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SLIPKNOT - Düsseldorf

05.02.2016 | 17:09

04.02.2016, ISS Dome

Gnadenloser Abriss mit den Maskenmännern aus Iowa.

Dieser 4. Februar 2016 ist im Rheinland kein ganz gewöhnlicher Donnerstag, denn es ist Weiberfastnacht. Das bedeutet im Klartext, dass sich Städte wie Düsseldorf, Bonn oder Köln fest im Griff von angetrunkenen Karnevalisten und ihrem unsäglichen Schunkel-Liedgut befinden. Für alle Fans der härteren Gitarrenmusik bietet in diesem Jahr aber glücklicherweise der ISS Dome in Düsseldorf eine Zuflucht, denn hier haben die Nu-Metal-Titanen SLIPKNOT eine karnevalsfreie Zone ausgerufen. Auf die eigene Maskierung verzichtet die Truppe aus Iowa natürlich trotzdem nicht, nur ist ihre Version des "Karnevals" eben viel morbider und unheimlicher als das Treiben auf den Straßen im Rheinland. Die Show ist dabei einer der ersten Stopps auf der zweiten Runde der Tour-Aktivitäten zum aktuellen Album ".5: The Gray Chapter" und bietet zugleich vielleicht auch eine der letzten Möglichkeiten, die Amerikaner hierzulande vor der von Corey Taylor angekündigten Schaffenspause noch einmal auf der Bühne zu erleben. Eine solche Gelegenheit kann man sich natürlich nicht entgehen lassen und so sind auch wir heute Abend in die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen gepilgert, um uns von den Bühnen-Qualitäten der Maskenmänner zu überzeugen.

Doch bevor der Hauptact des Abends die Bühne entert, dürfen erst einmal die Crossover-Urgesteine SUICIDAL TENDENCIES ran. Corey Taylor betont ja in Interviews gerne, was für ein großer Einfluss die Südkalifornier für ihn persönlich sind, und auch heute Abend wird der Frontmann des Headliners später in seinen Ansagen betonen, dass das Quintett auf expliziten Wunsch der Jungs von SLIPKNOT hin den Opener gibt. Dieses Vertrauen zahlt die Truppe um Mike Muir dann auch prompt mit einem extrem energiegeladenen Auftritt zurück, bei dem es neben Klassikern wie 'Possessed To Skate' und 'Ain't Gonna Take It' mit 'Who's Afraid' auch einen Track des aktuellen Langspielers "13" zu hören gibt. Insbsondere Frontmann Muir präsentiert sich dabei heute in guter stimmlicher Verfassung, was ja in den letzten Jahren nicht immer eine Selbstverständlichkeit war. Mit dem starken 'Pledge Your Alegiance' beschließt das Quintett dann nach gut 45 Minuten eine solide Show, die vor allem den Besuchern in den ersten Reihen ordentlich eingeheizt hat.

Setlist SUICIDAL TENDENCIES: You Can't Bring Me Down, Ain't Gonna Tale It, Possessed To Skate, Subliminal, Who's Afraid?, Cyco Vision, How Will I Laugh Tomorrow, Pledge Your Allegiance

Anschließend wird die Bühne mit einem roten Vorhang verhüllt, der zwei der berühmten "S"-Logos trägt, und das Warten auf SLIPKNOT beginnt. Ein Blick in das Rund des ISS Domes zeigt dabei, dass es heute ganz knapp nicht für das Prädikat "ausverkauft" gereicht hat, denn in den Oberrängen sind doch einige Sitze frei geblieben. Trotzdem ist es eine im Nu-Metal beispiellose Entwicklung, welche die Band in den letzten Jahren durchgemacht hat. Bei meinem letzten Besuch einer SLIPKNOT-Show vor acht Jahren spielte die Band nur wenige Kilometer entfernt in der deutlich kleineren Mitsubishi Electric Halle, inzwischen füllen sie Arenen mit einer Kapazität von knapp 12.000 Besuchern. Dass dieser Erfolg mehr als verdient ist, beweisen die neun Musiker aus Des Moines eindrucksvoll mit dem Opener 'The Negative One' vom aktuellen Silberling ".5: The Gray Chapter". Bereits ab den ersten Tönen gibt es bei den Besuchern im Innenraum kein Halten mehr, es fliegen Becher und die ersten Mosphits bilden sich. Die Action im Zuschauerraum beschränkt sich dabei nicht wie sonst üblich nur auf die ersten Reihen, hier wird bis in die hinterste Ecke der Arena gemoscht. Eine solche Energie innerhalb des Publikums erlebt man so nirgendwo sonst.

Angestachelt wird das Ganze von der unheimlich intensiven Bühnenshow der Maskenmänner, die sofort mit 'Disasterpiece' und 'Eyeless' zwei Klassiker nachschieben. Hydraulische Podeste für die Percussions und DJ-Pulte, Laufstege im hinteren Bereich der Bühne und der gigantische HD-Screen hinter dem Drumkit, der die Musik mit passenden Videos hinterlegt, bilden dabei die perfekte Kulisse für die Songs der Truppe aus Iowa. Technisch sind die neun Musiker dabei dieser Tage auf dem Zenit ihrer Leistungsfähigkeit. Wo früher noch das verrückte Chaos auf der Bühne die Performance der Songs beeinträchtigt hat, regiert heute ein Gleichgewicht zwischen energetischer Bühnenshow und perfekter technischer Darbietung des Materials, was auch Klassiker wie 'Everything Ends' oder 'I Am Hated' in ganz neuem Licht erstrahlen lässt. Die beiden neuen Mitglieder Alessandro Venturella am Bass und Jay Weinberg hinter den Drums fügen sich dabei überraschend gut in das Gesamtbild ein, wobei gerade Weinberg spielend die großen Fußstapfen seines Vorgängers Joey Jordison füllt. Ich würde sogar fast behaupten, dass die Band mit ihrem neuen Schlagzeuger noch ein wenig tighter wirkt als früher.

Überraschend ist auch die Setlist des heutigen Abends, die gegenüber den deutschen Tourdaten im letzten Jahr komplett überarbeitet wurde. Der aktuelle Longplayer ".5: The Gray Chapter" kommt neben dem bereits erwähnten 'The Negative One' nur mit 'The Devil In I', 'Skeptic' und dem melodischen 'Killpop' zum Zuge, das macht insgesamt gerade einmal drei Songs. Der Großteil des Sets wird stattdessen mit Material vom Debüt "Slipknot" und überraschend vielen Songs aus dem Zweitwerk "Iowa" bestritten, wobei auch hier die üblichen Verdächtigen wie 'My Plague' oder 'People = Shit' nicht gespielt werden. Viel mehr konzentrieren sich die Amerikaner auf die seltener gespielten Songs ihres Zweitlings, um so den 15. Geburtstag des Longplayers zu würdigen, der im August diesen Jahres ansteht. Die Fans freuen sich jedenfalls über die raren Perlen aus der Frühphase der Band und begehen auch nach gut einer Stunde noch jeden Track mit einem zünftigen Mosh- oder Circle-Pit. Selbst die Musiker scheinen vom Enthusiasmus der Zuhörer überrascht zu sein und so nutzt Corey Taylor eine seiner Ansagen dazu, sich bei den deutschen Fans für ihre nun schon 17 Jahre andauernde Treue zu bedanken. Ein übermotivierter Fan nutzt die Ansage sogar dazu, dem Frontmann kurzerhand eine bunte Clownsjacke auf die Bühne zu werfen, was ihm einen verdutzten Blick von Corey einbringt. Der Sänger beäugt das Kleidungsstück erst einmal ungläubig und quittiert die ganze Sache anschließend mit einem lapidaren "Ich weiß, dass hier gerade Karneval ist, aber sowas werde ich ganz sicher nicht anziehen!".

Nach gut 70 Minuten erleben die Anwesenden dann mit 'Metabolic' noch eine Premiere, denn dieser Song wurde vor der aktuellen Tour noch nie in Deutschland gespielt, bevor das reguläre Set mit dem grandiosen '(sic)' endet. Aber natürlich haben sich die Jungs noch ein paar Klassiker für den Zugaben-Block aufgespart und so mobilisieren 'Surfacing' und 'Left Behind' noch einmal die letzten Kraftreserven im Publikum. Den größten Gänsehautmoment liefert aber das abschließende 'Spit It Out', bei dem sich die gesamte Halle auf die Knie begibt, nur um sich anschließend auf Coreys Zeichen hin in einen gigantischen Moshpit zu verwandeln. Auch wenn diese Einlage bereits seit den Anfangstagen der Band praktiziert wird, ist sie doch immer wieder ein einzigartiges Spektakel.

Setlist SLIPKNOT: The Negative One, Disasterpiece, Eyeless, Skeptic, I Am Hated, Killpop, Dead Memories, Everything Ends, Psychosocial, Wait And Bleed, Duality, The Devil In I, Metabolic, (sic), Surfacing, Left Behind, Spit It Out

So kann man sich am Ende nur vor der grandiosen Leistung der Maskenmänner verneigen. Die Band befindet sich aktuell trotz der schwierigen Jahre nach dem Tod von Paul Gray auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und hat sich vollkommen zurecht einen Platz zwischen den ganz großen Namen des Metal-Business erspielt. Die Energie innerhalb der Menge bei den Konzerten der Amerikaner kann man nur ganz schwer beschreiben, das muss man einfach erlebt haben! Vielleicht ja schon nächstes Jahr an Weiberfastnacht? Ich würde jedenfalls dafür plädieren, die Amerikaner jedes Jahr als Alternative zum Karneval ins Rheinland zu lotsen. Besser kann man dem sinnlosen Geschunkel nämlich nicht aus dem Weg gehen.

Mehr Bilder von [Jule Dahs] gibt es in der Galerie.

Redakteur:
Tobias Dahs

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