präsentation war ebenso professionell, locker und frei von Berührungsängsten mit dem Publikum. Vom ersten Song an brodelte durchweg die Stimmung in der Halle – leider nicht nur im abstrakten, sondern durchaus wörtlichen Sinne, denn dank scheinbarer Sparmaßnahmen an der Ventilation dampften wir inzwischen gemütlich vor uns hin, Schweißfluten von uns strömend, die den Niagarafällen Konkurrenz machen könnten. Das drückte natürlich schon ein wenig auf den Enthusiasmus, aber wenn es den meisten der Anwesenden so ging wie mir, dann ließ die Begeisterung jedes Ungemach vergessen. Der Gastauftritt von Cristina bei „Everything ist Nothing“, wo sie eine zweite Stimme beifügte, tat ein Übriges. Von den letzten vier Alben gaben die Suizidtexter eigentlich jedes von mir erwünschte Highlight zum Besten, wobei mir natürlich einige ältere Death-Metal-Granaten fehlten, aber mit den Alben seit der „Down“ gibt es bereits eine solche Menge an exzellentem Material, dass ich wohl statt dessen auf einige meiner aktuelleren Lieblinge hätte verzichten müssen, also war ich es zufrieden und sang schief, aber formschön einen Ohrwurmrefrain nach dem nächsten mit. Und gänzlich vergessen wurden die „Klassiker“ auch nicht, denn zum Ende der obligatorischen Zugabe heizten SENTENCED uns mit Brachialgewalt und ihrer endgeilen Death-Version von „The Trooper“ ein – und beim ersten Akkord brach Chaos auf und vor der Bühne aus. Alle drei Bands und vermutlich noch einige Helfer sprangen jetzt auf der Bühne herum, ich sah nur noch e-Gitarren und fliegende Haare, vor allem aber halbnackte Leiber, denn die Hinzukömmlinge kamen ausgesprochen spärlich oder in amüsante Kostüme bis hin zur Klopapierverkleidung gewandet angesprungen. Leider konnte ich keine halbnackte Cristina zu meinen optischen Trophäen dieses Abends hinzufügen, aber die Stimmung, die da abging, war wirklich vom Feinsten. Ein absolut brillantes Partyfinale, das vermuten lässt, was genau die Leute während ihrer Zeit hinter der Bühne so getrieben haben dürften – einen Becher Wodka nach dem andren gepichelt nämlich. Ville hatte ja bereits während des Auftritts selbst eine Saufprobe als Auftakt zu einem ihrer „Alles Leiden dieser Welt auf mich“-Songs gegeben, die in ebenso selbstironischer Weise präsentiert wurden, wie diverse Spielereien auf den Alben und die nicht immer so ganz ernst gemeinten Texte es erwarten ließen.

Also auf voller Breite ein klasse Konzert, das sich mehr als gelohnt hat und aus dem wir gut gelaunt und zufrieden, wenn auch Bäche schwitzend und reichlich ermattet, in den kalten Nieselregen Hamburgs hinaustrabten, um noch gemütlich ein Wikingerblut im „Headbanger’s Ballroom“ zu picheln. Ein metallenes Hail! an dieser Stelle an BlackPrincess und Astaroth für die Hamburger Gastfreundschaft, ohne die diese Konzertfahrt im Äther verraucht wäre. Skôl!
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Setlist LACUNA COIL:

1. To Live ...
2. Swamped
3. Heaven´s A Lie
4. Senza Fine
5. Self Deception
6. Falling
7. When A Dead Man Walks
+8. Aeon
+9. Tight Rope
+10. Daylight Dancer

Setlist SENTENCED:

1. Intro (Konevitsan Kirkonkellot)
2. Cross My Heart And Hope To Die
3. Neverlasting
4. Sun Won´t Shine
5. Brief Is The Light
6. Aika Multaa Muistot
7. Noose
8. Broken
9. Noone There
10. Nepenthe
11. Farewell
12. Suicider
13. Excuse Me While I Kill Myself
+14. Bleed
+15. The Trooper

Redakteur:
Andreas Jur

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